Tagesstrukturierende Maßnahmen

So heißen üblicherweise Angebote für Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen. Es geht darum, ihnen das Gefühl zu geben, etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzustellen und nicht in Lethargie und Langeweile zu versacken. Dafür gibt es in entsprechenden Wohneinrichtungen zu festen Tageszeiten Aktivitäten wie gemeinsames Werken, Basteln oder Singen. Ich habe solche Angebote immer für reine Beschäftigungstherapie gehalten und gedacht, dass solche Grupenbespaßung vor allem dazu dient, die Menschen zu bündeln und dadurch leichter betreuen zu können. Tagesstruktur hielt ich, wie Struktur im Allgemeinen, für überbewertet und war der Meinung, ohne sei zumindest ich viel freier und kreativer in meiner Entfaltung. Dass kognitiv oder psychisch beeinträchtigte Menschen von tagesstrukturierenden Maßnahmen profitieren, stand für mich nicht in Frage. Ich führte das aber eher darauf zurück, dass sie auf diese Art das Gefühl bekommen, Menschen in Lohn und Brot ähnlicher und somit auch produktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein – eine Art Teilhabetheater.

Seit Anfang 2019 habe ich nun einen Job, der mich an vier Tagen pro Woche für jeweils fünf Stunden mit festem Anfang und Ende an einen bestimmten Ort und bestimmte Tätigkeiten bindet. Ich muss gestehen, dass das nach einem Hiwi-Job während meines Studiums, einem Minijob nach dem Studium und meiner freiberuflichen Tätigkeit der erste sozialversicherungspflichtige Job meines Lebens ist. Dementsprechend hatte ich noch nie einen so durchgetakteten Alltag wie jetzt. Ich stehe für meine Verhältnisse früh auf, scheuche die Hunde in den Garten, mache Klarschiff in der Küche, koche Kaffee und Tee, füttere die Hunde, frühstücke im Herumlaufen, schmiere mir Brote zum mitnehmen. Zwischendurch lese ich e-Mails, arbeite Punkte meiner ehrenamtlichen to-do-Liste ab oder überfliege schnell online ein paar Zeitungsartikel. Dann – meistens schon unter Zeitdruck – packe ich meinen Rucksack, staffiere mich mit Jacke, Schuhen, ggf. Schal, Hut und Spikes und Arzu mit Halsband, Leine und ihrem Führgeschirr aus und laufe entweder eine halbe Stunde oder nehme den nicht immer zuverlässigen Bus der Linie 4 zum Welthaus.

Dort mache ich dann von 10 bis 15 Uhr Welthausdinge, rede mit Welthausmenschen und verschmelze absolut mit der Welthauswelt. Nachmittags packe ich meine Sachen wieder zusammen und mache mich in irgendeiner Art auf den Heimweg. Zu Hause angekommen räume ich meistens als Erstes wieder die Küche auf, was sich daraus ergibt, dass ich mir dann neuen Tee kochen und meine Butterbrotdose spülen will und die Dinge, die mein Partner in der Zwischenzeit benutzt hat, einfach schnell mitspüle. Dann esse ich etwas, erledige weitere Dinge im Haushalt, gehe ehrenamtlichen oder freiberuflichen Verpflichtungen am Laptop nach, kümmere mich um Organisatorisches rund um Haus, Haushalt, Nachbarschaft, Familie und Freund*innen, bereite mich auf Abendtermine wie Sitzungen und Arbeitstreffen vor und hetze dann oftmals zu eben diesen. Wenn ich dann – mit oder ohne Termin zwischendrin – irgendwann abends Hundefutter vorbereite und verfüttere und anschließend endlich zum Chillen komme, ist es irgendwas zwischen 18 und 22 Uhr.

