Was Familien brauchen: Zukunftsperspektiven

Eigentlich dachte ich, zu dieser Blogparade von Sunny Bee mal meine Finger stillzuhalten. Schließlich habe ich keine Familie im engeren Sinne – meine Familie hat zwar vier Köpfe, aber auch 12 Beine, und zwei Familienmitglieder haben eine Menge Fell. Kinder haben mein Partner und ich mit voller Absicht nicht, also sind wir nicht die Art von Familie, um die es Sunny Bee wohl geht.

Dennoch bekomme ich mit, wie zumindest unsere Nachbarsfamilie so vor sich hin lebt. Die Eltern sind, wie ich, beide knapp bzw. gerade so 40, die Kinder sind oder werden bald 4 und 7. Ich bekomme oft mit, wie die Jungs mit Freund*innen oder auch nur miteinander im Garten spielen, auf ihrem Trampolin herumhüpfen, auf Bäume klettern und ihre Phantasiegeschichten spinnen. Ich erlebe mit, wie der ältere seit einem Jahr zur Schule geht und wie der Jüngere, seit wir nebeneinander Wohnen, die wohl spannendste Phase der Sprachentwicklung durchgemacht hat. Als wir vor einem dicken Jahr hier einzogen, war es noch schwer, den damals etwa Zweieinhalbjährigen zu verstehen. Inzwischen spricht er ganze Sätze, hinterfragt und erforscht alles, beobachtet seine Mutter bei der Gartenarbeit und will ihr Helfen – ein neugieriges, aufgewecktes und für mich als Unbeteiligte vollkommen herzerwärmendes Kind.

Der Große hat inzwischen unseren Garten als Abenteuerspielplatz entdeckt. Er liebt unsere Schaukel und unsere Bäume inkl. Kletterseile. Regelmäßig kommt er rüber und bezirzt meinen Partner, ihm die Kletterausrüstung anzuziehen und ihn so gesichert von der großen Leiter springen zu lassen, die zur Zeit an der Zeder lehnt. Ist die Klettersession vorbei oder lässt sie noch ein bisschen auf sich warten, streifen er und sein kleiner Bruder auch gerne durch unser Haus, schauen von unserem Wintergarten aus ihren eigenen Garten an, sind fasziniert von meinem Laptop, der Braillezeile und der Sprachausgabe und freuen sich wie Bolle, wenn ich ihnen kleine Zettel mit ihren Namen und den Namen ihrer Eltern in Punktschrift mache.

Und auch die Eltern habe ich ins Herz geschlossen. Sie ist eine frühere Studienkollegin von mir, auch wenn wir uns damals nicht wirklich kannten. Wir scheinen aber ähnliche Interessen zu haben und sie ist ein erfrischend natürlicher, authentischer und lockerer Mensch. Er ist eigentlich genauso und hat uns in seiner Funktion als Schreiner schon alle möglichen guten Tips und auch ganz praktische Unterstützung bei unserer Hausmodernisierung angedeihen lassen. Wir müssten viel mehr Zeit gemeinsam verbringen, aber dazu besteht hoffentlich noch Jahrzehnte lang die Möglichkeit.

So, neben dieser tollen Familie wohnen wir nun also. Und anstatt mich darüber zu freuen, versetzt es mich jedes Mal in eine gewisse Wehmut, wenn ich den Kindern beim Spielen zuhöre und den auf mich so liebevoll und schön wirkenden Umgang der ganzen Familie miteinander beobachte. Und das hängt unmittelbar damit zusammen, dass diese Familie – wie alle Familien auf der ganzen Welt – etwas nicht hat, was sie eigentlich unerlässlich brauchen würde: eine Zukunft.

