Blogparade: Was bedeutet Stärke für mich?

Durch Lydias Beitrag stieß ich auf diese Blogparade von Sunny Bee, an der ich mich gerne beteilige. Meistens verpasse ich Blogparaden oder bemerke sie erst, wenn sie vorbei sind. Diesmal soll das anders sein.

Die Frage, was für mich eigentlich echte Stärke ist, hat mich erstmal in tiefe Grübelei gestürzt. Die Blogparaden-Initiatorin Sunny Bee und Lydia von Lydias Welt haben dazu sehr gute, wahre und schöne Dinge geschrieben, denen ich mich zu großen Teilen anschließen möchte. Wenn ich momentan in mich hineinhorche und -fühle, ist Stärke aber vor allem etwas, das mir selbst zu fehlen scheint. Ich höre zwar oft, ich sei eine starke Frau , mein Engagement in so vielen Bereichen sei bewundernswert und meine Geduld und Empathie mit meinen Mitmenschen seien schon fast übertrieben. Was ich empfinde, ist aber im Gegenteil eine ausgeprägte Macht-, Hilf- und Kraftlosigkeit. Alles ist zu viel, zu anstrengend und zu deprimierend. Selbst, wenn ich mir über meine Blindheit und meine Multiple Sklerose kaum Gedanken mache, ist ein Großteil meines Alltags momentan eine Aneinanderreihung von Frustrationen. Für die Mehrzahl davon gebe ich mir selbst die Schuld, weil ich ständig das Gefühl habe, leistungsfähiger, ausdauernder und konsequenter sein zu müssen.

Die meiste Zeit habe ich den Eindruck, mich und die Lebewesen und Dinge, für die ich Verantwortung trage, nur so gerade eben im Griff zu haben. Ich hoffe permanent, dass niemand bemerkt, in welchem Zustand ich wirklich bin und wie mühsam alles für mich geworden ist. Hoffentlich fällt niemandem auf, dass ich wegen meiner Schlaf- und Gleichgewichtsstörungen einen großen Teil meiner Eigenständigkeit und Unabhängigkeit eingebüßt habe, dass ich das Chaos meines eigenen Haushalts nicht mehr im Griff habe und dass ich mit den multiplen Macken und Schwierigkeiten meines persönlichen Umfelds nur noch zurechtkomme, wenn ich mich ab und zu heulend aufs Klo zurückziehen und abends die stimmungsaufhellende Wirkung eines Joints genießen kann.

Da sind die Handwerker, die Wochen lang abtauchen und denen ich ständig hinterhertelefonieren muss, um mein Haus endlich von einer Baustelle in einen gemütlichen Ort umzuwandeln. Da ist die Krankenkasse, mit der ich seit beinahe einem Jahr um die selbstverständlichsten Hilfsmittel kämpfe, nur weil eine Versorgungspauschale erst im Dezember endet. Da ist meine Familie und mein Freundeskreis, in denen sich schwere Erkrankungen und körperliche wie mentale Rückschläge und Probleme zu häufen scheinen. Da ist die deshalb allenthalben auf ein Minimum zurückgefahrene Belastbarkeit, die um sich greifende Anspannung, Ungeduld und Unduldsamkeit. Da ist mein Schlafhaushalt, der seit Anfang des Jahres aus dem Gleichgewicht geraten ist und meinen geschädigten Gleichgewichtssinn dabei wegen meiner ständigen Unausgeschlafenheit gleich mit ruiniert. Da ist die daraus folgende Unfähigkeit, allein oder mit meiner Führhündin mobil zu sein, weil ich dafür oft viel zu wackelig auf den Beinen bin und mich ohne Begleitung kaum noch vor die Tür traue. Und da sind die mir eigentlich so nahen und lieben Menschen, die es eigentlich gut meinen und dennoch so sehr mit ihren eigenen Interessen beschäftigt sind, dass sie Rücksichtnahme und Unterstützung zwar immer wieder zusichern, wegen ihrer eigenen Verfassung aber nur sehr selten aufbringen. Und natürlich sind da auch noch all die Probleme der ganzen Welt, das Klimachaos, die Konflikte und Kriege, der Rechtspopulismus, die Verschwörungstheorien, die vielen *ismen und Diskriminierungen und all dieser galoppierende Schwachsinn, der meinem Empfinden nach zum baldigen Niedergang der Zivilisation führen muss.

Genau genommen hat sich mein persönlicher Zustand seit Monaten kaum großartig geändert. Eigentlich hatte ich die meisten meiner Probleme dem Sommer und der Hitze- und Trockenheitswelle zugeschrieben, aber sie halten auch ohne Hitze und Trockenheit fast unverändert an. Vielleicht ist es meine Stärke, die bisher verhindert hat, dass ich völlig durchdrehe.

