Der Weg ist das Ziel

42804036415_7dabe8ab92_kProvisorien haben einen schlechten Ruf. Sie gelten als unbefriedigend, nichts Ganzes und nichts Halbes, weder Fisch noch Fleisch. Sie sind Zustände, die sich „in Limbo“ ergeben, also in der Ungewissheit, unterwegs, mitten im Prozess, wenn irgendetwas geregelt werden muss, das eigentlich mangels Rahmenbedingungen (noch) gar nicht geregelt werden kann. Ich finde, wir tun den Provisorien damit Unrecht, denn sie sind viel nützlicher und inspirierender, als wir glauben.

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Auf unserer nun seit April bestehenden Dauerbaustelle haben wir schon so viele wunderbare Provisorien erlebt. Inzwischen werden aus immer mehr großen Provisorien nach und nach fertige Elemente und dauerhafte Zustände, was manchmal regelrecht schade ist. Die Provisorien, die wir nicht nur liebgewonnen sondern auf die wir uns auch eingestellt hatten, verschwinden Eins ums Andere – plötzlich ist alles so bequem, wie wir es schon gar nicht mehr kannten. Ein paar Beispiele:

1. Das Pop-up-Wohnzimmer

Wir haben unser Haus von oben nach unten renoviert. Während eine Armada von Profis Heizung, Wasserleitungen und Elektrik erneuerte, rissen wir selbst im Obergeschoss die alten Böden und Tapeten raus, kratzten alte Farbe von den Decken und malten alles schön neu an. Währenddessen wohnten wir unten, wo in Wohn-, Esszimmer, Küche und Flur alles ersteinmal im alten Zustand blieb. Wir schliefen auf einer Matratze auf dem Wohnzimmerboden, in der anderen Hälfte des Wohnzimmers vor dem Fenster und der Terrassentür stand unser Pop-up-Wohnzimmer: Ein Couchtisch, zwei Sessel und eine Lampe. Das war auch gleichzeitig unser Büro, da es ja sonst keinen Platz für unsere Laptops gab und wir außer dem Klapptisch in der Küche drinnen auch gar keinen Tisch hatten. Das Esszimmer war nur Materiallager, wo sich alles Mögliche stapelte, das irgendwann in noch nicht vorhandenen Schränken verstaut werden sollte. Im Sommer war das egal, da waren wir eh meistens draußen.

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Als im ersten Stock die Wände angestrichen und neue Böden verlegt waren, wanderten Möbel aus dem Esszimmer, der alten Wohnung und der Garage nach oben – Schlaf- und Büroproblem waren also gelöst, aber das Wohnzimmerproblem spitzte sich nun zu: Unten musste es jetzt mit dem Renovieren weitergehen. Das Matratzenlager wurde aufgelöst und die Wände wurden von den alten Tapeten befreit – sogar die eigentlich unter Denkmalschutz stehende, terracottafarbene Textiltapete an einer Esszimmerwand musste weichen, nachdem sie an zu vielen Ecken und Kanten durch das Abreißen der Tapete an Decke und benachbarten Wänden beschädigt worden war.

Erst arbeiteten wir das Wohnzimmer ab, so dass das pop-Up-Wohnzimmer ins Esszimmer umzog. Dort gab es inzwischen einen Kaminofen, mit dem wir die erste kalte Zeit ohne funktionierende Heizung mit Holz überbrückt hatten und dessen Gemütlichkeit wir nun im Winter sehr schätzen. Der Ofen musste aber auch immer wieder weggeräumt werden, um die Wände um seinen Standort herum renovieren zu können. Das Pop-up-Wohnzimmer materialisierte sich während der Renovierung der Räume im Erdgeschoss mal hier, mal dort, mal wichen wir sogar nach oben in eines unserer Arbeitszimmer aus, wenn es unten gerade gar nicht auszuhalten war.

Durch die vielen verschiedenen Standorte unserer minimalistischen Chillgelegenheit erkundeten wir die Zimmer aus so vielen verschiedenen Blick- und Hörwinkeln, dass ich sagen kann, mein haus nun wirklich ziemlich genau zu kennen. Wohn- und Esszimmer, zwei durch einen großen Durchgang verbundene Räume, wirken aus jeder Perspektive unterschiedlich. Die Akustik verändert sich mit jeder Uhr, die irgendwo tickt, mit jedem Möbelstück, das irgendwo steht, mit den Geräuschen des Holzofens und mit der Entfernung von der Küche, die den brummenden Kühlschrank beherbergt. Das Licht wandelt sich mit dem Standort diverser Lampen, die mein Partner gerne immer wieder überall verteilt. Sogar der Geruch der Räume änderte sich ständig, wenn feuchte Tapetenreste herumlagen, alte Farbe von den Wänden gekratzt wurde, neuer Gips oder Putz an den Wänden klebte und vor allem, als das Parkett abgeschliffen worden war.

