The World you’re not in

Ich bin ein bekennendes Papa-Kind. Es gibt keinen Menschen, der mich so nachhaltig geprägt und gefördert hat und der mir vor allem so ähnlich ist, wie mein Vater. Im letzten Jahr haben wir kaum lange und tiefgreifende Gespräche geführt, vor ein paar Tagen ergab sich aber endlich wieder die Gelegenheit dazu und wir redeten einen ganzen Nachmittag lang unter vier Augen über alles, was unsere jeweiligen Leben zur Zeit ausmacht. Dabei manifestierte sich unsere Ähnlichkeit mehr als deutlich. In meinem Kopf fand ich endlich Worte für etwas, das ich schon lange fühlte und hier nun festhalten möchte.

 

Wir sind beide unglaublich rationale Menschen. Wir hinterfragen und analysieren alles, legen großen Wert auf Absprachen und deren Einhaltung und stehen sehr oft komplett ratlos da, wenn andere Menschen plötzlich emotional und unberechenbar werden. Gefühlsausbrüche Anderer verstehen wir Beide nicht, weil für uns die Tatsache einer einvernehmlichen Vereinbarung viel schwerer wiegt als irrationale Ängste, Unsicherheiten oder emotionale Aufwallungen. Konflikte versuchen wir durch Logik und die Aushandlung von Kompromissen zu lösen. Dabei stoßen wir häufig auf das Unverständnis uns sehr nahestehender Personen. Scheinbar verletzen wir als Kopfmenschen oft Andere, ohne es zu wollen, weil unsere rationale Herangehensweise irgendeinem Aspekt ihrer Welt nicht gerecht wird.

 

Dennoch sind wir Beide ausgesprochen empathisch, altruistisch und auf das Wohlergehen Anderer bedacht. Wir tun viel für Mitmenschen und Mitwelt – oft mehr, als für uns selbst. Wir nehmen wahr, wie es Anderen geht, gehen darauf ein und unterstützen, wie und wo wir können. Je abstrakter, desto besser – kommen uns Personen zu nahe und kommen bei diesen Gefühle wie Ängste, Unsicherheiten und Verletzungen ins Spiel, sind wir schnell mit unserem Latein am Ende. Mit unseren Versuchen,, die Dinge durch offene Gespräche, Ehrlichkeit und zuverlässige Absprachen zu lösen, laufen wir oft gegen Wände, werden missverstanden oder eine aus unserer Sicht perfekt ausgehandelte Sache wird plötzlich von der Gegenseite über den Haufen geworfen, ohne, dass wir auch nur im Ansatz die Beweggründe nachempfinden könnten. Meistens verstehen wir auf einer rationalen Ebene durchaus, was das Problem unseres Gegenübers ist, was zu den Launen und Ausbrüchen von Menschen geführt hat und warum sie so empfinden, wie sie es eben tun. Was wir nicht fassen können ist, dass diese Menschen so sehr von ihren Emotionen und ihrer Irrationalität getrieben sind, weil es uns selbst vollkommen anders geht.

 

Was uns unterscheidet, sind die Konsequenzen, die wir aus dieser Dissonanz zwischen uns und den Anderen ziehen. Während mein Vater sich verschließt, Dinge allein mit sich selbst ausmacht  und Themen vermeidet, die negative Emotionen bei Anderen auslösen können, diskutiere, analysiere und rationalisiere ich umso mehr. Ich versuche, alles zu verbalisieren, und tue mich dabei wahnsinnig schwer mit dem Ausdruck meiner eigenen Emotionen. Genauso schwierig, wie meine eigenen Gefühle in Worte zu fassen, finde ich es, auf Gefühle anderer Menschen adäquat einzugehen, wenn diese Gefühle sich auf mich richten – vor allem, wenn sie positiv sind. Negative Reaktionen Anderer lassen sich viel leichter abspalten und erklären, positive Gefühle machen Angst – vor allem, wenn sie nie ausgesprochen werden, sondern ich immer nur raten und spekulieren kann.

