Klimadepression

Dieser Artikel von Tadzio Müller spiegelt recht gut, wie ich mich fühle. Nur mit dem Unterschied, dass Tadzio richtig viel schafft und geschafft hat. Er hat Ende Gelände mitbegründet, als Autor und Journalist unglaublich viele Proteste begleitet und darüber geschrieben, auch ansonsten sehr viel protestiert und veröffentlicht. Ich möchte seine Schilderungen und Argumente gar nicht wiederholen, Ihr könnt seinen eigenen Text lesen.

Hier nur ein ganz kurzer Abriss: Uns bleiben nur noch ein paar Jahre, in denen das Leben auf der Erde einigermaßen bequem weitergehen wird. Dann wird es ungemütlich, heiß, trocken, lebensfeindlich. In vielen Teilen der Welt ist es das längst, bei uns kündigt es sich deutlich an und die Sommer sind für Menschen wie mich schon jetzt kaum erträglich. Selbst, wenn wir unser Verhalten jetzt radikal ändern würden, hätte das keine Auswirkung mehr oder würde uns zumindest nicht retten. Was wir jetzt tun, äußert sich im verhältnismäßig trägen System des Klimas erst in ein paar Jahrzehnten. Die Treibhausgase der letzten 100 Jahre wirken sich bis dahin weiter verheerend aus und alles wird schlimmer. Da unsere Veränderungen ohnehin mehr als zaghaft sind und anderswo auf der Welt eher noch zugelegt wird als Emissionen einzusparen, sind unsere Chancen auf eine tatsächliche Umkehr und ein echtes Ausbremsen der Katastrophe gleich Null.

Tadzio klagt gewissermaßen auf hohem Niveau, er hatte bereits eine Menge Einfluss und Impact, hat quasi getan, was er konnte. Ich dagegen bin ein kleines Licht, meine Texte interessieren keine Sau, ich bin viel zu recherchefaul, um etwas wirklich inhaltlich Gutes, Aufklärendes, Mitreißendes und Motivierendes zu schreiben. Ich kann bei vielen Protestformen einfach nicht effektiv mitmachen,, im Sommer in der Hitze erst recht nicht. Protest ist für mich kein Antidepressivum sondern verstärkt meine Depression nur. Ich bin keine Hilfe für die Bewegung, keine Hilfe für mein direktes Umfeld und vor allem keine Hilfe für mich selbst. Alles deprimiert mich immer weiter, so dass ich nichteinmal in der Lage bin, aus den verbleibenden paar Jahren noch irgendeinen Lustgewinn im privaten Bereich zu zieen. Es ist alles viel zu scheiße, um noch irgendetwas zu genießen. Und da ich dem ganzen Mist nichts entgegensetzen kann, außer selbst so viel Energie und Wasser wie nur möglich einzusparen und mich ein bisschen darum zu kümmern, dass die Leute auf den letzten Metern zumindest friedlich miteinander umgehen, gelingt mir auch keine Freude mehr.

Wozu soll ich noch irgendetwas Neues anfangen, wozu soll ich etwas erschaffen oder kreativ sein, wenn doch eh schon alles im Arsch ist? Woher soll ich dafür auch nur das kleinste Fitzelchen Motivation nehmen, wenn doch eigentlich immer nur alles an mir zerrt und zehrt, mir jede Kraft und jeden Antrieb raubt? Das Schöne müsste sich mir regelrecht aufdrängen, damit ich es wahrnehmen und genießen könnte, aber darauf hoffe ich nicht. Was sich mir aufdrängt, ist nerviger, anstrengender, fordernder und ermüdender Kram. Der entzieht mir systematisch alles das, was ich bräuchte, um diese Apokalypse durchzustehen. Die Aussicht, dass alles immer schlimmer werden wird, bis es dann eben irgendwann in irgendeinem großen Untergangsszenario gipfelt, spornt nicht gerade an.

Zwischendurch denke ich, ich sollte vielleicht mein Mindset dahingehend ändern, dass ich aus der Not eine Tugend mache und mich als eine Art Frontreporterin betätigen. Ich könnte über den Niedergang schreiben, während er passiert, könnte das, was alle Anderen auszublenden und zu verdrängen scheinen, in Worte fassen und offenlegen. Aber wozu? Es will doch niemand wissen, die Leute sind glücklich mit ihrer Strategie der zugekniffenen Augen und des nicht-sehen-wollens. Da hole ich sie auch nicht raus, wenn dann schreibe ich auch wieder nur für die Bubble, die es doch eh schon weiß und im Zweifel genauso deprimiert ist wie ich selbst. Ich verstärke dann das Elend derer, die es eh schon wissen, aber aufwecken kann ich niemanden.

Meine Psychotherapeutin hat mich vor einem knappen Jahr mehr oder weniger mit einem Antidepressivum und der Aussage vor die Tür gesetzt, dass ich jetzt selber weitersehen müsse, weil ihr nichts mehr einfiele. Da war es gerade Herbst und es ging mir einigermaßen gut. Das Antidepressivum bekomme ich seither von meiner Neurologin, der nach meiner Ansage, dass ich trotz der Tabletten längst wieder tief in der Scheiße stecke, nichts anderes Einfiel, als die Dosis zu verdoppeln. Bisher bin ich noch auf 15mg Mirtazapin, spätestens mit der neuen Packung, die ich nächste Woche in der Apotheke holen muss, sind es dann 30. Ich rechne nicht mit irgendeinem brauchbaren Effekt. An der Ursache meines Problems ändert sich nichts, was soll da ein Medikament bringen, dass an ein paar Botenstoffen herumschraubt?

Ich versuche, weiterzumachen, weiter zu funktionieren, meine Aufgaben und Verpflichtungen zu erfüllen. Aber es ist schwer und wird gefühlt immer schwerer. Ich lenke mich mit einer Katastrophe von der anderen ab, beschäftige mich mit dem einen Ärger, um den anderen wegzuschieben. Vielleicht hilft es, wenn zumindest der Sommer bald zuendegeht.

7 Gedanken zu “Klimadepression

  1. Tanja sagt:

    Fühle dich einfach ganz fest gedrückt.

    Du bewirkst außerdem mehr als du glaubst. Seit ich mit dir zusammen gewohnt habe, habe ich meinen Wasserverbrauch halbiert. Ich koche mit ein und demselben Wasser mehrere Gemüsesorten, Kartoffeln und Nudeln und zum Schluss gieße ich noch Blumen damit, anstatt es wegzukippen.

    Nächste Woche soll es noch ein paar heiße Tage geben und dann ist der Sommer für dieses Jahr hoffentlich vorbei.

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