Von Watte, Risiken und Empowerment

Gelegentlich stöbere ich in meinen eigenen Blogbeiträgen. Dabei stoße ich immer mal wieder auf Texte, die ich längst vergessen hatte, freue mich über meine eigenen Formulierungen und Erkenntnisse oder schäme mich für diese oder den ausufernden Umfang meiner Ergüsse. Vor allem fällt mir jedoch immer wieder auf, wie redundant Beiträge sind, in denen ich meine Situation beklage. Ständig beschwere ich mich über die Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit Anderer, jammere über fehlenden Support oder über den Egoismus meiner Mitmenschen.

Heute möchte ich das zur Abwechslung nicht tun sondern mich ein bisschen freuen. Schließlich sollt Ihr auch mal an Positivem teilhaben, nicht immer nur an gefühltem Elend. Ich freue mich hier in schriftlicher Form viel zu selten – Schreiben nutze ich vor allem dann als Ventil, wenn es mir schlecht geht. Geht es mir mal gut oder laufen die Dinge einigermaßen rund, brauche ich keinn Ventil oder nehme mir einfach nicht die Zeit, Dinge aufzuschreiben.

Es ist nichts besonders tolles passiert, eigentllich war außer dem üblichen Stress, viel Hektik und einer großen Arbeitsbelastung in letzter Zeit nichts los – es ist also alles wie immer. Trotzdem bin ich zufrieden. Das wundert mich selbst, aber ich glaube, ich kann es mir und dem Rest der Welt erklären.

Ich spüre Selbstwirksamkeit. In den letzten Wochen hatte ich viel zu tun und habe es geregelt gekriegt, es gab produktive und schöne Begegnungen mit Menschen bei Veranstaltungen, Arbeitsterminen und in der Freizeit. Ich war alleine mit Arzu unterwegs und habe Wege und Aufgaben bewältigt, vor denen ich an schlechten Tagen wirklich Angst habe. Dadurch, dass ich zeitliche Puffer und Fallback-Lösungen einbaute, konnte ich mich ohne übermäßigen Druck und mit Vorfreude in Situationen stürzen, die mich sonst gestresst hätten. Dadurch entstanden Erfolgserlebnisse und eben das genannte Gefühl, Dinge selbst und ohne Hilfe tun, eigenverantwortlich und selbstständig handeln und ohne Katastrophen meine Pläne und Verpflichtungen durchziehen zu können.

Das ist der Grund, warum ich mir oft ungern helfen lasse oder zumindest Hilfe nicht schon weit im Vorfeld organisieren möchte. Ich will ja so viel wie möglich ohne Hilfe schaffen, um eben diese Selbstwirksamkeit zu erleben und mir dadurch meine eigenen Fähigkeiten zu bestätigen. Würde ich mir für jede Kleinigkeit im Voraus Unterstützung suchen, hätte ich nie das Gefühl, auch alleine etwas schaffen zu können. Dieses Gefühl ist für mich und mein Wohlbefinden aber extrem wichtig.

Es verletzt mich immer wieder, wenn Menschen mir Unterstützung aufdrängen wollen und unterstellen, ich könne keine Hilfe annehmen. Das ist so falsch und aus der Luft gegriffen, wie etwas nur sein kann. Mein ganzes bisheriges Leben lang habe ich ständig für alles Mögliche Hilfe gebraucht und mir diese selbstverständlich auch geholt. Gleichzeitig habe ich von früher Kindheit an gelernt, dass es gut ist, unabhängig zu sein und sich selbst helfen zu können. Das war mir immer wichtig, auch wenn es manchmal einen gewissen Druck erzeugt hat. Aber das schöne Gefühl, selbst und ohne das Zutun Anderer etwas geleistet und hingekriegt zu haben, war für mich schon immer eine der größten Selbstbestätigungen. Zu Empfinden, dass ich nicht auf Andere angewiesen bin, um meine Belange zu regeln, Wünsche umzusetzen und Verpflichtungen zu erfüllen, gibt mir Kraft und stärkt mein Selbstvertrauen.

All das würde ich mir versperren, wenn ich mich in Watte packen und mir für alles Assistenz besorgen würde, denn für Vieles brauche ich eben gar keine und je nach Tagesform kann ich unglaublich viel ganz alleine. An anderen Tagen kann ich es nicht, dann hole ich mir eben jemanden zur Unterstützung. Manchmal muss das dann relativ spontan klappen, wenn ich mich im guten Glauben an meine eigenen Fähigkeiten mal nicht um Netz und doppelten Boden gekümmert habe. Aber manchmal brauche ich eben auch einen gewissen Druck, um wirklich alleine loszugehen und nicht aus Faulheit oder Unsicherheit auf Assistenz zurückzugreifen, die akut vielleicht gar nicht nötig wäre. Also organisiere ich eben nicht immer alles im Vorfeld und habe dann eben manchmal hektische Momente, wenn ich merke, dass ich spontan doch nicht alleine zurechtkomme.

Meine Selbstwirksamkeit und die Bestätigung meines Selbstwertgefühls dadurch, dass ich einfach mache und die dinge schaffe, sind mir dieses Risiko Wert. Würde ich es nicht eingehen, fehlte mir so viel an Empowerment und schönen Erlebnissen, dass ich mir diese Wattebauschwelt gar nicht vorstellen mag. Ich mag es flauschig und plüschig, aber ich möchte mein Leben nicht in einer geschützten, vor allen Eventualitäten abgeschirmten Gummizelle führen.

Also, keine Watte für mich, weder um mich herum noch in meinem Kopf! Vor langer Zeit veröffentlichte ich den Beitrag „Risiko hat Würde„. Momentan merke ich wieder sehr deutlich, wie universell und wahr dieses Zitat ist.

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