Bestandsaufnahme im Paralleluniversum

Es sind surreale Zeiten. Das Wetter ist herrlich, es ist Wochenende und an Tagen wir heute fühlt es sich so an, als wäre alles normal. Draußen auf der Gassirunde durch unsere idyllische Wongegend treffen wir Leute aus der Nachbarschaft, reden über alles Mögliche – kaum über Corona – und der Abstand von zwei Metern, den alle zueinander halten, ergibt sich ganz natürlich. Auf der Straße oder in den Feldern brauchen Menschen sich in der Regel nicht näherzukommen und tun es meist auch nicht.

Derweil bricht meinem Partner die Arbeit weg, weil die Aachener Fachhochschule vernünftigerweise alle Präsenzveranstaltungen bis auf Weiteres abgesagt hat. Online kan er seinen Kurs für technisches Englisch wohl anbieten, aber persönlich treffen wird er seine Studierenden möglicherweise das ganze Sommersemester lang nicht. Ich mache Homeoffice und bin die ganze Zeit zu Hause, muss aber sagen, dass ich das sehr entspannt und angenehm finde – solange unsere latenten Konflikte eben nicht aufbrechen oder ich nicht ständig eine Hundeschnauze auf der Laptoptastatur habe.

Auf der anderen Seite der Stadt sitzt mein Vater seit einer guten Woche in Quarantäne, weil sein Hausarzt positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde. Da er Mitte vorletzter Woche noch dort in der Praxis war, gilt er als Kontaktperson der Kategorie 1 und muss zu Hause bleiben. Nur blöd, dass er mit seinem durch zwei Lungen-OPs stark vorbelasteten älteren Bruder zusammenwohnt. Altersmäßig gehören Beide zur Risikogruppe, aber mein Onkel hat dieser verdammten Seuche wirklich nicht mehr viel entgegenzusetzen. Wegen der Wohngemeinschaft mit einem Hochrisikopatienten und wegen coronauntypischer aber dennoch vorhandener Symptome konnte mein Vater sich testen lassen und erwartet nun für anfang der Woche sehnlich einen Anruf des Gesundheitsamts. Er sagt, alles sei ok, aber natürlich mache ich mir um die beiden alten Vögel mit ihrem tiefschwarzen Galgenhumor große Sorgen.

Meine Mutter, nur einen Katzensprung von uns entfernt, hat sich indes schon einige Tage früher selbst quarantänisiert, weil sie Erkältungssymptome hatte. Der Verlauf war so klassisch, dass nichteinmal sie selbst ernsthaft daran zweifelte, nur ganz normal verschnupft zu sein, aber aus Vor- und Rücksicht hat sie sich dennoch von Menschen weitgehend ferngehalten. Auch sie könnte meinen Vater angesteckt haben – die Beiden haben sich noch gesehen, als sie schon erkältet war. Eine Bekannte, wie meine Eltern Anfang 70, die auch hier in der Nachbarschaft wohnt und bei Begegnungen sonst weder Distanz kennt noch ein Ende findet, kam heute vermummt, war sehr kurz angebunden und drückte mir nur schnell ihre Fleischreste für die Hunde in die Hand, nahm ihr bei uns gelagertes Tiefkühlgemüse in Empfang und verschwand wieder. Sitten und Gebräuche ändern sich in Zeiten der Pandemie.

Ich meinerseits habe trotz meines schlechten Gewissens gegenüber den Paketzusteller*innen den Onlinehandel angekurbelt. Einerseits war es mir ein Bedürfnis, mir endlich wieder ein funktionierendes Fieberthermometer mit Sprachausgabe anzuschaffen. Ich hatte eines in der Schublade liegen, aber als ich es Anfang des Jahres für meinen Partner reaktivieren wollte, spuckte es völlig unplausible und immer um mindestens 2°C danebenliegende Messergebnisse aus – wenig hilfreich. Jetzt ist ein Neues auf dem Weg zu mir. Außerdem habe ich mich – und ja, auch deshalb bin ich keine vollständige Veganerin – mit Propolis-Produkten eingedeckt. Das Kittharz der Bienen gilt als Antibakteriell, Antimykotisch und sogar Antiviral. Die Bienen produzieren es, um Ritzen und Rillen in ihrem Stock abzudichten und keimfrei zu machen. Ich glaube nicht, dass Propolis ein Allheilmittel ist, aber wenn es nur ein bisschen hilft oder schützt, bin ich zufrieden – zur Not ist es ein Placebo, an das ich gerne glauben möchte. Und die Propolisbonbons werden, sollte ich wirklich Halsschmerzen und Husten bekommen, eine echte Wohltat sein.

