Every day is like sunday

Das singt die Frau im Internetradio zu countryhaft schnulziger Musik und ich denke, genau. Momentan fühlt sich jeder Tag an, wie ein Sonntag. Zwar ein Sonntag, an dem ich ein paar Dinge erledigen muss, aber auch das gibt es ja. Mein Homeoffice wird immer unstressiger – die dicksten und anstrengendsten Klöpse mussten bis Ende März abgearbeitet sein, weil alle möglichen Fristen für Verwendungsnachweise,Berichte etc. am 31.03. enden. Jetzt gibt es nur noch Sitzungen vorzubereiten und zu klären, wie diese überhaupt stattfinden, Leute von Videokonferenzen zu überzeugen, die das alles für technisches Hexenwerk halten und neue Konzepte für die Akademie der Vereine mitzuentwickeln. Das sind Sachen, die ich durchaus auch sonntags machen würde, wenn es sich aus irgendeinem sinnvollen Grund ergäbe.

Sehr sonntäglich auch: Die meisten Geschäfte haben zu. Gut, ich gehe eh nicht shoppen und für die alltäglichen Lebensmitteleinkäufe bin ich nicht zuständig, so dass mich das insgesamt wenig juckt, aber zum Wochenendgefühl trägt es bei. Der Unverpacktladen, wo ich Zutaten für selbstgemachtes Waschmittel oder Spülmaschinenpulver kaufen will, der kleine, tolle Laden für unverpackte Kosmetika, der erst vor ein paar Monaten in direkter Nachbarschaft des Welthauses eröffnet hat und wo ich die beste Seife und ein herrliches, festes Shampoo entdeckt habe, von dem mir nicht die Haare ausfallen, solche Läden sind natürlich geschlossen. Aber ich habe keinen Shampoo-Engpass und habe mir nun erstmal doch wieder mit dem plastikverpackten Spülmaschinenpulver vom Discounter beholfen – ein bisschen, als hätten die anderen Läden halt gerade Urlaub oder so.

Morgens klingelt zwar mein Wecker, weil ich etwas Struktur aufrechterhalten wollte. Aber ich muss nicht hektisch aus dem Bett springen, sondern kann beliebig lange liegenbleiben, weil es eben letztendlich doch vollkommen egal ist, ob ich um 9, um 10 oder um 11 Uhr am Schreibtisch sitze. Und ich schlafe wirklich fast jeden Tag, bis der Wecker mich weckt, sogar, wenn ich zwischendurch mitten in der Nacht mal aufwache. Wieder einzuschlafen, ist plötzlich wieder ganz leicht. Das kenne ich so schon seit Jahren nicht mehr.

Das Wetter ist wunderbar frühlingshaft und jeden Tag gibt es einen längeren Spaziergang mit den Hunden, etwas Gartenarbeit oder einfach Zeit in der sonne auf der Terrasse. Fühlt sich alles wie Wochenende an. Ich verabrede mich eh nicht dauernd mit Leuten – draußen beim Spazierengehen treffe ich genug Menschen und eigentlich bin ich total glücklich für mich alleine. Mir fehlt einfach nichts, obwohl ich natürlich weiß, dass ich eigentlich schon Vieles und Viele vermisse. Das Welthaus fehlt mir, die Leute da fehlen mir – total. Wenn ich darüber nachdenke, merke ich es. Aber normalerweise denke ich eben nicht darüber nach.

Nichteinmal unterschwellige Angst oder Nervosität, die für so viele Menschen unmittelbare Begleiterscheinungen der Coronakrise sind, verhageln mir das Sonntagsgefühl. Panik ist mir weitgehend fremd und obwohl ich mir um Manches und Manche natürlich Sorgen mache, würde ich mich momentan als beinahe angstfrei bezeichnen. Ich funktioniere einfach und genieße die Entschleunigung, die Ruhe, die nicht vorhandenen Verpflichtungen und Termine, die Möglichkeit, einfach zu Hause zu bleiben. Natürlich lese ich Zeitung und höre Radio. Natürlich erschrecken mich die Nachrichten aus Italien, Spanien, den USA, Großbritannien etc.. Jeden Morgen, wenn ich meinen Laptop einschalte, ist eine meiner ersten Amtshandlungen das Öffnen der Webseite mit den aktuellen Coronameldungen der Krisenstäbe von Stadt und Städteregion Aachen. Ich will schließlich die aktuellen Zahlen und Verhaltensregeln wissen. Aber diese beruhigen mich in der Regel eher, als dass sie mich verunsichern oder beängstigen würden. Wir haben es hier so gut, sind verhältnismäßig sicher und geschützt. Unser Gesundheitssystem bricht so schnell nicht zusammen, auch wenn es schon an manchen Stellen knirscht.