Vielleicht ist es meine Stärke, mir Erfolgs- und Selbstwirksamkeitserlebnisse mit den Fähigkeiten und Aktivitäten zu verschaffen, die ich beherrsche und mit denen ich etwas Sinnvolles und Angenehmes in die Welt bringen kann. Vielleicht ist es meine Stärke, dass ich bis zum Umfallen geduldig und freundlich sein kann, solange ich selbst nicht zu sehr am Ende bin. Vielleicht ist es meine Stärke, altruistisch zu sein und die Welt verbessern zu wollen, nur konterkarriert durch die Schwäche, dass ich mich selbst dabei manchmal aus den sprichwörtlichen Augen verliere und unbemerkt abbrenne, wie eine Wunderkerze, nur damit die Anderen es gut haben und nicht von mir genervt sind. Vielleicht habe ich zusätzlich auch einfach schon genug Mist erlebt, um das zu sein, was als Begriff gerade so in Mode ist: resilient, widerstandsfähig, in der Lage, mich nach Rückschlägen schnell zu berappeln und einfach weiterzumachen. Angeblich entwickeln vor allem Menschen diese Eigenschaft, die als Kind ganz unterschiedliche Schwierigkeiten durchgemacht haben. Integrative Beschulung in den 1980er und 90er Jahren könnte schon ausreichen.

Auch ich bin der Meinung, dass Menschen ihre Stärken nur entfalten können, wenn sie ihre Schwächen verstehen und akzeptieren. Es reicht aber nicht, wenn ich mit mir und meinen Handicaps im Reinen bin. Auch mein Umfeld muss begreifen, wie ich ticke, was ich kann und wo ich Hilfe brauche. Es reicht nicht, wenn ich mich in die Anderen hineinversetze und ihnen entgegenkomme. Das Entgegenkommen muss gegenseitig sein, wir müssen alle viel mehr aufeinander zugehen anstatt immer nur vom Gegenüber zu erwarten, dass es sich auf unsere Bedürfnisse einzustellen hat. Stärke ist nicht zuletzt, das einfordern zu können. Dieses Einfordern umfasst viel mehr als bloß zu sagen „Hey, nimm Rücksicht!“. Das Gegenüber muss erstmal verstehen, worauf es wie Rücksicht nehmen muss und warum das ein Gewinn und keine Einschränkung ist. Diese Stärke, Anderen klarzumachen, was ich will und brauche und warum auch mein Gegenüber davon profitiert, fehlt mir tatsächlich ein Stück weit. Aber die Stärke, es selbst zu erkennen, entwickele ich von Tag zu Tag mehr und bin daher guter Hoffnung, auch die Transferleistung bald hinzubekommen, es wertschätzend und klar genug zu kommunizieren. Der Ansporn ist groß: Ich muss offensichtlich aus der Negativspirale von Selbstkritik und Selbstzerfleischung raus, um meine Stärken als solche zu erkennen.

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6 Gedanken zu “Blogparade: Was bedeutet Stärke für mich?

  1. Sunnybee sagt:

    Liebe Lea, ganz herzlichen Dank für diesen tollen Text als Antwort auf meine Blogparade! Ich finde, er hebt sich schon allein dadurch von vielen „kalenderspruchartigen“ Bekundungen dessen, was „echte Stärke“ sei, ab, indem du unumwunden deine Schwäche und Überforderung zugibst. Zugleich lässt du es aber nicht dabei bewenden, sondern siehst und beschreibst die Stärke, die gerade in der Akzeptanz und im konstruktiven Umgang mit deinen Schwächen liegt. Wow! Sehr berührt mich auch, was du in Bezug auf das „aufeinander zugehen“ schreibst. Ja, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu vertreten, sie aber nicht um jeden Preis auf Kosten anderer „durchzuboxen“ empfinde ich auch als echte Stärke. Oft eine Gratwanderung! Herzlichen Gruß und herzlich alles Gute dir, Sarah („Sunnybee“ auf meinem Blog https://mutter-und-sohn.blog)

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Sarah,
      vielen Dank für diesen schönen Kommentar! Ja, Kalendersprüche sind nicht so mein Ding, ich kann mich schließlich nicht kurzfassen 😉
      Du hast mit dem Thema Deiner Parade bei mir einen Nerv getroffen. Ich fand auch Deinen eigenen Auftakt-Text wirklich beeindruckend, zumal wir zu großen Teilen ja völlig unterschiedliche Lebens- und Erfahrungswelten haben und doch oft zu so ähnlichen Schlüssen kommen. Ich muss auch deutlich mehr in Deinem Blog lesen, bin in den letzten Tagen bloß noch nicht genug dazu gekommen.
      liebe Grüße und auch Dir alles Gute!
      Lea

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  2. Schutzgarten sagt:

    Hab mich reingefühlt und kann Dich gut verstehen. Wünsche Dir jegliche Unterstützung, die es braucht. Ich geb Dir Recht, die Welt könnte so viel besser sein und ich denke, dies hat schon begonnen (indem Du und andere sich sichtbar machen) und es ist völlig okay, sich mit Menschen umgeben zu wollen die, die eigenen Bedürfnisse respektieren, gerade wenn jemand mehr hat. Wir Menschen müssen aufpassen, uns nicht „nur“ wie Raubtiere zu verhalten, das fängt im Kleinen an. Danke für Deine Gedanken und Beitrag dazu.

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