Diese provisorische Zeit habe ich sehr genossen, denn so viele unterschiedliche Aspekte meines Hauses hätte ich sonst niemals erlebt. Jetzt, wo Wohn- bzw. Musik- und Esszimmer mit diversen richtigen Möbeln bestückt sind gibt es immernoch einen ganzen Haufen von Sitzgelegenheiten und gemütlichen Ecken. Fast alle Poositionen, wo das Pop-up-Wohnzimmer im Laufe der Zeit stand und die sich als nett herausstellten, sind jetzt ganz bewusst und mit voller Absicht als weiter nutzbare Chillecken verfügbar.

2. Der Wintergarten-Blank

Im ersten Stock hatte unser Haus, wie alle der ursprnglich identisch gebauten Reihenhäuser in der Nachbarschaft, eine Loggia. Dieser innenliegende Balkon ist bzw. war auf der Rückseite des Hauses, zugänglich vom Schlafzimmer aus, aber über die ganze Breite des Hauses reichend bis vor das Fenster meines Arbeitszimmers. Unter Wärmedämmungs- und Energiegesichtspunkten war uns sofort klar, dass das so nicht bleiben konnte, zumal Tür und Fenster zur Loggia noch einfachverglaste Originalausstattung aus den frühen 1960er Jahren waren. Erst wollten wir einen nebenan überzähligen, sechs Meter langen, dreiteiligen Fensterrahmen einfach über der Betonbrüstung einbauen und mit Fenstern versehen. Den Rahmen überließen unsere Nachbarn uns gerne, nur die Fensterflügel hatten sie schon anderweitig verschenkt. Bevor wir diesen low-budget-Plan umsetzen konnten, dämmerte uns allerdings, dass wir damit nicht viel an der Isolierung des Hauses verbessern würden – die Loggiabrüstung war aus dünnem, ungedämmten Beton, also eine 1a-Kältebrücke. Die Nachbarsfamilie hatte diese Lösung mit gutem Grund verworfen.

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Es entstand die Idee, die schrottige Brüstung zu entfernen, die gesamte Loggia zu verglasen und zu einem Wintergarten zu machen. Dieser wäre dann zwar nur ca. 1,20m tief, aber 6m breit. Eine so breite und raumhohe Glasfront kam mir völlig irrsinnig vor und der erste Fensterhandwerker, den ich für eine Angebotserstellung kommen ließ, winkte dankend ab. Unser Nachbar, seines Zeichens Schreiner, war aber sofort Feuer und Flamme. Er hatte an seinem Haus eine ähnliche aber noch viel aufwändigere Veränderung gemacht und kannte die Bausubstanz sehr gut, deshalb war er genau der richtige Mann für diese Aufgabe.

Der erste Akt bestand darin, die Tür zwischen Schlafzimmer und Loggia zu verbreitern, wollten wir doch etwas mehr Licht im Schlafzimmer haben. Aus einer 1,10m Breiten Tür wurde mittels einer Art dieselbetriebenen Monsterflex und eines Vorschlaghammers eine 1,40m breite Öffnung für eine Flügeltür. Da die Lieferzeiten der Dreifachverglasung für außen sich ständig in die LÄnge zogen und es immer kälter wurde, bauten wir vor diese Öffnung ein provisorisches Wärmedämmkonstrukt aus der Matratze und dem Lattenrost, auf denen wir vorher im Wohnzimmer geschlafen hatten. Ein paar Styroporblöcke und Planen machten das Ganze zu einem echten Bollwerk und das Schlafzimmer wurde für ein paar Wochen zu einer dunklen Höhle.

Der zweite Akt fand letzte Woche statt. Unser Nachbar rückte wieder mit seiner Wandschneidemaschine an, zersägte die Loggiabrüstung und baute sie in 50cm-Blöcken nach und nach ab. Das waren zwei Tage mit extremem Lärm und Dreck, denn damit es nicht so staubte, besprühte er sein Werk die ganze Zeit mit Wasser, so dass der Staub unmittelbar zu Schlamm wurde, der wiederum unsere ganze Terrasse sowie die Fenster von Wohn- und Esszimmer überzog. Ein Betonblock zerdepperte einen Regentonnendeckel – insgesamt war die ganze Aktion ein großes Crash-Bash-Desaster, allerdings mit erstaunlich wenig bleibenden Kollateralschäden. Abends versuchte mein Partner noch, möglichst viele der eh schon lockeren und teils auf Sand liegenden Fliesen der Loggia zu entfernen, wobei er, wie die Handwerker zuvor, die Loggia nur mittels Leiter von der Terrasse aus erreichen konnte, weil ja in der Tür zum Schlafzimmer noch das Wärmedämmungsbollwerk klemmte. Als es am nächsten Tag hell wurde, sahen unsere Terrasse und unser Garten aus, als hätte mindestens eine Bombe eingeschlagen.

