Mein schönstes immaterielles Geschenk – blindes Vertrauen

Lange habe ich überlegt, ob mir zu dieser schönen Blogparadenidee von Sunnybee überhaupt etwas einfällt. Ich bin kein Geschenkemensch, weder im materiellen noch im ideellen Bereich. Materielle Sachen schenkt mein gesamtes Umfeld sich zu Weihnachten schon seit gefühlten Jahrzehnten nicht mehr, zu Geburtstagen gibt es auch nur Kleinigkeiten und anlassunabhängig nur höchst selten etwas. Immaterielle Dinge, die über ein Lob, ein liebes Kompliment oder eine lange Umarmung hinausgehen, fielen mir aber auch keine ein – bis letzten Dienstagabend.

Das Geschenk, das mir an diesem Abend durch den Kopf ging, habe ich eigentlich im Laufe des gesamten letzten halben Jahres bekommen und ich hoffe, es hört nicht zu bald wieder auf. Im Beitrag „Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus“ schrieb ich ja bereits von meiner neuen Arbeit, die ich am 2. Januar beginnen werde. Jetzt ist dann also der richtige Zeitpunkt gekommen, etwas mehr zu erzählen.

Wer sich in Aachen ein bisschen auskennt, kennt auch das Aachener Welthaus. Das Welthaus ist ein selbstverwaltetes, von einem Verein betriebenes Haus, in dem seit 1995 internationale, ökologische, soziale, an Frieden, Nachhaltigkeit und Nachbarschaftlichkeit arbeitende Initiativen unter einem Dach Räume nutzen, Veranstaltungen durchführen, an ihren Themen werkeln und sich vernetzen. Das Haus ist eine ehemalige Schule für gehörlose Menschen und verströmt den muffigen Charme eines pflegebedürftigen Nachkriegsbaus. In seinem wunderschönen Garten direkt neben dem Bahnhaltepunkt Schanz findet jeden Sommer das Weltfest statt, eine Veranstaltung irgendwo zwischen politischer Konferenz, Kulturhappening und Gartenparty.

Ich gehe seit Jahren im Welthaus ein und aus – es ist so zu sagen schon lange Teil meiner Welt. Meine Verknüpfungen mit diesem Ort sind vielfältig, denn ich kenne und schätze viele der dort ansässigen Gruppen und bin auch selbst als Teil unterschiedlicher Gruppen eine regelmäßige Nutzerin der Räume und des Gartens. Früher wohnte ich nur einen sprichwörtlichen Steinwurf vom Welthaus entfernt, jetzt sind es ca. 20 Minuten Fußweg.

Auf dem letzten Weltfest eröffnete mir die Geschäftsführerin des Hauses, eine langjährige aber nicht unbedingt enge Bekannte von mir, dass sie eine Nachfolgerin sucht. Da sie den Job bisher ehrenamtlich machte und nur bei einem der Mitgliedsvereine angestellt war, musste aber erstmal eine neue Stelle geschaffen und finanziert werden. Sie plante, gemeinsam mit der Arbeitsagentur nach einem der dortigen Teilhabeprogramme eine inklusive Stelle für einen Menschen mit Behinderung aus der Taufe zu heben. Erste Gespräche mit einem Vertreter der Arbeitsagentur hatten schon stattgefunden und die Bereitschaft zur Schaffung einer solchen Stelle war da, konkret war aber ansonsten noch nichts.

Ich fand die Idee großartig, aber obwohl sie mich sogar explizit fragte, ob ich selbst mir vorstellen könnte, ihre Nachfolge anzutreten, bezog ich die ganzen Planungen ersteinmal gar nicht so sehr auf mich. Einige Wochen gingen ins Land. Erst nach weiteren Gesprächen wurde mir klar, dass sie mich nicht nur als beratende Stimme für die Schaffung der Inklusionsstelle gefragt hatte sondern auch wirklich ausdrücklich mich auf dieser Stelle sehen wollte. Selbst, als vor etwaa einem Monat bezüglich Finanzierung alles in weitgehend trockenen Tüchern war und ich tatsächlich einen Vertrag unterschrieb, fühlte sich das alles aber noch immer völlig surreal an.