In einer Mailinglistendebatte über freiberufliche Arbeit in Zeiten von Corona schrieb jemand, momentan sei Business as usual und effizientes Arbeiten weder möglich noch nötig, schließlich befänden wir uns in einem für alle komplett neuen und unkalkulierbaren Ausnahmezustand. Wer dennoch so produktiv arbeiten könne, als sei alles normal, habe offenbar keinerlei Zugang zu den eigenen Emotionen und überfordere sich selbst permanent. Ich las diese Zeilen und fühlte mich ertappt, erkannt, diagnostiziert. Ja, ich habe mich selbst so abgestumpft und abgetötet, dass meine Gefühle für mich ein Buch mit sieben Siegeln sind. Ich spüre nichts, bin einfach kalt und leer. Ich funktioniere und tue dabei oft so, als hätte ich gefühle, aber die einzigen Gefühle, die ich wirklich wahrnehme, sind Trauer und Verzweiflung über meine eigene Situation.

Seit Beginn der Coronakrise fühle ich aber sogar diese Dinge eigentlich nicht mehr. Seit sich mein Leben entschleunigt und ich meine Ruhe habe, seit ich motiviert oder gezwungen bin, hier zu Hause eine positive Stimmung und gute Atmosphäre aufrecht zu erhalten, spüre ich keinen Drang mehr, Gegenstände oder meinen eigenen Kopf gegen Wände zu schlagen. Ich habe keine unkontrollierbaren Heulattacken mehr – zumindest nicht mehr jeden Tag. Es geht mir besser.

Durch meine Bemühungen um einen nicht in Schieflage geratenden Haussegen und mein deshalb wahrscheinlich viel annehmenderes, entgegenkommenderes und wertschätzenderes Verhalten hebe ich auch meine eigene Stimmung. Meinem Partner signalisiere ich, dass alles ok ist und ich bitte keinen Ärger will. Ich möchte einfach so tun, als wäre alles gut. Und ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass er dabei mitzieht. Ich will nicht länger alleine, gegen ihn um uns kämpfen, wie es sich schon seit Monaten anfühlt.

Ich möchte wieder eine funktionierende Beziehung führen, wenn ja offenbar alles Andere ausgeschlossen ist. Das scheint zu funktionieren, weil ich ja funktioniere. Und vielleicht komme ich vom Funktionieren so auch ganz elegant und von allein wieder in eine tatsächliche Entspannung, die nicht bloß ein Verdrängen und eine Betäubung sondern echte Zufriedenheit ist. Hach, wäre das schön! Vielleicht rettet Corona gerade meine psychische Verfassung und meine Beziehung. Schräg, oder? Noch ist es ja auch viel zu früh, das ernsthaft zu behaupten, aber es wäre doch mal eine positive Wendung im Kleinen – und der Beweis für die Existenz und Veränderungskraft eines Richtigen im Falschen!

PS: Ich konnte leider nicht herausfinden, was für ein Lied Pate für den Titel dieses Beitrags war. Alles, was ich online finde, ist nicht das Richtige.

PPS: Natürlich hat die liebe Puzzleblume Recht und es waren die Pretenders. Danke! Darauf hätte ich auch selbst kommen können. Manchmal besteht mein Hirn irgendwie aus Knoten.

8 Gedanken zu “Every day is like sunday

  1. puzzleblume sagt:

    Deine Beschreibung von gewissen Ruhe-Empfindungen kann ich nachvollziehen. Die allen abgenötigten Reduktion gibt einem endlich ein akzeptables Recht auf mehr Distanz und Alleinsein.
    Ich tippe blind mal auf The Pretenders, finde deren Everyday Is Like Sunday-Version passt auf deine countryschnulzige Beschreibung.

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke, liebe Puzzleblume. Ja, Du hast Recht, und dabei dachte ich, die Stimme von Chrissie Hyndt ziemlich treffsicher zu erkennen. Naja, war wohl doch zu bekifft, als ich die Idee zu diesem Text hatte und die Einleitung schrieb 🙂 Gestern kam mir das Lied total fremd vor, heute ist mir so zu sagen alles klar.

      Gefällt 1 Person

  2. kommunikatz sagt:

    Verdammt, ich muss eine Fortsetzung zu diesem Beitrag schreiben… Corona hat gar nichts gerettet. Sowohl meine Psyche als auch meine Beziehung scheinen gerade wieder ein Stück weiter den Bach runterzugehen. Die Phase der Euphorie ist offenbar vorbei und wurde von der Normalität eingeholt. Und die ist dem Anschein nach leider nur so lange erträglich, wie ich eben funktioniere und mein Umfeld bei Laune halten kann. Aber ich funktioniere nicht mehr. Klar, dass dann alles abkackt…

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