Risiko hat Würde

In meinem früheren Job beim inklusiven Stadtteilprojekt „WIR ALLE – gemeinsam leben am Westpark“ arbeitete ich mit vielen, unterschiedlichen Menschen. Ziel des Projekts war, alle Menschen im Stadtteil rund um den Aachener Westpark mehr miteinander in Kontakt zu bringen und ein nachbarschaftliches Bewusstsein zu schaffen. Im Westparkviertel gibt es mehrere Wohneinrichtungen für erwachsene Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Auch ansonsten hat das Viertel eine sehr vielfältige, bunt gemischte Bewohner*innenschaft.

 

Da der Schwerpunkt des Projekts alltägliche Inklusion auf Stadtteilebene war, stürzten wir uns zuerst auf die Menschen in den Wohnstätten. Wir wollten herausfinden, was sie sich wünschten, wie sie ihre Freizeit gestalten wollten und wie wir es ihnen erleichtern könnten, mit den Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Viertel in Kontakt zu kommen. Wie gesagt handelte es sich um Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen – teils nur eins von beidem, überwiegend aber beides in Kombination. Ich als Mitarbeiterin mit einer Sinnesbehinderung war als Ansprech- und Kontaktperson für diese Zielgruppe quasi gesetzt. Wir gingen davon aus, dass die Menschen offener sein würden, wenn ihnen ein anderer Mensch mit Behinderung gegenübersäße. Ein Mensch ohne Behinderung wäre sofort in die Strukturen der Hierarchie aus Betreuenden und Betreuten eingeordnet worden. Das wollten wir vermeiden, um einen ehrlichen Austausch auf „Augenhöhe“ zu erreichen.

 

Teilweise funktionierte der Plan sehr gut: Die Menschen hatten mir gegenüber kaum Berührungsängste und wir kamen wirklich schnell in offene, gute Gespräche. Das einzige Problem war, dass die Ideen und Wünsche der Menschen sich sehr schnell erschöpften und wir daraus kaum etwas ziehen konnten. Es gab Wünsche wie ein Spaßbad, eine Disco oder ein Kino im Park, aber tatsächlich umsetzbare Anregungen für unser Projekt hatte niemand. Auch die Frage, an welchen Aktivitäten sie gerne in ihrer Freizeit zusammen mit nichtbehinderten Menschen teilnehmen würden, stellte die Menschen vor ein beinahe unlösbares Problem. Sie waren offenbar gar nicht daran gewöhnt, selbst Wünsche zu äußern oder Ideen zu entwickeln. Als ich länger darüber nachdachte, dämmerte mir auch der Grund.

 

Sie hatten das einfach noch nie erlebt. Niemand hatte sie je nach ihren Wünschen gefragt, niemand hatte sich für ihre Vorlieben oder Interessen interessiert. Die Meisten von ihnen waren direkt aus dem Elternhaus in eine Wohneinrichtung gezogen, also nie aus der Rolle eines unmündigen Kindes herausgekommen. Immer waren da Eltern oder Betreuer*innen, die den Alltag organisierten, ein Freizeitprogramm planten und die – nun längst erwachsenen – Menschen auf jedem Weg begleiteten. Sie waren so sehr daran gewöhnt, dass alles für sie organisiert und geregelt wurde, dass sie mit der Frage, wie sie es selbst am liebsten hätten, schlicht überfordert waren. Im Grunde kannten sie ihre eigenen Wünsche gar nicht, weil sie noch nie in die Verlegenheit gekommen waren, diese äußern zu dürfen.

 

Kurz gesagt: Die Meisten hatten keinerlei Selbstwirksamkeitserfahrung. Sie wussten wahrscheinlich großteils nichtmal, dass es so etwas überhaupt gibt: Selbst eine Präferenz zu entwickeln, eine Entscheidung zu treffen, einer selbstgewählten Aktivität nachzugehen. Zum Teil taten sie das durchaus, so gab es z.B. einen begeisterten DJ, einen Müllentsorgungs-Experten und einen passionierten Briefträger. Aber neben diesen marottenhaften Einzelinteressen standen diese Personen genauso hilflos da, wenn ich sie nach ihren Freizeitwünschen fragte.

