Mein Geburtstags-Muff

Neun Jahre ist sie heute alt, die Schwarzplüschige. Der 1. August ist ein praktisches Geburtsdatum, einprägsam und symbolisch – der 1. Tag im 8. Monat, quasi die erste Unendlichkeit – vielleicht auch die letzte. Ich weiß nicht, ob ich nach Arzu nochmal einen ausgebildeten Führhund haben werde. In letzter Zeit lese ich häufig, dass die Krankenkassen sich zunehmend querstellen, wenn zusätzlich zur Blindheit noch weitere Einschränkungen vorliegen. Das ist auch bei mir wegen der MS der Fall, bisher moderat, aber es wird mehr werden. Und ich weiß aufgrund dessen selber nicht, inwieweit ich zukünftig überhaupt noch viel allein unterwegs sein werde und ob ich einem Hund in ein paar Jahren noch gerecht werden kann, einfach wegen meiner eigenen Mobilität und Leistungsfähigkeit, die sich und damit mich immer weiter einschränken werden.

Aber das ist Zukunftsmusik. Noch ist Arzu vergleichsweise ein Jungspund und für ihr doch fortgeschrittenes Alter unglaublich fit und gesund. Und das kann sie auch noch eine Weile bleiben. Kürzlich begegneten wir einem Mann mit einer Labradorhündin, die seiner Aussage nach fast 17 Jahre alt war, beinahe doppelt so alt wie mein Muff. Sie kann es also noch lange schaffen, auch wenn sie in Bezug auf ihren Beruf natürlich in den nächsten Jahren entlastet wird. Überarbeitet hat sie sich eh nie, ich war phasenweise ja kaum mit ihr im Führgeschirr unterwegs, wegen Homeoffice, eigener Angeschlagenheit oder schlicht fehlender Gründe, rumzurennen.

Das Muff und ich sind jetzt seit knapp 7 Jahren ein Gespann. Auch, wenn sie in Altersteilzeit und dann in Rente geht, bleibt sie bei mir. Führen muss sie mich dann nicht mehr, auf den wenigen Wegen, die ich alltäglich zurücklege, komme ich auch mit dem Langstock zurecht. Sie darf dann an der Leine mitlaufen und das Leben als Privatier genießen – oder als Privat-Tier. Ihre bei Weitem wichtigste Funktion für mich war eh nie ihre Führungsaufgabe. Der reale schwarze Hund war schon immer in erster Linie das Gegengewicht zum

sprichwörtlichen

. Ohne Arzu und die Verantwortung, die ich für sie trage, hätte mich möglicherweise meine Depression längst überwältigt und mir den Durchhaltewillen geraubt. Aber das Muff hält mich am Laufen, für sie will ich da sein und bleiben, bis sie es irgendwann nicht mehr ist. Anfangs habe ich immer gesagt, ich möchte einen äußeren Schweinehund haben, der mir hilft, den inneren zu überwinden. In Vielem hat sich das bewahrheitet.

Arzu ist meine Welt, mein ganzer Lebensmut. Kind-Ersatz, schreien jetzt vielleicht Manche. Aber das ist es nicht, sie ist ein Hund und das unglaublich enge Verhältnis zwischen uns ist ein Mensch-Hund-Verhältnis, kein Eltern-Kind-Ding. Aber sie ist meine Schutzbefohlene, mein Grund, weiterzumachen. Und natürlich ist sie mir eine enorme Hilfe, wenn sie die Führung übernimmt und wenn sie einfach nur da ist, in ihrer ganzen Individualität und Spaßvogelhaftigkeit.

Ihre Eigenheiten sind wunderbar, Ausnahmen vorbehalten. Die größte Ausnahme ist wohl ihre Eigenschaft als Pissnelke, die kastrationsbedingt manchmal auftretende Inkontinenz, deretwegen ich häufiger als erwünscht Hundedecken und mein Bettzeug waschen muss. Aber das tue ich lieber, als ihr zu verbieten, auf meinem Bett zu schlafen. Das macht sie eh nur, wenn ich auch dort liege – ich unter der Decke, sie darauf. Ich mag meine schnarchende Wärmflasche und das gegenseitige, morgentliche Wachkuscheln.

Ansonsten – vermutlich auch kastrationsbedingt – ist sie das, was mensch wohl eine echte Rüdin nennt. Sie ist divers, hat manche weibliche und andere männliche Züge. So hat sie beispielsweise die Angewohnheit, ständig jeden Grashalm, Stein oder sonstwie interessanten Flecken Erde zu markieren. Laternenpfähle fallen mangels Beinhebemöglichkeit aus, aber solange sich etwas hockenderweise anpinkeln lässt, tut sie es. Und ähnlich wie viele unkastrierte Rüden findet sie es ganz doof, wenn ihr Tank mal leerläuft. Auch die Wahl des richtigen Markierplatzes ist sehr wichtig, schließlich muss in den richtigen Kontext gepisst werden. Arzu hat an Vielem Interesse und zu Allem eine Meinung, weswegen sie jeden hündischen Diskussionsthread, über den sie im Wortsinne stolpert, mit ihrem gepinkelten Kommentar bereichern muss.

