Hilfe, mein Tierarzt schwurbelt…

oder: vier Flauschige, mehrere Knubbel und der Tod

Gestern waren wir, die flauschigen Vier, beim Tierarzt. Arzu brauchte Nachschub ihrer Inkontinenz-Tabletten, Akiro sollte einfach mal wieder durchgecheckt werden und die Zottelmenschen mit den Coronafrisuren müssen ja zum Bezahlen mit. Unseren Tierarzt schätze ich sehr, weil er vor einigen Jahren in einer diffizilen Operation Arzu, die mir als Führhündin die Augen ersetzt, das Augenlicht gerettet hat. Sie hatte damals eine kleine Warze am Augenlid, die er absolut fachkundig und komplikationslos entfernte. Die hohe Meinung, die ich von ihm habe, gilt aber seit gestern nur noch, solange er sich um Tiere kümmert.

Auf die Frage nach seinem Befinden erging er sich in einer für ihn nicht untypischen, länglich-verdrucksten Tirade über die allgemeine Schlechtigkeit der Welt und Corona im Besonderen. Jetzt wäre ja überall 2G, das sei eine Impfpflicht durch die Hintertür und er sei ja nicht so fürs Impfen. Ein bisschen hatte ich sowas befürchtet. Wir reagierten höflich-distanziert, streiften die chaotischen Pandemieregeln, die planlos agierende Politik und die enttäuschend desorganisierte Ampel-Koalition. Dabei wurde zwischen den Zeilen schnell klar, dass er diese Allgemeinplätze anders meinte als wir, die wir sogar eine Impfpflicht durch den Haupteingang sehr begrüßen. Spätestens seine aussage, die Politik lasse sich ja grundsätzlich von den falschen Leuten beraten, ließ keine Fragen mehr offen. Obwohl ich gerne etwas gesagt und zumindest Zweifel in seine Ansichten gestreut hätte, war die Flauschfraktion sich wortlos einig, dass ein Diskussionsversuch unbedingt zu unterbleiben hatte.

Stattdessen wendeten wir uns den Hunden zu. Arzu hatte kein Problem und freute sich absonderlicherweise einfach über den Tierarzt. Akiro hatte seit Ewigkeiten einen kleinen, festen Knubbel in der Haut in der Gegend des rechten Schulterblattes. Einen ähnlichen hatte ihm der Tierarzt vor einigen Jahren am Hals entfernt. Diese feste Art von Knubbeln war suspekt, denn sie wuchsen langsam vor sich hin. Der Tierarzt punktierte den Knubbel, der sich als nicht aus Talg bestehend herausstellte. Damit handelt es sich wahrscheinlich um einen Tumor, zu dem nur bekannt ist, dass er eben sehr langsam wächst. An diesem Punkt dachte ich noch, okay, er ist 14 und niemand hat erwartet, dass er überhaupt so alt wird. Der Tumor hat bei der Geschwindigkeit keine Chance, zu seinen Lebzeiten großen Schaden anzurichten.

Dem Tierarzt fiel weiterhin auf, dass Akiros Hoden unterschiedlich groß sind. Die Ursache sei sehr wahrscheinlich ein weiterer Tumor in einem Hoden, aufgrund dessen die Hormonausschüttung im betroffenen Hoden getriggert würde, weshalb der andere Hoden weniger ausschütte und deshalb schrumpfe. Da waren wir nun mit zwei Tumoren, von denen einer sich komplett unberechenbar verhalten konnte. Die in den Hoden produzierten Hormone haben einen großen Einfluss darauf, wie es dem Hund geht und wie er sich verhält. Außerdem kann wo zwei – oder ehemals sogar drei – Tumore sind auch schon ein dritter oder vierter irgendwo schlummern. Den im Hoden könnte er nur durch eine Kastration entfernen, den auf dem Rücken auch nur unter Vollnarkose, sagte der Tierarzt – nichts für einen großen, alten Hund.

Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass wir nun auf die Zielgerade eingebogen sind. Beim Tierarzt und auf dem Heimweg war meine Stimmung normal und meine Gedanken kreisten darum, ob und wie ich den Tierarzt in seinem Geschwurbel erfolgversprechend hätte kontern können. Erst abends im Gespräch mit dem Engländer griff seine gedrückte Stimmung auf mich über. Er hat Akiro mit 8 Jahren aus dem Tierheim geholt, in der festen Absicht, dieser Mischung aus Bär und Teppich einen schönen Lebensabend zu bereiten. Dass Akiro zu diesem Zeitpunkt erst rund die Hälfte seiner Lebenszeit hinter sich hatte, ahnte damals niemand. Als er mit knapp 10 Jahren eine Magendrehung überlebte, die ihn seine Milz kostete, waren wir beeindruckt von seiner Zähigkeit. In den seitdem vergangenen weiteren 4 Jahren schien er kaum zu altern. Erst in letzter Zeit wurde er ruhiger, der Gang schleppender und etwas schlurfend, das Verhalten manchmal etwas verwirrt.

Er hatte und hat bei meinem besten Freund ein wunderbares Leben. Am besten war und ist es aber immer, wenn wir Vier zusammen sind. Wir Menschen lernten uns vor genau 6 Jahren durch die Hunde kennen und wuchsen rasend schnell zu einem Rudel im Sinne einer Wahlfamilie zusammen. Als unsere Bezieung und die häusliche Gemeinschaft sich auflöste, saß Arzu stundenlang an der Haustür und wartete, weil sie nicht verstand, warum Akiro und der Engländer nicht wiederkamen. Als unser Verhältnis nach der ersten Zeit von Wut und Distanz zu einer engen Freundschaft wurde, freuten die Hunde sich spürbar, wieder mehr Zeit miteinander zu verbringen.

Ich bin sehr dankbar, dass die flauschigen Vier sich nicht haben auseinanderdividieren lassen. Ich möchte Akiro begleiten, bis er irgendwann nicht mehr da ist. Und ich möchte dem Engländer vor und nach Akiros Tod Halt und Kraft geben, diesen Verlust eines wunderbaren Hundes zu verarbeiten. Gemeinsam trauern ist sicherlich leichter als allein. Und im Abschiedsprozess getragen und unterstützt zu werden, macht das geteilte Leid dann eben wirklich zu halbem.

Zu Allererst hoffen wir aber, dass es sich um eine lange Zielgerade handelt und Akiro noch eine gute Weile bei uns sein wird. Und wenn es dann mit ihm zuendegeht, möge das schnell und ohne Schmerzen oder anderweitiges Leid passieren.

11 Gedanken zu “Hilfe, mein Tierarzt schwurbelt…

  1. fundevogelnest sagt:

    Ach ja, man hängt so an den Tieren, kann das gut nachvollziehen.
    Und die Meinung zur Impfung ist einfach verschieden. Ich glaube man muss das aushalten können.
    Ich bin ja superdankbar, mich nicht bei meinem zum Glück kaum merkbar an Corona erkrankten Kind angesteckt zu haben.
    Und das ganz freiwillig geimpft.

    Gefällt 2 Personen

  2. kommunikatz sagt:

    Ja, es ist so dermaßen gut, dass es eine Impfung gibt. Du profitierst offensichtlich davon, das ist super. Wie geht es dem kleinen Fundevogel? In meinem Umfeld hatte es ja meinen Vater und meinen Onkel erwischt. Beide sind Dank Impfung sehr glimpflich davongekommen – ungeimpft hätte das extrem anders ausgesehen, angesichts diverser Risikofaktoren.
    Geschwurbel kann ich nur schwer aushalten, weill es einfach so viel dagegen zu sagen gäbe. Aber zum Glück habe ich meistens einfach keinen Bock auf diesen Scheiß und lasse es. Nur, wenn ich Anzeichen dafür sehe, dass eine Person noch erreichbar sein und evtl. umdenken könnte, versuche ich, mit ihr zu reden. Aber das ist leider sehr selten geworden.