 

Letztendlich organisierte das Stadtteilprojekt alle möglichen Aktivitäten vom Theaterworkshop bis hin zum Kinoabend, vom kreativen Basteltag im Park bis zum Mini-Festival mit Open Air Musik. All diese Angebote wurden von der bunten Vielfalt an Menschen genutzt, die es im Westparkviertel gab. Aber immer wieder stellten wir fest, dass die Menschen aus den Wohnstätten von allen am schwersten zu erreichen und zu motivieren waren.

Diese Erfahrung hat mich über einen weiteren Aspekt von Inklusion nachdenken lassen. Menschen mit Behinderung müssen – genau wie Menschen ohne Behinderung – zur Inklusion erzogen und befähigt werden. Ein behinderter Mensch, der immer weitgehend fremdbestimmt in einem geschützten Raum unter „Seinesgleichen“ lebt, macht keine Inklusionserfahrung. Dementsprechend ist Inklusion für sie oder ihn genauso verunsichernd und beängstigend wie für den nichtbehinderten Menschen, der beispielsweise zum ersten Mal in seinem Leben auf eine Person im Rollstuhl trifft. Schulische Inklusion ist aus diesem Grund so wichtig, aber auch vor und nach dem Schulalter ist die Begegnung und gemeinsame Erfahrung von Menschen mit und ohne Behinderung unerlässlich.

 

Vor allem ist es aber unerlässlich, dass Menschen von frühester Kindheit an lernen, ihr Leben und ihre Entscheidungen selbst in die Hand zu nehmen. Selbstwirksamkeit zu spüren, also zu erfahren, dass die eigenen Gedanken und Entscheidungen einen Unterschied machen und dass mensch selbst beeinflussen kann, was mit dem eigenen Leben passiert, stärkt Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl ungemein. Auch behinderte Menschen, die in betreuten Wohnstätten leben und die aufgrund ihrer Behinderungen auf viel Unterstützung angewiesen sind, müssen diese Chance haben.

 

Egal, wie ausgeprägt die Einschränkungen einer Person sind: Jeder Mensch muss im Rahmen seiner Möglichkeiten die Gelegenheit bekommen, sich auszuprobieren und auch Risiken einzugehen. Wenn Menschen mit geistigen Behinderungen nur „weggesperrt“ werden, wird ihnen damit genau diese Chance genommen. Dabei können die Gründe noch so gut gemeint sein. Oft ist es einfach die Angst der verantwortlichen Betreuer*innen, ihnen könnte etwas zustoßen, weil sie möglicherweise Gefahrensituationen oder ganz alltägliche Ereignisse nicht richtig einschätzen können.

 

Es ist ein bisschen wie mit Eltern, die ihr jugendliches Kind zum ersten Mal abends auf eine Party gehen lassen. Es hat viel mit Vertrauen zu tun, und natürlich auch mit der guten Hoffnung, dass nichts schiefgehen wird. Ohne Optimismus funktioniert es nicht. Aber wenn der geistig behinderte Mensch im Rollstuhl nie alleine seine Wohnstätte verlassen darf, wird er vielleicht nie mit anderen Menschen in Kontakt kommen, nie etwas wie Selbstwirksamkeit erleben und im Endeffekt würdelos und einsam vor sich hin vegetieren. Wenn er alleine in die Kneipe darf, kann ihm zwar alles Mögliche passieren und er kann vielleicht auch selber irgendwelchen Mist bauen, aber er hat Freiheit, Teilhabe und dadurch tatsächlich eine für ihn selbst und Andere spürbare Würde. Wenn wir ehrlich sind, baut Jede*r von uns schonmal Mist, so what?

 

Diese Würde, die jemand hat, wenn sie oder er etwas entscheidet, durchzieht und riskiert, ist viel wertvoller als die permanente Sicherheit durch Abschirmung. Es ist das sprichwörtliche in Watte packen, was die Menschen ihrer Würde beraubt, denn es stempelt sie als entscheidungsunfähiger und unselbstständiger ab, als sie wirklich sind. Viel sinnvoller ist es, Menschen so weit wie möglich zur Selbstständigkeit zu erziehen und ihnen Werkzeuge dafür an die Hand zu geben. Menschen – egal, wie eingeschränkt in ihren körperlichen, sinnlichen oder intellektuellen Fähigkeiten –  müssen zum denken und zum wahr- und ernstnehmen ihrer eigenen Gefühle angeregt werden. Das ist der Kern von Hilfe zur Selbsthilfe und von wertschätzendem, inklusivem Umgang.

 

Inklusion erfordert Risikobereitschaft!

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