Wir Kinderlosen können leicht denken, dass die Welt ruhig zuendegehen darf, weil wir selbst ja niemanden hinterlassen, die oder der den Klimazusammenbruch und das Massenaussterben miterleben wird. Unsere Nachbarn hinterlassen ihre Kinder. Wenn wir Erwachsenen in 30 bis 50 Jahren das Zeitliche segnen, ist unser Klima schon so stark erhitzt, dass ganze Weltregionen unbewohnbar weil zu warm oder längst überflutet sind. Sehr wahrscheinlich stecken wir auch längst in einer Nahrungskrise, weil uns nicht nur die fruchtbaren Böden und richtigen Klimabedingungen, sondern zusätzlich auch die Insekten fehlen, um pflanzliche Nahrungsmittel wie Getreide, Obst, Gemüse anzubauen und alle daraus erzeugten Produkte herzustellen. Auf tierische Produkte wie Milch und Fleisch verzichten wir dann hoffentlich längst, weil weder der immense Flächenbedarf für die Tierhaltung, noch der Methanausstoß, noch das Tierleid zu verantworten sein werden. Aber die Nachbarskinder haben noch gute 80 Jahre vor sich. Bis dahin spitzt sich der Zustand unseres Planeten deutlich extremer zu.

Wenn wir weitermachen wie bisher, wird in 80 Jahren, also am Ende des Jahrhunderts, die Erde sich laut dem IPCC-Sonderbericht von 2018 um 3 bis 4 weitere °C erhitzt haben. Wir werden unzählige Kipppunkte erleben, also Punkte, ab denen die Erderwärmung sich irreparabel und unaufhaltsam von selbst beschleunigt, beispielsweise durch Methan, das aus aufgetauten Permafrostböden entweicht und plötzlich einen riesigen Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre verursachen wird, der durch jede weitere Erwärmung nur noch weiter wächst. All das könnten wir durch ernsthaften und nachdrücklichen Klimaschutz noch versuchen, in den Griff zu bekommen, aber statt sich darum zu bemühen, steigern wir unsere Emissionen jährlich sogar immer weiter.

Was Familien brauchen, ist aus meiner Sicht daher in allererster Linie ein effektiver und wirklich alle verfügbaren Instrumente nutzender Klimaschutz. Dazu gehört ein Ende der Kohleverstromung lange vor 2038, ein massiver Ausbau inkl. Förderung erneuerbarer Energien, eine CO2-Steuer und ein ganzer Haufen von Anreizprogrammen für ein klimafreundliches Verhalten jeder und jedes Einzelnen im Alltag. Wenn wir bzw. die von uns gewählten Politiker*innen all das nicht binnen kürzester Zeit auf den Weg bringen, ist es völlig egal, was Familien sonst noch so brauchen oder nett fänden, denn dann haben die Kinder aus diesen Familien eh keine Zukunft. Bei der Apokalypse als Zuschauer*in in der ersten Reihe zu sitzen, ist nicht die angenehmste Perspektive. Es macht mich traurig, dass so viele Menschen sich dessen nicht bewusst sind und die Zukunft ihrer eigenen Kinder einfach verheizen. Ich kann nur hoffen, dass Fridays For Future, Ende Gelände, Extinction Rebellion und die großen NGOs mit ihren Aktionen einen Sinneswandel in der Gesellschaft und ausreichend politischen Druck erzeugen können, denn sonst ist schlicht und einfach bald alles verloren.

8 Gedanken zu “Was Familien brauchen: Zukunftsperspektiven

    1. kommunikatz sagt:

      Das ist wahr, aber der Verzicht kann so leicht sein. Jede Kleinigkeit, die ich heute tue, um das Klima und die Natur nicht weiter zu zerstören, macht vielleicht ein paar Tage oder in Summe des Handelns aller Menschen einige Jahre eines besseren Lebens für die Kinder von heute und deren Nachkommen aus. Das bedeutet nicht, dass heute jeder Mensch in völliger Askese leben muss, aber so kann mensch sich zumindest den Verzicht auf viele Dinge ein Stück weit „versüßen“. Es hat einen Sinn, kein Fleisch zu essen, nicht zu fliegen, Bus und Bahn statt einem eigenen Auto zu nutzen, Strom zu sparen etc., auch wenn nicht so sehr wir selbst sondern eben unsere Kinder und Kindeskinder davon profitieren. Die sollten es uns viel mehr Wert sein als wir selbst, die wir ja oftmals schon ein schönes Leben hatten.

      Gefällt 2 Personen

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