Ich habe Angst

Sorry, das ist wieder so ein Heulbeitrag. Gerade habe ich wirklich Angst. Seit vorgestern spinnt meine rechte Körperhälfte wieder. Das Wärmegefühl und die Berührungsempfindlichkeit sind so intensiv wie auf dem Zinit des MS-Schubes. Da der Schub selbst schon fast drei Monate her ist und die zweite Cortison-Stoßtherapie ihn offenbar zum Stillstand gebracht und den Entzündungsherd gelöscht hatte, kann es aber eigentlich kein neuerliches Aufflammen dieses Herdes sein.

Ist so eine Entzündung einmal besiegt, wird sie zur verklebten, verkrusteten Läsion, die zwar den Nerv in seiner Leitfähigkeit stört, sich aber meines Wissens nicht wieder neu entzünden kann. Natürlich könnte in direkter Nachbarschaft ein neuer Herd entstehen, aber die Symptome sind so identisch mit denen von Ende Juni und Anfang Juli, dass ich mir das kaum vorstellen kann. In der Vergangenheit hatte ich zwar auch schonmal eine Kaskade mehrerer Schübe oder eines Schubes mit mehreren Abschnitten, aber das ist so lange her, dass ich die dazwischenliegenden Zeiträume und die genaue Symptomatik der einzelnen Ereignisse nicht mehr richtig zusammenbringe.

Normalerweise ist das kurzzeitige Auftreten von Symptomen eines vergangenen Schubes eine klassische Folge warmen oder feuchten Wetters oder schlicht stressbedingt. Aber kann ich es noch „kurzzeitig“ nennen, wenn die Symptome seit drei Tagen unverändert oder sogar leicht zunehmend vorhanden sind? Wetter und Stress gibt es ansonsten durchaus genug, der Herbst ist voll da und das bedeutet zwar eher Kälte als Wärme, aber die hohe Luftfeuchtigkeit könnte dennoch als Erklärung herhalten. Den Stress verursacht die Tatsache, dass mein Ex-Partner sich gerade mitten im Umzug befindet, hier also alles voller Kisten steht und mein Haushalt komplett im Umbruch und der gefühlten Zerbröselung aller Strukturen steckt. Das hat gute Seiten, weil viele der zerbröselnden Strukturen mich seit Jahren fertigmachen. Aber dennoch ist es eine krasse Veränderung und das nun wirklich definitive Ende der fünf Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben.

Wie gesagt, rational betrachtet bin ich befreit und erleichtert, und dennoch fühle ich mich traurig und habe großen Respekt vor den nächsten Wochen, in denen ich viel Organisations-, Aufräum- und Putzarbeit, viel Aufbau neuer Strukturen und Netzwerke und dann die Eingewöhnung in eine ganz neue WG-Situation vor der Brust habe. Ich kann jetzt keinen Schub gebrauchen, ich bin allein und es wäre deutlich schwieriger als bisher, Arzu unterzubringen und gut versorgt zu wissen. Mein Ex ist nicht mehr da, meine Mitbewohnerin noch nicht, mein sonstiges Umfeld hat in den nächsten Tagen andere Verpflichtungen oder fällt aus verschiedenen Gründen für die Hundeversorgung aus.

Ich darf jetzt nicht abkacken, ich kann jetzt nicht ins Krankenhaus. Ja, mein Ex hat angeboten, sich um Arzu zu kümmern, wenn es wirklich schlimmer wird. Aber das wäre eigentlich eine völlig falsche und gerade eher hinderliche Entwicklung. Ich bin ihm dankbar für das Angebot, aber ich möchte es nicht annehmen müssen.