Allerdings hat sie im Zusammenhang mit Körperausscheidungen auch noch andere im wahrsten Sinne des Wortes schräge Angewohnheiten. Sie kackt gerne im Hang bzw. an erhöhten Plätzen. Gibt es eine Böschung oder einen Hügel am Wegesrand, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Arzu diese Stelle als Kackplatz auswählen wird, sofern sie denn gerade muss. Dabei hockt sie sich oft irgendwie schräg und verkrampft seitlich zum berg, also so, dass es nur unbequem sein kann und beim reinen Zusehen wehtun muss. Umso erleichterter wirkt sie nach erledigtem Geschäft, wenn sie, als sei sie 10 Kilo leichter, in vollem Galopp oder gemütlichem Trab ihr Klo mit Aussicht hinter sich lässt.

Wenn Arzu schläft, bellt, brummt und knurrt sie im Traum. Zu hören ist dann mittelfrequentes, rhythmisch recht schnelles „Wu-wu-wu-wu-wu-wu“, unterbrochen von tiefen, schnuffenden Atemzügen, schnurchelndem Grunzen und dem dezenten Pustegeräusch vibrierender Lefzen. Stöhnen, grummeln und ganz normales Schnarchen kommen natürlich auch vor. Manchmal klappert sie mit den Zähnen, als würde sie im Traum etwas kauen. Wenn sie träumt und all diese Geräusche macht, steigt in mir das Gefühl bedingungsloser Liebe auf, wie ich es einem Menschen gegenüber noch nie empfunden habe.

Vermutlich ist es kontraintuitiv, dem Lebewesen, das mensch am meisten liebt, gammeligen Müll zu essen zu geben. Es wird weniger seltsam, wenn mensch selbst ebenfalls größere Teile des eigenen Nahrungsbedarfs mit Müll deckt. Ich bin Teil eines Abnehmer*innen-Netzes geretteter Lebensmittel – quasi ein privates, illegalisiertes Foodsharing. Ein paar Leute gehen containern, holen viel mehr Zeug, als sie selber verbrauchen können, und verteilen den erschreckend großen Rest in ihrem weitläufigen Bekanntenkreis. Bei einer Freundin im Keller gibt es den sogenannten Freeshop, wo lagerfähige gerettete Produkte auf Verteilung oder Abholung warten. Dinge, die noch dicht verpackt und nicht allzulange abgelaufen sind, esse ich bedenkenlos selbst. Obst und Gemüse, das ich schäle oder wasche und erhitze, muss nicht verpackt sein.

Da es in den verschiedenen Containern aber auch viel Fleisch und Fleischprodukte gibt, die ich aus diversen Gründen trotz ihres Rettungs-Status nicht esse, fällt auch genug für Arzu ab. Sie bekommt Rind- und Geflügelfleisch, Meeresgetier vom Lachs bis zur Garnele, gekochten Schinken und andere nicht stark gewürzte Wurst- und Aufschnittsorten. Daruntergemischt werden pürriertes Gemüse, Eierschalen, ein bisschen Öl und zwei oder drei Löffel von Futterzusatzpülverchen. Ich habe seit Monaten kein Dosenfutter oder Frostfleisch mehr gekauft, weil Fleisch alle paar Tage neu aus dem Container anrollt, oft auch in so großen Mengen, dass der Tiefkühlschrank nie leer wird.

Gemüsereste fallen immer ab und ich mag nicht alles, was ich wöchentlich via Biokiste geliefert bekomme. Staudensellerie und das eine oder andere Kohlblatt, Möhrenköpfe, Zucchinienden, Strünke von Salat, Brokkoli oder Blumenkohl, welke Salatblätter, Kohlrabiblätter und Schalen, die Blätter von Rote Bete oder Rübchen und zum Schutz vor Parasiten ab und zu mal eine kleine Knoblauchzehe wandern in den Mixer. Vermutlich höre ich nicht ohne Grund häufig, wie gesund Arzu aussieht und wie schön ihr Fell glänzt. Sie mampft nur das Beste, ab und zu gibts sogar ein Stück richtig reifen Stinkekäse, einen Joghurt, Quark oder ein Ei. Alles, was nicht gemüse ist, liefert der Supermarkt-Müllcontainer und ab und zu der Biobauernhof mit eigener Rinderschlachtung in der Nachbarschaft. Dort nehme ich alles ab, was die reichen Leute aus der Gegend übrig lassen und was dann zu stark reduzierten Preisen rausgehauen wird, damit der Hofladen den Tiefkühlschrank für die nächste Ladung freibekommt.

