Menstruation: am Arbeitsplatz und überall

Die Blogparade von www.fraulichkeit.de unter dem Hashtag #fraulichkeit hat das Thema #menstruationamarbeitsplatz. Bei mir wird es allerdings etwas allgemeiner – schließlich ist die Menstruation an sich schon so ein Ding.

Als normal gilt ein Zyklus von 28 Tagen, frau sollte also ziemlich genau alle vier Wochen bluten. Wie bei so Vielem sagt mein Körper aber auch dabei seit einigen Jahren „fuck it!“ und macht den Zyklus einfach mal um genau eine Woche kürzer. Laut meiner Gynäkologin ist mein meist 21tägiger Zyklus gerade noch im Bereich des Normalen, solange keine zu starken Beschwerden oder Schwankungen dazukommen. Meine Blutung dauert nie länger als vier Tage und ist nur moderat heftig, aber die dazugehörigen Stimmungstiefs und Unterleibsschmerzen hätte ich wirklich gerne seltener.

Mein Zyklus begann zu spinnen, als ich die hormonelle Verhütung absetzte, um auf eine Kupferspirale umzusteigen. Seit ich 18 war, hatte ich die Pille genommen, seit mitte 20 einen Hormonring verwendet. Mit Ende 20 hatte ich keine Lust mehr auf den Hormonzirkus. Ich wollte meinem Körper nichts mehr vorgaukeln und vor allem wollte ich endlich wissen, wie sich ein echter, nicht künstlich betäubter Zyklus anfühlte. Ich wollte meiner Libido einen Arschtritt geben und endlich mehr Spaß am Sex haben, was die ständige Zufuhr künstlicher Hormone meinem Eindruck nach bisher effektiv verhindert hatte. Um mir eine Spirale einsetzen zu lassen, wartete ich also sehnlich auf meine erste echte, unverbrämte Monatsblutung seit mehr als zehn Jahren. Die kam aber nicht. Mein Körper war erstmal der Meinung, dass er ohne Anstoß von Außen gar keinen Bock mehr auf einen Zyklus hatte. Zehn Tage lang nahm ich also wieder irgendeine Pille, um meinem Körper einen Reset zu verpassen. Danach kamen tatsächlich zunächst sehr schwache, aber dennoch relativ regelmäßige Blutungen – der Spirale stand nichts mehr im Weg.

Nun konnte ich ungestört meinen Zyklus erforschen. Als „Nebenwirkung“ der Spirale hatte ich oft von deutlich stärkeren und schmerzhafteren Blutungen gehört. Ein bisschen schmerzhafter wurde es tatsächlich, aber ansonsten merkte ich in dieser Hinsicht keinen Unterschied. Was neu war, waren die immer heftiger werdenden Stimmungsschwankungen vor den Tagen. Irgendwann konnte ich danach quasi die Uhr stellen und wusste genau, dass ich mich auf die Blutung vorbereiten musste, wenn meine Laune auf eine bestimmte Art und Weise unterirdisch wurde. Aber auch die erhofften positiven Effekte waren spürbar. Um den Eisprung herum hatte ich wirklich deutlich mehr Lust auf und Spaß am Sex.

Als nach knappen fünf Jahren meine erste Spirale ausgedient hatte, war ich seit über einem Jahr solo. Das Konzept „Sex mit Männern“ lag mir zu dieser Zeit sehr fern, so dass ich Verhütung unnötig fand und mir keine neue Spirale einsetzen ließ. Kurz darauf lernte ich meinen jetzigen Partner kennen und wir verhüteten zu Beginn unserer entstehenden Beziehung mit Kondomen. Perfider- aber irgendwie auch (bio-)logischerweise war die Lust und der Nervenkitzel aber ganz ohne Verhütung am größten. Mein Partner hielt sich für weitgehend unfruchtbar und ich glaubte, meinen Zyklus genau genug zu kennen, um zu wissen, wann ich ungeschützten Sex riskieren konnte. Das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft schien uns verschwindend gering zu sein und wir waren gelegentlich entsprechend leichtsinnig. Als ich mir nach zwei oder drei Monaten dieser Unsicherheit wieder eine Spirale einsetzen lassen wollte, blieb meine sonst so regelmäßige Blutung aber wieder aus.

Der Leichtsinn rächte sich: Ich war schwanger. Als meine Gynäkologin mir das empathisch und ohne jede Übergriffigkeit verkündete, fühlte es sich trotzdem an wie eine Krebs-Diagnose. Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich keine Kinder wollte. Die Gründe reichten von meinen multiplen Einschränkungen durch Blindheit und MS, deren Fortschreiten ungewiss war und die mir das Leben mit Kind erschwert hätten, über die Tatsache, dass ich schlicht mit mir selbst genug zu tun hatte, Verantwortung und Commitment scheute bis hin zu dem ausgeprägten Gefühl, mitten im Niedergang der zivilisierten, bewohnbaren Welt zu leben und diese Welt keinesfalls einem neuen Menschen zumuten zu wollen. Nun, in der Realität, kam erschwerend hinzu, dass ich seit beinahe einem halben Jahr in einer Art Dauerparty mit grenzwertigem Alkohol- und Cannabiskonsum steckte – für das schon seit zweieinhalb Monaten in meinem Bauch entstehende Kind garantiert eine beschissene Startbedingung.

