Zukunft…

…ist eine Schimäre. Egal, wie ich sie zu denken versuche, es funktioniert nicht. Nach der ersten Etappe meines MS-Schubes dachte ich, ich habe alles im Griff und es geht bergauf. Jetzt, wo der zweite, doppelt so lange Krankenhausaufenthalt überstanden ist, erscheinen mir meine Sorgen von vor tzwei Wochen wie Luxusprobleme. Vielleicht wird sich das alles ein Stück weit relativieren, wenn das Cortison meinen Körper nicht mehr dominiert. Die 6kg Wasser, die ich zur Zeit überflüssigerweise mit mir herumtrage, machen jede Bewegung anstrengend, dämpfen jeden Gedanken und jede Empfindung. Ja, ich kann einigermaßen meine Schließmuskeln kontrollieren, aber die Betonung liegt auf „einigermaßen“ und ich weiß, dass ich meinen trägen und durch Hämorrhoiden vorbelasteten Darm nur mit regelmäßiger, vernünftiger Ernährung, genug Bewegung und morgendlichem Kaffee im Griff behalten können werde. An die sexuellen Funktionen und das Lustempfinden habe ich noch gar keinen Gedanken verschwendet – das ist zur Zeit unglaublich weit weg.

Alles scheint zu zerfallen und in Frage zu stehen. Planbar fühlt sich gar nichts mehr an. Das beginnt im Kleinen bei meiner Wohnsituation, die bis zum Auszug meines Ex-Partners ein ständiges Provisorium bleiben wird. Daran kann ich nur mit der Unterstützung vieler Menschen etwas ändern, denen ich permanent hinterherlaufen muss, was ich aber gerade schlicht nicht schaffe. Ist er dann irgendwann umgezogen und habe ich mein Haus auf einen akzeptablen Stand gebracht, um mich hier wieder wohlzufühlen und ein Zimmer unterzuvermieten, muss ich für mich noch immer entscheiden, ob ich mir das alles überhaupt zutraue. Ertrage ich eine andere Person hier oder werde ich zur totalen Eigenbrötlerin? Fühle ich mich andererseits alleine sicher und unterstützt genug und kann ich mit dem dauernden Organisations- und Koordinationsaufwand umgehen, den ich dann betreiben muss, um zurechtzukommen? Weniger Arbeit wird es jedenfalls nicht, weniger Köpfe anderer Menschen werde ich mir auch nicht zerbrechen, weil ich nuneinmal schauen muss, woher mein Support kommt. Auf eine neue Partnerschaft mache ich mir keine Hoffnungen mehr. Erstens wüsste ich nicht, wie und wo ich jemanden finden sollte und ob ich das überhaupt will und zweitens wird sich die Frage nicht stellen, weil sich niemand das Wrack antun wird, das ich mehr und mehr bin.

Weiter geht es mit den Überlegungen zu meiner Medikamentenumstellung. Vielleicht wird es mit der neuen Therapie wieder eine lange, ruhige Krankheitsphase geben oder etwaige neue Symptome bleiben mild. Das wäre schön, dann könnte ich zumindest wieder etwas aktiver werden. Aber trotz allem werde ich dann ein permanent heruntergefahrenes und leicht angreifbares Immunsystem haben. Während einer auf unbestimmte Zeit weiterbestehenden Pandemie ist das nicht, was mensch sich wünscht. Menschenansammlungen werde ich noch mehr meiden als eh schon, meine Angst vor Ansteckung mit egal was, die ich seit Jahren gut im Griff habe, wird mich mit großer Wahrscheinlichkeit wieder ein ganzes Stück weiter in die Isolation treiben, als es der Plan war. Was kann ich dann noch für die bessere Welt tun, die ich doch so gerne mit erstreiten möchte? Bin ich wirklich zu einem Dasein am Schreibtisch verdammt, ohne Kontakte nach Außen und ohne echte Anbindung an die Bewegung, deren Teil ich doch so gerne war?

