Hitzegedanken

Ich bin kein Sommermensch. Alle Temperaturen über 25°C dürften, wenn es nach mir ginge, gerne abgeschafft werden. Leider sieht es für die Zukunft aber nach dem Gegenteil aus – das Klima erwärmt sich, das Wetter wird extremer, Dürren werden ausgeprägter und Unwetter heftiger.

Hier, im Westzipfel Deutschlands, ist es erst seit wenigen Wochen heiß und trocken. Anderswo dauert dieser Zustand schon Monate. Wenn ich erlebe, wie vertrocknet hier alle Pflanzen jetzt schon sind, kann ich mir eine Steigerung allerdings kaum vorstellen. Das bisschen Regen, das in den letzten Tagen gefallen ist, reicht bei Weitem nicht. Jeder Tropfen verdunstet, sobald er den Boden berührt. Momentan wünsche ich mir nichts sehnlicher, als ein richtig abkühlendes, alles durchnässendes und durchpustendes Unwetter.

Das aktuelle Wetter hat nicht nur auf Pflanzen und Tiere desaströse Auswirkungen. Es setzt mir auch ganz persönlich zu. Ich werde langsam, sowohl im Kopf als auch in jeder körperlichen Aktivität. Mein Gleichgewichtssinn verabschiedet sich zeitweise ganz und ich kann mich nur noch im Schneckentempo an Wänden und Möbeln entlanghangeln. Denken, also auch arbeiten, kann ich nur an wirklich kühlen und schattigen Plätzen, die bei Außentemperaturen von über 30°C nach einigen Tagen nirgends mehr zu finden sind. Ich hatte schon vor meiner MS-Diagnose und den diversen Schüben Probleme mit der Hitze, aber seit anhaltend warmes Wetter relativ zuverlässig diese Fatigue auslöst, hasse ich Hitze regelrecht.

Fast noch mehr hasse ich das schlechte Gewissen, das Erschöpfung und Passivität bei mir verursachen. Ich bekomme die einfachsten Dinge nicht mehr hin, während in meinem Auftrag Handwerker den ganzen Tag schuften – teils sogar in der prallen Sonne. Ich habe das Gefühl, ich müsste den Leuten sagen, dass sie sofort aufhören und nach Hause, ins Freibad oder in den kühlen Wald gehen sollen. Zumindest muss ich ihnen einen Hitzezuschlag zahlen, um mein Gewissen halbwegs zu beruhigen. Wieso schaffen diese Leute so unglaublich viel mehr als ich, wenn ich doch gefühlt eigentlich gar nicht so krank oder eingeschränkt bin? Meine MS beeinträchtigt mich normalerweise so wenig, dass ich nur sehr schwer akzeptieren kann, wenn sie es doch einmal tut. Und momentan tut sie es ständig und zunehmend, weil es eben nicht abkühlt, während Arbeiten am Haus vorangehen müssen und mein virtueller Schreibtisch vor Aufträgen überquillt.

Gerade jetzt wäre es wirklich traumhaft, ein Badezimmer und nicht nur ein Gästeklo zu haben. Aber im gleichen Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, verarbeitet ein Handwerker oben erst den Estrich. Es ist nach 17 Uhr und der Mann ist seit heute Morgen im Dauereinsatz. Wie kann ich ihm danken? Und wie kann ich ihm erklären, dass ich die ganze Zeit mit dem Laptop auf dem Schoß im Sessel sitze oder auf der Matratze liege und mich kaum bewege, während er sich verausgabt? Muss ich das erklären? Eigentlich nicht, aber die Leute wissen ja gar nicht, dass ich chronisch krank bin. Für Außenstehende bin ich erstmal nur blind, ansonsten mache ich den Eindruck einer recht fitten Mittdreißigerin. In meiner Vorstellung denken die Leute, alle blinden Menschen seien lethargisch und faul. In meiner Vorstellung hat mein punktuell beobachtetes Verhalten eine verheerende Wirkung auf pauschale Vorstellungen der Anderen – da liegt mal wieder das Problem.

Es war noch nie hilfreich, sich die Köpfe anderer Leute zu zerbrechen, aber wenn ich zu nichts Anderem mehr in der Lage bin, wirft meine Unzufriedenheit mich darauf zurück. Hitze kann genauso gut mentale Übelkeit auslösen wie mein Zyklus oder der schlichte Zufall, nur dass dieses Gefühl bei einer Hitzewelle wie der jetzigen einfach Tage lang anhält, statt, wie sonst, nach ein paar Stunden wieder abzuebben. Selbstzweifel, das Gefühl totaler Unfähigkeit, Abhängigkeit und der Eindruck, von niemandem verstanden sondern eigentlich von Allerwelt noch für meine schlechte Verfassung kritisiert und beschuldigt zu werden, weil ich keine Gegenmaßnahmen ergreife, all das steigert sich immer weiter, je länger der ausweglose Zustand anhält.

Erst, wenn heute Abend gegen 21:30 Uhr die Sonne untergeht, fallen die Temperaturen unter 30°C. Irgendwann werde ich ins Nachbarhaus gehen, duschen und das Badezimmer ein bisschen sauber machen, das wir dankenswerterweise während des Urlaubs der Nachbarn benutzen durften. Morgen kommen sie zurück – vielleicht weckt etwas mehr Leben nebenan auch wieder meine Lebensgeister, zumal es ja auch abkühlen und endlich ein Unwetter geben soll.

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2 Gedanken zu “Hitzegedanken

  1. kommunikatz sagt:

    Ein Unwetter gab es nicht, nur ein bisschen Wind und ein paar vereinzelte Regentropfen. Abgekühlt ist es aber trotzdem ein bisschen, so dass wir es immerhin mit Schwimmweste zur „Seebrücke statt Seehofer“-Demo geschafft haben. Und das Beste: Die Nachbarn sind wieder da und es ist so schön, den beiden kleinen Jungs beim Spielen im Garten zuzuhören 🙂

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