Hitzegedanken II

Der Sommer 2019 begann brachial. Pünktlich zum kalendarischen Sommeranfang, also der Sommersonnenwende am 21. Juni, und damit auch pünktlich zur ersten internationalen Großdemo von Fridays for Future in Aachen drehten die Temperaturen auf. Seitdem, also seit einer Woche, taumelt das Thermometer tagsüber konsequent um die 30°C-Marke herum. Meine Komfortzone liegt irgendwo im Bereich zwischen 10 und 20°C, bis 25°C komme ich auch noch irgendwie zurecht, aber heute sind schon wieder bis zu 27°C gemeldet und morgen steigt die Tagestemperatur wieder weit über 30°C.

Letztes Wochenende, den Freitag eingeschlossen, fanden direkt vor meiner Haustür und am Tagebau Garzweiler die größten und wichtigsten Demonstrationen des Jahres statt. 40.000 FFF-Aktivisti in Aachen, 8.000 Menschen in Garzweiler und unzählige bei den verschiedenen Aktionen von Ende Gelände – und ich saß mit den Hunden zu Hause. Zur FFF-Demo hatte ich noch versucht, mitzugehen. schon im Aachener Westpark wurde es mir aber zu viel, zu warm, zu voll und zu chaotisch. Es gibt Tage, an denen ich keine Menschenmassen ertrage und am liebsten unsichtbar wäre – Heute vor einer Woche war so ein Tag. Ich verdrückte mich also direkt aus dem Westpark wieder nach Hause, nahm die Hunde mit und verpasste alles.

Eigentlich hatten sich FFF-Leute im Welthaus als Übernachtungsgäste angekündigt. Hätte diese Vereinbarung gegriffen, hätte es mir als Alibi völlig gereicht, mich im Welthaus um die Vorbereitung unserer Aula und des Café Mundo für 40 Aktivisti mit Isomatten und Schlafsäcken zu kümmern. Kurzfristig entschieden sich dann aber doch fast alle Teilnehmenden der Demo, im von der Stadt bereitgestellten Parkhaus zu pennen – es war kurzerhand in Parkhotel umgetauft worden und im Internet zum bestbewerteten Hotel Aachens avanciert – in einem Parkhaus zu schlafen, hat wohl wirklich Eventcharakter. Damit war aber mein Alibi hinüber und als Grund für meine Abwesenheit bei der Demo standen mir nur noch die Hunde und meine eigene Gesundheit zur Verfügung. Mein Altruismus war unbefriedigt und ich untröstlich.

Genauso ging es Samstag weiter. Greenpeace hatte einen Bus gechartert und mein Partner hatte uns angemeldet, obwohl ich erst noch davon ausging, auch dann im Welthaus sein, FFF mit Frühstück versorgen und verabschieden zu müssen. Ich hatte also eigentlich gar nicht vor, nach Garzweiler zu fahren. Kurzfristig – viel zu knapp, um Diskussionen vom Zaun zu brechen – stellte sich dann aber heraus, dass das Busunternehmen unsere Hunde nicht mitnehmen wollte. Also fuhr mein Partner alleine mit und ich saß wieder fernab vom Geschehen an meinem Schreibtisch. Dass das Wetter mich und die Hunde völlig geplättet hätte, war mir durchaus klar. Es war gut, dass ich nicht dabei war, genau wie am Vortag. Dennoch verbrachte ich große Teile des Tages heulend und deprimiert am Laptop.

Eigentlich dachte ich, schon vor langer Zeit verstanden zu haben, dass ich nicht immer zu den Krassesten gehören oder überall dabei sein muss. Aber es ging auch nicht um überall dabei sein sondern eher darum, dass gerade diese beiden Demos _die_ Events des Jahres waren, zu deren Gelingen ich so nichteinmal den kleinsten Beitrag geleistet hatte. Alle waren dort, alle sahen, dass ich nicht dort war. Allein das versetzte mir tausend Nadelstiche.

In der vergangenen Woche redeten alle über das Wochenende, erzählten begeistert von allen möglichen Aspekten und der geilen Party, in die die FFF-Demo letztlich am Aachener Tivoli gemündet war. Nichts von Alledem hatte ich mitbekommen. Das tat weh, auch wenn ich genau wusste, dass ich selbst direkt vor Ort nicht viel mitbekommen hätte, es sei denn, jemand hätte mir permanent soufliert, was um mich herum passierte.

