Frei und pragmatisch: Mein Verständnis von Freeganismus

Ich schrieb es schon Anfang 2019 in meinen Vorsätzen und Anfang 2020 in meinem Jahresrückblick-Rant: Aus meiner flexitarischen Ernährung ist inzwischen eine weitgehend vegane geworden. Die Betonung liegt aber auf „weitgehend“, denn ganz auf jegliche tierischen Produkte zu verzichten, fände ich für mich 1. zu einfach, 2. zu kompliziert und 3. nicht konsequent. Wie das? Hier kommt die Erklärung:

1. Warum zu einfach?

Aus meiner Sicht sind nicht alle tierischen Produkte gleichermaßen verwerflich. Ich boykottiere Tierprodukte nicht aus gesundheitlichen oder auf die Tierrechte begrenzten Gründen. Ich tue es, weil ich meinen Einfluss als Verbraucherin einsetzen und mit dem Geldbeutel darüber abstimmen will, wie die Welt funktionieren soll. Ja, das ist ein Stück weit marktwirtschaftlich gedacht, denn ich hoffe, dass mein nicht für solche Prudukte ausgegebenes Geld den Konzernen als winziger Tropfen im riesigen Fass ihres Umsatzes schadet und zu denken gibt. Ich konsumiere kein Fleisch, keine Milchprodukte, also vor allem keine klimaschädlichen Erzeugnisse von Rindern, keine Eier aus Massentierhaltung und ganz allgemein keine Produkte aus ausbeuterischer Herstellung odermit zu schlechter Ökobilanz aufgrund von Transportwegen etc. Mir geht es in erster Linie darum, wofür ich mein Geld ausgebe, wen ich also durch meinen Konsum unterstütze und in seinem Vorgehen bestärke.

Konzernen, deren Methoden ich nicht okay finde, gebe ich nicht mein Geld. Eine kleine, private Imkerei unterstütze ich hingegen gern, indem ich Honig oder Propolisprodukte kaufe, die in ihrer Erzeugung für die Bienen zwar nicht toll aber auch nicht verheerend schlimm sind, wodurch wenig Leid und für mich viel Nutzen entsteht, weil Bienenprodukte sehr gesund, lindernd und heilsam sind. Bienen sind wichtig und bedroht, auch wenn das sicherlich mehr die Wildbienen als die Honigbienen betrifft. Trotzdem scheint mir auch die Existenz von Honigbienen durchaus unterstützenswert zu sein. Genauso habe ich nichts gegen Kleidung aus Wolle. Schafe sind so gezüchtet, dass sie geschoren werden müssen, sonst wachsen sie quasi zu. Den Schafen die Wolle abzuscheren, ist für die Tiere lebensnotwendig, wie immer wieder an entlaufenen und nach vielen Monaten völlig in ihrer eigenen Wolle „einbetonierten“ Schafen zu sehen ist. Auch Eier von Hühnern, die und deren Haltung ich persönlich kenne und wirklich artgerecht und unproblematisch finde, esse ich hin und wieder.

Das Einzige, was für mich wirklich gar nicht geht, ist Fleisch oder Fisch, denn ein totes Tier zu essen, widerstrebt mir einfach zu sehr, egal, ob das Tier vor seinem Tod ein schönes und artgerechtes oder grausam gequältes und viel zu kurzes Leben hatte. Wobei ich für Arzus Futter durchaus Fleisch von Tieren bevorzuge, die auf der WAeide und nicht im engen Stall gelebt haben. Auch beim Hundefutter möchte ich möglichst keine Tierquälerei unterstützen, was eigentlich logisch sein müsste. Sie bekommt nicht nur containertes Fleisch sondern nach wie vor auch online bestelltes oder beim Biohof aus der Nachbarschaft gekauftes. Über das Fleisch im Dosenfutter, dass sie ab und zu frisst, möchte ich unter ethischen Gesichtspunkten lieber gar nicht nachdenken.

Ich sehe jede einzelne Konsumentscheidung als Abwägung von Kosten und Nutzen, Vor- und Nachteilen auf diversen Ebenen. Wem schadet ein Produkt, wem hilft es, wie sehr tut es das, welche Auswirkungen gibt es insgesamt? Ist der Schaden klein und der Nutzen groß, kann ich mich auch trotz des geringfügigen Schadens dafür entscheiden, wenn der große Nutzen für mich eine ausreichend wichtige Bedeutung hat.