Letzte Nacht hatten wir einen Panikmoment, weil mein Partner mehrmals heftig husten musste. Es waren aber, wie er später mutmaßte, wohl wirklich nur eingeatmete Hundehaare, denn seit heute Morgen ist wieder Ruhe im Hustenbereich. Der Fellwechsel ist in vollem Gange und die Hunde werfen alles von sich, was sie können – selbst der kleinste allergische Anflug würde also momentan schon reichen, um eine mittlere Massenpanik auszulösen. Und in der Tat ist mensch ja bekloppt genug, jedes Kratzen im Hals, jedes unwillkürliche Niesen und jedes minimale Gefühl von Schleim in der Nase sofort überzuinterpretieren. Klar, sich genau zu beobachten und wachsam für etwaige Symptome zu sein, hat sicherlich Sinn. Aber wegen einmal Naseputzen in Angst und Schrecken zu verfallen, ist Mist.

Oberste Bürger*innen-Pflicht neben dem Einhalten der Hygieneregeln ist aus meiner Sicht daher noch immer, Ruhe zu bewahren. Ich kann es gar nicht oft genug schreiben: Don’t panic! Sich verrückt zu machen, hat noch niemandem geholfen. Angst macht anfälliger, Unsicherheit macht unglücklich. Gestern war ich bei der Physiotherapie – ja, da gehe ich noch hin, weil dort Therapeut*innen und Patient*innen konsequent Masken tragen und wir hoffen, dass es, wenn alle entsprechend ausgerüstet sind, vielleicht doch ein bisschen schützt. Meine Therapeutin sagte, sie hätte sich jetzt zur Aufgabe gemacht, gute Laune zu verbreiten. Ja, das kann sie gut und das tut sie auch, denn sie hat genau die bewusste und aktive aber dennoch völlig panikfreie Herangehensweise an das ganze Drama. Sie schützt sich und die Anderen, so gut sie kann, aber sie versucht auch weiterhin, für die Menschen da zu sein und ihnen gut zu tun.

Genau so sollten wir es alle halten. Konflikte und Ärger sollten zurückstehen und wir können, sollen, ja müssen uns durch positives Denken und eine hoffnungsvolle, wohlwollende Einstellung über Wasser halten. Wir müssen uns gegenseitig das Gefühl des Gehaltenseins geben, uns Unterstützung und Zuneigung signalisieren. Kritik, Streit, Misfallen, all das unangenehme Zeug muss jetzt einfach mal warten. Unzufriedenheiten lösen sich nicht auf, indem wir sie für den Moment wegschieben, aber sie werden kleiner und lassen sich in Schach halten, wenn wir ihnen weniger Raum und damit auch weniger Macht über uns geben. Und wir müssen uns eben gegenseitig bestärken und widerstandsfähiger machen, anstatt uns durch Gemecker und Negativität selbst und gegenseitig runterzuziehen. Wir brauchen unsere Energie, um psychisch und physisch die Krise zu überstehen. Also sollten wir uns diese kostbare Energie nicht gegenseitig rauben.

Sogar, wenn eigentlich nichts ok ist – lasst uns doch einfach für eine unbestimmte Weile so tun, als wäre es so. Wir können nur dann halbwegs unbeschadet durch diese Phase kommen, wenn wir aufhören, einander und Jede*n, der oder dem wir begegnen, für irgendwie dumm, unfähig, bösartig oder gefährlich zu halten. Eigentlich gilt das für alle Krisen, auch die Klimakrise. Wohlwollen, Wertschätzung und der Glaube an das Gute im Menschen sind Triebfedern für unser Zusammenleben. Nur mit positivem Denken und ohne Misgunst können wir füreinander da sein und das Gegeneinander, die Konkurrenz um die Definitionshohheit, das letzte Wort oder die letzte Packung Toilettenpapier überwinden. Und nein, auch ich beherrsche das natürlich nicht immer – manchmal übermannt auch mich die Negativität. Aber das zu bemerken und aktiv gegenzusteuern, ist der erste und einzig hilfreiche Schritt. Und wenn wir alle versuchen, dieser Prämisse zu folgen, wird das Ganze zum Selbstläufer, denn Positivität steckt an und motiviert, wohingegen Negativität die Frustration und Unzufriedenheit nur ins Unermessliche treibt.

15 Gedanken zu “Bestandsaufnahme im Paralleluniversum

  1. Sarah sagt:

    Du hast sehr, sehr recht, finde ich!! „Sie schützt sich und die Anderen, so gut sie kann, aber sie versucht auch weiterhin, für die Menschen da zu sein und ihnen gut zu tun. […] Wir müssen uns gegenseitig das Gefühl des Gehaltenseins geben, uns Unterstützung und Zuneigung signalisieren. Kritik, Streit, Misfallen, all das unangenehme Zeug muss jetzt einfach mal warten.“ So wahre Worte! Bitte neben die „Stay home“-Plakate im Park hängen!!….🙂 Lg, Sarah

    Gefällt 1 Person

  2. T. sagt:

    Du lebst! Schön von dir zu lesen. In diesen Zeiten mache ich mir schnell Sorgen, wenn Menschen nicht auf Emails antworten.