Es gibt zwei Wege, Arzu glücklich zu machen. Der eine ist Mampf – nicht umsonst ist Arzu im Nebenberuf Staubsauger und futtert gern alle herunterfallenden Krümel und Reste, obwohl sie definitiv keinen Hunger leiden muss. Der zweite Weg ist Wasser. Von oben in Form von Regen mag sie es zwar mit zunehmendem Alter immer weniger, stehendes oder fließendes Wasser liebt sie aber. Dabei legt sie gar keinen gesteigerten Wert auf schwimmen. Meist reicht es ihr, bis zum Bauch im Wasser zu stehen, ein bisschen zu trinken und herumzuplanschen. Zu diesem Zweck machen wir fast täglich einen Splosh-Ausflug zum Regenrückhaltebecken. Für diese Form des Glücks haben wir den Begriff Happynass eingeführt, obwohl oder vielleicht auch weil Arzu im resultierenden Zustand ihren Beinamen Muff und Dunkelstunk besonders große Ehre macht. Auch, wenn sie den Spaziergang durch Wiesen und Felder genutzt hat, sich in einem Kuhfladen oder Ähnlichem zu wälzen, ist das Regenrückhaltebecken ein hervorragender Anlaufpunkt, wo sie sich selbstständig und ohne Protest wieder saubermacht. Von ihrem Lieblingsparfüm bleibt dann meist nur ein Hauch übrig, den ich ihr gerne gönne.

Wenn sie Eau de Kuhfladen, tote Maus oder Gammelfisch aufgelegt hat, drohe ich ihr gern damit, ihr längs auf den Rücken einen weißen Streifen zu malen – dann sieht gleich Jede*r, dass ein Stinktier im Anmarsch ist. Genauso legitim wären vertikale gelbe Streifen, denn auf dem Heimweg nach jedem Spaziergang wird sie zur Tigerente und lässt sich beinahe von mir nach Hause ziehen, entweder weil der Spaziergang ausgedehnt und anstrengend war, oder weil er eben das nicht war und sie noch nicht nach Hause will. Das Einzige, was gegen die Tigerentigkeit hilft, ist dann die Ankündigung von Mampf.

Mein kleines, großes, großartiges Muff, hoffentlich verbringen wir noch viele plüschige Jahre gemeinsam! Ich gratuliere Dir von Herzen, und ich gratuliere Deiner Trainerin, die mit Deiner Ausbildung einen wunderbaren Job gemacht und uns Beide zusammengebracht hat. Danke für Alles!

12 Gedanken zu “Mein Geburtstags-Muff

    1. kommunikatz sagt:

      Vielen Dank 🙂 Das Laufen ist weniger das Problem, eher die Konzentration. Wenn ein Hund führt, muss er ja die ganze Zeit sehr aufmerksam sein und andererseits eigene Impulse stark unterdrücken. Das ist anstrengend, wenn ein Führhund viel im Einsatz ist, was bei Arzu aber ja eher nicht der Fall ist. Viele Hunde bekommen irgendwann im höheren Alter auch Probleme mit dem Bewegunsaparat oder mit ihrer eigenen Seh- oder Hörfähigkeit, was für die Führarbeit auch irgendwann zum Problem werden kann. Normalerweise arbeitet ein Führhund, bis er etwa 10 Jahre alt ist. Bei Arzu gehe ich aufgrund ihrer sehr guten Verfassung und bisher phänomenal stabilen Gesundheit davon aus, dass sie auch mit 11 oder 12 ab und zu noch Arbeitseinsätze machen und daran auch Spaß haben kann, aber darauf verlassen werde ich mich nicht und sie soll ja auch einen schönen und geruhsamen Lebensabend verbringen, der, wie bei Menschen auch, irgendwann nicht mehr von Arbeit bestimmt sein soll. Da die Führarbeit aber auch mit viel Spaß und Belohnung verbunden ist und Arzu das Ganze wirklich mehr als Spiel denn als Ernst des Lebens zu betrachten scheint und ich eh schon gar nicht soo viel von ihr verlange, wird das alles entspannt und unproblematisch sein, sofern nichts gesundheitlich Unvorhergesehenes dazwischenkommt.

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  1. kommunikatz sagt:

    Und da gabs sogar noch eine kleine Geburtstagsparty 🙂 Akiro und sein Cheffe waren spontan hier, es gab jede Menge Leckerchen und die Hunde haben lautstark und sehr süß gespielt. Vom Sound her klingt das immer wie Bär und Robbe, ich habe leider nie im passenden Moment mein Tonaufnahmegerät am Start. Es ist irre, wie welpenhaft 9- und fast 14jährige große Hunde miteinander toben können.

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