Bitte drückt mir einfach die Daumen, dass es nur der Stress und der Herbst sind, dass morgen wieder alles seine Richtung ändert und meine rechte Seite aufhört, sich warm und unangenehm anzufühlen. Und hört verdammt nochmal auf, Euch gegenseitig leichtfertig mit dieser beschissenen Seuche anzustecken. Die Infektionszahlen gehen durch die Decke und ich habe heute erfahren, dass eine mir gut bekannte dreiköpfige Familie komplett mit Covid-19 daniederliegt. Ein vierter Mensch aus meinem nahen Umfeld hat eindeutig passende Symptome, muss sich aber noch testen lassen. Bitte, es soll aufhören, ich will nicht mehr!

29 Gedanken zu “Ich habe Angst

  1. puzzleblume sagt:

    Stress an allen Enden, das teilt sich aus deiner Beschreibung deutlich mit.
    Das Angebot deines ausziehenden Expartners, sich im Notfall um Arzu zu kümmern, empfinde ich nicht als etwas, das man ausschlagen sollte, weil man schliesslich von ihm unabhängig sein will, sondern in dieser Phase des durch ihn verursachten Chaos in der Wohnung vollkommen angemessene Gegenleistung.

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    1. kommunikatz sagt:

      Das stimmt, ich werde ja auch, falls es hart auf hart kommt, gar keine andere Möglichkeit haben, als es anzunehmen. Und ich tue das dann auch ruhigen Gewissens und weitgehend ruhigen Herzens. Aber trotzdem knallt es unschön in einen beiderseitigen Abnabelungsprozess und in mein Bedürfnis nach Abstand rein und torpediert beides gewissermaßen. Naja, erstmal abwarten, wie es weitergeht…

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  2. Und sonst so? sagt:

    Ach je ich drücke dir die Daumen, dass es wirklich schnell besser wird und drücke dich ganz fest. Nimm das Angebot deines Expartners im Hinterkopf auf, wissend, dass du es nur im Notfall nutzen wirst. Und wenn du keine festen Termine hast, vielleicht einfach mal Sachen liegen lassen, das entspannt vielleicht deine sowieso stressige Situation etwas. Ach, ich würde dir so gerne mit dem Hund helfen, aber ich wohne viel zu weit weg. Ganz liebe Grüße 😘👍

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke, das ist sehr lieb von Dir! Und Dir würde ich mein Monsterchen auch bedenkenlos anvertrauen. Aber erstmal hoffe ich auch, dass es alles nur falscher Alarm ist. Die nächsten Tage steht zum Glück nichts Wichtiges an, eigentlich wollte ich heute schon viel mehr Ruhe haben, aber das hat irgendwie nicht funktioniert. Morgen und am Wochenende ziehe ich das aber durch, da kann die Welt mich mal kreuzweise.
      Ganz liebe Grüße zurück – die nächsten Stories stehen alle schon winkend in der Warteschleife – sobald ich besser drauf bin, oder um das zu erreichen, muss ich sie aufschreiben 🙂

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    1. kommunikatz sagt:

      Guten Morgen ebenfalls und vielen Dank!
      Es wird weder besser noch schlechter, vielleicht habe ich Glück und mein Neurologe ruft mich heute noch zurück, erreicht habe ich in der Praxis niemanden, weil die wohl zu busy sind. Ich glaube fest daran, dass es am Stress liegt, aber verunsichert bin ich halt auch, weil es sich schon so lange dranhält. Ins Krankenhaus zu gehen und da erstmal wieder Tage lang auf ein MRT zu warten, ist jedenfalls nicht, was ich mir wünsche…
      Auch wenn hier noch lange nicht alles einzugsfertig ist, hat auch meine zukünftige Mitbewohnerin angeboten, im Fall der Fälle hier auf Arzu aufzupassen und sich zu kümmern.
      Vielleicht hilft mir diese gewisse Planungssicherheit, um wieder auf den Damm zu kommen. Heute mache ich jedenfalls nicht viel und ruhe mich einfach aus.
      liebe Grüße an alle lieben Menschen hier!
      Lea

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  3. Wortverdreher sagt:

