Das Urlaubstonbandtagebuch

Als ich ein Kind war, hatte meine Familie eine schöne Tradition. In jedem Urlaub von 1987 bis 1994 setzten meine Eltern, meine kleine Schwester und ich uns jeden Abend gemeinsam rund um unseren alten Kassettenrekorder und erzählten, was den Tag über passiert war. Diese Tagebuchaufnahmen machten wir vor allem für unsere Großeltern, sie hatten aber auch einen deutlichen Spaß- und Kommunikationsfaktor. Das Urlaubstonbandtagebuch war eine Institution und ein allabendliches Ritual, bei dem wir alle aus unserer jeweiligen Sicht den Tag und seine Ereignisse rekapitulierten. Wenn wir mit einer anderen Familie gemeinsam Urlaub machten, wurde diese einbezogen. Manchmal tauchten auch Leute, die wir im Urlaub kennenlernten, als Gäste auf. Vor einigen Jahren machte meine Schwester sich die Arbeit, alle Kassetten zu digitalisieren, bevor die Tonbänder ihren Magnetismus verloren. Seither habe ich all unsere Urlaubstonbandtagebücher als mp3-Dateien auf meinem Rechner und habe diese Zeitdokumente schon oft mit nostalgischen Gefühlen angehört.

Dieses Jahr wünschte ich mir zum Geburtstag ein Diktiergerät. Das kleine Ding ist speziell für blinde Menschen optimiert, hat sprechende Menüs, einen via USB auslesbaren Speicher und die Retro-Haptik eines Mini-Kassettenrekorders. Es lässt sich daher nicht nur sehr komfortabel bedienen sondern die Aufnahmen sind auch mit wenig Aufwand als .wav-Dateien auf die Festplatte kopiert. Die Klangqualität ist viel besser, als die Bezeichnung „Diktiergerät“ vermuten lässt. Ich nutze es daher überwiegend zum Aufnehmen schnarchender Hunde, singender Vögel, anderer Naturgeräusche und Klangatmosphären inkl. Gitarrengeklimper meines Partners.

Mit dem Aufnahmegerät beschlossen wir, dieses Jahr für uns die Tradition des Urlaubstonbandtagebuchs fortzusetzen. Eine Zielgruppe hatten wir dabei nicht im Kopf, die Aufnahmen sollten einfach für uns sein. Als wir uns Mitte Juli auf den Weg nach Zeeland zu unserem Boot machten, waren wir in freudiger Erwartung von zwei Wochen mit ein bisschen Arbeit am Boot für meinen Partner, ein paar mitgenommenen Welthaus– und Friedenspreis-Aufgaben für mich, ansonsten aber einer gechillten und stressfreien Auszeit vom Alltag. Endlich wieder Zeit in der Natur zu verbringen, die Vögel, das Wasser und die entfernten Geräusche anderer Boote zu hören, in Biesbosch zu schwimmen und den Hunden Abkühlung und Wasserspaß mit geworfenen Stöcken oder Algenkneueln zu bereiten – all das war die Idee. Wir wollten nicht weit weg, einfach nur raus aus dem Hafen, nach schönen Orten suchen und so lange da bleiben, bis es uns weiterzog.

Bald wurden die abendlichen Tonaufnahmen auch für uns zum Ritual. Sie fanden immer dann statt, wenn das Tagwerk vollbracht war und wir zum gemütlichen Teil übergingen. Wer sich die Aufnahmen anhört und nicht zu sehr auf den Inhalt achtet, muss denken, dass wir einen gelungenen Urlaub hatten, denn sie klingen allesamt einträchtig und entspannt. Was wir dem Aufnahmegerät erzählten, war allerdings großteils alles Andere als schön und die therapeutische Wirkung des Tonaufnahmetagebuchs war daher immens. Sehr schnell nahm das Tagebuch die Funktion der Aufarbeitung und der Reflexion ein, denn die Tage waren aus diversen Gründen aufreibender als jeder Alltag zu Hause es sein kann.

Die erste der beiden Wochen brauchte ich erwartungsgemäß, um mich auf dem Boot zu akklimatisieren. Ich war seit zwei Jahren nicht mehr für längere Zeit dort gewesen, da im vergangenen Jahr wegen meines Hauses der Sommerurlaub ausgefallen war. Um wirklich auf dem Boot und in der Natur mit allen Entbehrungen und Vereinfachungen anzukommen, brauche ich aber mehr als ein Wochenende, so dass die letzten, kurzen Aufenthalte dort für mich nie erholsam sondern jedes Mal eher anstrengend waren. So war nun auch diese Woche, während der zumindest das Wetter zum Glück noch recht angenehm und nicht zu heiß war. Mein Partner schliff und lackierte Mast und Baum neu, ich lebte mich derweil ein und gewöhnte mich in meinem Tempo wieder an das Leben als Flussratte. Den Frust, den ich aus meinem Alltag abschütteln und hinter mir lassen wollte, wurde ich nur langsam los – er war sehr hartnäckig und klebte regelrecht an mir, zumal ich auf dem Boot noch schlechter schlafe als zu Hause und von den stressfreieren Tagen daher wegen des stetig wachsenden Schlafdefizits wenig hatte. Erschwert wurde das Schlafen zusätzlich durch die Präsenz zahlloser Mücken. Zerstochen werden ließ sich nur vermeiden, indem wir mindestens 50 Meter von Land entfernt auf offenem Wasser ankerten, was sich nicht jeden Abend realisieren ließ und selbst dann auch nur verhinderte, dass neue Mücken kamen. Diejenigen, die sich tagsüber in der Kajüte versteckt hatten und mitreisten, wurden wir nicht mehr los.