So viel Struktur hatten meine Tage bisher nie. Und so viel Stress hatte ich bisher auch nie. Wenn mir vor einem halben Jahr jemand einen für mich heute repräsentativen Tages- oder Wochenplan vorgelegt hätte, hätte ich dieser Person einen Vogel gezeigt und mit fester Überzeugung darauf bestanden, dass ich ein solches Pensum niemals für mehr als drei Tage durchhalten würde. Und dennoch halte ich es schon seit einem Monat durch und fühle mich dabei fitter und motivierter denn je. Das erstaunt mich selbst zutiefst, wenn ich bedenke, wie desolat ich mich noch im letzten Sommer und Herbst gefühlt habe.

Aber vermutlich ist genau das der Effekt Tagesstrukturierender Maßnahmen. Ich bin viel zufriedener und leistungsfähiger, wenn ich unter einem gewissen Druck stehe: Mein Vater sagte schon vor langer Zeit einmal zu mir, ich sei ein „pneumatischer Mensch“. Stress kurbelt meine Motivation an und lässt mich einfach funktionieren. So entsteht in mir das gute Gefühl, für mich selbst und Andere etwas zu schaffen und zu bewirken. Ich schwimme dann auf einer Welle positiver Erwartungen und ihrer Bestätigung. Vor lauter Erfolgserlebnissen komme ich gar nicht dazu, zwischendurch über möglicherweise negative Dinge nachzudenken. Wenn ein negativer Gedanke vorbeikommt, halte ich mich nicht lange daran auf sondern widme mich viel lieber den Dingen, die schon Schlange stehen und erledigt werden wollen – so hält mich all die Hektik nicht nur in Atem sondern auch vom Grübeln ab. Ohne die enge Taktung und die vielen Aufgaben hätte ich, wenn es gut läuft, zwar mehr Zeit für kreative Prozesse und Selbstreflexion, aber wenn es schlecht läuft, habe ich Langeweile, Leerlauf und zu viel Zeit zum Abkacken.

Menschen wie ich brauchen anscheinend einen strukturierten Rahmen für ihr Leben. Das muss nicht Lohnarbeit sein, aber da wir im Kapitalismus leben und Lohnarbeit dieses System am Laufen hält, ist sie momentan der Taktgeber und die strukturierende Maßnahme der Mehrheit. Die Struktur könnte aber genauso gut durch Tätigkeiten vorgegeben werden, denen Menschen aus Spaß nachgehen oder die für das Zusammenleben eine wichtige Rolle spielen. Das würde die Motivation der Menschen noch weiter steigern, denn sie würden nicht wegen des Geldes arbeiten sondern aus dem Gefühl heraus, etwas wirklich Nützliches und Hilfreiches oder einfach nur Schönes zu tun.

Geld und Tagesstruktur hängen nicht miteinander zusammen und ich kann mir deutlich bessere tagesstrukturierende Maßnahmen vorstellen als die heute üblichen. Zumindest habe ich selbst das Glück, meine Arbeit tatsächlich bei Weitem nicht nur wegen des Geldes sondern vor allem wegen ihrer Sinnhaftigkeit zu machen und wertzuschätzen. Nach einem Monat Festanstellung kann ich nur feststellen: Tagesstruktur hilft enorm dabei, mehr zu schaffen, sich besser zu fühlen und sich vor allem auch mehr zuzutrauen. Wenn mensch erst einmal merkt, wozu mensch eigentlich in der Lage ist, hebt das nicht nur die Stimmung sondern auch das Selbstwertgefühl.

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5 Gedanken zu “Tagesstrukturierende Maßnahmen

  1. Sunnybee sagt:

    Liebe Lea, das klingt wirklich gut – und ich kann aus eigener Erfahrung nachvollziehen, was du beschreibst! Ich wandle mich, je nach Grad der äußeren Struktur und Erfordernisse, auch häufiger mal vom „Außenmenschen“ zum „Innenmenschen“. Beide haben ihre Qualitäten: Tatkraft, Entscheidungsfreude und Extrovertiertheit einerseits und kreative Verträumtheit und ein Ohr für die zarten Zwischentöne andererseits. Beides wertvoll und wichtig. Herzlichen Gruß und weiter viel Freude bei deiner Arbeit im Welthaus! Lg, Sarah

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