Menschen meiden

Das schreibe ich mir für die Zukunft ganz dick hinter die Ohren und auch sonst überall hin. Ich werde mir nicht mehr andererleuts Köpfe zerbrechen, nicht mehr in vorauseilendem Gehorsam Rücksicht auf Andere nehmen, nicht mehr versuchen sie zu retten, zu therapieren oder ihre Leben zu organisieren. Das alles sind für eine ausgemachte Altruistin wie mich keine leichten Aufgaben, aber ich habe nun oft genug gemerkt, dass mein Altruismus mir immer nur auf die Füße fällt und auf meine eigenen Kosten geht. Ich bekomme nicht zurück, was ich mir wünsche, damit muss ich mich offensichtlich abfinden.

Ausgewogen war es nie, ich habe immer mehr gegeben als empfangen, mich mittelfristig dabei verausgabt und meine eigenen Akkus nicht aufladen können. Solange ich funktioniere, bin ich okay und Andere begegnen mir mit einer Art neutralem Respekt. Wenn es Anderen schlecht geht, erwarten sie von mir Verständnis, Rücksichtnahme und Unterstützung, aber im Gegenzug, wenn ich mal nicht funktioniere, weil sich eine meiner vielen Baustellen zu laut in den Vordergrund schiebt, schmilzt das Interesse Anderer an meinem Wohlergehen meistens auf ein absolutes Minimum zusammen. Nur, wenn ich mit akuten Symptomen eines MS-Schubes oder irgendeiner anderen Katastrophe ins Krankenhaus muss, dann wachen sie kurz auf und helfen. Wenn ich einfach nur erschöpft bin und um Hilfe bitte, damit es nicht eskaliert, prallt es ab und ich zwinge mich mangels Alternative, weiter zu funktionieren.

So sehr ich mich auch nach Unterstützung und dem Gefühl sehnen mag, Verantwortung abgeben, mich fallenlassen, Anderen das Ruder in die Hand drücken zu können, das scheint nicht dran zu sein. Ich muss emotional alleine zurechtkommen, denn Menschen sind mir zuwider. Ich habe keine Lust auf die drölfzigste Enttäuschung und den xten undurchdachten Versuch, mir irgendwessen Zuneigung durch Selbstverleugnung und Unterordnung meiner eigenen Bedürfnisse zu erkaufen. Erst muss ich lernen, das zu unterlassen. Dann, vielleicht, mit viel Glück und Mut, kann ich mich neuen Menschen öffnen.

Ja, ich bin einsam, die Pandemie hat das, was schon vorher eklatant war, auf die Spitze getrieben. Der Handvoll Menschen, die in meinem Leben herumturnen, habe ich mich großteils längst wieder verschlossen, nachdem ich mit zu viel Empathie und Entgegenkommen immer wieder auf die Nase gefallen bin. Sie nerven mich in nicht unwesentlichen Teilen der jeweils mit ihnen verbrachten Zeit bis aufs Blut. Das mag an mir liegen, weil ich unduldsam und angespannt bin, so dass einfach niemand es mir Recht machen kann. Aber es versucht halt auch niemand ernsthaft, wie mir immer wieder unmissverständlich klar wird. So geht es nicht weiter, ich gebe niemandem mehr den kleinen Finger, denn ich will meine Hände und den Rest von mir behalten. Die halbe Hand mitessen, wenn ich Leckerchen verteile, darf nur Arzu. Es ist schade, aber die Realität lehrt mich, dass Menschen im Wesentlichen scheiße und besser zu meiden sind.

Wenn ich aber nun irgendwann so weit bin, auf die Suche nach Menschen zu gehen, mit denen es vielleicht anders läuft, wie soll ich das dann wieder anstellen? Wo könnte ich neue Menschen treffen? Noch ist die Pandemie nicht vorbei, öffentliche Veranstaltungen waren für mich aber eh noch nie der passende Ort, Leute kennenzulernen. Dafür fehlt mir als Blindfisch viel zu sehr der Überblick und ich bin darauf angewiesen, entweder selbst von Anderen angesprochen zu werden, oder nur die lauten, im Mittelpunkt stehen wollenden Egozentriker*innen wahrzunehmen, während die Leiseren in deren Grundrauschen untergehen. Und genau diese Leute will ich ja meiden. Also wird so schonmal kein Schuh daraus.