Am Ende der ersten Woche stand ich kurz vor dem Aufgeben. Ich hatte nicht viel zu tun und das Wenige, was ich hätte tun wollen oder müssen, verkomplizierte sichentweder wegen meines matschigen und übermüdeten Zustands oder wegen anderer Faktoren bis zur maximalen Frustration. Mir war schlicht langweilig und ich kam mir nutzlos vor, während mein Partner emsig am Boot arbeitete. Die Stimmung zwischen uns war tagsüber entsprechend konfliktgeladen und angespannt. In einer solchen Atmosphäre konnte ich auch nicht schreiben, was die einzige Beschäftigung gewesen wäre, die mir vielleicht Entspannung und das Gefühl der Produktivität verschafft hätte – wenn ich schlechte Laune habe, bin ich nicht kreativ.

In der zweiten Woche kam die Hitze dazu. Die Temperaturen stiegen über 30°C, was für mich das Arbeiten am Laptop mit Kopfhörern auf Phasen von höchstens 30 Minuten reduzierte. Habe ich bei solchen Temperaturen für längere Zeit Knöpfe in den Ohren, entzünden sich zuverlässig meine Gehörgänge, wenn darin zwischendurch auch mal nicht ganz sauberes Flusswasser landet. Mehr als e-Mails checken und ab und zu einen Zeitungsartikel lesen, war entsprechend nicht drin. Schlimm war das nur halb, denn zum Denken war es eh zu warm. Kurz nach dem Temperaturanstieg begann aber erst das eigentliche Chaos. Eine Kaskade von Desastern bestimmte den restlichen Urlaub.

Das Drama fing mit einer verschlissenen Schlauchklemme an. Diese hatte Jahrzehnte lang einen Schlauch des Kühlwassersystems fixiert, der sich nun löste und das Kühlwasser unmittelbar in den Motorraum plätschern ließ. Während der alte, laute Dieselmotor lief, war nur ein ganz leises Störgeräusch zu hören, das wir beide nicht einordnen konnten. Wir fuhren also bis an die Stelle, zu der wir wollten, um die Hunde an Land zu lassen. Dort öffnete mein Partner die Motorhaube, die zugleich der Fußboden des offenen Cockpits ist – und ihn traf beinahe der Schlag. Der gesamte Motorraum und die gesamte Bilge, also das Innere des 9 Meter langen Stahlrumpfs des Bootes, standen voller Wasser. Es hätte nicht mehr viel gefehlt, und das Boot wäre gesunken. Außerdem stand das Wasser keinen Zentimeter unter den Kontakten der Batterie. Wäre es nur minimal weiter angestiegen, hätte sich unsere gesamte Elektrik kurzgeschlossen.

Nun galt es, das Wasser aus Motorraum und Bilge zu pumpen – natürlich nicht direkt in die Umgebung sondern zunächst in Eimer und Kanister, um zu prüfen, ob es Öl oder Diesel enthielt. Als diese stundenlange Prozedur bei 36°C erledigt war und wir hofften, der Motor würde nun wieder laufen, mussten wir feststellen, dass auch Wasser in den Motor selbst eingedrungen war. Ihn zu benutzen, war also nicht möglich.

Das Beiboot, dessen außenbordmotor wegen eines mutmaßlichen vergaserproblems immer wieder ausging, musste nun Schlepper spielen. Der 5PS Außenborder des winzigen Alubootes war unser letzter verbleibender Antrieb, nachdem der Mast wegen des frischen Anstrichs noch umgelegt war, Segel setzen auf unserem Oldtimerboot eh ein viel zu großer und riskanter Akt gewesen wäre und der Dieselmotor sich vollends verabschiedet hatte. Den Außenbordmotor mussten wir jedoch zuerst mit ausreichend Treibstoff versorgen. Das bedeutete, dass mein Partner zu allererst mehrere Kilometer in die falsche Richtung zur Tankstelle und zurück fahren musste, inkl. überquerung des Flusses Ammer mit Frachtschiffverkehr und einem immer wieder in den ungünstigsten Momenten verreckenden Außenborder. Als das vollbracht und er mit dem Beiboot zurück war, brauchten wir zwei halbe Tage mit einer Zwischenübernachtung, um auf diese Weise eng vertäut als Schleppverband und vom großen Boot aus steuernd unseren Heimathafen zu erreichen.