    Chatten bin auch dabei bei, Daumendrücken. Da gilt es wohl dringend etwas von Stress abzubauen und sich etwas gute es zu gönnen. Auch wenn es schwer fällt, wäre es sicher gut, ein wenig Druck aus dem System zu nehmen und herunterzufahren. Vielleicht kann das ein oder andere was nagelt, ja auch noch ein bisschen warten.
    Viele liebe und stärkende Grüße

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    1. kommunikatz sagt:

      Vielen Dank! Ja, Druck aus dem System nehmen ist genau das, was ich so gern erreichen würde, aber ich weiß nicht, wie ich das bewerkstelligen soll. Die Trennung von meinem Ex war ja eine Maßnahme zu diesem Zweck, aber bis die räumliche und organisatorische Trennung wirklich vollzogen ist, dauert es eben seine Zeit. Wie kann ich da etwas dran drehen, außer eben, indem ich nach Kräften versuche, meine Einstellung und meinen Umgang damit so stressfrei wie möglich zu halten? Und das ist schwer genug…

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      1. Wortverdreher sagt:

        So ein Moment der Trennung ist immer stressig, um sehr so mehr gilt es sich vielleicht auch etwas aus der Situation zu nehmen. Vielleicht sich mit jemandem treffen? Und sich nur keinen Stress danach zu machen, dass man nun alles wieder „in Ordnung“ bringen muss. Das sind „nur“ die eigenen Antreiber, die einen da treiben. Die sind schon schlimm genug, aber denen kann man auch mal sagen, nein jetzt nicht!
        Aber ich fühle mich Dir und spüre, wie schwierig es sich anfühlt. Ich drück noch etwas fester die Daumen!

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      2. kommunikatz sagt:

        Da hast Du Recht, die Sachen müssen nicht alle sofort und vor allem nicht alle gleichzeitig erledigt werden, das muss ich mir selbst auch immer wieder deutlich sagen. In Michael Endes wunderbarem Kinderbuch „Momo“ gibt es die Figur Beppo Straßenkehrer. Der sagt, dass er beim Straßekehren immer nur an den unmittelbar nächsten Schritt und nie an die ganze Straße denkt, damit ihn das Ganze nicht so stresst. Genau so muss mensch es machen 🙂

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  4. kommunikatz sagt:

    Es ist irgendwie skurril. Seit heute Mittag habe ich das Gefühl, dass die Symptome ganz langsam wieder zurückgehen – oder ich habe mich inzwischen so daran gewöhnt, dass es mir nur so vorkommt. Trotz ein paar nervigen Momenten zwischendurch hatten mein Ex-Partner und ich heute einen sehr produktiven Umzugs- und Aufräumtag, der Spaziergang mit den Hunden, die einander sehr vermissen werden und mit denen wir deshalb noch viel gemeinsam machen, war überwiegend ok und harmonisch. Vielleicht spielt das eine Rolle. Je nerviger alles ist, desto genervter sind meine Nervenbahnen, weshalb ich ja versuche, Stress und Nerverei im Allgemeinen zu vermeiden, was mir bloß unglaublich schlecht gelingt.
    Jetzt würde ich gerne etwas Süßes essen, aber solange ich nicht wirklich weiß, was da gerade in meinem Körper vorgeht, belästige ich ihn nicht mit entzündungsförderndem Zucker…

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  5. kommunikatz sagt:

    Das mit den verstärkten Symptomen, die identisch wie der Schub sind, hatte ich seit diesem Posting schon mehrmals, auch jetzt gerade wieder. Es scheint wirklich normal zu sein und war bei mir vermutlich in der Vergangenheit unter der Spürbarkeitsschwelle, weil meine Schübe sich fast immer komplett zurückbildeten und gar keine Symptome mehr da waren. Wenn ich ab und zu dann minimal was merkte, ist das wohl so, wie wenn jetzt meine ganze rechte Hälfte rumnervt, weil der Ausgangspunkt ein ganz anderer ist (von nix bis ein bisschen vs. von unangenehm bis schmerzhaft).

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