Struktur

Ich war schon immer eine etwas gespaltene Persönlichkeit. Einerseits bin ich sehr  ordentlich und strukturiert, andererseits liebe ich das kreative Chaos. Meine Wohnung war immer sehr aufgeräumt, ich besitze nur das Nötigste und kenne meinen Terminkalender genauso auswändig wie die Positionen diverser Gegenstände in Schubladen und Schränken. In größeren Zusammenhängen stürze ich mich aber mit Begeisterung in unkalkulierbare Situationen. Ich mag es, wenn mein Leben auf den Kopf gestellt wird und ich mit neuen Einflüssen spielen kann – oder wenn ich selbst zum Spielball dieser Einflüsse werde. Planen fand ich schon immer sinnlos, weil es ja doch anders kommt und Pläne immer enttäuschbare Erwartungen mit sich bringen. So organisiert, wie ich mit Kleinkram bin, so chaotisch bin ich mit den vermeintlich großen Dingen des Lebens. Über diesen scheinbaren Widerspruch habe ich erst bewusst nachgedacht, als Menschen in meinem Umfeld mit ihren Zuschreibungen mir gegenüber durcheinanderkamen. Mir selbst war eigentlich nie ein Widerspruch aufgefallen.

Und das kam so: Plötzlich standen mein Partner und ich vor der Herausforderung, all seine Besitztümer zusätzlich zu meinem Zeug irgendwie in meine Wohnung und meinen Keller zu quetschen. Da meine Wohnung vorher relativ leer war, weil ich, wie gesagt, nur das Allernötigste besaß, war das an sich kein Problem. Die Wohnung war für mich alleine meiner Meinung nach eh immer zu groß gewesen. Außerdem fand ich es höchst spannend, mich auf das Experiment einzulassen, unsere Haushalte zusammenzuwerfen. Geplant war das nicht, da wir ja Beide jegliche Planung ablehnen und offiziell zusammen wohnen auch nicht auf unserer Agenda stand. Die Ereignisse hatten uns schlichtweg überholt, was es aus meiner Sicht umso interessanter machte.

Nun war meine Wohnung natürlich auf einmal relativ voll. Da wir mit Vielem von Möbeln bis Kleiderschrankinhalt improvisieren mussten, um alles unterzubringen, herrschte anfangs auch ein gewisses Chaos, das sich teilweise bis heute hält. Ich genoss dieses Chaos, die vielen Kompromisse und Improvisationen. Für mich war die neue Situation eine absolute Bereicherung, da ich mich gerne auf Herausforderungen und neue Aufgaben einlasse. Ich beobachtete quasi einen organischen Wachstumsprozess unserer gemeinsamen Welt und fand das großartig. Als kurz darauf aber meine Eltern unabhängig voneinander diese neue Welt in Augenschein nahmen, erntete ich große Irritation und Unverständnis. Sowohl mir als auch ihm erzählten sie in verschiedenen Kontexten, dass wir so nicht leben könnten, weil ich schließlich Struktur bräuchte. Ich war erstaunt – erstens darüber, dass sie besser zu wissen glaubten, was ich brauche, als ich selbst, und zweitens über die Tatsache, dass sie mir ein Bedürfnis andichteten, von dem ich gar nichts wusste. Hier schließt sich gewissermaßen ein Kreis zu meinem Blogbeitrag „Das ewige Kind“.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir das Missverständnis. Ich wusste durchaus, dass ich einige Strukturen schätze. Wenn mensch nicht visuell überprüfen kann, was gerade wo herumliegt und wohin sich ein verlorener Gegenstand verirrt haben könnte, braucht mensch logischerweise eine Kompensationsstrategie. Diese Strategie ist für mich Ordnung. Wenn ich Gegenstände immer an ihren Platz zurücklege oder mir zumindest merke, wohin ich sie lege, statt sie einfach irgendwo fallen zu lassen, spare ich unglaublich viel Zeit und Mühe. Ich speichere die Position der Dinge auf einer inneren Landkarte in meinem Kopf ab, weil ich keine Möglichkeit habe, mir über die tatsächlichen, äußeren Gegebenheiten einen schnellen Überblick zu verschaffen. Irgendjemand hat mal gesagt „Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum suchen“. Genau das ist es. Einerseits bin ich wirklich zu faul zum suchen, andererseits kann ich es eben auch gar nicht so effektiv wie ein sehender Mensch. Also versuche ich, es zu vermeiden, indem ich Ordnung halte.