 

Sobald ich selbst eine Rolle in der Geschichte spiele, ist meine Empathie scheinbar ausradiert. Was mir im Weg steht, ist die regelrecht lähmende Angst, jemandem zu nahe zu treten, sie oder ihn vor den Kopf zu stoßen, zu verletzen oder gegen mich aufzubringen. Neben dieser Angst, nicht genug Rücksicht auf mein Gegenüber zu nehmen,, fürchte ich außerdem, mich fürchterlich zu blamieren. Kurz gesagt bringt jede Verbalisierung meiner eigenen Gefühle und jedes zu intensive Eingehen auf die mir entgegengebrachten Gefühle Anderer mich in eine gefühlt existenzielle Gefahr. Ich fühle mich unmittelbar bedroht, einen mir wichtigen Menschen zu verletzen, zu verärgern oder gar zu verlieren. Also sage ich oft lieber nichts und hoffe auf die Zuverlässigkeit irgendwann einmal getroffener Absprachen oder auf meine eigene, logische Kombinationsgabe. Wenn nun dummerweise mein Gegenüber das Gleiche tut, entsteht allerdings ein weißer Fleck auf der Landkarte. Emotionen – vor allem positive – werden einfach unter den Teppich gekehrt, weil niemand sich traut, sie auszusprechen. Das ist ganz großer Käse.

 

Vielleicht werde ich immer mehr wie mein Vater, ziehe mich immer tiefer in mein Schneckenhaus zurück und selbst unser unterschiedlicher Umgang mit unserer ungewöhnlichen Gefühlsfremdheit nivelliert sich nach und nach. Ich hoffe allerdings eher, dass es mir irgendwann gelingt, die Barriere zu durchbrechen, die mich von meinen eigenen Gefühlen trennt und die mir solche Angst vor den Gefühlen Anderer bereitet. Eigentlich mag ich es sehr, rational, vernünftig, logisch und berechenbar zu sein. Ich finde es großartig, mich aus einer Art Außenperspektive beobachten und selbstkritisch hinterfragen zu können. Diese Fähigkeit schätze ich auch bei Anderen. Mit Menschen, die diese Außenperspektive einnehmen können, Selbstkritik und Selbstironie beherrschen und Konfliktlösungen logisch angehen, verbringe ich meine Zeit deutlich lieber als mit unberechenbaren Emotionsbündeln. Ich verstehe mich wohl einfach besser mit Menschen, die auf eine ähnliche Art verkorkst sind wie ich selbst. Aber muss diese Verkorkstheit mich und meine Leidensgenoss*innen in unserer Gefühlswelt dermaßen behindern?

 

Woher kommen diese Berührungsängste und die seltsame Distanz zu intensiven Gefühlen? Wie kann ich lernen, über meine und andererleuts Emotionen zu sprechen, ohne in Panik zu geraten, und wie kann ich dabei dennoch meine mir so wichtige Rationalität bewahren? Ich will ja gar kein Emotionsbündel werden wie all die Menschen, die ich als so verunsichernd, anstrengend und unkalkulierbar empfinde. Ich will sie einfach nur besser verstehen, besser auf ihre Bedürfnisse eingehen und vor allem meine eigenen Bedürfnisse in Worte fassen lernen, damit sie eine Chance auf Erfüllung bekommen. Ein Gleichgewicht zwischen Rationalität und Emotionalität wäre schön, anstelle der momentan so ausgeprägten Kopflastigkeit.

 

Ein erster Schritt ist vielleicht, das Kind beim Namen zu nennen. Ich oute mich hiermit ganz offiziell als alexithyme Laienpsychologin, auch wenn ich Psychologie immerhin als Nebenfach studiert habe. Der Wikipedia-Artikel über die Sog. Gefühlsblindheit Alexithymie definiert dieses Phänomen im laienpsychologischen Sinne u.a. als Bindungsstörung, als Defizit, Affekte zu mentalisieren, und als Symbolisierungs störung der sprachlichen Sozialisation. Das klingt für mich sehr vertraut – nicht viel anders würde ich mein Problem beschreiben. Laut eben jenem Wikipedia-Eintrag sind immerhin stolze 10% der deutschen Bevölkerung von Alexithymie betroffen. Vielleicht gehören mein Vater und ich nicht zu den schwersten, vielleicht nichtmal zu den klassischen Fällen, aber ich schätze, wir sind irgendwie dabei. Und in meinem Umfeld gibt es noch ein paar weitere Kandidat*innen – wie gesagt, ich scheine mich gezielt mit ihnen zu umgeben, was die Suche nach einem Ausweg nicht unbedingt erleichtert.

 

PS: Ich möchte hier ausdrücklich betonen,, dass auch meine Mutter ein ganz toller Mensch ist und dass natürlich auch sie mich geprägt und unterstützt hat. Eine – wenn auch so zweifelhafte – „Seelenverwandtschaft“, wie sie mich mit meinem Vater verbindet, spüre ich zu ihr aber nicht. Sie ist eher einer der emotionalen Menschen, die mich oft zutiefst verunsichern.

3 Gedanken zu “The World you’re not in

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