Erst vergangenen Dienstag, als wir wieder einmal zusammen in ihrem Büro saßen, letzte Absprachen vor dem offiziellen Startschuss trafen und uns über Dies und Das austauschten, fiel bei mir der Groschen. Sie hatte schon oft geäußert, dass ihr Vieles in Bezug auf meine Einschränkungen, Fähigkeiten und Hilfsmittel unklar war und ich hatte versucht, ihr alles zu erklären, was sie wissen wollte. Nun erzählte sie mir von einem Film über einen mehrfachbehinderten Mann und seine Schwierigkeiten rund um Assistenzpersonen, Erwartungen, Kränkungen und Abhängigkeiten. Dieser Film hatte sie offenbar tief beeindruckt und neue Fragen aufgeworfen. Ich nahm ihren Bericht zum Anlass, ihr meine Einstellung und Gedanken zu diesen Themen zu erklären und wir führten ein erstaunlich tiefgreifendes Gespräch. Das nahm ihr offensichtlich die Sorgen, auch wenn ich mir schon vorher relativ sicher war, dass sie eigentlich zu keinem Zeitpunkt schwerwiegende Bedenken gegen unser neues Geschäftsführungskonstrukt, meine Eignung und Verantwortlichkeit gehabt haben konnte.

Was mir in diesem Moment klar wurde: Sie vertraut mir und sie traut mir zu, dass ich mit all meinen Bedürfnissen und Besonderheiten eine gute und gewissenhafte Geschäftsführerin des Welthauses sein werde. Ein solches Vertrauen habe ich von einer mir nicht sehr nahestehenden Person noch nie erfahren und dieses quasi blinde Vertrauen empfinde ich als unglaublich schönes und großes Geschenk. Wie viele potentielle Arbeitgeber*innen haben mich trotz passender Qualifikationen und trotz der winkenden Vergünstigungen, wenn sie eine Person mit einer Behinderung angestellt hätten, nur als Quotenbehinderte betrachtet und bloß zum Vorstellungsgespräch eingeladen, um sich nicht den Vorwürfen ihrer Behinderten- und Gleichstellungsbeauftragten auszusetzen? Wie viele dieser Menschen haben, selbst wenn ich mich für Jobs mit viel weniger Verantwortung bewarb, in mir nur die Behinderte gesehen, die zwar auf dem Papier alle geforderten Dinge kann, sie in der Praxis aber bestimmt nicht hinbekommen wird? Wie viele Menschen haben an meinen Fähigkeiten, Kenntnissen und Möglichkeiten gezweifelt, nur weil ich bei einzelnen Verrichtungen Hilfe brauche? Und wie Viele haben sich von diesen Zweifeln davon abhalten lassen, mir eine Chance zu geben, ihnen vielleicht das Gegenteil zu beweisen?

Die bisherige Geschäftsführerin und der Welthausvorstand geben mir diese Chance und ich habe nichteinmal das Gefühl, ihnen etwas beweisen zu müssen. Bestimmt hatten auch sie Zweifel, ganz sicher war ihnen Vieles unklar und sie konnten sich bei einer Menge von Dingen nicht vorstellen, wie ich diese bewältige. Aber sie haben sich nicht bremsen lassen, mir vertraut und Fragen gestellt. Nur so können Unklarheiten schließlich zu Klarheiten werden und nur so wird Vertrauen aufgebaut.

Ich bin unglaublich dankbar für dieses geschenkte Ver- und Zutrauen. Es ist so schön, nicht angezweifelt zu werden, nicht kritisch und ängstlich beäugt zu werden, nicht unter ständigem Beweisdruck zu stehen sondern einfach mit der positiven und wertschätzenden Erwartung konfrontiert zu sein, dass alles schon irgendwie gut und richtig laufen wird. Endlich bin ich einmal nicht der unkalkulierbare Risikofaktor, der in der Phantasie aller Beteiligten inklusive meiner eigenen alles ruinieren und nichts auf die Reihe bekommen wird. Im Gegenteil, ich darf mich an Erwartungen messen, die für mich schmeichelhaft und bestärkend sind, die mich motivieren und anspornen. Erwartungen erfüllen zu wollen, weil alles Andere als Scheitern und Versagen gilt, kenne ich nur zu gut, aber Erwartungen aus Freude an der Sache und dem Wunsch heraus zu erfüllen, gute und nützliche Dinge zu tun, das ist mal etwas richtig Schönes! Mein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl sind dadurch auf ein vielfaches ihrer früheren Größe angewachsen und ich hoffe, dass die Realität mich nicht allzu schnell von diesem Hochgefühl herunterholen wird.