    Gefällt 1 Person

  3. puzzleblume sagt:

    Bei deinem Beitrag von hinten angefangen, finde ich es gut und mutig von dir, Akiro und dem „Engländer“ beistehen zu wollen, selbst wenn es beim letzten, irgendwann unvermeidlichen Schritt das gemeinsame Weinen wäre.
    Einen Tierarzt zu wechseln, der eine so umfangreiche Krankengeschichte begleitet hat, würde ich auch nicht in Erwägung ziehen, aber das Impf-Thema beiseite legen, die Hunde werden höchstens durch menschliche Stimmungen, nicht durch abweichende Meinungen negativ beeinflusst.

    Gefällt 3 Personen

  4. Sarah (mutter-und-sohn.blog) sagt:

    Schöner Beitrag. Dein Mitgefühl für Akiro und den Schmerz des „Engländers“ berührt mich. Deine stark negativ bewertenden Formulierungen gegenüber eurem Tierarzt aufgrund eines lediglich anderen Standpunktes seinerseits irritieren mich. So steht beides nebeneinander für mich beim Lesen dieses Artikels. Tja…😊🤷‍♀️

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke Dir. Nuja, wer hier öfter mitliest, kennt meine Meinung zur Impfung und ich meinte die Formulierungen durchaus augenzwinkernd und nicht böse. Ein bisschen enttäuscht bin ich halt immer, wenn Leute, die ich wertschätze, sich in irgendeinem Punkt als diametral entgegengesetzt zu dem entpuppen, was ich eigentlich für sinnvoll halte. Das kratzt an meiner positiven Meinung über Menschen. Aber ich hoffe doch, dass ich auch ausgedrückt habe, wie und warum ich ihn eben trotzdem wertschätze und dass ich das trennen kann.

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  5. kommunikatz sagt:

    Zweieinhalb Monate später und es scheint tatsächlich zuende zu gehen. Seit gestern Nachmittag kann Akiro kaum noch aufstehen, hat offensichtlich große Koordinationsprobleme und wirkt sehr durcheinander. Er will auch nichts fressen oder trinken, außer kleine Leckerchen ab und zu. Da er keine Treppen mehr rauf und runter kommt, haben wir die letzte Nacht im Wohnzimmer im Erdgeschoss geschlafen. Heute Vormittag hat Akiro es vorne aus dem Haus und die zwei Stufen vor der Eingangstür hinunter geschafft, um im Nachbarsvorgarten zu kacken. Ansonsten liegt er rum und schreckt ab und zu hoch, meistens, weil er aus irgendeiner Position einfach umkippt und sich darüber zu erschrecken scheint. Schmerzen scheint er nicht zu haben, aber das ist bei Hunden sehr schwer einzuschätzen. Ob es nun das Tumorgeschehen ist oder ein Schlaganfall, zu dem die Symptome auch absolut passen würden, wissen wir nicht. Aber es scheint jetzt schnell bergab zu gehen.

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    1. kommunikatz sagt:

      Es gibt doch noch Hoffnung. Ein lieber Freund und ausgewiesener Hundekenner, der seit über 20 Jahren immer mindestens zwei Hunde hält und an Erfahrungen mit den Fellnasen schon so ziemlich alles durch hat, was mensch sich vorstellen kann, wies mich auf das Vestibularsyndrom (https://de.wikipedia.org/wiki/Vestibularsyndrom) hin. Bei alten Hunden und Katzen kommt diese Störung des Gleichgewichtsorgans wohl relativ häufig vor, ausgelöst werden kann es auch durch Tumore oder einen Schlaganfall, aber es ist eben etwas Anderes als die direkten Symptome des Schlaganfalls und definitiv behandelbar. Morgen haben wir einen Termin beim Tierarzt, leider darf er wegen Corona keine Hausbesuche machen (hätte er sich mal impfen lassen, der Heini…), ich hoffe sehr, dass wir Akiro ohne zu großen Stress für ihn ins Auto bugsieren können. Mal sehen, was dann möglich ist.

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