Zwischen Langeweile und Horror

Auf dem Weg von Aachen nach Köln durchquert mensch Orte mit interessanten Namen. Der Regionalexpress hält an Bahnhöfen wie Langerwehe und Horrem. Wir haben uns einen – vermutlich nicht besonders neuen – Spaß daraus gemacht, diese Ortsnamen zu verballhornen. Aus Langerwehe wird so Langeweile und aus Horrem Horror. Ohne damit diese Orte abwerten zu wollen, hat das Ganze doch einen leider sehr wahren Kern.

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Sich zwischen Aachen und Köln zu bewegen, bedeutet, mitten durch das nordwestliche rheinische Braunkohlerevier zu fahren. Das ist der noch aktive Teil mit den Tagebauen Inden, Hambach und Garzweiler. Die über Köln hinaus nach Südosten reichenden Teile sind längst ausgebeutet und großteils rekultiviert. Die Industrialisierung der Region begann quasi um die Ecke in Inden – hier wurde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Braun- und Steinkohle abgebaut und zunächst zum Heizen, für den Antrieb von Dampfmaschinen und zur Verarbeitung der ebenfalls im Aachener Revier abgebauten Erze benutzt. Aber auch die Verstromung begann bereits in den 1890er Jahren. Die inzwischen riesigen Löcher der Tagebaue fressen sich seit über einem Jahrhundert durchs Rheinland und haben längst auch ehemalige Bergbauschächte verschlungen.

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Egal ob aus dem Zug oder von der Autobahn aus – das Kohlekraftwerk Weisweiler mit seinen dreckigen Kühltürmen und den riesigen Dampfwolken ist immer sichtbar. Als ich klein war und die Wolken mit meinem 2%-Sehrest noch erkennen konnte, wurde mir, wie allen Kindern der Region, die Geschichte von der Wolkenmaschine erzählt. Das war irgendwie nett, auch wenn ich wusste, dass das Kraftwerk nicht wirklich Wolken produziert. Trotzdem fand ich es wegen dieser Geschichte nicht so schlimm: es war ja nur Wasserdampf – den Rest sah mensch nicht oder blendete ihn einfach aus.

Weithin sichtbare Kraftwerke, die Braunkohle verbrennen, um daraus Strom und Fernwärme zu erzeugen, gab und gibt es im gesamten Rheinland haufenweise. Das erste Kraftwerk entstand schon 1892 bei Frechen. 1906 übernahm RWE, das damalige Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk aus Essen, das Braunkohlekraftwerk Berggeist bei Brühl. So lange ist der Konzern bereits untrennbar mit der Braunkohle verknüpft. Und tatsächlich besitzt RWE die Dreistigkeit, mit BoAplus in Niederaußem sogar noch ein neues Braunkohlekraftwerk zu planen. Die bestehenden, teils sehr alten und absolut ineffizienten Kraftwerke laufen als angeblich so unerlässliche Brückentechnologie und Reserve für wind- und sonnenarme Zeiten voraussichtlich länger als alle Atomkraftwerke Deutschlands. Niemand spricht von einer Abschaltung vor 2030, und selbst das ist kein festgeschriebener Plan sondern nur eine Forderung kompromissbereiter Politiker*innen.

Irgendwann um 2050 herum wären die aktuell bestehenden Tagebaue im Rheinland ausgebeutet. Wenn niemand auf die irrsinnige Idee kommt, neue Tagebaue zu erschließen, wäre dann also Schicht im Schacht. Bedenkt mensch, dass bereits jetzt zahlreiche Studien und Expert*innen nachdrücklich ein Ende der Kohleverstromung fordern, ist jedoch auch schon dieser Gedanke irrsinnig genug. Immernoch werden ganze Dörfer umgesiedelt und abgebaggert, um immer weiter Kohle aus bis zu 500m tiefen Erdschichten zu holen, obwohl wir genau wissen, dass wir über 80% der fossilen Energieträger gar nicht verbrennen dürfen, wenn wir auch nur eine winzige Chance auf die Rettung des Weltklimas behalten wollen. Die Ende 2015 beim Pariser Klimagipfel festgelegte Erderwärmungsobergrenze von 1,5°C ist schon jetzt nicht mehr zu halten. Am 2°C-Limit beginnen wir langsam zu kratzen und die Effekte sind weltweit spürbar. Ganze Regionen in ohnehin schon sehr warmen Gegenden werden aufgrund der extremen Temperaturen und Wetterphänomene unbewohnbar, der steigende Meeresspiegel verschluckt ganze Inseln und Küstenstreifen und der nach und nach versiegende Golfstrom sorgt dafür, dass es in anderen Gegenden kälter wird.

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Aber auch die regionalen Auswirkungen sind genauso beängstigend wie ein möglicher GAU im 60km von Aachen entfernten, Belgischen Atomkraftwerk Tihange. Wenn es in Aachen Smog gibt, liegt das nur zum Teil am Autoverkehr auf den Straßen. Das meiste CO2, Stickstoff- und Schwefeldioxid, der meiste Feinstaub und auch so lustige Dinge wie Quecksilber in der Luft kommen aus den Tagebauen und Kohlekraftwerken. Unsere Atemluft ist reiner Dreck, der oft als deutliche Dunstglocke über dem Aachener Talkessel sichtbar ist. Das Rheinland verpestet also seine eigene Luft und zusätzlich das Klima des gesamten Planeten. Wenn das kein Horror ist, weiß ich es wirklich nicht – offenbar sind die Menschen aber viel zu sehr in ihrer festgefahrenen, althergebrachten Langeweile eingelullt, um es zu bemerken und etwas an ihrem Verhalten zu ändern. RWE und die Mondlandschaften des Tagebaus sind ein unhinterfragter Teil der regionalen Geschichte. Sie haben dem Rheinland in der Vergangenheit Arbeitsplätze und einen gewissen Wohlstand gebracht. Heute, wo mensch schon lange sehr genau um die fatalen Auswirkungen weiß, rücken erschreckend viele Menschen aber immernoch nicht von ihrer RWE-Hörigkeit ab. Es lohnt sich, mit Menschen zu diskutieren und ihnen zu erklären, dass die Braunkohle längst kein Heilsbringer mehr ist und auch keine Brückentechnologie sein kann.

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Die einfachsten Dinge, die wir alle ändern können, sofern wir es nicht längst getan haben, sind aber Stromanbieter wechseln und Strom sparen – erneuerbare Energien sind schön, aber der grünste Strom ist der, der gar nicht erst erzeugt werden muss. Und wer etwas mehr tun will, ist herzlich zu diversen Protestaktionen im Hambacher Forst, vor der RWE-Zentrale in Essen, bei der RWE-Hauptversammlung oder vor Rathäusern und Verwaltungsgebäuden der Kommunen eingeladen, die immernoch horrende Summen in RWE-Aktien stecken. Saubere Atemluft, Klima- und Naturschutz können gar nicht hoch genug bewertet werden – es müssen viel mehr Menschen mitziehen als bisher, sonst wird es für die Menschheit auf der Erde bald relativ ungemütlich.

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3 Gedanken zu “Zwischen Langeweile und Horror

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