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An diesem Tag brachte unser Nachbar dann zwei Mitarbeiter mit. Die inzwischen angelieferten Fenster lagen schräg hinter dem Haus auf dem Wendehammer, den hier jede Straße hat. Die Jungs schleppten die riesigen Fenster durch unseren Garten, wuchteten sie auf die Loggia und befestigten sie mit erneutem Crash-Bash-Theater an Boden, Wänden und Decke. Eine Glasscheibe, das große Mittelstück, überlebte leider den Transport nicht – Sie liegt nun mit mehreren fetten Sprüngen im dreifachen Glas einsam und traurig auf dem Wendehammer. Natürlich machte es keinen Sinn, diese kaputte Scheibe einzubauen. Unser kreativer Nachbar hatte aber sofort eine Lösung parat. Bis Ersatz da ist, ist das 2 x 2m Loch nun mit einer weißen Wand aus dickem Restholz gefüllt. Innen ist es vorerst etwas dunkler, als es sein soll, weil eben „nur“ links und rechts jeweils 2m breite Fenster sind, aber von außen sieht es angeblich fast gewollt aus. Allerdings muss mein Partner dringend seinen Plan umsetzen, die weiße Fläche mit einem großen Smiley zu bemalen. Momentan sieht die Rückseite unseres Hauses nämlich so aus, als sei in der Mitte einfach ein Blank bzw. Leerzeichen.

Alle Zwischenstadien der Wintergartenisierung unserer Loggia waren irgendwie nett und spannend. Viele Gespräche zwischen uns, Handwerkern oder Nachbar*innen fanden zwischen unten und oben statt, eine Person auf der Loggia, eine auf unserer Terrasse oder nebenan. Es gibt tolle Making-of-Wintergarten-Fotos, auf denen alle Entstehungsschritte festgehalten sind. Diese Szenen lassen sich nicht nachstellen, denn die Loggia gibt es nicht mehr. Es sind nur noch Fotos und ein Haufen von Erinnerungen da, denn immerhin ein halbes Jahr lang haben wir mit der Loggia gelebt und diese auch genutzt. Im Moment läuft im Wintergarten nun ein Luftentfeuchter und zieht die Nässe aus der sonderbaren Bodenkonstruktion, die neben Estrich nicht nur Sand sondern auch eine seltsame Pressspahnschicht enthält. Wenn irgendwann die Feuchtigkeit raus und neuer Estrich mit Dämmung drin und Fliesen drauf da ist, und wenn dann auch noch der Blank durch Glasscheiben ersetzt ist, können wir wirklich behaupten, einen Wintergarten zu haben. Und dann wird dieser Wintergarten das neue Zuhause vieler, schöner, großer Pflanzen, die ein Freund von uns abgeben muss, wenn er im Februar sein Auslandsstudium beginnt.

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3. Das kleine Klo

Die ausführliche Story des Gästeklos gibt es hier. Nur so viel als Zwischenstandsbericht: Aus dem Wasserspar- bzw. -recyclingprovisorium des trockenen Sommers wurde eine bis heute alternativ funktionierende Klospülung. Das Waschbecken im Gästeklo hat keinen Syphon, das Händewaschwasser läuft also nicht in die Kanalisation sondern in einen Eimer unter dem Waschbecken. Aus diesem schöpfen wir mit einem kleineren Eimer Wasser, um damit die Toilette zu spülen, anstatt nach jedem Toilettengang frisches Trinkwasser aus der Leitung mit hohem Druck durch die Kloschüssel zu jagen. Dieses Provisorium darf wirklich gerne bleiben, denn es ist einfach unschlagbar sinnvoll, Wasser zweimal statt nur einmal zu verwenden. Entstanden ist diese Idee ursprünglich nur, weil der alte Syphon auseinanderfiel und der Eimer unter dem Waschbecken eine Überschwämmung verhindern sollte. Und dann war da plötzlich dieses ganze wiederverwendbare Wasser drin.

Mein Fazit: Provisorien sind viel besser als ihr Ruf. Sie sind mindestens gleichwertige Übergangszustände, in denen die spannenden Entwicklungen stattfinden und die guten Ideen entstehen. Wir sollten Zwischen- und Übergangsphasen viel mehr wertschätzen und die Erinnerung an solche Zeiten wach halten, denn sie stehen für Bewegung, Inspiration, Veränderung und für das Streben nach etwas Besserem, Weiterentwickeltem, das sich im Prozess des Werdens erst findet. Wenn wir auf allen Ebenen und in allen Bereichen die angestrebten Zustände wirklich erreichen würden, würden alle Entwicklungen und Veränderungen aber schlagartig aufhören. Alles würde gleichförmig und langweilig, weil es kein anspornendes Ziel und keine ideenanregende Reibung mehr gäbe. Ja, wir müssen uns ein Stück weit an der Realität reiben und sie täglich neu konstruieren, um innerlich und äußerlich in Bewegung zu bleiben. Dafür sind Provisorien ein unschätzbar wichtiger Antrieb, weil eben der Weg das Ziel ist.

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15 Gedanken zu “Der Weg ist das Ziel

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