Flussrattenurlaub

Es gibt zwei Kategorien von Bootsmenschen. Die Einen entsprechen ungefähr dem Klischee der Schönen und Reichen oder wollen zumindest diesen Eindruck erwecken. Die Skala des irrsinnigen Reichtums ist nach oben offen, aber selbst kleine Yachten wirken oft wie Statussymbole, die glänzen und blitzen, damit auch jeder Mensch sieht, wie viel Geld und Arbeit dahintersteckt. Menschen wollen zeigen, was sie haben. sie wollen sehen und gesehen werden und sie wollen schnell, laut und rücksichtslos mit ihren fetten Motoren durch die Gegend rasen. Danach gehen sie nach Hause aufs Festland und kehren der Boots- und Wasserwelt bis zum nächsten Freizeittrip den Rücken.

Die andere Gruppe ist kleiner und weniger sichtbar. Es sind die Flussratten, die Pirat*innen, die Eskapist*innen und Aussteiger*innen. Es sind die Menschen, die dauerhaft auf umgebauten Schleppern, in Hausbooten oder auf irgendeinem anderen schwimmenden Ding leben oder zumindest einen Teil des Jahres auf dem Wasser verbringen. Ich bin durch meinen Partner in diese Welt eingetaucht. Wasser und Boote als Fortbewegungsmittel mochte ich schon immer und meine ersten Segelerfahrungen machte ich bereits vor über 20 Jahren. Auf dem Wasser gelebt bzw. mehr als ein paar Stunden am Tag auf einem Boot verbracht hatte ich aber bis vor anderthalb Jahren nie. Er hingegen ist eine erfahrene Flussratte. In den 90ern lebte er sechs Jahre lang auf einem Boot auf der Themse. Damit ist unser Urlaub natürlich nicht vergleichbar, aber das, was sich die meisten Menschen unter Urlaub vorstellen, ist unser Urlaub auch nicht.

Wir haben nun das zweite Jahr in Folge große Teile des Sommers auf dem Boot verbracht und ein sehr minimalistisches, naturnahes, beinahe nomadisches Leben geführt. Mit einem Boot unterwegs zu sein, bedeutet in allererster Linie Freiheit. Wir können uns – wenn auch nur langsam und sehr abhängig von Dingen wie dem Wetter – überall hin bewegen, wo wir sein möchten. Wir können Tage lang in der Wildnis verschwinden, irgendwo ankern oder anlegen und unser eigenes Ding machen. Solange wir ab und zu Wasser und Diesel tanken, genug Essen für uns und die Hunde an Bord haben und idealerweise die Sonne auf unsere Solarpanele scheint, sind wir ziemlich autark. Das Boot ist unser Schneckenhaus. Wir haben es immer dabei und fühlen uns heimisch und geborgen, egal, wo wir sind. An manchen Orten gibt es dann ein doppeltes Zuhausegefühl: Wenn wir nach Biesbosch fahren oder wenn wir in „unserem“ Hafen in Werkendam sind, in dem wir schon viel Zeit verbracht haben, fühlt sich nicht nur das Boot sondern schnell auch die Umgebung heimisch an. Wir kommen dauernd nach Hause. Nicht nur am Ende des Urlaubs oder der Wochenendausflüge sondern auch ständig währenddessen.

Wenn ich auf dem Boot bin, vermisse ich meine Wohnung nicht. Ich vermisse keinen Luxus oder Komfort, kein fließendes Wasser, keinen großzügigen Platz, keinen chaotischen Schreibtisch. Das Einzige, was ich vielleicht manchmal vermisse, ist das bequeme, große Bett. Der Minimalismus, die Reduktion aller Abläufe auf das Nötigste, die absolute Entschleunigung des Alltags, all das ist befreiend und entspannend. Auf dem Boot sind wir von Komfort und Konventionen befreit. Ich genieße es sehr, vor den vielen Menschen, der geschäftigen Innenstadt und der naturentfremdeten Zivilisation zu flüchten. Ich genieße die viel unmittelbarere und ungeschütztere Verbindung zu unserer Umwelt, wie sie nur ein Boot bietet. Die dünne Außenhülle um uns herum ist fest genug, um uns Schutz und einen Rückzugsraum zu geben, aber sie ist auch durchlässig genug, um selbst in der Kajüte beinahe alle Geräusche, Gerüche und vor allem Bewegungen der Außenwelt mitzubekommen. Näher kann mensch kaum an der Natur sein – höchstens in einem Zelt mitten im Wald.