Meine Faulheit ist aber wirklich der einzige Grund für meine Ordnungsliebe. Sobald ich nicht mehr auf meine innere Landkarte angewiesen bin, weil eine sehende Person in der Nähe ist, die ich zur Not nach dem Aufenthaltsort irgendeiner Sache fragen kann, oder weil das Chaos nur Dinge betrifft, die mich eh nicht interessieren, stört Unordnung mich überhaupt nicht. Im Gegenteil: Ich empfinde sie als Herausforderung und Spielwiese, als das viel zitierte kreative Chaos.

Manchmal nervt mich natürlich ein nicht in die Spülmaschine geräumter Teller oder eine Plastikverpackung, die auf halbem Weg zum gelben Sack irgendwo geparkt und vergessen wurde. Die in solchen Momenten akute Genervtheit ist mir aber jedes Mal Mahnung und Ansporn, an meiner Toleranz und Geduld zu arbeiten. Ich suche den Fehler nicht bei meinen ach so unordentlichen Mitmenschen sondern hinterfrage erstmal mich und meine eigene Einstellung zu den Dingen. Meistens habe ich genug Zeit, solche Dinge dann kurz wegzuräumen. Wenn ich keine Zeit habe, lasse ich sie einfach da. Dann ist es meine Herausforderung, nicht genervt sondern ganz gelassen zu reagieren, denn erstens hilft es mir selber nicht, wenn ich mich von Nebensächlichkeiten auf die Palme bringen lasse, und zweitens ist es völlig sinnlos, wegen solchem Kleinkram einen Konflikt vom Zaun zu brechen oder sich in Schuldzuweisungen zu verlieren. Dafür sind mir schlicht meine Zeit und meine Psyche zu schade. Den vielleicht kurz aufkommenden Ärger fluche oder grummele ich weg, dann ist sofort alles wieder gut.

Überflüssigen Ballast schätze ich dennoch nicht besonders – überflüssigen Dreck auch nicht. Insofern ist eine gewisse, grundlegende Struktur vielleicht wirklich wichtig für mich. Aber dass ich nur in einer lupenrein geputzten und aufgeräumten Behausung mein Glück finden könnte, ist ein vollständiger Fehlschluss der Menschen, die mich zu gut zu kennen glauben.

Der Fehlschluss liegt vielleicht vor allem in der Annahme, was einmal gilt, würde sich Zeit eines Menschenlebens nicht mehr verändern. Nur, weil ich vor zehn Jahren jeden Freitag Vormittag meine ganze Wohnung geputzt habe und mir das damals irgendwie sinnvoll erschien, muss ich das heute weder sinnvoll finden noch genauso machen. Dinge verändern sich und sind eben wirklich nicht planbar. Menschen verändern sich auch – mit Chaos umzugehen, kann einfach zu einer gewissen Gewöhnung führen. Wenn mensch die Herausforderung annimmt, aus einem neuen Lebensstil zu lernen, daran zu wachsen und davon zu profitieren, gibt es gar keinen Grund mehr, an alten Gewohnheiten festzuhalten. Gewohnheiten zu hinterfragen und aufzubrechen ist die schönste Entwicklungschance, die mensch bekommen kann. Auch deshalb lasse ich mich so gerne auf andere Menschen ein, denn ausnahmslos kann ich von ihnen Dinge lernen. Manchmal lerne ich, wie mensch etwas besser nicht macht, aber auch das ist eine wertvolle Lernerfahrung.

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