Fellwechsel

Die Hunde fallen auseinander. Aus dem Inhalt des Staubsaugerbeutels, dem nach einem Tag schon wieder dichten Fellteppich auf dem Fußboden und dem, was in Bürste und Kamm hängenbleibt, könnten wir alle paar Tage zwei neue Hunde zusammensetzen. Angesichts der Lage in so ziemlich allen anderen Ecken der Welt, wie mein Partner kürzlich zu einem Kollegen sagte, ist Flausch in Deutschland aber nur halb so wild.

 

Flausch in Deutschland ist eigentlich sogar recht nett. Deshalb lässt sich der seit 20 Jahren hier lebende und sich trotzdem als Brexit-Flüchtling fühlende Brite nun einbürgern. Ja, der Engländer wird deutsch. Sein Akzent wird dadurch (zum Glück) nicht verschwinden und seine Fähigkeit, sich Straßennamen zu merken, wird sich vermutlich nicht verbessern – auch wenn das seit einiger Zeit unser running Gag ist – aber der Einbürgerungstest ist bestanden und der Termin zur Abgabe des Einbürgerungsantrags steht fest.

 

Das Zusammentragen der nötigen Unterlagen war ein gewisser Hantier und das Ausfüllen der Formulare wird auch nochmal nervig, aber verglichen mit den 85 Seiten, die für eine Einbürgerung in Großbritannien ausgefüllt werden müssen, ist die Aktion hier ein Spaziergang. Und die Briten sind sich dann nicht zu fein, Einbürgerungen aus irrwitzigen Gründen abzulehnen und den Menschen mitzuteilen, gefälligst so bald wie möglich die Insel zu verlassen. Genau wie sie momentan im UK geborene Kinder binationaler Paare aus dem Land werfen wollen, nur weil es über sie keine Daten aus Steuererklärungen gibt. Ach was, Kinder zahlen keine Steuern? Komisch! Oder die Frau, die ihre Aufenthaltsgenehmigung verlor, nur weil sie zu lange im Ausland ihre kranken Eltern pflegte – oder die Menschen mit britischen Ehepartner*innen und britischen Kindern, die dennoch abgeschoben werden, obwohl sie schon über 20 Jahre in Großbritannien leben.

 

Es ist irrsinnig. Die Brexitentscheidung hat anscheinend einige Leute den letzten Rest Hirn gekostet. Mensch kann sich wirklich pausenlos aufregen. Ganz abgesehen von allen sonstigen Implikationen des Brexit. Die EU hat ihre Makel und Macken, vorneweg die Abschottung an ihren Außengrenzen, aber die europäische Idee ist unterstützenswert und sinnvoll. So, wie die Welt sich entwickelt, bräuchten wir nicht nur vereinte Kontinente sondern eigentlich eine Art Weltregierung, die sich auf die Überwachung einer vernünftigen Ressourcenverteilung und eines fairen Umgangs der Menschen untereinander und mit ihrer Mitwelt beschränkt. Ja, das würde nachhaltiger und vernünftiger agierende, weniger egoistische und viel solidarischere Menschen voraussetzen, aber nunja, mensch darf noch träumen.

 

Großbritannien hat den Verstand verloren. Deshalb liegt auf unserem Sofa zwischen den Hundehaaren jetzt ein „explodiertes Bundesministerium“, aka. eine riesige Menge Papier, fein säuberlich in verschiedene Stapel sortiert, um auch alle Unterlagen für die Einbürgerung wiederzufinden. Bis zur Landtagswahl Mitte Mai wird es wohl nicht klappen, da der Termin für die Antragstellung erst Anfang Mai ist. Aber ich hoffe sehr, dass wir zur Bundestagswahl im September zusammen ins Wahllokal gehen werden und beide eine Wahlbenachrichtigung vorzeigen können. Im Mai darf er auch schon ein Kreuzchen machen, allerdings nur, weil ich ihn als Augenersatz und Assistenzperson zum Ausfüllen meines Stimmzettels brauche.

 

Achja, in Großbritannien darf er übrigens auch seit vielen Jahren schon nicht mehr wählen, weil er sich zu lange nicht im Land aufgehalten hat. Eigentlich ist er in Sachen demokratischer Partizipationsrechte momentan fast sowas wie staatenlos. Das ist auf Dauer kein befriedigender Zustand, genau wie das Gefühl, sich mit dem eigenen Herkunftsland und großen Teilen der eigenen Verwandtschaft nicht mehr identifizieren zu können. Deutsch sein hat auch unangenehme Seiten, aber momentan wüsste ich wirklich kaum ein Land, in dem es sich besser leben lässt und in dem es noch eine weitgehend halbwegs akzeptable politische Situation gibt. Deutschland ist einfach das kleinste Übel, also her mit dem Personalausweis für den Engländer! Manchmal muss der alte Flausch einfach runter und neuer Flausch kommt drauf.

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2 Gedanken zu “Fellwechsel

  1. kommunikatz says:

    Und da ist sie endlich, die Einbürgerungsurkunde 🙂 Nach dem hochoffiziellen Termin gerade beim Ausländer*innen-Amt gehen wir nun seinen Personalausweis beantragen – und einen Reisepass für mich.

    Gefällt mir

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