2. Warum zu kompliziert?

Der Mensch ist ein Allesfresser. Er braucht tierisches Eiweiß, Vitamin B12 und manche anderen Dinge, die sich zwar mit Nahrungsergänzungsmitteln substituieren lassen, aber bei denen es dennoch – und dann mit unschönen Folgen – zu Mangelerscheinungen kommen kann. Ich bin beispielsweise trotz Supplementierung in den letzten Monaten in einen massiven Vitamin B12-Mangel gerutscht und habe u.a. eine unglaubliche Menge von Haaren verloren. Ob und wie sich der Mangel ansonsten ausgewirkt hat, kann ich schwer sagen, da es mir in dieser Zeit aus vielen Gründen nicht gut ging. Aber Vitamin B12 ist auch für die Nerven, die Kognition und Konzentrationsfähigkeit sehr wichtig – alles Bereiche, in denen es mir zunehmend besser geht, seit ich den Mangel im Griff habe.

Vitamin B12 kann der Körper über Nahrungsergänzungsmittel nur sehr schlecht aufnehmen, daher kam es trotz Tabletten zu dem Mangel. Die einzige MÖglichkeit, den Speicher wieder effektiv aufzufüllen, sind regelmäßige Vitamin B12-Spritzen, die ich nun ein paar Wochen lang bekomme. Um mir zusätzlich zu dem ohnehin sinnvollen jährlichen Blutbild regelmäßige Arztbesuche, Medikamente und eine Nahrungsergänzungsmittelschlacht zu ersparen, esse ich lieber ab und zu Eier und Ähnliches aus akzeptablen Quellen, um meinem Körper al die Stoffe zuzuführen, die er eben braucht, um ordentlich zu funktionieren. Das ist eine perfekte Überleitung zu Punkt 3., denn jetzt geht es um die Möglichkeiten, an solche Lebensmittel heranzukommen, ohne sie kaufen und so die industrielle Tierhaltung unterstützen zu müssen.

3. Warum nicht konsequent?

Wenn ich mich nicht nur gegen Tierleid, Ausbeutung und Klimazerstörung sondern auch gegen lebensmittelverschwendung einsetzen will, muss ich hinterfragen, ob ich bei geretteten Produkten die gleichen Maßstäbe anlege wie bei gekauften. Wenn ich Lebensmittel rette, sprich aus dem Container oder von Foodsharing hole, gebe ich dafür kein Geld aus, unterstütze also auch nicht das Geschäftsmodell irgendeines Herstellers. Ich sorge lediglich dafür, dass ein Lebensmittel nicht auf dem Müll landet, also all der Produktions- und Transportaufwand nur für die Tonne passiert ist. Damit die Ressourcen nicht umsonst eingesetzt wurden, esse ich die Sachen lieber auf statt sie in die Verbrennungsanlage ziehen zu lassen. So handhabe ich es auch mit Lebensmitteln, die Ei oder Milch enthalten. Fleisch esse ich auch nicht, wenn es gerettet wurde, aber das übernimmt gerne meine Hündin.

Lebensmittelverschwendung ist ein genauso großes Problem bzw. ein unmittelbarer Teil des Problems der ausbeuterischen Lebensmittelproduktion. Wenn jede Menge Eier, Milch und Fleisch „produziert“ und dann gleich auf den Müll geworfen werden, wäre offensichtlich schon eine Menge Tierleid und Klimazerstörung vermeidbar gewesen. Da es nachträglich nicht mehr vermieden werden kann, kann ich nur dafür sorgen, dass die Produkte wenigstens genutzt statt weggeworfen werden. Auf diese Weise komme ich dann auch an die Nähr- und Mineralstoffe, Vitamine und was auch immer, die mein Körper braucht und bei einer rein veganen Ernährung nicht oder nur unter großem Aufwand bekäme. Allen ist geholfen – wunderbar.

Das ist so ungefähr, was die freegane Bewegung sich überlegt hat. Ich habe diese Bewegung und den Begriff erst entdeckt, nachdem ich mich längst mit mir selbst auf diese Lebensweise geeinigt hatte, aber darunter lässt sich mein Vorgehen wohl ganz gut subsummieren. Für Veganer*innen, die ihrer Gesundheit wegen auf tierische Produkte verzichten (was aus meiner Sicht wenig Sinn ergibt), oder die damit explizit gegen die Nutzung und Ausbeutung von Tieren und ihre Behandlung als Objekte protestieren wollen, ist eine freegane Lebensweise vermutlich indiskutabel bzw. nur eine halbe Sache. Ich persönlich mag halbe Sachen aber oft, denn sie sind leistbarer als Extrempositionen, führen zu deutlich weniger Frontenbildung als jede Art von Extremismus und ermöglichen eine pragmatische und undogmatische Abwägung jedes Einzelfalls, ohne sich in fundamentalistischen Regeln zu verstricken.