Auch im Welthaus und unterwegs begegne ich Menschen, Viren, Gefahren. Was wird aus meiner Arbeit dort und meinem auch in der Vergangenheit schon nur leidlich funktionierenden Alltag? Schaffe ich das weiterhin? Und schafft das Welthaus es? Ich muss Spenden einwerben, damit der Verein sich meine Arbeit überhaupt leisten kann. Je länger ich ausfalle und je weniger ich leiste, desto enger wird es. Irgendwann sägt die Gesamtsituation meine Stelle ab, dann ist nicht nur mein Einkommen sondern auch ein weiterer Teil meiner Sinngebung futsch.

Ich muss und will, nicht nur im Arbeitskontext, eigenständig und mobil sein. Kann ich noch damit planen, wenn Arzu irgendwann mal nicht mehr ist, für viele, weitere Jahre einen neuen Hund bei mir aufzunehmen, der für teures Geld ausgebildet werden muss? Was ist, wenn ich irgendwann motorisch so stark eingeschränkt bin, dass an selbstständiges Laufen mit Hund gar nicht mehr zu denken ist? Dann kann ich den Hund nichteinmal mehr angemessen versorgen, geschweige denn als Hilfsmittel nutzen. Dann zahlt mir dafür auch keine Krankenkasse der Welt mehr einen müden Cent, weil der Medizinische Dienst ihnen davon mit gutem Grund abraten wird. Und natürlich will auch ich, dass es meinem Hund gut geht, also würde ich eine solche Situation gar nicht provozieren wollen.

Aber wie soll ich ohne Hund leben? Seit Arzu bei mir ist, kann ich mir ein Leben ohne ein plüschiges Wesen an meiner Seite nicht mehr vorstellen. Sie ist ja nur zu einem kleinen Teil ein Mobilitätshilfsmittel. Viel mehr als das ist sie meine psychische Stütze und meine liebevollste, engste Bezugsperson, wenn mensch es so ausdrücken kann. Sie ist jetzt 8 Jahre alt und noch absolut fit, aber in den nächsten Jahren wird auch sie weniger leistungsfähig und mehr auf meine Unterstützung und Entlastung angewiesen sein. Kann ich das dann leisten, bin ich selber in der Lage, mit meinen eigenen schwindenden Möglichkeiten das aufzufangen, was sie nicht mehr schafft?

Und woher um alles in der Welt soll ich all die Kraft nehmen, um immer wieder Dinge aufzufangen, die Andere nicht schaffen oder raffen, die ich selber planen und organisieren muss, damit ich mein Leben in meinen eigenen Händen behalten kann und mich nicht in die totale Fremdbestimmung verabschieden muss? Wieso muss die Welt gefühlt aus Menschen bestehen, die entweder alles besser wissen und mir vorschreiben wollen, wie ich zu denken und zu handeln habe, konterkarriert durch Diejenigen, denen es an jeglicher Empathie zu fehlen scheint und die nichtmal nach dem hundertsten Hinweis bemerken, wie beschissen es mir geht und wie dringend ich Rücksichtnahme und Entgegenkommen bräuchte? Ich will keine Insel sein und fühle mich dennoch mehr denn je wie ein einsames Eiland mitten im rauhen, unberechenbaren Ozean. Wenn ich mich nicht selber um alles kümmere, weil ich keine Kraft mehr habe, passiert nichts. Und dann bin ich Schuld, dass nichts passiert, und bekomme das von allen Seiten in epischer Breite zurückgemeldet.
Ich will nicht immer Schuld sein sondern mich einfach mal zurücklehnen und Verantwortung abgeben können. Aber nicht unter dem Diktat von irgendwem, die oder der zu wissen glaubt, was ich brauche, sondern selbstbestimmt, nach meinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Ich will nicht ständig die Kontrolle behalten müssen und auf Andere kontrollierend einwirken, aber solange ich das Gefühl habe, dass mir selbst jegliche Kontrolle entgleitet und niemand sonst sie für mich übernimmt, ist das mein einziges Mittel gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins.

