At the Age of 37…

…ist laut Marianne Faithfuls Song „The Ballad of Lucy Jordan“ der richtige Zeitpunkt, wahnsinnig zu werden. Wie praktisch: ich bin seit gut 2 Monaten 37 und zeitweise fühle ich mich dem Nervenzusammenbruch schon ziemlich nah. Ich habe zwar keine Kinder, keinen Ehemann, kein weißes Schlafzimmer in einer weißen Vorstadt und ich wollte auch noch nie in einem Sportwagen durch Paris cruisen, aber andere Faktoren können mindestens genauso zielführend sein, wenn es darum geht, den Verstand zu verlieren.

Was beim Durchdrehen enorm hilft, ist der Erwerb und die Modernisierung eines Hauses unter Einbeziehung aller möglicher Geldquellen und Gewerke. Förderanträge und verschiedene Arbeiten müssen natürlich in einer ganz bestimmten, nicht immer direkt nachvollziehbaren Reihenfolge stattfinden, damit alles Sinn ergibt. Dabei entstehen unweigerlich Fehlplanungen, Zeitverzögerungen, Missgeschicke, Missverständnisse und Unwägbarkeiten, schließlich macht mensch sowas ja nicht alle Tage und hat dementsprechend wenig Erfahrung. Langsam fügt sich alles zusammen und nimmt Form an, aber manchmal fühlt es sich an wie heilloses Chaos, Stagnation und pure Überforderung.

Ich koordiniere fast alles rund ums Haus mehr oder weniger alleine, während andere Menschen zwar hilfreich sein wollen, in den entscheidenden Momenten aber oft nicht da sind oder mehr durcheinanderbringen als sie geregelt kriegen. Blinde Menschen wie ich sind bei verdammt vielen Verrichtungen und Entscheidungen auf sehende Unterstützung oder Beratung angewiesen, wass dann besonders auf die Nerven geht, wenn alle verfügbaren Assistenzpersonen mit all ihren Befindlichkeiten und Ansichten Teil des Irrsinns und dementsprechend befangen sind.

Ich brauche aber nunmal Hilfe beim momentan zahlreich anfallenden Papierkram, und da reicht mir nicht die Paraphrase eines Briefes, den jemand Anderes überfliegt und für mich zusammenfasst. Ich will den Brief vorgelesen bekommen, um alles zu erfassen, was darin steht. Wie soll ich sonst verantwortungsvoll den Überblick behalten und meine Verpflichtungen erfüllen? Ich muss Angebote vergleichen, Anträge stellen, Rechnungen bezahlen und mich bei Alledem an Fristen und formale Regeln halten. Alles, was ich per Mail bekomme oder barrierefrei online abwickeln kann, kann ich selbstständig erledigen. Aber Vieles kommt halt doch noch ganz altertümlich mit der gelben Post und auch Webseiten und Onlineportale sind nicht immer ohne Barrieren bedienbar. Wenn meine Assistenzpersonen dann rumzicken oder wenn ich ewig warten muss, bis jemand Zeit und Lust hat, mir derart wichtige Dokumente vorzulesen oder beim Ausfüllen von Formularen on- oder offline zu helfen, zehrt das bisweilen massiv an meinen Nerven.

Genauso kompliziert ist es mit Entscheidungen zwischen verschiedenen Handwerksbetrieben, Herstellern, Ausstattungsarten oder Designs von Sanitärgedöns, Fliesen, Bodenbelägen und Dergleichen. Mir fehlt der visuelle Eindruck und viele Dinge lassen sich ohne diesen Faktor schlecht bis gar nicht beurteilen. Unterschiedliche Menschen reden auf ihrem jeweiligen Gebiet aber gerne alles schlecht und ergänzen sich dabei lückenlos. Einer blinden Person werden zudem manche Entscheidungen offenbar gar nicht zugetraut – und blöderweise traue ich mir manche Entscheidungen eben auch selber nicht ohne sehenden Rat zu. Wohlgemerkt: Sehender Rat, nicht sehende Bevormundung.

