Traurig

Ich beginne die Woche heulend am Schreibtisch. Es ist zu warm und ich merke schon seit Tagen, wie mich das schon wieder körperlich und mental ausknockt, obwohl die Temperaturen bisher nichteinmal über 30°C gestiegen sind. In den nächsten Tagen werden sie das aber tun. Vormittags kann ich eigentlich meine Wintergartenfenster noch öffnen und muss sie nicht mit Jalusien verrammeln, weil die Sonne noch auf die Vorderseite des Hauses scheint und hinten ein leichter Wind weht. Aber die Nachbarn mähen mit einem Benzinrasenmäher ihre ehemals so herrlich blühende Wiese und marodieren mit einem Gasbrenner in der Gegend herum, so dass es stinkt und lärmt. Also Fenster zu und Ventilator an – schade.

Dank der erfreulich sinkenden Inzidenzwerte streben alle Menschen nach draußen und zurück ins Leben. Treffen und Arbeitstermine finden wieder von Angesicht zu Angesicht und nicht mehr online statt, das macht Druck, weil ich mich dann bewegen muss. Eigentlich wäre es jetzt Zeit, langsam wieder aus dem Homeoffice zurückzukehren, aber gleichzeitig beginnt die Phase des Jahres,, in der ich auch ohne Pandemie ins Homeoffice gehen müsste, weil mich die Temperaturen lahmlegen. Die Allgemeinheit freut sich über den Sommer – nur ich nicht, weil für mich jetzt wieder mehrere Monate der totalen Lethargie und gefühlten Unfähigkeit beginnen. Ich bin müde, unkonzentriert, kraftlos – ich kann nicht, wie ich will. Im Sommer muss ich mich einmotten und abwarten, bis ich im Herbst wieder zu einem halbwegs funktionierenden menschlichen Wesen werde. Momentan läuft da nix, vor allem keine auch nur im Ansatz positiven Gefühle.

Dabei täte mir etwas Abwechslung so gut. Ich langweile mich, fühle mich genervt, gereizt und einsam. Eigentlich sehne ich mich nach positivem, unterstützendem Kontakt zu Menschen, die mir wohlgesonnen sind, denen ich nicht ständig alles erklären oder über deren Verhalten ich mich ärgern muss. Aber solche Menschen kann ich mir nicht backen. Und in meinem Fundus habe ich leider auch keine, die ich irgendwie niederschwellig aktivieren könnte.

Um neue Menschen zu suchen, denen ich dann natürlich doch erstmal wieder alles erklären und einen Vertrauensvorschuss geben müsste, fehlen mir Kraft, Gelegenheiten und vor allem Motivation. Sobald ich nur daran denke, irgendwie auf die Suche nach neuen Kontakten zu gehen, gruselt und ekelt es mich. Menschen sind abstoßend, führen nur zu Frust und Ärger. Warum soll ich mir das antun? Die Chance, dass ich mal nicht ins Klo greife, ist denkbar gering. Ich spiele auch kein Lotto, also warum sollte ich in anderen Bereichen derartig blauäugig sein?

Wenn Menschen mir keine Erleichterung bringen können, was kann es dann? Ich habe verstanden, dass es nur auf meine eigene Einstellung ankommt und ich somit selber die Schuld an meiner Misere trage. Aber das hilft nicht, ich kann diesen Schalter nicht intentional umlegen, die Erkenntnis führt nur dazu, dass ich noch weniger Lust habe, weiterzumachen, krampfhaft zu funktionieren, mich zu zerfleischen, wenn es nicht mehr geht. Zeit totschlagen ist das einzig Mögliche. Irgendwie weitermachen, den Schein wahren, die Grundfunktionen aufrechterhalten. Die paar Dinge, für die ich Verantwortung trage, sollen nicht zusammenbrechen, ich will nicht Schuld sein. Und solange Arzu da ist, muss ich durchhalten. Aber eigentlich will ich nicht mehr, es reicht mir, es ist zu anstrengend. Kann bitte jemand den Stecker ziehen?

3 Gedanken zu “Traurig

  1. puzzleblume sagt:

    Was raus muss, muss raus – ob es dem Lesenden nun gefällt oder nicht – aber mein „Gefällt mir“ gilt eben dem, dass du kommunizierst, was du fühlst, auch wenn die Situation, die du beschreibst, so verfahren wirkt. Deinen Widerwillen gegen ein bestimmtes Empfinden von „die da, die anderen Menschen“ , diejenigen, die so anders sind, dass man sich nicht identifizieren kann oder sogar auch gar nicht will, kann ich isogar ein Stück weit mitfühlen, und muss mir dabei nur eingestehen, dass mein Ausmass an Notwendigkeiten im Verhältnis zu Behinderungen dem Maßstab nicht entsprechen kann.
    Darum kann ich nur wünschen, dass es für dich bald gute Gründe für bessere Gedanken geben wird.

    Gefällt 4 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Danke Dir. Ich überlege jedes Mal lange hin und her, bevor ich sowas poste, weil ich nicht rumjammern oder mich als armes Opfer darstellen will und es so natürlich rüberkommen dürfte. Aber wenn ich gar nichts mehr poste, ist das auch blöd. Und die Gedanken aufzuschreiben, ist wichtig, um sie überhaupt zu sortieren und etwas mehr Klarheit hineinzubringen. Ich würde sehr gerne auch wieder positive Dinge schreiben, aber das funktioniert momentan einfach nicht. Also poste ich gelegentlich, was eben tatsächlich raus muss.

      Gefällt 5 Personen

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