Viele schwören zur Zeit auf Onlineplattformen zum Finden neuer Kontakte. Egal, ob es um die Liebe des Lebens, schnellen Sex, Freundschaften oder lockere Treffen zum Spazierengehen geht, der Weg durchs Internet scheint nahezu unvermeidlich. Blöd nur, dass die meisten der dafür in Frage kommenden Plattformen so unübersichtlich und mit absurden Bedienelementen gespickt sind, dass sie für blinde Menschen wenn überhaupt nur mit einer riesigen Ladung Frust und extremem Zeitaufwand nutzbar sind. In der Regel sind sie es gar nicht bzw. ich bin schlicht zu faul, zu blöd oder zu altmodisch, um mich stundenlang mit Workarounds und Fehlersuche auseinanderzusetzen. Jetzt, mit 40, fühle ich mich alt genug, um komisch zu werden. Eine gewisse Eigenbrötlerei und Verschrobenheit gönne ich mir, auch wenn das nagende Gefühl bleibt, dass ich es nur nicht ernsthaft genug versucht habe.

Gestern tagte der Vorstand des Aachener Friedenspreises, vorgestern hatte das Welthaus seine jährliche Mitgliederversammlung. Beides fand erstmals nach langer Zeit wieder in Präsenz statt und war mit 8 bzw. 10 Personen und in großen, gut durchlüfteten Räumen vollkommen pandemiekonform und unverfänglich. Erfreulich Viele waren bereits mindestens einmal geimpft, Manche hatten eine Covid-Infektion hinter sich, was ja denselben Effekt hat wie eine erste Impfdosis. Die beiden Abende waren eine absolute Wohltat und ich feiere sehr die nun wieder aufkommenden Gelegenheiten, in solchen überschaubaren Rahmen und geschützten Räumen auf leibhaftige Menschen zu treffen.

Aber alle diese Menschen kenne ich seit Jahren bis Jahrzehnten, sie haben ihre festen Rollen in Gruppendynamiken und organisatorischen Gefügen. da gibt es niemanden, der oder dem ich mich mehr annähern könnte oder wollte. Sie helfen nur kurzfristig gegen das Gefül von Einsamkeit, sind irgendwie doch alle zu weit weg und haben ihrerseits genug engere Beziehungen. Für diese Menschen bin ich ein kleines, unwesentliches Licht. Für mich sind sie der einzige, verbleibende Strohhalm. Wenn mein sehr überschaubares, direktes Umfeld mich ankotzt, habe ich nur solche entfernten, sporadischen Kontakte als Halt. Ich schwime von Rettungsinsel zu Rettungsinsel, kann mich aber immer nur kurz daran festhalten, bevor ich weiterziehen muss, weil wichtigere Menschen den Platz beanspruchen. Und ich will mich ja auch gar nicht vordrängeln. Eigentlich will ich gar nichts, nur meine Ruhe. Rational betrachtet will ich mit Menschen einfach so wenig wie möglich zu tun haben. Emotional will irgendetwas in mir aber doch durch Nähe, Anteilnahme, Verständnis und Fürsorglichkeit genährt werden. Bin ich also auch so Eine mit zwei Seelen in der Brust, nur dass ich an Seelen ja nichteinmal glaube.

Ab Juli bevölkern Arzu und ich mein Haus wieder allein. Meine Mitbewonerin zieht weg, um in einer anderen Stadt eine Umschulung zu beginnen. Dann bekomme ich hoffentlich irgendwann den Kopf frei, gewinne genug Abstand zu allem Menschlichen und finde vielleicht sogar den Zugang zu meinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Ich bin gespannt, was ich entdecken werde und wohin mich die Entdeckungen dann führen. Vielleicht muss ich richtig allein und ungestört sein, um endlich Klarheit darüber zu bekommen, was mir letztlich gut tut. Wenn das nicht hilft, fällt mir allerdings auch nichts mehr ein.