PS: Bitte messt meiner Heulerei hier nicht zu viel Bedeutung bei. Ich bin gerade auf der absoluten Talsole und muss diese Gedanken einfach loswerden. Obwohl ich ja eigentlich nichts Dergleichen mehr behaupten wollte, glaube ich dennoch, dass es ab hier bergaufgehen wird – wie sehr und wie weit, wird sich zeigen. Für den Moment bin ich mit wenig zufrieden.

19 Gedanken zu “Zukunft…

  1. puzzleblume sagt:

    So, nun ist es heraus, all die emotionale Unsicherheit, die sich in deiner Situation zusammenbraut und über dich ergiesst. Es ist sicher mehr als nur mühsam, all diese Gefühle und Ängste formulierbar zu fassen zu bekommen, und harte Arbeit, das aus sich herauszubringen und mitzuteilen. Hut ab.

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Oh ja, aber es musste wirklich raus und es tut mir zwar leid, dass ich damit jetzt wieder die halbe Welt verunsichere, aber irgendwie muss ich dieses ganze Chaos in mir ordnen und es aus mir heraus bekommen, um wieder ins positive Denken und in ein produktiveres Fahrwasser einschwenken zu können. Tatsächlich merke ich, das ich das jetzt kann, nachdem ich all diesen Mist in Worte gefasst habe. Es ist wieder Raum für andere Gedanken da, die vielleicht doch die Schimäre Zukunft bezwingen und einhegen können.

      Gefällt 3 Personen

  2. Melina/Pollys sagt:

    Ja, ich höre und fühle, dass Du gerade in einer Talsohle bist – wenn ich den Text lese. Aber bitte fasse neuen Mut – ich bin sicher es kommen wieder bessere Zeiten – Du wirst Dich wieder kräftiger fühlen und so- was ich von Dir gelesen habe, kommen Deine Zuversicht und Aktionswille wieder zurück. Glaube daran, denn ohne diesen Glauben wird es nicht besser werden. Ich wünsch Dir viel, viel Kraft und positive Ausblicke, Begegnungen und ganz viel Mut für den weiteren Weg.
    Liebe Grüße Melina

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke Dir! Ja, es kommt zurück, auch wenn es diesmal schwerer ist als bisher. Meine Zuversicht komplett zu ruinieren, istn noch Nichts und Niemandem gelungen, es sind immer nur Phasen, in denen alles aussichtslos wirkt. Es hat sehr geholfen, die ganzen Zukunftsängste und negativen Gedanken aufzuschreiben. Deshalb musste dieser Text sein. Und auch, wenn es nicht darum ging, damit Mitleid oder Aufmerksamkeit zu generieren, tut es mir doch sehr gut, dass Ihr Alle so lieb und wertschätzend anteilnehmt.

      Gefällt 1 Person

  3. fundevogelnest sagt:

    Auch Schmerz und Verzweiflung brauchen ihren Raum.
    Haben ihr Recht auf einen Text.
    Es gibt bestimmt auch in dieser sich verschlechternden Situation Lösungen, nur muss man sie erst mal finden können
    Ich wünsche dir sehr, dass du bald auf diesen Text schauen kannst und sagen, DAS war der Tiefpunkt.
    Ganz liebe Grüße
    Natalie

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Natalie,
      ich glaube sogar, das kann ich jetzt schon sagen. Nachdem die Gedanken ihren Platz hier bekommen haben, konnten sie sich in Ruhe und Frieden zurückziehen – sicher noch nicht ganz, aber der Weg ist angetreten. Gerade arbeite ich an einem Text über Dankbarkeit und eine viel positivere Seite des ganzen Ereignisses.
      liebe Grüße und vielen Dank
      Lea

      Gefällt 1 Person

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