Wie lernt mensch Inklusion? (Teil II)

Auch Inklusionskinder müssen Inklusion erst lernen. Die wichtigste Aufgabe dabei haben die Eltern behinderter Kinder. Sie schaffen die psychischen und emotionalen Bedingungen, mit denen ihr Kind ins Leben und damit in die Inklusion startet. Hier möchte ich auf diese Grundlagen eingehen, die meiner Meinung nach beinahe die wichtigsten Weichen im Leben von Menschen mit Behinderungen stellen.

 

Ich bin ein großer Fan von Chancengleichheit und Vielfalt. Eigentlich sollten meiner Meinung nach alle Kinder die gleichen Grundlagen bekommen, die gleichen Dinge lernen und in möglichst vergleichbaren Bedingungen leben, damit sich Fähigkeiten und Interessen so frei und unbeeinflusst wie möglich entfalten können. Wenn die Bedingungen aber nicht gleich sein können, impliziert Chancengleichheit für mich, dass ein Ausgleich stattfinden muss, um den Kindern trotz der unterschiedlichen Bedingungen möglichst gleiche Entwicklungschancen zu eröffnen. Kinder mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten sind in dieser Hinsicht wirklich herausfordernd, weil sie durch ihre körperliche, sensorische, geistige oder gesundheitliche Konstitution automatisch von der Norm bzw. der Mehrheit abweichen. Damit sind ihre Grundlagen und Chancen nicht die gleichen wie die des Durchschnitts und es muss ein gewisser Ausgleich her, wenn sie sich dennoch so uneingeschränkt entfalten können sollen wie der Rest.

In der Regel heißt dieser Ausgleich Frühförderung. Kinder mit Behinderungen lernen von Sonderpädagog*innen, Logopäd*innen, Physio- und Ergotherapeut*innen und diversen anderen Menschen Dinge, die sie aufgrund ihrer Behinderung anderweitig nicht lernen können oder die ihnen eine bessere Kompensation ihrer Einschränkung ermöglichen. Das ist gut und wichtig. Später lernen z.B. sehbehinderte und blinde Kinder dann Brailleschrift, den Gebrauch diverser Hilfsmittel und lebenspraktische Fertigkeiten (LPF) wie Putzen, Kochen und Haushaltsführung, die ohne Sehen besondere Strategien erfordern. Und natürlich lernen sie etwas über die Mobilität mit dem Langstock und die Orientierung in allen möglichen Umgebungen und Lebenslagen. Diese – sagen wir – institutionelle Frühförderung und die späteren Lernstufen wie LPF und Mobilitätstraining sind sehr wesentlich, um gleiche Bedingungen und Chancen zu schaffen. Neben dieser organisatorischen und technischen gibt es aber auch hier eine soziale Seite.

 

Hier kommen die Eltern und das Umfeld ins Spiel, die trotz aller institutionellen Bemühungen immer die engsten Bezugspersonen des Kindes sind. Eltern legen bei ihren Kindern die Grundlagen für so ziemlich alles, was im Leben auf sie zu kommt. Sie geben ihre Gene weiter, aber – oft viel schwerwiegender – sie sind auch verantwortlich für die Sozialisation und das unbewusste Lernen annähernd aller existenziellen, emotionalen Fertigkeiten. Das ist an sich schon eine große Herausforderung, selbst wenn das Kind wenig Besonderheiten oder Schwierigkeiten mitbringt. Handelt es sich um ein Kind mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung, sind Besonderheiten und Schwierigkeiten unausweichlich. Gerade in der Inklusion brauchen Kinder viele soziale und emotionale Strategien, um mit ihrer Andersartigkeit, den Reaktionen der Anderen und all den Herausforderungen umzugehen, die das Leben in einer nicht ideal auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichteten Welt mit sich bringt. Auf diese Welt kann ein Kind am Besten durch die eigenen Eltern vorbereitet werden, indem sie es zu einem selbstständigen, selbstsicheren, selbstvertrauenden und positiv denkenden Menschen erziehen. Die beste Grundlage dafür ist, genau diese Einstellungen und Verhaltensweisen vorzuleben. Damit ist es aber nicht getan.

