Highly normal

Mit der Normalität ist es so eine Sache. Wie ich im Beitrag „Was wir von Gemüse lernen können“ schon ausgeführt habe, gilt in unserer Gesellschaft immer das als normal, was von der Mehrheit für richtig gehalten oder einfach unhinterfragt getan und gelebt wird, völlig egal, wie sinnvoll oder vernünftig es ist. Sind Dinge illegal und passieren deshalb nur im Verborgenen, gelten sie somit logischerweise auch nicht als normal – selbst, wenn unglaublich viele Menschen sie dennoch unbeirrt tun und die (Rechts-)Norm durch ihr Handeln in Frage stellen. Das Phänomen bleibt unsichtbar und im öffentlichen Denken verdammt. Die Auflehnung gegen möglicherweise unsinnige Gesetze verpufft unbemerkt, ist also letztendlich kein Protest sondern nur ein Durchschlängeln und Versteckspiel.

Diese stille Form der Auflehnung hat keine Strahlkraft. Sie bewirkt nichts, weil mensch sich nur selbst ins Fäustchen lacht, damit aber niemand Anderen von irgendwas überzeugt. Somit ändert sich die öffentliche Wahrnehmung eines Phänomens auch nie hin zu einer Normalität. Durch das heimlichtuerische Verhalten bestätigt mensch eher noch das Bild einer zurecht verbotenen und absolut nicht normalen Sache. Will mensch beispielsweise für die Legalisierung von Cannabis im Freizeitbereich kämpfen, geht das neben subversivem Aktivismus oder transparentem Lobbyismus nur über einen Weg: Ehrlichkeit.

Niemand muss offenherzig Quellen oder Verstecke preisgeben und niemand muss sich selbst oder Andere aktiv strafbewährter Handlungen bezichtigen. Aber wieso ist es völlig normal zu sagen „Ich habe mit XYZ eine gute Flasche Wein getrunken“, aber höchstens hinter vorgehaltener Hand zu erzählen, dass mensch mit den gleichen Leuten gutes Gras geraucht hat? Wieso verschweigen die allermeisten Menschen ihren Cannabiskonsum? Durch Randbemerkungen und Nebensätze lässt sich sehr effektiv Normalität erzeugen. Je präsenter ein Phänomen in der alltäglichen Kommunikation ist, umso alltäglicher fühlt es sich an. Je beiläufiger und positiver ein Thema eingeflochten wird, umso subversiver ist das Ganze. Durch einen möglichst normalen und angstfreien Umgang mit dem eigenen Cannabiskonsum kann mensch diesen auch in der Wahrnehmung Anderer zu etwas völlig normalem machen. Es empfiehlt sich, dabei vorsichtig zu sein, solange die Prohibition besteht, aber Vorsicht muss eben nicht bedeuten, ein Thema komplett aus öffentlichen und privaten Diskursen auszuklammern.

Es ist ein bisschen wie mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung: Je präsenter wir in allen Lebensbereichen sind und je mehr Erfahrungen nicht behinderte Menschen mit uns machen, umso besser kommen alle miteinander zurecht und umso normaler fühlen sich die zutage tretenden Unterschiede an. Oder das Coming Out von LGBTQI*-Menschen: Je mehr Leute deutlich machen, dass Geschlecht nicht binär ist und öffentlich dazu stehen, dass sie Menschen ihres eigenen Geschlechts lieben oder dass ihr Körper nicht zu ihrem eigenen Geschlechtsempfinden passt, umso selbstverständlicher wird für die „Durchschnittlicheren“, dass es „sowas“ gibt. Homosexualität wurde in Deutschland übrigens erst 1994 vollständig entkriminalisiert. Bis dahin brauchte es den Mut und die öffentlichen Bekenntnisse sehr vieler schwuler Männer und lesbischer Frauen. Es gibt tausende weitere Gründe, aus denen Menschen stigmatisiert und Themen verschwiegen werden. Je normaler wir aber damit umgehen, dass Menschen verschieden sind, umso selbstverständlicher wird Diversität. Und je normaler wir mit an den Rand gedrängten Themen umgehen, umso mehr rutschen auch diese in die so genannte Mitte der Gesellschaft.

Deshalb schreibe und spreche ich offen über Cannabis. Ich erwähne ganz selbstverständlich hier und da, dass Cannabis neben seinem medizinischen Nutzen für mich auch und vor allem ein wichtiger Teil meiner Freizeitgestaltung ist. Wäre es das nicht, hätte ich den medizinischen Nutzen wahrscheinlich nie entdeckt. Und selbst, wenn es keinen medizinischen Nutzen hätte, bräuchte ich meinen Cannabiskonsum nicht zu verschweigen. Alkohol hat für niemanden einen medizinischen Nutzen und dennoch verschweigen oder leugnen nur wirklich suchtkranke Menschen ihren Konsum. Für die überwiegende Mehrheit ist gelegentliches Alkoholtrinken eine völlig normale Sache. Nur, weil Cannabis hierzulande noch illegal ist, müssen Diejenigen, die das ändern wollen, sich der Verzerrung und Verdrehung des herrschenden Bildes nicht anpassen. Im Gegenteil sollten wir so normal und selbstverständlich, wie nur möglich, mit unserem Cannabiskonsum umgehen. Sonst kommt Gras nie aus der Schmuddelecke heraus und die vielen Missverständnisse, die die öffentliche Wahrnehmung bestimmen, klären sich für die Mehrheit nie auf.

Wir sind im Übrigen schon auf einem ziemlich guten Weg zur Normalisierung dieses Themas, Gerade erst haben sich in einer Bundestagspetition des Deutschen Hanfverbands fast 80.000 Menschen für die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen. Die DHV-Petition hält damit den diesjährigen Beteiligungsrekord unter den Petitionen, die direkt an den Petitionsausschuss des Bundestags gestellt wurden. Da auch ich Unterschriften gesammelt habe, kann ich aus erster Hand berichten, dass nicht nur eingefleischte Kiffer*innen unterschrieben haben, sondern auch Leute, die vermutlich noch nie einen Joint in der Hand hatten, die aber dennoch finden, dass die Cannabisprohibition keinen Sinn ergibt.

Jetzt dürfen wir nicht nachlassen. Macht es wie ich, schreibt und sprecht über Cannabis, erklärt den Ahnungslosen, wie harmlos und nützlich es ist, welche schädlichen und gefährlichen Effekte die Verdrängung auf den Schwarzmarkt hat und dass noch nie ein Mensch an einer Überdosis Cannabis gestorben ist, weil das einfach nicht passieren kann. Cannabis ist keine zerstörerische, abhängig machende Droge wie Heroin. Es kann für Jugendliche schädlich sein, deren Gehirne und Körper noch in der Entwicklung stecken, aber das sieht bei Alkohol keinen Deut anders aus. Und an zu viel Alkohol kann mensch durchaus sterben. Cannabis hat wie jedes Rauschmittel Risiken und Gefahren, allen voran hier die des Rauchens, wenn mensch keinen Vaporizer hat oder nicht sowieso andere Darreichungsformen bevorzugt. Aber dennoch hat es keinen Sinn, Cannabis und Alkohol dermaßen unterschiedlich zu behandeln, wie unsere Gesetzgebung es derzeit tut.

17 Gedanken zu “Highly normal

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