Vögel und Freundinnen

In den letzten Wochen ist es ungewöhnlich still. Eigentlich ist in meinem Garten, dem Vogel- und Insektenparadies, immer Gesang, Gezwitscher und Gezirpe zu hören, aber in letzter Zeit höre ich kaum noch Vögel. Ein paar Tauben hin und wieder, sonst nichts. Weder abends noch morgens in der Dämmerung, geschweige denn tagsüber. Nun ist gerade weder Balz- noch Brut- oder Brutpflegezeit und die meisten Vögel haben vermutlich wenig Gründe, sich zu präsentieren, ihre Reviere zu markieren oder sonstwie lautstark Position zu beziehen. Aber ich erinnere mich aus keinem vergangenen Jahr an eine solche Vogelpause. Zumindest schimpfende Amseln hätte ich in einer Gegend mit vielen Katzen außerdem zu fast jeder Jahreszeit erwartet. Aber – nichts – Stille. Ich finde das beunruhigend und fühle meine innere Leere der letzten Zeit darin gespiegelt.

Gestern Abend machte sich mein Ex-Partner spontan auf den Weg zu seinem Boot. Ich frage mich seit Monaten, ob ich es eigentlich schade oder erlösend finde, keine Zeit mehr dort zu verbringen. Ich glaube, ich bin froh darüber, obwohl Manches auch schön war. Kaum war er weg, da begann der Gesang der Vögel wieder. Zwar nur aus wenigen Schnäbeln, aber wunderschön melodisch. Ich weiß nicht, was für Vögel es waren, aber ich musste sie mit meinem nach einem langen, frustrierenden Defekt endlich wieder funktionierenden Aufnahmegerät akustisch verewigen.

Der gestrige Tag war gut. Es war mit bis zu 35°C zwar viel zu heiß, aber ich verbrachte die wärmsten Stunden im kühlen Welthaus mit einer mir immer wichtiger werdenden Freundin. Wir redeten, aßen vegane Burger und backten einen ausgesprochen leckeren Marzipan-Kirsch-Kuchen. Abends, wieder zu Hause, bevor die Vögel zu singen begannen, klingelte das Telefon und meine langjährigste Freundin, die ich seit fast einem Vierteljahrhundert kenne und an die ich in den letzten Tagen tatsächlich mehrfach gedacht hatte, war am Apparat. Ich habe mich schon lange nicht mehr so über einen Anruf gefreut. Meist bringen spontane Anrufe mich aus dem Konzept, ich bin dann gestresst und gar nicht zu langen Gesprächen in der Lage. Nicht so gestern – es war wunderbar, Neuigkeiten der letzten zwei Jahre auszutauschen, von denen es auf beiden Seiten einige gab. Bei ihr war es viel Positives, bei mir mehr Negatives, aber was solls. Ich ziehe auch aus allem Negativen etwas Positives, also ist das alles offensichtlich eh nur eine Frage der Perspektive. Außerdem freue ich mich natürlich für meine Freundin, wenn es bei ihr gut läuft.

Erst vor ein paar Tagen hatte ich – geplant und verabredet – mit einer anderen guten Freundin telefoniert, die ich auch schon eine gefühlte Ewigkeit kenne und mit der es ein paar Monate Funkstille gegeben hatte. Auch dieses Gespräch tat unglaublich gut. Beide Freundinnen hatten meine Trennung viel länger kommen sehen als ich selbst. Obwohl Beide weit weg wohnen und meinen Ex-Partner nie persönlich getroffen haben sondern nur aus meinen, wie ich glaubte, damals noch recht positiv gefärbten Erzählungen am Telefon kannten, freuten sie sich aufrichtig, als ich ihnen von der Trennung berichtete. Tja, alle waren klüger als ich, und ich bin ihnen irgendwie so dankba dafür, dass sie mich trotzdem haben machen lassen. Alles Andere hätte eh nicht geholfen sondern mich nur weiter in die Defensive getrieben. Also perfekt, wie es gelaufen ist – Freundinnen sind so etwas Wunderbares.

Heute ist es zwar wieder zu warm und im Gegensatz zu gestern sehr drückend, aber Arzu, die irgendwie auch eine ganz besondere Freundin ist, hat Geburtstag. Ich behaupte ja schon seit Längerem, dass sie 8 Jahre alt ist. Jetzt ist sie es wirklich. Auch in Bezug auf mich selbst sage ich meist schon Wochen oder sogar Monate vor meinem Geburtstag, dass ich bereits (fast) so und so alt bin so quasi, um mich schoneinmal an die neue Zahl zu gewöhnen. Auch mein Geburtstagsmuff kam also schon seit einer Weile in diese Verlegenheit. Und gerade fällt mir auf: Wenn ich nächstes Jahr 40 werde, bin ich für drei Monate von Anfang Mai bis Anfang August offiziell genau fünfmal so alt wie mein Hund 🙂 Irgendwie gefällt mir das.

Seit Langem habe ich mich in meinem tristen Altag voller Ärgernisse einsam, ungesehen und ausgebrannt gefühlt. Ich selbst war leer, meine Tage waren leer und mein Umfeld konnte oder wollte nichts davon füllen, außer mit immer weiteren Ärgernissen. Endlich beginne ich zu spüren, dass es auch noch positive, bestärkende Energien um mich herum gibt, Lebewesen, die mir gut tun und meine Akkus wieder aufladen können, wenn ich das zulasse. Endlich kann ich es zulassen – hoffentlich gelingt es mir auch irgendwann, auch aus mir selbst heraus wieder Kraft zu schöpfen.

Danke, dass es Euch gibt und ich bei Euch Wertschätzung und tiefes Einverständnis spüren darf, liebe T., N., A. und mein plüschiges Knubbeltier 🙂

5 Gedanken zu “Vögel und Freundinnen

    1. kommunikatz sagt:

      Der Freude kann ich mich nur anschließen! Und dem Gespanntsein auch 😉 Wie wäre das: Du/wir machen ein neues Blog für Deinen plüschigen Anhang und werden zu Storytelling-Expertinnen – da wollte ich mich eh ein bisschen reinsteigern, nachdem ich ein paar mini-Fortbildungsveranstaltungen in der Online-Texttreff-Akademie (OTTA) dazu besucht habe und fürs Fundraising üben muss 😉

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  1. kommunikatz sagt:

    Heute Nachmittag kamen dann, wie bestellt, die schimpfenden Amseln und eine Elster zurück. Letztere war möglicherweise der Grund, warum erstere schimpften, obwohl ich nicht weiß, ob Amseln Elstern auch verjagen, wenn sie gerade keine Eier oder Jungvögel im Nest haben, was ja zur Zeit nicht der Fall sein dürfte. Jedenfalls schienen die Amseln und die Elster sich zu unterhalten, was ich auch wieder aufgenommen habe.

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  2. kommunikatz sagt:

    Es ist fast schon absurd, aber je mehr Umzugskisten mein Ex aus dem Haus trägt, desto mehr Vögel höre ich draußen wieder singen – nach gefühlten Monaten der absoluten Stille, die im Übrigen nicht nur ich wahrgenommen habe. Woran lag das?

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