    Ich muss in den letzten Tag auch viel niesen, weil durch den beginnenden Frühling verstärkt Pollen fliegen und musste auch einige Male husten. Da ich aber nicht kurzatmig bin, denke ich, alles ist in Ordnung.

    Ich wünsche dir und deinem zwei- und vierbeinigen Anhang weiterhin das Beste.

    Liebe Grüße
    T.

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe*r T.,
      sorry, wenn ich eine Mail nicht beantwortet habe. Ich habe noch einen ganzen Haufen Mails auf wiedervorlage liegen, die ich noch beantworten will. Vielleicht ist Deine darunter. Aber wer bist Du? Ein Buchstabe sagt wenig aus, die Namen der Leute, von denen ich spontan weiß, dass noch unbeantwortete Post von ihnen rumgammelt, beginnen alle nicht mit T und ich stehe gerade vollkommen auf dem Schlauch, mit wem ich es zu tun habe.
      liebe Grüße und nichts für ungut, schick mir einfach noch eine Mail 😉
      Lea

      Gefällt mir

    2. kommunikatz sagt:

      Aaah, bin ich denn so blöd? Natürlich habe ich eine Idee, wer Du bist. Ich melde mich, sorry, bin momentan einfach ziemlich daneben… Hatte was mit Fahrrädern zu tun, richtig?
      liebe Grüße und bis bald!
      Lea

      Gefällt mir

  3. kommunikatz sagt:

    Sorry, dieses kleine Update wollte ich schon vorgestern geben. Ging aber nicht, da mein Vater da noch keine Nachricht vom Gesundheitsamt hatte. Die Testungen dauern hier in der Region zur Zeit ewig, weil das Kölner Labor, dass die Tests auswertet, wohl ziemlich am Limit ist. Gestern bekam er aber den Anruf und die erfreuliche Ansage, dass sein Test negativ war. Er ist also gesund, sein Bruder ist nicht in Gefahr und seine Symptome sind vermutlich auf eine ganz normale Erkältung, den Pollenflug, den Fellwechsel seiner Katze oder den psychischen Stress zurückzuführen. Wir sind mega erleichtert.
    Vor ein paar Minuten wurde ich dann durch einen Anruf meines Apothekers überrascht. Ich kenne ihn seit einer gefühlten Ewigkeit, weil ich seit 2007 mein MS-Medikament bei ihm bestelle. Jedenfalls rief er an und fragte, ob ich als Risikopatientin zufällig Bedarf an Sterilium hätte. Er hätte gerade eine Großbestellung geliefert bekommen und müsste heute Abend sowieso in meiner Gegend Medikamente liefern, so dass er vorbeikommen und mir ein oder zwei Flaschen bringen könnte. Da ich meine Bestände im schon seit zwei Wochen geschlossenen Welthaus gelassen habe, damit Diejenigen, die dort ab und zu nach dem Rechten sehen, keine Angst vor all den Türklinken etc. haben müssen, bin ich hier zu Hause jetzt unversorgt und freue mich riesig über dieses liebe Angebot. Schön, wenn mensch Connections und lange aufgebaute Bindungen hat!
    liebe Grüße, bleibt alle gesund!
    Lea

    Gefällt mir

  4. kommunikatz sagt:

    Verdammt, es geht weiter… Ein guter Freund hat seit Montag Halsschmerzen und fühlt sich schwach. Er war im Abstrichzentrum und wartet jetzt auf sein Testergebnis. Mein Partner hat ihn am Sonntag noch bei den Mahnwachen im Hambacher Wald getroffen, wie auch viele andere Leute aus unserem Umfeld. Hoffentlich ist alles nur ein erneuter falscher Alarm, sonst stehe ich als Glied der potentiellen Infektionskette an zweiter Stelle, falls mein Partner sich angesteckt hat. Immer, wenn es ihm in den Kram passt, argumentiert er, er müsse aufpassen, um mich nicht zu gefährden. Immer, wenn er seine Freiheit höher schätzt, bin ich plötzlich egal. Ich hasse es, für egoistische Launen instrumentalisiert zu werden, denn viel mehr ist sein Getue um meine Gefährdung wohl nicht, sonst würde er sich deutlich mehr zurückhalten.

    Gefällt mir

    1. kommunikatz sagt:

      Und eine erneute Entwarnung – sein Testergebnis war negativ und die Symptome sind wohl auch schon wieder quasi weg. Wir sind alle sehr erleichtert. In Aachen sind die Infektionszahlen zum Glück noch deutlich rückläufig, im Gegensatz zu anderen Regionen. Ich hoffe, das bleibt noch für eine Weile so.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.