Surreale Momentaufnahme

In einem Schlaraffenland unter einer Käseglocke zu sitzen, sich durch Tage zu fressen und durch Abende zu kiffen, am Niedergang der Welt zu verzweifeln, sich pandemiebedingt ins Private zurückzuziehen – das alles lässt mich jedes Zeitgefühl verlieren. Jeder Tag ist wie Wochenende, auch ohne Lockdown. Natürlich, ich mache tagsüber sowas wie Arbeiten, aber im Homeoffice verschwimmen alle Tätigkeiten und Kategorien. Ich kann auch abends halb stoned Texte über den Holocaust in Einfache Sprache übersetzen. Wenn ich das Resultat am nächsten Tag lese, ist es genauso gut wie der Textabschnitt, den ich vormittags mit Kaffee bearbeitet habe.

Alles ist egal geworden. Niemand erwartet mehr Normalität, zumindest ich nicht. Alte Weggefährt*innen politischer Kämpfe sind zur schwurbelnden und die Pandemie leugnenden, aber ganz banal als Impfkritiker*innen zu Tausenden auf die Straße gehenden Querfront-Fraktion abgewandert. Früher demonstrierte ich mit ihnen, heute demonstriere ich gegen sie. Die Welt wird immer verrückter, was zunehmend eine Mischung aus verschoben und entrückt zu sein scheint.

Viele Menschen (nicht nur) aus der Generation meiner Eltern, die sich selbst als links verstehen, sind aus Prinzip gegen den Staat. Deshalb sind sie jetzt gegen die Coronamaßnahmen inkl. Impfung. Viele halten die Pandemie für eine staatliche Lüge, weil ja auch so vieles Andere, gegen das sie sonst demonstrieren, staatliche IrRWEge sind. Aus Gewohnheit und Routine sind sie eben auch jetzt dagegen, weil der Staat es so sagt und seine Verordnungen sie vermeintlich einschränken. Aber demonstriere ich dann jetzt für den Staat? Sind die Feind*innen meiner Feind*innen automatisch meine Freund*innen? Natürlich nicht, die Welt ist komplex und wird immer komplexer. So viele Komplexe überall. Verblendung macht traurig.

Dagegen kann mensch sich nur in die eigenen Neurosen flüchten – und in die befreienden Kämpfe, die gemeinsamen Träume, das verbindende Retten von Lebensmitteln und Hausrat aus Nachlässen, das aus Gassibekanntschaften Freundschaften macht. Und plötzlich sind die Neurosen weg. Räucherlachs und Babyfutter verschenken und Wollpullover dafür bekommen, gemeinsam über konventionelle Land- und Milchwirtschaft mit all ihren zerstörerischen Elementen schimpfen, alte Hunde bewundern, die Vergiftungen mit Ackerpestiziden überlebt haben, unter auf zu engen Wegen festgefahrenen Gülle-Trucks hindurchlaufen, weil anders kein Durchkommen mehr ist. Begegnungen mit Wastl, dem Dackelwelpen vom Biobauernhof, der kaum so groß ist wie Akiros Kopf, aber genau die gleiche Fellzeichnung hat wie der Herr Flausch, sind Highlights trüber Januartage. Der ganz junge und der ganz alte Hund, einer ganz klein, der andere ganz groß, haben seit ihrer ersten Begegnung innige Freundschaft geschlossen. Es gibt wenig Niedlicheres. Wir sind niedlich, was seid Ihr?

In mir ist ein verworrener, zielloser Zustand. Ich suche Veränderung, aber traue mich nicht, etwas dafür zu tun. Was ich anfange, läuft nicht, wird zum Rohrkrepierer, bringt nur Frust und Enttäuschung. Der Zufall hat mich konditioniert: Wenn ich mich aus Löchern herauskämpfe, kommt sofort die nächste Klatsche. Wieso also Dinge anfangen? Bringt doch nichts.

Wenn etwas passiert, sich aufdrängt, Türen sich öffnen, wo ich nicht mit ihnen rechne, dann kann etwas Gutes entstehen. Aber aus meinen eigenen Initiativen entstehen nur Scherbenhaufen. Und das passt ins Bild, schließlich ist die ganze Welt nur noch ein dem Tode geweihter Haufen Scheiße. Ich möchte unter meinen Stein kriechen und nichts von Alledem mitbekommen. Oder etwas Neues lernen, zu Ufern aufbrechen, die mir noch fremd sind, andere Aufgaben finden, die gebraucht und wertgeschätzt werden, ohne mich zu überfordern. Nur die Richtung fehlt – also beruflich.

Privat bin ich schon längst wieder unter dem Stein und genieße die wohlige, vertraute Ruhe dort. Es ist flauschig und so soll es bleiben. Flausch hilft gegen das deprimierende Außen, die Widrigkeiten und Defizite, mein ganzes Sein als Mängelwesen de Luxe. Kurzes Aufblitzen von Zielen oder Wünschen trügt. Ich habe weder Ziele noch Wünsche, bzw. die, die ich habe, sind unerfüllbar. Der Rest ist Schweigen und Theater.

Die Nachbarin hat den Engländer gefragt, ob wir wieder zusammen sind. Er hat gesagt, so 50:50, ich hätte gesagt, es kommt darauf an, wer fragt. Die flauschigen Vier sind auf jeden Fall zusammen, so viel es geht.

5 Gedanken zu “Surreale Momentaufnahme

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