Das deprimierende Schlaraffenland

Weihnachten ist ein Konsumfest. Das wurde mir in den letzten Tagen wieder schlagartig und schmerzlich bewusst. Zwei sehr ertragreiche Containertouren zeigten überdeutlich, wie dekadent und verschwänderisch unsere Überflussgesellschaft noch immer ist. Heiligabend schleppte mein bester Freund mehrere frisch abgelaufene, komplette Hühner, einen ofenfertig vorbereiteten, gefüllten Truthahn, Kistenweise Gewürze, Obst und diversen Süßkram an. Am 26.12. kamen weitere Hühner (teils bio) dazu, außerdem diverse Fertiggerichte in der extra-edlen Version, also nicht in Plastik- oder Aluschalen sondern in Keramik, dazu einige besonders noble, kleine Vorspeisen mit Meeresgetier in irgendeiner Sauce, angerichtet in Muschelhälften. Nicht zu vergessen außerdem mehrere sehr sahne- und puddinglastige Kuchen.

Wir stopften zwei Tiefkühlschränke und mehrere Schubladen in Kombigeräten voll. Was trotz perfektionierten Tetris-Fertigkeiten nicht mehr reinpasste, landete im Kühlschrank, auf der Terrasse oder sofort in Backofen, Mikrowelle oder Näpfen. Die Hunde mampften die abgelaufenen Gerichte, wir die noch für Menschen genießbaren. So gab es im flauschigen Hauptquartier an den Feiertagen überbackenen Lachs, die Jakobsmuschelschalen mit Meeresfrüchten, eine Portion Lasagne, ein irgendwie eingewickeltes und gefülltes Fleischdings mit Äpfeln, den kleinen Truthahn und ein ganzes Huhn, das nicht mehr in den Tiefkühlschrank gepasst hatte. Inzwischen mache ich auch bei gerettetem Fleisch Ausnahmen von meinem grundsätzlichen Veganismus. Wie gesagt, ich bin freegan und unterstütze mit meinem Geld keine Ausbeutung von Tieren oder andere dekadenzbedingten Auswüchse der Lebensmittelproduktion. Aber für gerettete Lebensmittel habe ich nicht bezahlt, also unterstützt mein Konsum hier nichts und niemanden.

Das Haus duftete, als hätten wir ein echtes Weihnachtsgelage veranstaltet. Natürlich aßen wir nur einen Bruchteil der Sachen und zehren sicher noch einige Tage davon. Leider hat das Antidepressivum, das ich seit einigen Wochen nehme, als sehr gängige Nebenwirkung eine Veränderung des Stoffwechsels, so dass mensch bei gleicher Ernährung mehr Gewicht zulegt. Früher konnte ich essen, was und wie viel ich wollte. Seit ich das Zeug nehme, muss ich echt aufpassen. Ein paar Kilo mehr waren willkommen, aber jetzt sind es 7 und ich wiege 54 Kilo. Mehr darf es nicht werden, weil ich sonst neue Klamotten brauche und kaum etwas mehr hasse, als Klamotten zu kaufen. Aber ausgerechnet jetzt ist Weihnachten und aus dem Container springen immer mehr leckere und dringend zu rettende Lebensmittel. Gut, dass auch noch sehr viele Orangen, Äpfel und Bananen da sind, an die ich mich ab jetzt dann wohl vorwiegend halten werde.

Erst kürzlich hatte ein belgischer Supermarkt das Regal mit abgepacktem Gebäck aufgeräumt. Mindestens 20 Tüten mit unterschiedlichen Lütticher Waffeln landeten daraufhin in meiner Küche. Von den Resten zehren wir noch immer – und wir haben jetzt den großen Waffelschein. Tiefkühlschränke voller Fleisch, Kisten voller Orangen, Äpfel und Bananen, tütenweise Zuckerzeug im Retrostyle, und eben die vielen, unglaublich dekadenten Fertiggerichte – so viele Menschen hätten davon mehr als satt werden und weihnachtlich schlemmen können.

Wir leben in einem unfassbaren Überfluss. Also wir hier ganz konkret, die flauschigen Vier, aber vor allem die hiesige Gesellschaft. So viele teure, gute, nahhafte, wohlschmeckende, mit einem riesigen Energieaufwand und sehr viel unnötigem Tierleid erzeugte Lebensmittel landen im Müll. Mache ich mir das bewust, kann ich unser Schlaraffenland kaum noch genießen, weil mir der ganze Wahnsinn in der Kehle steckenbleibt.

Da wir die Verteilung all der geretteten Lebensmittel nicht in der nötigen Breite gewährleisten können, genießen wir also vorerst weiter unser persönliches Schlaraffenland und verschenken ein paar eingefrorene Hühner, viele Gewürze und Obst – immer mit dem Gefühl, mitten in einem fortlaufenden Desaster und einer unfassbaren Dekadenz zu leben, die eine erschreckend große Menge von Menschen ausschließt. Dabei müsste in Mitteleuropa niemand hungern, niemand müsste in Armut leben und daran körperlich wie psychisch leiden, wenn nur der Wohlstand etwas gerechter verteilt wäre. Wenn allein schon mehr Supermärkte ihren „Müll“ spenden oder die dafür geeigneten Sachen frei zugänglich zur Verfügung stellen würden – die Welt wäre an sich nicht gerechter oder besser, aber zumindest würden Dinge genutzt, anstatt in die Müllverbrennung zu kommen. Lebensmittel würden Bäuche füllen statt Mülltonnen. Wäre das nicht schön?

6 Gedanken zu “Das deprimierende Schlaraffenland

  1. Sarah (mutter-und-sohn.blog) sagt:

    Ein gesellschaftlicher Fokus, der aktuell – wie vieles Wichtige – angesichts des medial dauerpräsenten C.-Schlamassel untergeht. Noch 2019 dachte ich, diesbezüglich entstehe, auch durch die Fridays-for-Future-Bewegung, endlich ein breiteres gesellschaftliches Bewusstsein. Davor merke ich gerade nicht mehr viel… Dabei leben wir auch nur gesund, wenn wir nicht idiotischerweise unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören.

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Ja, die Pandemie hat leider in der medialen Berichterstattung und im Bewusstsein Vieler das Thema Nachhaltigkeit ziemlich verdrängt. Ich kann das schwer beurteilen, da ich durch meinen Kontakt zu vielen, engagierten und sich des Elends bewussten Menschen natürlich einen gewissen Bias habe. Würde ich meinen Bekanntenkreis als Stichprobe nehmen, wäre das Bewusstsein für die Zerstörung von Klima und Ökosystem deutlich und ausreichend ausgeprägt. Aber leider ist mein Bekanntenkreis in dieser Hinsicht wohl alles Andere als repräsentativ.

      Gefällt 2 Personen

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