Dankbarkeit

Ja, auch diese gibt es momentan in meinem Leben in nicht zu unterschätzenden Mengen. Ich bin unendlich dankbar für die aktuell kühlen Temperaturen, den häufigen Regen und die frische Luft, die ich hier zu Hause wieder atmen kann. die Zeit im Klinikum war unter diesem Gesichtspunkt die Hölle, die Klimaanlage dort hat eine Macke und macht es immer zu warm, die Fenster lassen sich nicht öffnen, weil angeblich sonst dauernd die Patient*innen rausspringen und das Gebäude ist so labyrinthisch, dass dort auch Menschen im Vollbesitz ihrer visuellen Fähigkeiten nicht selbstständig einen weg nach draußen finden. Nach einer guten Woche mit noch schlechterem Schlaf als zu Hause freue ich mich ungemein, mich bei gekipptem Fenster nachts wirklich erholen zu können und morgens nicht mehr mit dem Gefühl einer verklebten und ausgetrockneten Lunge aufzuwachen. Irgendwann sehnte ich mich regelrecht danach, sogar nachts Maske zu tragen, um wenigstens etwas feuchtere Luft atmen zu können – getan habe ich es nicht, weil es irgendwie auch nicht die Lösung war.

Aber für das schreckliche, abstrus dystopische Gebäude mit Retro-Science-Fiction-Touch können die Leute nichts. Und die Leute im Klinikum machen einen sehr harten und wirklich tollen Job. Sowohl in Bezug auf Gerätemedizin und Diagnostik als auch in Sachen Expertise ist mensch dort absolut auf der sicheren Seite. Bestimmt passieren auch in einer Uniklinik mal Fehler, aber wo bitte passieren die nicht? Mit Ausnahme der überforderten und genervten Belegschaft der überfüllten Notaufnahme an meinem Ankunftstag waren alle Menschen, mit denen ich im Klinikum zu tun hatte, total lieb und großartig. Da fällt es leicht, Verantwortung abzugeben und auf Besserung zu hoffen.

Den Unterschied macht einfach, wie die Menschen mit vermeintlichen Fehlern oder Unzulänglichkeiten umgehen. Sehr erfrischend und wohltuend fand ich in dieser Hinsicht die junge Assistenzärztin, die sich auf der neurologischen Station um mich kümmerte. Wie sie erzählte, hatte sie erst vor Kurzem ihr Studium (ohne Promotion) abgeschlossen und arbeitete seit einem Monat im Klinikum. Sie gab absolut ehrlich und freimütig zu, noch nicht routiniert zu sein und in vielen Dingen noch zu lernen. Als sie meine Blase per Ultraschall untersuchen wollte, um zu schauen, ob diese sich trotz meiner gestörten Sensorik gänzlich entleerte, fand sie sie nicht und wir amüsierten uns gemeinsam darüber. Sie schob es nicht auf die Technik oder irgendeinen äußeren Umstand sondern sagte ganz klar, das Ultraschall nunmal nicht ihr Spezialgebiet sei und sie bisher immer nur ihre Kommiliton*innen im Studium geschallt habe. Sie nahm es mit Humor und ich gab ihr gerne Gelegenheit zum Üben.

Als es um mein MRT ging, das auf ausdrücklichen Wunsch ihres Vorgesetzten von Hirn und Rückenmark angefertigt wurde, gab sie offen zu, dass sie den Entzündungsherd eigentlich im Hirn vermutet hatte und dass der Oberarzt eben genau deshalb Oberarzt sei und sie (noch) nicht, weil ihr die Erfahrung fehlte und sie mit ihrer Vermutung falsch gelegen hatte. Diese natürliche und aufrichtige Selbstkritik und das wache Bewusstsein für die eigenen Lücken und Lernpotentiale finde ich viel vertrauensbildender als das Auftreten einer vermeintlich allwissenden Göttin in weiß. Wer sich selbst hinterfragt, die eigenen Einschätzungen rückkoppelt und andere Meinungen einholt, sichert nicht nur sich selbst sondern auch die ihr oder ihm anvertrauten Patient*innen umso besser ab. Solches Verhalten schafft Urvertrauen und das geborgene, sichere Gefühl, in guten Händen zu sein. Selbstüberschätzung und das Abschieben aller Unwägsamkeiten und Probleme auf Andere erzeugen genau das Gegenteil: Misstrauen und Verunsicherung. Danke, liebe Frau D., dass ich mich bei Ihnen so gut aufgehoben fülen durfte!

Und auch für meine liebe, mitfühlende und selbst nicht minder krass als ich betroffene junge Mitpatientin bin ich dankbar. Ich durfte mir eine ganze Woche lang mit ihr das Zimmer teilen und die meiste Zeit galten wir als das Partyzimmer. Bei uns war fast immer gute Laune in der Bude, die wir gern auf Jede*n übertrugen, die oder der unser Zimmer betrat. Wir konnten über Vieles reden und uns auf einer wirklich schönen, bei Weitem nicht nur Smalltalk-Ebene unterhaltenn. Gemeinsam war uns, dass uns vermutlich zu viel Stress und ein falscher Umgang damit in unsere jeweilige Situation gebracht hatten. Trotz ganz unterschiedlicher Lebensumstände und eines Altersunterschieds von fast genau zehn Jahren verstanden wir uns bestens und konnten uns prima austauschen, aufbauen, auffangen, sogar ohne Scham voreinander weinen. Ohne diese von grundauf positive und annehmende Haltung wären wir wohl Beide verzweifelt und hätten es viel schwerer gehabt, Hoffnung und Zuversicht wiederzufinden. Danke dafür und alles Gute für Dich, liebe V.!