Mein Partner und ich waren uns einig, dass ein Schwangerschaftsabbruch die einzige Option war. Mit wunderbarem Support durch ihn, meine Gynäkologin, eine verständige und vernünftige Mitarbeiterin von Donum Vitae und eine großartige, erfahrene Ärztin, die den Eingriff durchführte, zog ich den Abbruch auf meine eigenen Kosten durch – schließlich war es auch unser eigener Leichtsinn gewesen, der uns in diese Situation gebracht hatte und kein Kostenträger hätte mich da rausgerissen. Es ist vielleicht eine etwas freie Interpretation von behinderungsbedingtem Mehrbedarf, für den Menschen wie ich Blindengeld ausgezahlt bekommen, aber ich fand es an dieser Stelle legitim, es in die Abtreibung zu investieren. Als der Spuk überstanden war und meine Monatsblutungen wieder einsetzten, holte ich mir sofort wieder eine Spirale.

Um nun endlich den Dreh zum eigentlichen Thema der Blogparade zu kriegen und den Arbeitsplatz ins Spiel zu bringen: Während der letzten Jahre der bisher erzählten Geschichte war ich arbeitssuchend. Ungefähr zeitgleich mit dem ungewollten Kind hatten mein Partner und ich die Idee gezeugt, dass ich mich selbstständig machen und als freiberufliche Texterin und Übersetzerin mein Geld verdienen könnte. Das tat ich und blieb es bis Ende des letzten Jahres. Mein Arbeitsplatz war also immer mein Zuhause, was den Umgang mit der Menstruation und all ihren Kapriolen sehr komfortabel machte. Ich nutze seit über zehn Jahren eine Menstruationstasse, deren Anwendung bei stärkeren Blutungen manchmal nicht ohne verkleckertes Blut von Statten geht. Im eigenen Badezimmer war das aber nie schlimm, denn mich selbst störte mein Blut nicht und mein Partner konnte mich diskret darauf hinweisen oder es wegwischen, falls mal Besuch kam, der daran hätte Anstoß nehmen können. Fühlte ich mich vor oder während der Blutung zu mies, konnte mich kein*e Vorgesetzte*r daran hindern, mehr Pausen zu machen oder mich für einen ganzen Tag auszuklinken.

Seit Anfang dieses Jahres bin ich nun wieder festangestellt und an vier von fünf Werktagen jeweils für mindestens fünf Stunden im Welthaus. Dort arbeiten – ehrenamtlich und angestellt – eine Menge wunderbarer Menschen, die aufeinander achten, um die Fallstricke und Tücken des Lebens und des Alltags wissen. Wenn es mir hitzebedingt wegen meiner MS nicht gut geht oder ich es gar nicht ins Büro schaffe, hat dafür Jede*r Verständnis und ich wurde in so einer Situation auch schon ausdrücklich dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben und bestenfalls von dort aus zu arbeiten. Menstruationsbeschwerden sind bei mir höchstens der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass meiner Befindlichkeiten zum Überlaufen bringt, aber selbst, wenn sie der eigentliche Auslöser für zu große Unpässlichkeit wären, hätte ich keine Scheu, das zu sagen. Ehrenamtliche Termine habe ich schon unter ausdrücklichem Verweis auf derartige Beschwerden abgesagt – mit der Arbeit würde ich es genauso handhaben, wäre es notwendig.

Ich schätze dieses fürsorgliche und offene Arbeitsumfeld sehr und wünsche eigentlich jeder Person mit Zyklus und Monatsblutungen eine so akzeptierende und positive Umgebung. Ich arbeite mit Menschen zusammen, denen gegenüber ich mich nicht schäme, wenn ich zugeben muss, dass ich nicht weiß, ob ich auf der Toilette Blutflecken hinterlassen habe. Mit soetwas ohne Scham und Angst umgehen zu können, ist sehr erleichternd.

Würde ich irgendwo arbeiten, wo Period Shaming an der Tagesordnung wäre, hätte ich durch meinen zwangsläufig recht lockeren Umgang damit aber wahrscheinlich auch gute Chancen, dagegen anzukämpfen. Wer mich persönlich kennt oder regelmäßig mein Blog verfolgt, kennt meine radikale und oft schonungslose Ehrlichkeit. Vermutlich würde ich auch an einem zyklusnegativeren Arbeitsplatz kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich würde mit Blut kleckern und das thematisieren, ich würde mich mies fühlen und deshalb um Rücksichtnahme oder Heimarbeit bitten, und ich würde anderen Menschen mit Zyklus das Gefühl geben, dass sie sich genauso wenig wie ich dafür schämen müssen. Ich bin durch meine Behinderung und meine chronische Krankheit so daran gewöhnt, Unzulänglichkeiten einzugestehen, Hilfe und Rücksichtnahme einzufordern, meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu beachten, dass ich diesen Umgang auch mit meiner Menstruation pflegen und anderen vorleben kann.

Im Kampf gegen Period Shaming und die Stigmatisierung des weiblichen Zyklus ist radikale Offenheit ein wichtiger Baustein. Wir können nicht erwarten, dass die Monatsblutung aus der Schmuddelecke herauskommt, wenn wir selbst sie wie etwas Peinliches und Dreckiges verstecken. Normalisieren kann sich ein Thema nur, wenn so viele Menschen wie möglich es als normal behandeln. Ich plädiere daher sehr dafür, Period Shaming dadurch entgegenzutreten, dass wir uns nicht beschämen lassen sondern schamlos, offen und ehrlich mit unserem Körper, unserem Zyklus, unseren Bedürfnissen und Befindlichkeiten umgehen. In den letzten Jahren entwickeln wir uns netterweise schon deutlich in diese Richtung – also, lasst uns weiter daran arbeiten, um uns selbst und allen Anderen Scham und Angst vor diesem so natürlichen Phänomen zu nehmen!

3 Gedanken zu “Menstruation: am Arbeitsplatz und überall

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