Zusätzlich zu meiner Selbstzerfleischung war es noch immer zu heiß – mittlerweile bis zu 35°C. Das bedeutete für mich, jeden Weg zur oder von der Arbeit nach Hause genau planen zu müssen, denn ohne Assistenz kriege ich bei solchem Wetter alleine nicht viel auf die Reihe. Arzu mit ihrem schwarzen Fell ist bei Wärme und Sonne ähnlich bräsig und sediert wie ich, so dass ich mich nur für wirklich bekannte und unproblematische Wege auf sie in ihrer Führhundrolle verlasse. Ich musste mir also oft Begleitung organisieren und an einem Tag auch zu Hause bleiben, um zumindest auf Sparflamme von dort aus arbeiten zu können. Dabei konnte ich förmlich zuschauen, wie meine Selbstachtung in den Keller rauschte. Ich fühlte mich als absolute Versagerin, denn es trat genau das ein, wovor ich unterschwellig schon seit dem letzten Sommer Panik hatte: Ja, ein Stück weit gab mein Job beim Welthaus mir zwar ungeahnte Kraft, aber letztendlich führten die hohen Temperaturen erschreckend schnell dazu, dass ich platt gesagt abkackte.

Das direkt zu Beginn des Sommers so deutlich zu spüren, entzog mir jede Motivation. Schließlich war das erst der Anfang und ich würde diesen Zustand noch Wochen oder gar Monate lang ertragen müssen. So, wie im letzten Jahr, wäre es schon schlimm genug gewesen, aber nach meinem MS-Schub im April, dessen Nachwirkungen noch nicht ausgestanden sind, potenzierte sich gefühlt meine Abkackeritis.

An diesem unguten Gefühl knabbere ich noch. Leider steht nun auch wieder ein heißes Wochenende bevor, an dem ich möglichst das Haus und die schattigen Ecken des Gartens nicht verlassen möchte. Nächste woche soll es höchstens 26°C warm werden – beinahe noch ok für mich. Ich hoffe sehr, dass das Wetter sich an die Vorhersage hält. Aber meine tiefschwarze Einstellung zu mir selbst, meinem Leben und dem Fortgang der Welt und ihres Klimas werde ich wohl in den nächsten Wochen nicht loswerden und meinem Umfeld mit einer depressiven Episode auf den Wecker gehen, die sich gewaschen hat.

PS: Dennoch weiß ich, dass FFF mir und dem Welthaus dankbar ist – wir hatten dem Orgateam für die Tage unmittelbar vor der Demo einen Raum zum Arbeiten und Übernachten zur Verfügung gestellt – mietfrei versteht sich. Der Kontakt zu den Schüler*innen war super, sie waren zuverlässig und ich habe ihnen unseren Support für die Zukunft zugesichert.

9 Gedanken zu “Hitzegedanken II

  1. kommunikatz sagt:

    Und heute geht es gleich so weiter, wie am letzten Wochenende. Die spontane rote Linie am Hambacher Wald schaffen weder ich noch die Hunde bei 29°C. Allein der Hin- und Rückweg wäre mit dem kleinen, klimaanlagenlosen Auto unserer Nachbarin eine Tortur. Egal, mein Partner packt das Auto dann halt mit anderen Leuten voll und fährt trotzdem, was ja auch gut so ist – die rote Linie ist wichtig und er hat die Stoffbahnen dafür im Gepäck. Aber wann sollen wir als Paar gemeinsame Freizeit verbringen, wenn ich unter der Woche die ganze Zeit arbeite und er am Wochenende die ganze Zeit unterwegs ist?

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  2. kommunikatz sagt:

    Wieder ist Sonntag, wieder ist es warm, wieder ist Waldspaziergang im Hambi und wieder sitze ich mit den Hunden zu Hause. Ich hätte so gern einen schönen Tag mit meinem Partner verbracht, die vielen, lieben Menschen endlich wiedergesehen, die ich früher alle zwei Wochen getroffen habe und jetzt zum Teil seit einem halben Jahr nicht mehr um mich hatte. Eigentlich fehlen mir genau die positiven, angenehmen Gelegenheiten, um Kraft zu tanken. Die entspannten Treffen mit all den aktiven Menschen, bei denen alle sich gegenseitig bestärken, gewissermaßen die Früchte ihrer Protestarbeit ernten und den gemeinsamen Kampf für die gute Sache genießen. All das erlebe ich gar nicht mehr, weil ich bestenfalls noch die Pflicht schaffe, für die Kür aber die Energie nie ausreicht. Ich brauche dringend eine Lösung für dieses Problem.

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