Ich schicke einen ganz großen Dank an alle Pfleger*innen, Pflegeschüler*innen, Studierenden, Ärzt*innen, Reinigungskräfte und Transportleute, denen ich in der zweiten Juliwoche 2020 im Aachener Uniklinikum auf der NE01 begegnet bin! Danke, Ihr seid wunderbar! Ihr und all Eure Kolleg*innen haltet eine so dermaßen wichtige Grundfeste unserer Gesellschaft am Laufen, indem Ihr das Gesundheitssystem sichert und betreibt. Euch gebührt so viel mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung, Lohn und Wertschätzung, als Ihr bisher bekommt. Wer bitte soll systemrelevanter sein als Ihr? Die Ungerechtigkeit in diesem Bereich tut mir weh und ich würde gerne mehr für Euch tun, als nur hin und wieder eine Petition zu unterschreiben und Euch zum Abschied Schokolade zu schenken.

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12 Gedanken zu “Dankbarkeit

  1. Melina/Pollys sagt:

    Ich freu mich mit Dir, dass es Dir zu Hause jetzt offensichtlich besser geht – und Dankbarkeit ist eine enorm fördernde Energie…. Die Tatsache, dass Stress uns krank macht oder noch kränker macht ist für mich erwiesen – auch ich werde wohl lebenslänglich ein Stressvermeider sein müssen und Überforderungen meiden müssen – wir sind auch dafür anfällig uns zu übernehmen. Alles Gute für Dich weiterhin!

    Gefällt 2 Personen

  2. Sarah sagt:

    Schöner Text! Eigentlich müsstest du diesen den Helfer/innen im Krankenhaus zukommen lassen, oder? Bin ja selbst in einem sozialen Beruf tätig und weiß: es tut so gut, für seine Arbeit ein solches Feedback zu bekommen!🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Sarah und Ihr Anderen,
      erstmal danke für alle Kommentare!
      Die Assistenzärztin hat bereits eine Mail mit Link von mir bekommen. Wie ich den Rest der Station erreiche, muss ich noch schauen, aber die Oberärztin und MS-Expertin von dort muss ich auch eh noch kontaktieren, so dass es sich sicherlich ergeben wird 🙂 Klar, sowas einfach nur hier hinzuschreiben, ohne dass die Leute es mitbekommen, hilft nur mäßig.
      liebe Grüße
      Lea

      Gefällt 3 Personen

      1. Sarah sagt:

        Das war gar nicht als Appell gedacht. Aber schön, dass du den Text denjenigen, an die er sich richtet, tatsächlich zukommen lässt. Freuen sich sicher!😊

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  3. ronnytauchenmitBella sagt:

    passt nicht zum thema
    aber schreibende hunde
    passen sich ja nie an
    habe dich euch bei der blinden simulentin gelesen
    und dachte da schau ich mal vorbei
    denn aber de mietze auf der willkommenseite
    da
    bin ich denn raus mit kommunizieren
    ich bin eine jack russel terrine der miesesten art
    und leider gehts mit katzen garnich
    deswegen
    schön das ich hier war
    gruß bella 🙂

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    1. kommunikatz sagt:

      Hey Bella,
      hier ist halt jedes Tier willkommen, wobei die Mietzen momentan alle nur anonyme Gestaltungselemente sind, leider. Ich freu mich jedenfalls, dass Du reingeschaut hast!
      Flauschgruß von Arzu und mir ans Terriertier
      Lea

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      1. ronnytauchenmitBella sagt:

        ahaa ahaaaa
        nur zur deko die mietzen
        das is gut 🙂
        mein exfrauchen hat mich dem ronnyherrchen geschenkt
        weil sie keine lust mehr hatte
        ständig nach der arbeit die wohnung aufzuräumen
        weil ich das kleine feine neue hundchen
        als handtaschenversion für das teenykind geplant
        mir täglich mit den „flauschbällen “
        gefechte geliefert habe
        die beiden katzen wollten mich dominieren
        ich war aber der meinung gleiches recht für alle
        oder ich bestimme
        wurde beides nich akzeptiert
        also wurde ich denn ausgelagert sozusagen
        war mir aber ganz recht
        der ronnyherrchen versteht mich wenigstens
        ich bin nunmal ein jagdhund
        bis ganz ganz ganz tief rein
        gruß bella 🙂

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      2. kommunikatz sagt:

        OMG, nee, zu sowas will sich ja niemand degradieren lassen! Jeder Hund hat seinen Stolz 😉 und jede Katze natürlich auch, also muss das halt manchmal ausgefochten werden… Und wenn die Menschen dann keinen Bock auf den dauernden Flauschkrieg haben, ist die räumliche Trennung doch die beste Option. Arzu findet Katzen auch nicht so dolle, aber wenn sie ihrem Job nachgeht, darf sie sich für sowas nicht interessieren und kriegt das zum Glück auch ganz gut hin. Aber in ihrer Freizeit ist sie sich mit Dir da absolut einig, Katzen gehen gar nicht.

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