Jede Person hat ihre Meinung und egal, Wie ich es mache, ist es aus irgendwessen Sicht auf jeden Fall falsch. Jede Entscheidung wird zerredet, in Frage gestellt oder sofort für unsäglich idiotisch erklärt, so dass ich jede Diskussion mindestens fünfmal führen und jeden Entschluss entweder mehrmals umwerfen oder mit Zähnen und Klauen verteidigen darf. Am Ende steht dann der kollektive Vorwurf, dass ich mir zu sehr reinreden lasse, die jeweils anderen Personen nicht unter Kontrolle habe und ihnen nicht die richtigen Grenzen setze – was auch immer das bedeutet. Ich will niemanden unter Kontrolle haben, ich will vernünftig mit den Leuten reden. Dabei lasse ich mich gerne von sinnvollen Argumenten überzeugen, allerdings kann ich es selbst dann logischerweise nicht Allen Recht machen, weil eben Jede*r etwas Anderes favorisiert.

Letztendlich ist es aber mein Geld, das für die nächsten 30 Jahre in die Finanzierung dieser Bude fließt. Ich bin für mein Haus verantwortlich und möchte dieser Verantwortung auch gerecht werden. Um als kleine, behinderte Frau ernstgenommen und nicht übergangen zu werden, habe ich mir inzwischen eine oft so dominante und bestimmende Art angewöhnt, dass sich in solchen Momenten im Gegenzug niemand mehr von mir ernstgenommen und wertgeschätzt fühlt. Anspannung und Stress machen mich unduldsam und ungeduldig. Ich bin erschreckend reizbar und leicht aus der Fassung zu bringen. Die blödesten Kleinigkeiten verletzen oder ärgern mich so sehr, dass ich aus heiterem Himmel loszetere oder in Tränen ausbreche. Als so ein Emotionsbündel kenne ich mich gar nicht und ehrlich gesagt schäme ich mich für mein Verhalten und bitte alle Leidtragenden aufrichtig um Entschuldigung.

Trotzdem mache ich mir um meine geistige und psychische Gesundheit nur bedingt Sorgen. Das Haus wird in ein paar wochen oder Monaten – total schön und gemütlich sein, der Garten ist es schon längst. Wenn wir abends entspannt mit einem Joint auf der Terrasse sitzen, die Sonne zwischen den Bäumen hervorblitzt und die Vögel in unserem kleinen Paradies wahre Konzerte veranstalten, fühlt es sich an, als wäre alles schon fertig. Dieser Vorgeschmack auf etwas Perfektes, diese schönen Momente motivieren und stärken mich für den Wahnsinn, den ich tagsüber durchstehe, bis ein näherungsweise perfekter Zustand erreicht ist. Dann wird alles gut, ich schlafe endlich besser und werde wieder gerechter und geduldiger mit den Menschen um mich herum. Bis dahin hoffe ich auf ein wenig Rücksichtnahme eben dieser Menschen mir gegenüber. Bitte, Leute, macht es nicht unnötig kompliziert und tragt die Last mit mir zusammen, anstatt noch ein paar Backsteine oben drauf zu legen und wegzurennen. Ich trage die Verantwortung, die wiegt schon schwer genug.

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11 Gedanken zu “At the Age of 37…

  1. kommunikatz sagt:

    Wow, nachdem wegen Urlaubszeit die letzten Wochen über alles nur vor sich hin stagnierte, machen wir jetzt gerade einen echten Satz nach vorn: Die Elektroinstallation in Obergeschoss und Keller ist fertig, das Badezimmer befindet sich auf der Zielgeraden und wird Ende der Woche wenn nicht vollständig fertig dann zumindest uneingeschränkt benutzbar sein, die Heizung macht warnes Wasser und gerade wird mit einer unglaublichen Lärmentwicklung oben eine Wand zersägt, um dort anstelle einer einfachen Tür eine Doppelflügeltür zu unserem zukünftigen Wintergarten einzubauen. Die Wände oben sind alle geglättet und so weit es geht fertig feinverputzt, teils ist die erste Schicht Farbe drauf. Nächste Woche werden dann Böden verlegt.
    Als der Handwerker eben anfing, die Wand zu zerschneiden, musste ich flüchten – nicht nur wegen der Lautstärke sondern auch, weil ich fast angefangen hätte zu heulen: Hilfe, der macht mein Haus kaputt! Und es wird so schön, wenn es fertig ist! 🙂

    Liken

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