Struggle

Mit diesem Anglizismus werden oft die großen, gesamtgesellschaftlichen Kämpfe auf globaler oder auch individueller Ebene bezeichnet – der Kampf von BIPOC und LGBTIQ-Menschen um Anerkennung und gleiche Rechte, der Kampf der Klimagerechtigkeitsbewegung um den Schutz unseres Lebensraums, der Kampf von Menschen mit Behinderung um Inklusion auf allen Ebenen. Wie gerne würde ich all diese Kämpfe mit ausfechten, aber ich werde das Gefühl nicht los, mit mir selbst ausgelastet zu sein. Ich hadere mit dem Alltag und bin froh, wenn ich mein selbstgesetztes Arbeitspensum aus Welthaus-Dingen und meiner nur noch äußerst sparflammenmäßig betriebenen Freiberuflichkeit schaffe. Eigene Projekte sind optional, fallen meist hinten runter, weil Energie und Zeit dafür nicht mehr reichen. Meist reicht Beides nichtmal für die Pflicht, geschweige denn für die Kür.

Zwischen den Rückschlägen bin ich zu langsam, mich zu berappeln und wieder Kraft zu tanken. Eigentlich bin ich längst fällig für den nächsten MS-Schub, wenn ich die zeitlichen Intervalle der letzten Jahre betrachte. Wenn da wirklich bald wieder etwas kommt, was gut seinn kann, da die Umstellung meines Medikaments inzwischen schon mehrfach über den Haufen geworfen werden musste, baue ich weiter ab und büße weitere Autonomie ein, anstatt mich endlich wieder zu mehr selbstständiger und unabhängiger Lebensführung durchzubeißen. Meine Fähigkeiten schwinden und verkümmern schneller, als ich sie wieder aufbauen kann, was insgesamt zu einem immer weiter fortschreitenden Niedergang meiner Selbstbestimmtheit und damit auch meines Selbstwertgefühls und Durchhaltewillens führt. Je weniger ich mir zutraue, je mehr meine Möglichkeiten in sich zusammenfallen, desto weniger Motivation habe ich. Und statt Verständnis und Zuspruch angesichts der Frustration darüber höre ich nur, dass ich mich doch einfach mit der Abhängigkeit und dem Scheitern all der Ansprüche, Wünsche und Träume abfinden soll, in die der gesamte Prozess mich treibt.

Genau genommen bin ich motivationstechnisch schon längst auf einem Level, das mir nur noch ein Funktionieren aus Pflichtgefühl ermöglicht. Eigentlich habe ich selbst rein gar nichts mehr davon, sondern mache nur weiter, damit das System nicht kollabiert – immer in der Hoffnung, dass niemandem auffällt, wie weit es schon längst kollabiert ist und wie wenig von dem, was meine Pflicht wäre, ich tatsächlich noch aufrechterhalten kann. Ich bringe meine Tage damit zu, Gesundheitsgedöns zu organisieren, meine Abläufe um die Verfügbarkeit von Assistenzpersonen herumzuplanen und auf Abruf zu stehen, damit es so aussieht, als würde alles noch irgendwie laufen. Positive, aufbauende Impulse passen nur selten dazwischen, ergeben sich höchstens zufällig und gehen oft nach hinten los, weil Aktivitäten und Begegnungen, die eigentlich schön sein könnten, doch in Hektik, Frust oder Konflikten enden.

In krassem Kontrast dazu steht mein Auftreten gegenüber Unbeteiligten. Ich bin freundlich, fröhlich, finde motivierende, aufbauende Worte, zeige Verständnis, gebe Rat und nehme Rücksicht. Alles das halte ich für bare Selbstverständlichkeiten, ich kann gar nicht anders handeln. Damit scheine ich aber eine Ausnahme zu sein, denn ich bekomme erstaunlich wenig von Alledem zurück, zumindest merke ich nichts davon. Vielleicht liegt das daran, dass die Handvoll Menschen, die mein Umfeld bilden, solche Dinge anders zum Ausdruck bringen und wir quasi unterschiedliche Sprachen sprechen. Vielleicht verstehe ich ihre Zuwendung bloß nicht. Aber vielleicht ist sie auch einfach nicht vorhanden. Letztendlich ist es im Effekt egal – sie kommt nicht bei mir an.

Um in meinem leeren Haus zwischen Doomscrolling und Selbstmitleid wieder irgendwoher Inspiration, Motivation und positive Impulse zu bekommen und vielleicht irgendwann wieder für irgendetwas zu leben und vielleicht sogar zu brennen, habe ich mich jetzt auf einer Onlinedating-Plattform angemeldet. Dort suche ich relativ pauschal erstmal alles von Freundschaft bis Partnerschaft. Hauptsache, es springen vielleicht positivere und mit mehr Bestätigung und Empowerment verbundene Kontakte aus dem Hut als diejenigen, die bisher meinen Alltag prägen. Irgendetwas Neues, Anregendes täte mir gut, eine Person, die nicht ständig meckert, den Finger erst in den Salztopf und dann in offene Wunden steckt, tausendfach bekannte Kritik übt und meine Meinung dazu nicht hören will. Ein bisschen Verliebtheit wäre der Jackpott und eine Welle, auf der ich schwimmen könnte.

Aber ich bin anspruchsvoll geworden und mache keine Kompromisse mehr. Wenn der Algorithmus mir schon Leute zuspielt, die zu mir passen, sollen sie dann bitte auch wirklich passen. Ich kontaktiere niemanden, mit deren oder dessen Einstellung und Interessen ich nichts anfangen kann, die oder der sich beispielsweise auch nur im Ansatz als esoterikaffin, spirituell oder religiös outet. Auch leute, die zu weit weg sind, kommen mir nicht unter. Es muss realistisch sein. Verbaue ich mir da schonwieder zu viel? Bin ich zu feige? Aber was soll ich mit einem supertollen Menschen, den ich nicht treffen kann, weil hunderte von Kilometern zwischen uns liegen und ich das mit dem alleine Reisen nicht geregelt bekomme? Ich will mir nicht schonwieder Druck und Stress machen, es soll bitte einfach mal unkompliziert und entspannt sein. In knapp 90 Vorschlägen (Freundschaft und Partnerschaft zusammengenommen) war noch kein*e einzige*r dabei, die oder den ich hätte kontaktieren wollen. Manche wirkten nett, aber an irgendeinem Punkt der Profile sprang mir jedes Mal ein No-Go entgegen. Und nein, wie gesagt, Kompromisse kommen mir nicht mehr in die Tüte – nicht in diesem frühen Stadium.

Warten wir ab, in welcher Reihenfolge die Dinge nun passieren und welche Hoffnung auf Besserung meiner Gesamtverfassung letztendlich berechtigt ist. Vielleicht hilft das Schlafcoaching, für das ich nun doch einmal Geld in die Hand nehmen werde, vielleicht das Antidepressivum, das meine Psychologin mir angeraten hat und meine Neurologin mir verschreiben wird, vielleicht eine neue Bekanntschaft aus dem Internet. Ich weiß es nicht und lasse mich überraschen. Ich möchte gerne hoffnungsvoll sein, aber wie ich mein Leben kenne, reite ich mich gerade nur wieder in das nächste Desaster hinein.

2 Gedanken zu “Struggle

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