Dia(b)log: Warum ich so viel Privates preisgebe

Ihr merkt, wie auch die aktuelle Fragestellerin: Ich bin ziemlich freigiebig mit privaten Detailss. Ich schreibe über meinen Schwangerschaftsabbruch, meine Menstruation, meine MS-Symptome inkl. drohender Inkontinenz und meiner Versuche, meine Vulva sensibel und lustempfindlich zu halten, meine Depression, Drogen, Ängste und verklausulierte Suizidgedanken. Uff, ja, das sind private Sachen. Und? sollte ich sie deshalb nicht ins Internet schreiben? Gehen sie deshalb automatisch nur mich etwas an?

Aufschreiben muss ich sie eh, um damit zurechtzukommen. Also sind die Texte da und ich kann sie weiterverwerten – ich will das sogar, weil ich so ungern für die Schublade schreibe und weil ich immer eine Zielgruppe im Kopf haben muss, um mich wirklich zum Schreiben motivieren zu können. Viel wichtiger finde ich aber: Zu einem aufklärerischen, informierenden und transparenten Umgang mit teils stigmatisierten Themen gehört es in allererster Linie, Tabus und Stigmata zu ignorieren. Sie lassen sich nur bekämpfen, indem mensch sie konsequent aushebelt, also indem mensch sich einfach nicht daran hält. Tabus gehen nur weg, wenn mensch ihnen nicht mehr gehorcht. Und Vorbehalte, Berührungsängste und damit auch Ausgrenzung und Diskriminierung der ihretwegen abgelehnten Menschen können nur verschwinden, wenn eben die Ängste und Unsicherheiten abgebaut werden. Tabubrüche sind das Inklusionswerkzeug der Wahl, wenn Ihr mich fragt. Wie sollen die Leute denn sonst jemals kapieren, dass eine Person mit Behinderung eben auch noch ein paar mehr Eigenschaften und Interessen hat und auf diversen Ebenen ein ganz normales oder auch ganz unerwartet ausgefallenes Leben führt?
Zu diesem Zweck plädiere ich persönlich für die Methode der Desensibilisierung durch Schocktherapie. Ich schmiere Euch also gern alles aufs Brot, was krass und im ersten Moment erschreckend sein mag, für mich aber gerade den ganz normalen Alltag ausmacht. Wer es nicht lesen will, ist nicht dazu verpflichtet. Wer es will, darf es aber gern tun und sich dadurch ein Stück weit in eine ihr oder ihm vielleicht fremde Welt hineindenken, um die Angst davor zu verlieren.

Es geht mir nicht darum, mich wichtig zu machen oder in den Mittelpunkt zu stellen. Ich hoffe, das wird dadurch deutlich genug, dass ich für mein Blog keinerlei Werbung mache. Dass sich meine Webseite überhaupt zu einer so privaten Veranstaltung entwickelt hat, war ja schon eher Zufall als Plan. Aber nun ist es eben so und ich nutze diese Plattform, um meine Aufklärungsarbeit und Berührungsängsteabbaumission zu betreiben – und ja, vielleicht schockiere ich auch manchmal einfach gern, aber nicht um der Wichtigtuerei Willen sondern durchaus mit der dahinterstehenden Absicht, Dinge zu erklären, für Verständnis und Offenheit zu werben. Ich halte Offenheit noch immer für ein Geschenk an Andere. Und ich schenke gern – vielleicht freut sich ja jemand.

9 Gedanken zu “Dia(b)log: Warum ich so viel Privates preisgebe

  1. Tanja sagt:

    Liebe Lea,
    ich würde das meiste von dem, dass du preisgibst, nur völlig anonym ins Internet stellen, so dass keine Rückschlüsse auf meine Person möglich sind. Aber ich finde es gut, dass du den Mut hast. So erfahre ich mehr über dich, dass ich im Gespräch vielleicht nicht erfahren würde und, wie du schreibst, Tabuthemen können nur enttabuisiert werden, in dem über sie geschrieben und gesprochen wird und das am besten von realen Personen.

    Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Tanja,
      genau, das mit der Enttabuisierung funktioniert nur, wenn es auch jemand tut. Ich würde niemals jemanden überreden, so viel über sich zu erzählen, oder Menschen dafür kritisieren, die es aus welchen Gründen auch immer nicht wollen. Das muss jeder Mensch so handhaben, wie es sich gut und richtig anfühlt. Für mich fühlt es sich sinnvoll an, aber ich bin damit auch noch nie nennenswert auf die nase gefallen. Insofern genieße ich dieses Privileg, solange ich es habe, und spiele mit dem, was die Realität mir schenkt 🙂
      liebe Grüße
      Lea

      Gefällt 2 Personen

  2. Sarah sagt:

    Finde ich mutig und konsequent. Und für mich schlüssig, wie du deine Beweggründe beschreibst! Ich lese ja schon eine ganze Weile bei dir mit und zwar nicht aus „Sensationsgier“ oder Neugier, sondern weil ich genau diese Offenheit, Reflektiertheit und Unverblümtheit deiner Beiträge schätze. Herzlichen Gruß!

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Danke, liebe Sarah, das freut mich sehr. Vor allem gehen mir die Begriffe „schlüssig“ und „reflektiert“ wirklich runter wie Öl, denn genau das möchte ich gerne sein und immer wieder bekomme ich Angst, dass es mir vielleicht doch oft nicht gelingt oder zumindest nicht so wirkt. Schön, dass ich nicht zu weit hinter meinem Anspruch zurückzubleiben scheine 🙂
      liebe Grüße
      Lea

      Gefällt 1 Person

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