22 Gedanken zu “Mein schönstes immaterielles Geschenk – blindes Vertrauen

  1. Sunnybee sagt:

    Liebe Lea,
    ganz herzlichen Dank für diesen tollen Beitrag zu meiner Blogparade! Ehrlich, ich bin gerade richtig stolz, dass du meinen Aufruf zum Anlass genommen hast, hier von deiner neuen Stelle und dem Vertrauen der Menschen, die dich in dieser Stelle sehen wollen, zu berichten! Ich gratuliere dir ganz herzlich zu dieser neuen Herausforderung und so wie du schreibst, kann ich mir gut vorstellen, warum dir dieses Angebot gemacht wurde! Das Welthaus an sich, das ich bisher als Nicht-Aachenerin noch gar nicht kannte, hört sich auch sehr interessant an. Vielleicht komme ich ja irgendwann zu einer Veranstaltung vorbei – dann würden sich unsere Leben sogar außerhalb der Blog-Welt kreuzen!…🙂
    Ganz herzliche Grüße, Sarah/Sunnybee

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Vielen Dank, liebe Sarah 🙂 Überregional bekannt ist das Welthaus wohl auch eher nicht, insofern ist es kein beinbruch, es nicht zu kennen. Es gibt aber ähnliche Häuser und Projekte auch in anderen Städten. Wenn Du mal in der Gegend bist, würde mich das natürlich riesig freuen!
      Wie gesagt, ich hatte einen totalen Knoten im Kopf und bin echt froh, dass ich die Kurve gekriegt und die Verbindung zwischen Deiner Blogparade und diesem Thema hergestellt habe, denn es passt total gut und ich danke Dir hier nochmal von Herzen für diese schöne Denkanregung!
      liebe Grüße
      Lea

      Liken

  2. kommunikatz sagt:

    Zwei Tage habe ich nun gearbeitet und sowohl die Menschen, mit denen ich zu tun habe, als auch die Atmosphäre im Welthaus richtig genossen. Am ersten Tag fand ich nichtmal abends zu Hause ein Ende sondern machte weiter fröhlich Welthausdinge, weil ich gedanklich davon gar nicht los kam und das alles so toll war. Heute ist nun Freitag, passenderweise mein freier Tag. Aber was soll ich sagen, ich hätte gute Lust gehabt, zur Arbeit zu gehen 🙂 Zu tun gibt es genug. Aber übertreiben will ich es dann auch nicht gleich am Anfang. Ich freue mich auf Montag!

    Gefällt 1 Person

  3. kommunikatz sagt:

    Ich bin noch immer unglaublich dankbar für dieses Geschenk. Es bewahrheitet sich einfach alles und mein Selbstwertgefühl wächst immer weiter. Dauernd gibt es Probleme, aber genauso dauernd fallen mir oder Anderen Lösungen ein, die funktionieren. Bisher kommt keinerlei Frustration auf 🙂
    Wie langweilig wäre jeder einzelne der diversen Bürojobs, auf die ich mich in der Vergangenheit beworben habe? Ich bin so dankbar dafür, dass ich diese Stellen nicht bekommen habe, denn sonst hätte ich meine jetzige Stelle beim Welthaus nicht.

    Gefällt 1 Person

  4. kommunikatz sagt:

    Das größte Geschenk am Welthaus sind wirklich die Menschen. Allein der Vorstand, dem ich als Geschäftsführerin ja quasi zuarbeite bzw. der mir gegenüber Weisungsbefugt ist, ist so ein cooler Haufen. Die sechs Vorstandsmitglieder haben eine Altersspanne von 26 bis 75. Bei unseren Sitzungen ist also eine total breit gefächerte und auch ansonsten sehr diverse Gruppe versammelt und es macht einen unglaublichen Spaß, mit diesen Menschen zu arbeiten, zu denken, kreativ zu sein und sich manchmal auch einfach über irgendwas Dummes schlappzulachen.
    DANKE!

    Gefällt 1 Person

  5. Melanie sagt:

    Ich habe erst heute diesen Beitrag gelesen. Ich lese seit ein paar Monaten deine Beiträge, natürlich die neuen, durch die älteren bin ich noch nicht ganz durch und schaue immer mal wieder. Dieser Beitrag freut mich besonders und ich hoffe, dass du noch immer viel Freude und ein tolles Gefühl mit deinem Job hast. Als Blinder ist das ja wirklich nochmal etwas besonderes. Der Beitrag motiviert mich gerade sehr, einfach weiter zu machen, obwohl es mir zurzeit nicht so gut geht, vor allem körperlich, aber ich so viele Ideen habe, die ich gerne umsetzen mag, was aber viel Energie benötigt. Zu lesen wie du es auch immer wieder packst macht Mut, vielen Dank dafür. Und weiterhin viel Glück im Job.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.