12 Gedanken zu “Menschen meiden

    1. kommunikatz sagt:

      Vielen Dank, liebe Natalie. Keine Sorge, momentan bin ich vergleichsweise zuversichtlich und positiv gestimmt. Ich habe in diesem Text Gedanken der letzten Wochen und eine durchaus irgendwie vorherrschende Grundstimmung beschrieben, aber jetzt gerade tragen mich noch immer die beiden letzten Abende durch den heutigen 🙂

      Gefällt 2 Personen

  1. fundevogelnest sagt:

    Ich hoffe die gute Stimmung trägt noch weiter.
    Woran ich beim Lesen hängen geblieben war, waren die einleitenden Worte über deinen Drang zu retten, zu therapieren, anderer Leute leben zu organisieren und dir ihren Kopf zu machen.
    Vielleicht ziehst du damit Menschen an, die von dir betüdelt werden wollen ohne selbst allzu viel zu geben, sei es weil sie nicht können,sei es weil sie nicht wollen oder zu bequem sind.
    Mich schreckt so eine Haltung mich zu retten etc. immer eher ab und ich gehe auf Distanz und meine eigenen Rettungsfantasien sind auch überschaubar.
    Ich mache mir gerne Gedanken, ich packe auch an,wo es nötig ist, aber dann ist auch gut.
    Vielleicht ist das auf Dauer einfach tragfähiger
    Nur so ein Gedanke, der mir kam. Wenn ich dich jetzt völlig falsch verstanden oder interpretiert habe, nimm es bitte nicht übel.
    Alles Liebe
    Natalie

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    1. kommunikatz sagt:

      Das interpretierst Du genau richtig und ich bin mir sicher, dass ich die entsprechenden Leute durch mein Verhalten quasi einlade und sie dann – meist völlig ohne Absicht – mit ihrer irgendwie unterstützungsbedürftigen Art meinen Altruismus antriggern. Genau diesen Mechanismus will ich ausschalten und nicht mehr auf solche Leute anspringen bzw. auch ganz aktiv dafür sorgen, dass sie eben nicht mehr auf mich anspringen. Und das ist eine so große Aufgabe der Selbstbeherrschung und bewussten Veränderung meines über Jahrzehnte automatisierten Verhaltens, dass ich kaum glaube, damit je auf einen grünen Zweig zu kommen. Daher sollte ich Menschen eigentlich sogar dauerhaft meiden, was dann widerum ein Stück weit die Motivation infragestellt, die mir für den Rest meines Lebens bleibt. Und der kommt mir bei diesem Gedanken dann viel zu lang vor… Ein Leben als Insel erscheint mir am erstrebenswertesten, aber eben auch am langweiligsten. Und Langeweile mag ich halt nicht.

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  2. Myriade sagt:

    Mir imponiert, wie exakt du dein eigenes Verhalten und die Situation analysierst, geradezu sezierst. Mir fällt dazu ähnliches ein wie Natalie: ich bin auch so eine, die gleich ein paar Schritte zurückgeht, wenn jemand mich „fressen“ möchte, auch in der allerbesten Absicht. Ich anerkenne die gute Absicht, das Verhalten nervt mich aber trotzdem und ich ziehe mich – mit schlechtem Gewissen – zurück. Aus solchen Situationen können sich eindeutig keine tragfähigen Beziehungen entwickeln.
    Sich aber gleich von allen Menschen zurückzuziehen, ist ein anderes Extrem, das wahrscheinlich nicht das gewünschte Ergebnis bringen wird. Ich schicke einmal ganz herzliche Grüße

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke Dir. Ich weiß auch nicht, ob es mir wirklich hilft und Dinge klärt, wenn ich mich komplett auf mich selbst zurückziehe. Aber erstens geht das eh nicht, ein paar wenige Menschen kann ich eh nicht vermeiden, weil ich ihre Unterstützung im Alltag brauche. Andererseits bin ich schon so sehr isoliert bis auf diese wenigen Menschen, dass es vielleicht Sinn hat, diesen Zustand erstmal zu nutzen, um wirklich ein paar Klarheiten mit mir selbst zu gewinnen und mich mal nicht vom äußeren Druck ablenken zu lassen, irgendwie doch immer wieder ins Funktionieren zu rutschen. Ich habe keine echte Alternative dazu und mir fällt auch nichts besseres ein. Mal schauen, wann ich wieder Lust auf intensiveren Menschenkontakt bekome und wann sich eine Möglichkeit dafür auftut. Jedenfalls lasse ich mir dafür Zeit und solange ich keinen Plan habe, geht es eh nicht anders.

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