Ableismus und Altruismus

Ich habe mich in diesem Blog schon sehr oft darüber ausgelassen, dass ich einen ausgeprägten Altruismus mein Eigen nenne und es gern Allen Recht mache. Ich will immer funktionieren, niemandem zur Last fallen und Allen beweisen, was ich – trotz meiner verschiedenen Einschränkungen – alles schaffe. Und damit sind wir auch schon beim Kern des Problems, den zu erkennen für mich allerdings mehrere Jahrzehnte gedauert hat. Es ist der tiefsitzende, verinnerlichte Ableismus, der mich antreibt. Ableismus ist ein Begriff aus der englischsprachigen Community von Menschen mit Behinderung, die für Inklusion und gegen Diskriminierung kämpfen. Übersetzen lässt er sich am ehesten mit Behindertenfeindlichkeit, aber er geht deutlich darüber hinaus. Ableismus umfasst nicht nur aktiv feindliche Diskriminierungen sondern auch unterschwellige, oft gesellschaftlich tief verankerte (Denk-)Strukturen, die Menschen mit Behinderung abwerten. Rebecca Maskos erklärt den Begriff in all seinen Facetten hier und hier sehr fundiert.

Mein eigener ableistischer Blick auf mich selbst lässt mich ständig in der Angst leben, nicht zu genügen, nicht genug zu leisten und nicht eindrucksvoll genug zu beweisen, wie viel ich leiste. Ein Stück weit hängt das sicher auch mit meiner Erziehung zusammen, die immer stark darauf ausgerichtet war, mich zu fördern und in die Lage zu versetzen, möglichst selbstständig zurechtzukommen und möglichst wenig Hilfe zu brauchen. Einerseits hat mich das sehr gestärkt und im positiven Sinne angespornt
, andererseits hat es oft einen großen Druck aufgebaut. Ich fühlte mich viel mehr wertgeschätzt, je mehr ich selber konnte und machte und je weniger ich dabei auf Andere angewiesen war. Im Gegenzug empfand ich jede in Anspruch genommene Hilfe als Niederlage.

Das Streben nach der Wertschätzung der in meiner Vorstellung natürlich genau so ableistisch denkenden Anderen trieb mich vor sich her. Bei eigentlich schönen Aktivitäten fühlte ich mich dadurch so stark unter Druc und haderte so intensiv mit Ängsten, dass ich Ereignisse, Veranstaltungen oder Zusammenkünfte mit spannenden Menschen nicht im Ansatz genießen oder etwas daraus ziehen konnte. Inhalte, Eindrücke und Emotionen gingen oft in Stress und Sorge unter, ich war einfach nur mit Funktionieren beschäftigt.

So ist es heute oft noch immer. Ich will funktionieren, mir keine Blöße geben und die Menschen, die mich dazu befähigt haben, nicht enttäuschen. Sehr oft bin ich dabei schon über meine Grenzen gegangen oder habe Dinge getan, vor denen ich Angst oder auf die ich keine Lust hatte, nur um Anderen etwas zu beweisen oder sie zufriedenzustellen. Meine eigene Zufriedenheit stand immer ganz weit hinten in der Schlange. Ich empfand mich als nicht würdig, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu haben. Die der Anderen waren immer wichtiger. Ich fühlte mich in einer Art Bringschuld, weil die Anderen mich ja unterstützten, mir halfen, mir Aufgaben abnahmen. Das taten und tun sie gar nicht so allumfassend, da ich ja noch immer das Meiste selbst und alleine regele, aber mir erschien es immer so, als wäre ich eine Last und Bittstellerin und die Anderen alle gnädige, mich bloß ertragende und aushaltende Altruist*innen.

In Wahrheit wurde ich selbst dadurch zur radikalen Altruistin, verleugnete mich und beutete mich selbst aus. Nun, da mir das bewusst wird, (er)kenne ich einen weiteren, inneren Feind: Den Ableismus. Wie ich ihm begegne und ob ich ihn dadurch bezwinge, kann ich noch nicht sagen. Dafür ist die späte Erkenntnis zu neu. Aber ich hoffe, durch das Aufschreiben dieser Erkenntnis den ersten Schritt der Besserung getan zu haben und mich nun entsprechend ausgerüstet in den Kampf stürzen zu können. Das hilft vermutlich auch ein Stück weit gegen die anderen inneren Feinde, die dadurch ein wenig ihren Schrecken verlieren und durch Verständnis beherrschbar(er) werden.

PS: Den positiven Teil des Altruismus, meinen Einsatz für andere Menschen im abstrakteren Sinne, also aktuell die Arbeit für den Aachener Friedenspreis e.V. und meine Aktivitäten in der Klimagerechtigkeitsbewegung möchte ich dadurch übrigens keineswegs abwerten oder darauf zukünftig verzichten. Ich tue das alles gern und mit voller Überzeugung. Ich möchte nur damit aufhören, andere Menschen über mich selbst zu stellen und mein eigenes Wohlergehen zu Gunsten dem der Anderen zu ignorieren.

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7 Gedanken zu “Ableismus und Altruismus

    1. kommunikatz sagt:

      Danke. Ich hoffe wirklich sehr, der Erkenntnis auch eine irgendwie geartete Veränderung meines Mindsets folgen lassen zu können, denn wenn einmal der Blick geschärft ist, nervt es enorm, ständig zu beobachten, wie mensch sich selbst abwertet und unnötig klein macht. Das ist ein bisschen wie der latente Rassismus, der auch Menschen mit Migrationshintergrund dazu bringt, klischeehafteWitze über ihre eigene oder eine andere marginalisierte Community zu reißen, oder Frauen, die selber sexistische Stereotype reproduzieren, weil sie ja immer nur die Anderen betreffen.

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