Ausgebremst

Ich sitze hinter geschlossenen Rolläden, um die Hitze auszusperren. Da die Sonne inzwischen ums Haus gewandert ist, ist die Terrasse keine Aufenthaltsoption. Hoffentlich beschränken sich die Temperaturen über 30°C wirklich auf heute und morgen – laut Vorhersage soll es am wochenende schon wieder abkühlen. Das wäre sehr in meinem Sinne.

Interessanterweise macht mich die Hitze nicht nennenswert fertiger als in den letzten Jahren. Von meiner seltsamen Wärmeempfindung in der rechten Körperhälfte merke ich gerade nichts, weil eh alles zu warm ist. Inzwischen spüre ich dieses Hauptsymptom des Schubes eigentlich eh nur noch bewusst beim Duschen, wenn ich zur Anregung meines Kreislaufs und der betroffenen Nervenbahnen kaltes Wasser über meine Extremitäten laufen lasse. Dabei fühlen sich die Beine noch krass unterschiedlich an – links ist alles normal, rechts ist kaltes Wasser einfach nicht kalt sondern erzeugt auf der Haut eher eine art moderat brennenden Schmerz. Diesen spüre ich im Bereich des Rumpfs, wo das Ganze begann und am ausgeprägtesten war, auch manchmal noch durch die Berührung der Kleidung. Aber insgesamt sind die Symptome spürbar auf dem Rückzug, auch wenn dieser seeehr laaangsaaam geht.

Bei der zweiten Attacke, also dem Wiederaufflammen des Schubes nach der ersten, nicht ausreichenden Cortison-Stoßtherapie und der dann kurzzeitig empfundenen Besserung traten zu meinem Glück und meiner Verwirrung die Sensibilitätsverluste von Blase/Harnröhre, Darm/Anus und Intimbereich nicht wieder auf. Ich konnte vor, während und nach dem zweiten Krankenhausaufenthalt meine Ausscheidungen gut genug kontrollieren und meine Vulva verlor ihre Sensibilität auch nicht wieder in einem wirklich beängstigenden Maße. Ok, zeitweise verlor ich die Motivation, mich darum zu kümmern, aber das ist eine andere Geschichte.

Was jetzt allerdings schon echt nervt: Mein Darm ist zunehmend träge geworden. Stuhlinkontinenz wird wohl weniger mein Problem sein als Verstopfung. Ich muss, wie ich schon schrieb, darauf achten, dass ich oft genug kacke und sich da nichts festsetzt, denn es herauszubefördern, wird dann immer schwieriger. Lautstarke Darmwinde werde ich dabei bis auf Weiteres wohl akzeptieren müssen. Die Furzerei hat ein Gutes: Sie erinnert mich an meine liebe Oma mütterlicherseits, bei der ich als Kindergartenkind viel Zeit verbrachte. Nach einer Darmverletzung und der Rückverlegung eines künstlichen Darmausgangs musste sie ebenfalls oft, laut und unkontrollierbar furzen. Das war für mich als Kind schon normal, also kann ich jetzt hoffentlich auch in meinem eigenen Fall damit angemessen umgehen.

Aus der angedrohten Medikamentenumstellung wird wohl so schnell noch nichts, was mir noch ein gewisses Verweilen in meiner Komfortzone erlaubt. Mein behandelnder Neurologe ist kein MS-Spezialist und sagte mir ausdrücklich, dass er in meinem Fall langsam mit seinem Latein am Ende sei und mich lieber an jemanden mit mehr Expertise abgeben würde. Da habe ich auch schon eine Praxis im Blick, warte aber noch darauf, dass jemand, der dort in Behandlung ist, für mich vorfühlt, weil er das für unbedingt sinnvoll hält. Bei der Professorin, die die MS-Ambulanz im Uniklinikum leitet und mit der ich während meiner letzt- und diesjährigen Aufenthalte dort zu tun hatte, so dass ich ihre Meinung zu den Medikamenten und zum weiteren Vorgehen auf jeden Fall hören möchte, habe ich – sage und schreibe – erst für Ende Dezember einen Termin bekommen. Also, die Mühlen mahlen langsam und das entstresst die ganze Sache für mich gerade enorm.

