Blindenführhund im Homeoffice…

…geht nicht wirklich. Deshalb hatte ich schon Sorge, Arzu könnte langsam ihre so gut und sorgfältig erlernten Führungsaufgaben vergessen. Seit Beginn des Lockdowns war ich nur sporadisch im Welthaus oder anderweitig unterwegs, und wenn, dann aus verschiedenen Gründen immer in menschlicher Begleitung. Natürlich war Arzu immer dabei, aber sie musste mich halt nicht führen. Heute war es wieder an der Zeit, nach Post zu schauen und unseren beiden Mitarbeitenden, die im Welthaus wacker die Stellung halten, endlich wasch- und wiederverwendbare Masken zu bringen, Absprachen zu treffen und algemein die Lage zu checken. Den Hinweg habe ich wieder faul und feige zurückgelegt, indem ich mich mit dem Auto mitnemen ließ – das fuhr eh am Welthaus vorbei. Auf dem Rückweg habe ich mein Monsterchen dann aber endlich wieder arbeiten lassen, natürlich mit Freilauf-Intermezzo am Reiterhof und Planschen mit Stockwerferei am/im dazugehörigen Weier.

Arzu war happy und bis auf ein paar kleine Verwirrungen, die weniger an ihr sondern eher an bescheuert mitten im Weg geparkten Autos und ohnehin immer unklaren weil nicht rechtwinkligen Weggabelungen lagen, hat sie ihren Job toll gemacht. Sie vergisst nicht so schnell, was sie mit viel Spaß und Belohnung gelernt hat. Das wusste ich schon, schließlich hat es öfter Phasen gegeben, in denen sie Wochen oder sogar Monate lang kaum einen Arbeitseinsatz hatte. Heute hat sie mir wieder bewiesen, dass ich mich auf sie verlassen kann. Natürlich bin ich besonders wach- und aufmerksam, wenn ich weiß, dass sie aus der Übung sein könnte, aber mitdenken und aufpassen muss ich immer, auch wenn sie täglich arbeitet und absolut in ihrer Routine ist. Irgendwas kann immer schiefgehen, Eine von uns kann immer mal einen schlechten Tag haben und im Weg stehende Autos oder plötzlich auftauchende Baustellen können auch trotz des besten Trainings Chaos stiften. Insofern ist der Unterschied gar nicht so groß und es gilt immer der Grundsatz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“.

Praktischerweise hat sie mich schon oft genug mit Maske erlebt, so dass es sie auch nicht zu irritieren schien, ihre Hörzeichen durch ein Stück Stoff hindurch zu bekommen. Mich selbst störte die ums Gesicht gebundene Bandana da schon mehr, weil auch dann, wenn sowas nicht die Ohren abdeckt, die Akustik irgendwie verfremdet wird. Aber es ging gut, alle leben noch und sind zufrieden.

Was mich allerdings immer wieder schockiert, ist meine eigene Schissigkeit. Wenn ich mich nach langer Zeit des unselbstständigen zu Hause Rumhängens wieder dazu aufraffen muss, alleine bzw. mit Arzu mobil zu sein – selbst, wenn es sich um einfache, bekannte Wege handelt – habe ich regelrecht Angst. Und zwar Angst mit körperlich spürbaren Symptomen. Das ist übertrieben und peinlich, aber eine Tatsache. Meine Therapeutin weiß das. Vielleicht sollte ich deshalb und auch aus weiteren Gründen meine zur Zeit wegen des Lockdowns pausierte Therapie dringend wieder aufnehmen und auch meine Bemühungen um eine baldige, psychosomatische bzw. psychotherapeutische Reha nachdrücklich vorantreiben. Die Angstfaktoren sind in Kombination mit Corona und dem um sich greifenden Leichtsinn der Leute angesichts der Lockerungen einfach zu vielfältig und ich will keine ausgewachsene Angststörung entwickeln – wenn ich diese nicht längst habe.