 

Meiner Erfahrung und Wahrnehmung nach gibt es im Verhalten von Eltern mit behinderten Kindern zwei Extreme. Beide sind in ihrer Reinform sehr kontraproduktiv – der Mittelweg ist, wie so oft, am hilfreichsten. Das eine Extrem ist das, was ich schon im Beitrag „Das ewige Kind“ beschrieben habe. Eltern sehen ihr Kind mit Behinderung als leidendes, benachteiligtes und bemitleidenswertes Wesen. Dieses arme Ding wollen sie vor allen negativen Einflüssen beschützen und es so gut ver- und umsorgen, wie sie nur können. Vielleicht fühlen sie sich sogar irgendwie schuldig am Zustand ihres Kindes und wollen unterschwellig etwas wieder gut machen, was sie für ihren Fehler halten. Zusätzlich ist es aufwändig und anstrengend, dem Kind ständig Dinge erklären und beibringen zu müssen, die für andere Kinder selbstverständlich sind. Wenn sie als Eltern einfach schnell selbst die Dinge erledigen, geht es viel einfacher und das Kind ist vermeintlich entlastet und glücklich. Sie bemuttern und beschützen ihr Kind so effektiv, dass es keine Chance hat, Selbstständigkeit zu lernen und eigene Lebensstrategien zu entwickeln. Ich habe mit 14 oder 15 gleichaltrige, blinde Jugendliche erlebt, die von ihren Eltern so in Abhängigkeit gehalten worden waren, dass sie sich nichtmal selbstständig waschen oder ein Kleidungsstück auf einen Bügel hängen konnten. Sie waren nur blind, nicht mehrfachbehindert. Ihnen fehlten also keineswegs geistige oder motorische Fähigkeiten – es hatte ihnen einfach nur niemand gezeigt, wie diese Dinge gehen, und sie hatten keine Möglichkeit, aus visueller Beobachtung zu lernen. Diese Jugendlichen merkten natürlich, dass ihnen Fähigkeiten fehlten, was sicher kein angenehmes Gefühl war. Dennoch waren sie auf eine sehr kindliche und unmündige Art zufrieden. Das Einzige, was ihnen fehlte, war Würde.

 

Eltern des anderen Extrems neigen dazu, ihr behindertes Kind stark zu fördern und zu pushen. Wie viele Eltern nicht behinderter Kinder wollen sie unbedingt Allen beweisen, wie fit, fähig und besonders ihr Kind ist. Da es durch seine Behinderung tatsächlich eine vermeintliche Besonderheit hat, konzentrieren sich die Bemühungen der Eltern mit Vorliebe auf diesen Bereich. Das Kind soll trotz seiner Behinderung all die Dinge tun, die Kinder ohne Behinderung tun. Und trotz seiner Behinderung soll es natürlich immer unter den Besten sein. Solche Eltern fördern und unterstützen ihr Kind zwar nach Kräften, leisten aber nur Hilfe zur Selbsthilfe und wollen es mit aller Macht zu größtmöglicher Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Leistungsfähigkeit erziehen. So weit ist das auch eine absolut gute und wünschenswerte Sache. Extrem wird es, wenn das alles mit zu großem Druck verbunden wird. Das passiert viel schneller, als mensch denkt. Es passiert z.B., wenn Eltern von ihrem Kind erwarten, dass es sich auf Freizeitbeschäftigungen einlässt,, die durch seine Behinderung explizit erschwert sind. Ein blindes Kind muss aber nicht unbedingt Bilder malen oder Ski fahren, nur weil das so exotisch und interessant ist. Es kann auch Dinge tun, bei denen ihm seine Behinderung weniger im Weg steht und aus denen es dementsprechend viel mehr Erfolgserlebnisse und Bestärkung ziehen kann – z.B. Musik machen oder schwimmen. In der Schule muss ein Kind mit Behinderung nicht immer Klassenbeste*r sein – es hat genauso ein Recht auf Faulheit wie alle anderen Kinder und es ist völlig ok, wenn es selbst mit durchschnittlichen Leistungen zufrieden ist.