Nachdem die großen Cortisonmengen und ihre Nebenwirkungen nun lange genug zurückliegen, fühle ich mich wieder wie ein Mensch. Es war ganz schön anstrengend, durch die cortisonbedingten Wassereinlagerungen binnen einer Woche erst 7kg zu- und dann innerhalb zwei weiterer Wochen wieder 5kg abzunehmen. Das war eine Schwankung von mehr als 10% meines Körpergewichts. Aber 2kg sind mir geblieben – die waren wohl doch eher eine Auswirkung des gesteigerten Appetits und der reichhaltigen Krankenhauskost. Finde ich prima, 47kg waren echt zu wenig.

Jetzt, wo ich wieder ins Leben einsteige, ab und zu das Homeoffice gegen mein Büro im Welthaus eintausche und gestern zum ersten Mal seit Wochen wieder mit Arzu im Führgeschirr unterwegs war, möchte ich auch die zahlreich vorhandenen privaten Baustellen wieder angehen. Mein Nachbar hatte mir Anfang Juli versprochen, sich in seiner Eigenschaft als Schreiner nun endlich um den letzten, seit zwei Jahren noch immer unfertigen Teil des Wintergartens, ein Fenster und diverse Türen inkl. Zargen zu kümmern. In einer WG wird es hilfreich sein, Türen zumachen zu können. Momentan geht das nicht, da die neuen Türblätter und die alten Zargen weder richtig ineinander passen noch mit Klinken und Schließern ausgestattet sind. Vor einer Woche verschwand die Nachbarsfamilie dann aber kommentarlos in den Urlaub, ohne dass hier irgendetwas passiert wäre. Der Heizungsinstallateur, der mir nach den gleichen zwei Jahren noch die Anbringung eines Heizkörpers schuldet, stellt sich trotz zigmal verschobener Termine und mehrfachen Nachhakens meinerseits auch wieder seit drei Wochen tot. Ich hatte in letzter Zeit aber irgendwie echt andere Probleme, als dauernd Leuten hinterherzurennen und bin ziemlich genervt von der Tatsache, dass es ohne das aber offenbar nicht geht.

Die Wohnungssuche meines Ex-Partners läuft mehr als schleppend, da er seit Wochen auf eine bestimmte WG hofft, wo sich aber die endgültige Entscheidung der Mitbewohnenden offenbar bis zum Sanktnimmerleinstag verzögert. Weitere Eisen ins Feuer zu legen und sich zur Verkürzung der Wartezeit auch mal anderweitig umzuschauen, findet nur in homöopathischen Dosen statt. So wird das irgendwie nie was. Die Umsetzung meines dringenden Wunsches, das Haus auf- und umzuräumen, die Gestaltung meines Lebensraums in die Hand zu nehmen, alles mal so richtig grundzureinigen, die Fenster putzen zu lassen etc., hat natürlich beim jetzigen Zwischenstand der Dinge noch keinen Sinn. Also stagniert alles am unbefriedigendstmöglichen Punkt, ich sitze auf derselben, unfertigen Baustelle wie seit zwei Jahren, teile mir diese mit demselben Menschen wie seit zwei Jahren und leide unter denselben Strukturen wie seit 5 Jahren.

So ausgebremst fehlen mir, wie Ihr schon gemerkt habt, in letzter Zeit ein bisschen die Impulse und Inhalte für Blogbeiträge. Es gäbe sicher Vieles, worüber ich schreiben könnte und auch müsste, aber ich bin durch die Gesamtsituation ziemlich blockiert und verlangsamt. Habt also Geduld mit mir, eine alte Frau, wie die ich mich trotz der noch nicht erreichten 40 derzeit meist fühle, ist eben kein D-Zug.

3 Gedanken zu “Ausgebremst

  1. kommunikatz sagt:

    Ein Detail habe ich unterschlagen, fällt mir gerade auf. Da ich ja von der Brust abwärts gefühltsmäßig auseinanderfalle, also linke und rechte Körperhälfte sich untenrum sehr unterschiedlich anfühlen und diese Zweiteilung in der Körpermitte eine sehr dezidierte Grenzlinie hat, verläuft diese grenze genau zwischen meinen Schamlippen. Die linke ist normal, die rechte hat zwar nicht wirklich ein Wärmegefühl, aber diese veränderte Oberflächenempfindlichkeit oder das leichte Brennen. Es ist kein echter Schmerz, fast eher eine Art gesteigerte Sensibilität, die leicht ins Unangenehme kippt. Ich bin echt gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Momentan ist es in erster Linie weird.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.