Der Horror geht wieder los

Nein, ich meine nicht Corona, damit ging es ja schon vor einer guten Weile los. Der Horror, der gerade wieder losgeht, sprang mir beim Zeitunglesen gleich mehrfach entgegen. Heute wird es bis zu 24°C warm und nicht nur in Tschernobyl sondern auch an der Niederländischen Grenze, im Kreis Viersen und bei Gummersbach brennt der Wald. Alles ist so trocken, dass die Waldbrandgefahr fast überall schon Ende April auf der höchsten Stufe angekommen ist. Die Böden sind nach zwei Dürresommern und viel zu wenig Niederschlag auch in den übrigen Jahreszeiten viel zu trocken, um die Pflanzen mit ausreichend Flüssigkeit zu versorgen. Wind, Sonneneinstrahlung und zunehmende Wärme trocknen die oberen Bodenschichten zusätzlich aus.

Das ist für die Natur allerorten schlimm genug, aber wenn ich an die kläglichen Überreste des Hambacher Waldes denke, die durch RWEs unseeliges Abpumpen des Grundwassers zwecks Trockenlegung des Tagebaus noch zusätzlich ausgetrocknet werden, wird mir ganz anders. Es scheint die feste Absicht des Stromkonzerns zu sein, den Restwald so auszuhungern, dass er letztlich von alleine stirbt und niemand sich mehr gegen seine Rodung wehren kann. Die forstwirtschaftlich angepflanzten Fichten an vielen Stellen im wald sind bereits jetzt knochentrocken und vom Borkenkäfer „durchseucht“. Wenn im Hambi ein Feuer ausbricht, war es das mit den letzten Resten der schützenswerten Natur.

Und auch mein ganz persönlicher Horror zeichnet sich wieder ab. Noch ist es schön, ohne zu frieren bis zum Sonnenuntergang auf der Terrasse sitzen und Telefonkonferenzen mit Vogelgezwitscher bereichern zu können. Aber tagsüber auf unseren Hunderunden macht mir die Wärme schon wieder zu schaffen – zumal mit Tuch ums Gesicht, auch wenn ich die ab dem kommenden Montag geltende Maskenpflicht für sinnvoll halte. Dabei wurden die 25°C, die ich mal als meine persönliche Wohlfühlgrenze definiert habe, bisher nichteinmal überschritten. Wird es erst wieder wärmer als 25°C, werde ich Fatigue und massive Einschränkungen meiner Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit begrüßen dürfen, über die ich hier in den letzten Jahren mehrfach schrieb. Früher mochte ich Hitze einfach bloß nicht, seit meiner MS-Diagnose vor 14 Jahren legt sie mich regelrecht lahm.

Am Liebsten würde ich den ganzen Sommer über im Homeoffice bleiben. Zu Hause kann ich mich am besten vor der Hitze verstecken und es ist schnurz, was für Kleidung ich zu diesem Zweck trage. Auch, nicht zum Welthaus laufen oder mit dem Bus fahren zu müssen, ist bei Hitze eine große Erleichterung für mich. Gewissermaßen bin ich Krisengewinnlerin. An die Arbeit von zu Hause aus bin ich durch meine mehrjährige Freiberuflichkeit und die vielen ehrenamtlichen Dinge, die ich schon immer aus dem heimischen Arbeitszimmer erledigt habe, bestens gewöhnt. Mir meine Zeit selber einzuteilen und viel Zeit allein zu verbringen, kenne und genieße ich – das ist meine Art von Freiheit.

Aber was, wenn der allgemein grassierende Lockerungswahn nun weiter um sich greift und direkt nach Einführung der Maskenpflicht wieder alle Menschen ins Leben hinausgescheucht werden? Für Schüler*innen der Abschlussklassen ist das bereits Realität. Wann kommt es für die arbeitende Bevölkerung? Ich könnte mich hinter meiner chronischen Krankheit verschanzen und weiterhin auf Homeoffice bestehen, aber einen gewissen Gruppendruck und eine Erwartungshaltung anderer Menschen könnte ich nicht verleugnen. Und wenn Alle wieder zur Tagesordnung übergingen, würde ich es irgendwie auch wollen – nicht nur, um mitzuhalten, mich zu beweisen und nicht als Drückebergerin dazustehen, sondern auch, um nicht zu viel zu verpassen.

Wenn sich sogar ein Christian Drosten, Chefvirologe der Charité und eine der besonnensten Stimmen im momentanen Meinungsgewirr, Sorgen über eine zu schnelle Rückkehr zur Normalität macht, finde ich das alarmierend. Eine zweite Infektionswelle, die letztlich doch unser Gesundheitssystem zum Einknicken bringen könnte, brauchen wir wirklich nicht. Vor allem, nachdem wir im ersten Anlauf doch eine so gute figur machen und die Neuinfektionen tatsächlich eingedämmt zu haben scheinen. All die Vernunft, die bisher die meisten politischen Entscheidungen und das Verhalten der Mehrheit geprägt hat, dürfen wir nicht leichtfertig über den Haufen werfen.

Einschränkungen müssen so lange gelten, bis die Gefahr tatsächlich gebannt oder zumindest beherrschbar ist. Und in einer solidarischen Gesellschaft müssen es für Alle die gleichen Einschränkungen sein. Wie sollte es auch funktionieren, Risikogruppen zu isolieren und für sie strengere Regelungen zu verhängen als für die vermeintlich weniger Gefährdeten? Kontakte zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Risiko sind kaum vermeidbar, leben sie doch in Familien, Partnerschaften und WGs zusammen, unterstützen einander durch Hilfsdienste und begegnen einander beim schwer zu verbietenden Arztbesuch oder Lebensmitteleinkauf. Einzelne Gruppen wegzusperren, damit die „Normalen“ möglichst schnell wieder ihre Normalität leben können, ist unsolidarisch und gemahnt mich mit sehr bitterem Beigeschmack an noch gar nicht so lange vergangene Zeiten, in denen beispielsweise Menschen mit Behinderung unter sich zu bleiben hatten und vollkommen aus der Wahrnehmung der Nichtbehinderten entfernt wurden. Zu einem solchen Zustand will ich um keinen Preis zurück – nicht nur, weil ich eine der Weggesperrten wäre.

Mein Horror ist aber nicht, nicht raus zu dürfen. Mein Horror ist, raus zu müssen – vor allem, wenn es draußen warm ist. Jetzt beginnt meine verhassteste Jahreszeit. Und ausgerechnet jetzt geht auch die Coronakrise in eine Phase, die mir wirklich Angst macht. Bitte bleibt vernünftig und lasst euch nicht weismachen, wir hätten diese Krise schon bewältigt! Das haben wir erst, wenn es einen Impfstoff gibt, und damit rechnen Expert*innen nicht vor Anfang 2021.

2 Gedanken zu “Der Horror geht wieder los

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