16 Gedanken zu “Blindenführhund im Homeoffice…

  1. puzzleblume sagt:

    Auch ohne diese starke Sinneseinschränkung des Blindseins kann ich den Teil ein wenig nachfühlen, wo es um das Verstärken ohnehin schon vorhandener Bedenklichkeiten und Ängste durch die Corona-bedingten Umstände geht. Wenn ich z.B. vorher schon eine Aversion gegen lärmende Menschen hatte, dann gingen sie mir nur überlastend auf die Nerven, aber nun schreibe ich ihnen aufgrund ihrer Rücksichtslosikgeit auch noch weitere potentielle Fehlverhalten zu. Manchmal ist das lebhafte Vorausspekulieren der Phantasie ein intelektuelles und unterhaltsames Vergnügen und manchmal eine echte, fiese Last.

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    1. kommunikatz sagt:

      Wobei sogar das möglich ist. Es gibt Assistenzhunde für Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), die ihre Menschen tatsächlich durch bestimmte Verhaltensweisen aus Angstattacken und Dissoziationen herausholen oder davor bewahren können. Arzu hat als Führhund natürlich einen anderen Schwerpunkt, aber ich merke selbst auch, wie sie mich ruhiger und gelassener macht und wie sie allein durch ihre Anwesenheit meine Ängste relativiert. Ich bin halt nicht alleine, sondern habe ein Monsterchen dabei. Das hilft.

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  2. kommunikatz sagt:

    Es ist schon krass, Stadt und Städteregion Aachen haben seit ein paar Tagen keine Neuinfektionen mehr zu vermelden und offiziell gibt es nur noch 30 Infizierte. Klar, eine Dunkelziffer wird es schon auch noch geben, aber wenn die wirklich hoch wäre, müssten sich eigentlich mehr Menschen anstecken. Wir scheinen auf einem guten Weg zu sein und die meisten Menschen sind hoffentlich doch vernünftiger, als ich dachte.

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  3. ronnytauchenmitBella sagt:

    vorsicht mit dem virus is angebracht
    sicher
    das is ganz klar
    aber wir hundebesitzer haben einen freibrief
    schützen ja
    aber de houndeviech muß raus
    🙂
    zum glück
    und grade deine version muß arbeiten
    die biester kommen sonst auf eigene gedanken
    und machen nimmer was sie sollen
    sondern was sie wollen
    wenn ich bella nicht beschäftige
    denkt sie sich blödsinn aus
    und führt den dann auch aus
    und genau deswegen raus mit de bestie
    mundschutz auf
    und arbeiten mit dem tier
    bzw arbeiten lassen für dich
    hast du den gleichen status wie die frau
    Be-scheuert alias die blinde simulantin ?
    gruß ronny

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    1. kommunikatz sagt:

      Yep, unser Status sollte in etwa der gleiche sein, bzw. der von Arzu und Thor 🙂 Ich glaube, auf spaßige Ideen kommt jeder Hund, der Langeweile hat, also bloß keine Langeweile aufkommen lassen 🙂 Arzu ist da nämlich auch durchaus manchmal kreativ und alles Andere als die Labbi-Schlaftabletten, die mensch sonst oft kennt. So ein agiles und energiegeladenes Labradortier habe ich vorher nie erlebt und sie hat all meine Vorbehalte und Bedenken gegen Labradore erfolgreich entkräftet. Jetzt hat mein lieber Ex sie etwas rundgefüttert, während ich im Krankenhaus war – sobald ich wieder in der Lage dazu bin, müssen wir uns also Beide echt viel bewegen 🙂 Das wird aber verdammt gut tun.

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      1. ronnytauchenmitBella sagt:

        kicher kicher
        eine erwachsene labradortierhündin
        hab ich damals mit 6 monaten niedergerungen
        nach nur einer stunde mit mir spielen war die fix und fertig
        ich such nachher mal das bild raus
        jetzt muß ich aber erstmal wilschweinkontrolle machen in nem garten
        eine wichtige arbeit !
        immerhin nimmt die WS-population dort ab
        seit ich naja sagen wir mal regelmäßig dort patrouliere 🙂
        gruß bella 🙂

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