Das Wetter ist nicht nur viel deutlicher spürbar, es hat auch direkte Auswirkungen: Sobald der Wind stark genug weht, schaukelt und plätschert alles. Wenn es stürmt oder regnet, muss mensch sofort in Aktion treten und das Boot absichern und abdichten. Wenn wir mit gesetzten Segeln unterwegs sind, ist es logisch, auf jede noch so leichte Veränderung der Windrichtung oder -stärke reagieren zu müssen, aber auch im geparkten Zustand sind Menschen auf Booten dem Wetter viel unmittelbarer Ausgeliefert als Menschen in festen Häusern aus Stein.

Auch die Art, wie wir mit Hygiene umgehen und wie wir Wasser nutzen ist an Bord ganz anders. Das Wasser im Tank ist kostbar. Wenn es aufgebraucht ist, ist es weg. Also verhält mensch sich mit der Zeit sehr wassersparend und achtsam, was auf das Verhalten im zivilisierten Alltag ausstrahlt. Seit ich die Bootsküche kenne, wünsche ich mir in meiner Wohnung sehnlich ein Fußpedal anstatt eines blöden Mischbatteriehebels, um das Wasser an und aus zu stellen. Mensch kann sich mit erstaunlich wenig Wasser die Zähne putzen und mensch braucht auch keine Toilette, wenn es einen Eimer und ein Ufergebüsch zum Ausleeren gibt. Natürlich spülen wir unsere Teller, Tassen, Gläser und unser Besteck, aber wir sammeln dafür jedes bisschen Wasser. Kein Wasser fließt einfach so in den Ausguss, auch Kartoffelkochwasser kann gutes Spülwasser sein. Beim Essen und Trinken fehlt es an nichts. Es ist erstaunlich, was für leckere Dinge mensch in einer winzig kleinen und hygienisch relativ fragwürdigen Küche erzeugen kann – im Zweifel aus zufällig gefundenen und sicher identifizierten Pilzen, aus ein paar direkt vom Feld geklauten Kartoffeln oder aus massenweise Brombeeren.

An Bord ist nicht viel zu tun, lässt mensch einmal die Dinge außer Acht, die sich gelegentlich aufdrängen. Natürlich muss das Boot in Stand gehalten werden. Ab und zu ist irgendetwas mit dem Motor, Dinge müssen ersetzt oder repariert werden. Ansonsten läuft der Alltag sehr gemütlich ab. Außer schlafen, kochen, essen, trinken, spülen,  lesen, schreiben, an Land herumlaufen und mit den Hunden spielen passiert nicht viel. Es gibt sehr viel Zeit und Muße, Dinge einfach wahrzunehmen, zu reflektieren und zu genießen. Weit weg von Menschen, mitten auf dem Wasser zwischen grünen, im Wind rauschenden Bäumen und vielfältig aktiven Vögeln des Wassers und der Ufervegetation reduziert sich die Wahrnehmung aufs Wesentliche.

Weil bis auf wenige Ausnahmen, wenn andere Boote vorbeifahren, weit und breit keine anderen Menschen sind, und weil Boote normalerweise einen gehörigen Abstand zueinander halten, um die jeweilige Privatsphäre nicht zu stören, verschwimmen tatsächlich auch viele Konventionen mit der Zeit. Mensch ist in der eigenen, kleinen Blase oder eben im eigenen Schneckenhaus, selbst wenn mensch exponiert im Kockpit sitzt. Irgendwann ist es egal, wie mensch dabei riecht und aussieht, solange alle Crewmitglieder gleichermaßen strubbelig und verdreckt sind. Es ist egal, ob mensch etwas an hat oder splitternackt ist – letzteres empfiehlt sich, wenn es warm genug zum schwimmen ist und dieser Impuls sehr spontan aufkommt. Es ist egal, was für Kleidung mensch trägt, was mensch redet oder wann mensch sich spontan wieder ins Bett verzieht. Mit einem traditionellen Boot wie unserem sind wir immer Teil der Landschaft. Von vorbeifahrenden Booten oder Touristenschiffen werden wir garantiert für einheimische Freaks gehalten, obwohl wir im Grunde selbst Tourist*innen sind.

Vielleicht sind wir Hippies,vielleicht Pirat*innen oder Flussratten, aber in jedem Fall haben wir einen Weg gefunden, uns so unzerstörerisch, nachhaltig und achtsam zu bewegen wie möglich – (vom Diesel einmal abgesehen, aber ein Elektroantrieb für dieses Boot wäre illusorisch. Unsere Tarnung ist so gut, dass selbst Niederländer*innen uns nach dem Weg fragen und dass die Wasserpolizei freundlich grüßend an uns vorbeirauscht, ohne auch nur im Ansatz Interesse an uns zu zeigen. Selbst wenn es nur ein Monat und ein paar Wochenenden im Jahr sind – ich liebe diese Art, einfach aus quasi allem auszusteigen.

8 Gedanken zu “Flussrattenurlaub

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