Unterwegs sorgte der Besuch eines Schmetterlings für einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit und es passierte, was in Biesbosch ohnehin fast unvermeidlich ist: Unser Schleppverband lief auf Grund. Um uns aus dem klebrigen Schlamm zu befreien, half nach vielen Versuchen, das Boot mittels Beiboot aus der Untiefe zu ziehen, letztendlich nur, ins Wasser zu steigen und das Boot aus dem Schlamm zu schieben. Indes fuhren jede Menge Boote an uns vorbei, deren Insass*innen uns zwar interessiert begafften, aber nichteinmal Hilfe anboten, wenn sie selbst sich gerade erst von der selben Sand- und Schlammbank befreit hatten. Ein Hilfsangebot bekamen wir erst, als wir dank Körperkraft längst wieder frei waren und keine Hilfe mehr brauchten.

Bei ca. 38°C schipperten wir im Schritttempo durch die pralle Sonne. Ich kühlte mich bei jedem Zwischenstop im Wasser ab und wusch den klebrigen Schweiß und den Dreck der letzten Tage von meinem Körper. Diese Abkühlungen wirkten Wunder, jedoch hielten sie nie lange vor. Im Hafen angekommen war daher das Erste, was wir beide dringend brauchten, eine Dusche. Das fühlte sich wie absoluter Luxus an, genau wie Zähneputzen ohne Wasserspardiktat durch einen zur Neige gehenden Wassertank und ein Klo, auf dem ich meinem durch die MS und die wenige Bewegung träge werdenden Darm die Zeit geben konnte, die er brauchte.

Mein Partner untersuchte und reparierte in den folgenden Tagen am Boot, was er mit Hilfe des örtlichen Bootsbedarfsladens und des hilfsbereiten Hafenmeisters schaffen konnte. Letztendlich war das mehr, als wir zunächst gehofft hatten. Die noch offenen Baustellen sind nun relativ überschaubar und klar umrissen. Am letzten Julisonntag konnten wir daher endlich ohne allzu schlechtes Gewissen unseren Rettungsjoker ziehen: Mein Vater, der motorisierte Engel mit der Glatze und dem weißen Bart, holte uns und all unser Geraffel ab. Im Auto lief eine CD mit alten Liedern von Franz Josef Degenhardt, die ich schon aus meiner Kindheit kenne – besser hätte es nicht sein können.

Zu Hause anzukommen war himmlisch und ich bin heilfroh, diese Woche noch nicht arbeiten zu müssen. Im Welthaus rechnen die Anderen erst nächste Woche wieder mit mir. Nach diesem Urlaub brauche ich definitiv noch etwas Erholung – das konnte auch das Tonaufnahmetagebuch nicht vollständig abmildern. Es hat aber zumindest dafür gesorgt, dass wir jeden Abend eine Art Debriefing hatten, alles erzählen und dadurch reflektieren mussten. Die soziale Kontrolle, selbst bloß durch ein Tonaufnahmegerät, dessen Aufzeichnungen außer uns niemals jemand hören wird, reichte aus, um effektiv zu verhindern, dass wir uns die Köpfe einschlagen. Einen solchen unfreiwilligen Abenteuerurlaub wünsche ich niemandem – vor allem niemandem, die oder der eigentlich auf der Suche nach Erholung ist. Ein Tonaufnahmetagebuch – egal ob mit oder ohne Urlaub – wünsche ich hingegen Jeder und Jedem, denn die Produktion und das spätere Abhören sind heilsam und machen gleichermaßen Spaß.

 

PS: Ich habe diesen Beitrag gerade bei der Blogparade „Reiseglück 2019“ des Blogs SOS-Fernweh eingereicht – nennt mich zynisch 😉

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3 Gedanken zu “Das Urlaubstonbandtagebuch

  1. Janina (SOS Ferweh) sagt:

    Liebe Lea,
    herzlichen Dank für diese herrlichen Zeilen an einem Samstag Vormittag. Ich weiß, in dem Moment selbst war euch sicher nicht zum Lachen zu Mute. Aber diese Erlebnisse werdet ihr nie vergessen und wahrscheinlich noch euren Enkeln erzählen. 🙂

    Herzliche Grüße
    Janina (SOS Fernweh)

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Janina,
      freut mich, dass Dir mein Beitrag gefällt! Stimmt, lustig war das wirklich nicht, auch im Rückblick hält es sich damit, ehrlich gesagt, in Grenzen. Enkel, denen wir es erzählen könnten, wird es auch nie geben, aber irgendwem erzählen wir es sicherlich noch oft Genug 🙂
      liebe Grüße
      Lea

      Liken

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