 

Ein Kind, dem immer wieder erzählt wird, dass es permanent 150% von dem leisten muss, was die nicht behinderten Kinder leisten, um auch nur annähernd so gut zu sein wie sie, bekommt Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe frei Haus geliefert. Die Botschaft, immer mindestens so gut sein zu müssen wie die Anderen, dafür aber viel mehr tun zu müssen, ist sehr demotivierend. Kinder mit Behinderung und derart übereifrigen Eltern leisten und leisten ständig ganz viel, aber es reicht nie, sie erleben ständig Rückschläge und ihre Behinderung steht als übergroße Barriere vor ihnen. Immer wieder werden sie rücksichtslos und hart mit der Nase auf diese unabänderliche Barriere gestoßen, weil der hohe Leistungsdruck sich mit ihren in bestimmten Bereichen eingeschränkten Fähigkeiten beißt. Das ist unglaublich frustrierend und kann zu Leistungsverweigerung und regelrechter Verzweiflung führen. Ein solches Kind fühlt sich immer defizitär. Ihm wird signalisiert, dass es eigentlich nie gut genug ist. Das erzeugt ein Gefühl der Wertlosigkeit und weder Selbstvertrauen noch Selbstwertgefühl können sich entwickeln. Erfolgserlebnisse existieren eigentlich gar nicht, denn selbst, wenn mal etwas klappt, hätte es ja noch viel mehr und viel besser sein können. Die eigene Behinderung als etwas Positives anzunehmen und zu akzeptieren, ist kaum möglich, wenn sie immer nur als hinderlich und abwertend erlebt wird.

 

Ich habe in meiner eigenen Entwicklung eher die zweite als die erste Tendenz erlebt, im Großen und Ganzen haben meine Eltern aber den Mittelweg gefunden, für den ich plädieren möchte. Es ist natürlich gut und wichtig, Kinder zu einem eigenständigen Leben zu befähigen und ihnen eben nicht die ganze Zeit den Hintern nachzutragen. Gerade Kinder mit Behinderung brauchen Bestärkung durch Erlebnisse der Selbstwirksamkeit. Wenn mensch selbst etwas tun kann, fühlt sich das viel besser an, als wenn mensch für Alles und Jedes um Hilfe bitten muss und sich immer nur als abhängige*n Almosenempfänger*in wahrnimmt. Auf das Leben vorbereitet zu sein, bedeutet für Kinder mit Behinderung eben auch, explizit viele Kompensationsstrategien lernen und mit diversen Hilfsmitteln umgehen zu müssen. Sie entsprechen nicht der Norm, für die die Welt eingerichtet ist, also müssen sie ihre Wege und Strategien finden, mit dieser Welt dennoch irgendwie zu interagieren. Ihnen das zu ermöglichen, ist Aufgabe oder sogar Pflicht der Eltern.

 

Genauso wichtig ist es aber, Hilfe annehmen und vermeintliche Defizite eingestehen zu können. Eltern müssen ihren behinderten Kindern auch vermitteln, dass sie selbst dann liebenswerte, tolle Menschen sind, wenn sie mal etwas nicht können oder ihnen etwas zu aufwändig ist. Es muss ok sein, sich auch mal in sein soziales Netz fallen zu lassen und zu akzeptieren, dass Andere etwas besser können oder dass Dinge mit Unterstützung viel einfacher gehen. Unabhängigkeit und Selbstständigkeit dürfen nicht zum Zwang werden, auch wenn sie erstrebenswert sind.

 

Ein Kind, das alle Strategien lernt und Hilfsmittel nutzen kann, um so selbstständig und zufrieden wie möglich mit seiner Behinderung zu leben, erlebt automatisch Erfolge und Bestätigungen. Idealerweise erlebt es aber auch den Rückhalt und die emotionale Unterstützung seines Umfelds und kann immer auf Hilfe aus diesem Umfeld zurückgreifen, wenn ihm mal alles zu viel wird oder wenn es ein handfestes Problem gibt. Ein Kind selbst dann noch zu eigenen, selbstständigen Lösungen zu zwingen, wenn es ausdrücklich um Hilfe bittet, ist kein bestärkender und wertschätzender Umgang, denn es erzeugt das Gefühl von Zurückweisung und Misserfolg. Den Mittelweg zu finden, wann mensch fordern darf und wann mensch einfach nur unterstützen und helfen muss, ist eine Aufgabe, die ausschließlich bei den Eltern oder dem Umfeld des jeweiligen Kindes liegt. Wer einerseits gefördert und zur Unabhängigkeit erzogen und andererseits für gelegentliche Hilflosigkeit nicht verurteilt oder bestraft wird, ist für die Inklusion und das Leben unter nicht behinderten aber anderweitig vielfältigen Menschen zumindest psychisch dann perfekt gewappnet.

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