Eine solche Verstrickung in Fundamentalismus unterstelle ich selbstverständlich nicht allen Veganer*innen. Manchen unterstelle ich sie dann aber eben doch. Noch immer verhalten sich Viele sehr dogmatisch und intolerant bzw. begegnen Anderen grundsätzlich mit einer missionarischen Haltung, die meist nur für Widerstand sorgt und so das exakte Gegenteil von dem hervorruft, was sie eigentlich erreichen wollen. Ich möchte lieber zeigen, dass Veganismus keine in Stein gemeißelte Ideologie ist, sondern dass es Ausnahmen und Abwandlungen geben kann, so, wie jede und jeder Einzelne es für sich selbst möchte und sinnvoll findet. Es gibt kein veganes Gesetzbuch sondern jeder Mensch gestaltet sein eigenes Leben und die eigenen Konsum- und Ernährungsprinzipien. Davon, dass die eigenen Prinzipien richtig und gut sind, überzeugt mensch Andere nicht durch penetrantes Missionieren sondern durch entspanntes Vorleben.

8 Gedanken zu “Frei und pragmatisch: Mein Verständnis von Freeganismus

  1. fundevogelnest sagt:

    .Okay, nun hat meine Ernährungsweise einen Namen;)
    Ich habe ja eigene Hühner und Bienen und deren Honig und Eier esse ich gern. Das Propolis nutze ich gar nicht.
    Wir haben auch mal einen Hahn, für den sich kein Platz finden ließ, geschlachtet und gegessen. Er war bis zur letzten Sekunde ohne Angst und mir war wichtig, dass es unter meinen Augen geschieht, aber nochmal brauche ich das nicht unbedingt. Er musste auch sechs Wochern im Tiefkühler liegen, bis ich es geschafft habe ihn zuzubereiten…
    Wenn jemand liebevoll für mich gekocht hat oder meine Tochter Essen aus der Hauswirtschaftsschule mitbringt, mag ich nicht mäkeln und missionieren.
    Ich durfte durch meine politische Arbeit Kleinbäuer:innen aus aller Welt kennenlernen und weiß es gibt Lebensumstände in den Schlachten, Jagen und Fischen einfach sinnvoll und nachhaltig sind.
    Die Welt ist nicht eindimensional. Ein Hoch darauf.

    Gefällt 4 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Ganz genau so ist es, die Welt ist sehr bunt und vielfältig und je nach Umständen und Möglichkeiten machen eben ganz unterschiedliche Dinge Sinn. Ich kenne z.B. auch Leute, die Tiere essen, wenn sie sie frisch überfahren an der Straße finden – selbstverständlich überfahren sie sie dafür nicht selbst.
      Und die mitgebrachten oder geschenkten Ausnahmen, die du beschreibst, mache ich gelegentlich auch. Dein Hahn wäre für mich so ein klassischer Grenzfall gewesen. Es war total sinnvoll, wie du es gemacht hast, aber widerstrebt hätte es mir trotzdem auch.
      Vielen Dank für diesen guten und wichtigen Kommentar und liebe Grüße an Dich!

      Gefällt 3 Personen

  2. kommunikatz sagt:

    Das Retten von Lebensmitteln aus den Müllcontainern der Supermärkte hat noch einen Vorteil: Schlicht und ergreifend die Mülltrennung. Im Container landet alles verpackt. Außer dem unverpackten, frischen Obst und Gemüse kann also nichts kompostiert werden, weil alles in Plastik steckt Selbst, wenn mensch die Sachen nur aus dem Container holt, auspackt und sauber nach Biomüll, Plastik, Papier, Glas und Restmüll trennt, ist das schon nützlich. Wenn die noch genießbaren Lebensmittel dann sogar noch genossen werden, ist es umso besser. Gerade habe ich hier eine Tüte Bonbons. Jedes einzelne, winzige Bonbon ist einzeln in Plastik verpackt, alle zusammen dann nochmal in einer Plastiktüte. Wenn ich den Inhalt esse, kann das Plastik in den gelben Sack und wird mit viel Glück tatsächlich recycled. Bleiben die Bonbons in der Verpackung, kann das Ganze nur im Restmüll landen und recycled wird gar nix. Ähnlich vor ein paar Tagen mit einem Adventskalender. Das Ding bestand aus Papier, mehreren Sorten Plastik und letztlich den einzeln in Folie eingewickelten Schokoladenfußbällen (es war ein Adventskalender vom 1. FC Köln). Ich habe alle Bestandteile sauber getrennt und der richtigen Entsorgung zugeführt, die flachen Schokobälle sind in meiner Süßigkeitendose und gemahnen mich immer wieder daran, den Ball flach zu halten 🙂

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