Bish bash bosh

Um spannende, inspirierende Dinge zu erleben, muss mensch nicht weit reisen. Es reicht sogar, mehrmals an die selben Orte zu reisen, denn jedes Mal passiert etwas Anderes, jedes Mal sind dort andere Menschen unterwegs, es gibt anderes Wetter oder andere Stimmungen. Selbst in der eigenen Heimatstadt oder Wohngegend gibt es jeden Tag andere Ereignisse und Begegnungen. Oft denke ich, ich müsste überhaupt nicht reisen, da das Leben auch vor meiner Haustür interessant genug ist. Dennoch tut ein Tapetenwechsel ab und zu gut, vor allem wenn der Lebensstil mit wechselt und mensch sich auf Reisen nicht nur an neue Orte sondern auch in neue Situationen begibt. Unhinterfragte Bedürfnisse und vermeintlich unverzichtbarer Luxus relativieren sich massiv, wenn mensch die eigene Komfortzone verlässt und sich auf das wirklich Notwendige besinnt, den Lebensstandard reduziert und das Leben entschleunigt.

Mein Partner und ich sind als kinderlose Freiberufler*innen in der privilegierten Lage, uns einfach Wochen lang ausklinken zu können. Seit der Abschaffung der Roaminggebühren können wir so gut wie überall online gehen und arbeiten – wenn es unbedingt sein muss. Wir können die Nachrichten verfolgen und bekommen mit, was in der Welt passiert, aber es tangiert uns während dieser Auszeiten kaum.

Schon die ersten vier Wochen unseres Urlaubs waren ein solcher Ausstieg aus dem Alltag. Obwohl wir zum Teil die gleichen Orte besuchten wie im letzten Jahr, waren so viele Bedingungen so anders, dass sich überhaupt nichts wie eine Wiederholung anfühlte. Plötzlich gab es ernsthaftes Wetter mit Regen und heftigem Wind. Im Letzten Sommer hatten wir einen Monat lang das Sommer-Sonnen-Paradies erlebt. Dieses Jahr war alles etwas rauher, kühler, windiger und nasser. Aber auch gewohnter, eingespielter und selbstverständlicher – nicht mehr so neu und doch in jeder Sekunde wieder das erste Mal, weil eben alle Dinge immer zum ersten Mal passieren. Ereignisse wiederholen sich nie 1:1, irgendeine Rahmenbedingung oder auch nur die eigenen Gedanken und Empfindungen setzen sich immer zu neuen Erlebnissen und Erfahrungen zusammen.

Nach unserer Rückkehr aus Werkendam waren wir für ein paar Tage zu Hause in Aachen und erledigten einige Dinge, trafen einige Leute und waren sehr befremdet und überfordert von der wuseligen, geschäftigen Stadt voller Menschen. Wir wollten zurück in die Natur, zurück aufs Wasser – zurück nach Hause, aufs Boot. Sobald unsere Verpflichtungen abgehakt waren, packten wir also wieder unsere sieben Sachen. Und anstatt von Werkendam aus in Richtung Oosterschelde abzuhauen, wie es unsere grobe Idee gewesen war, blieben wir einfach für 10 weitere Tage in Biesbosch hängen.

Dieses wunderbare Naturschutzgebiet ist seit 1994 ein Nationalpark. Seit dem Bau der massiven Deichanlagen um das gesamte Flussdelta von Maas, Rhein etc. herum ist Biesbosch ein reines Süßwassergebiet. Bis 1970 schwappte die Tide bis in das feuchte Sumpfland hinein, so dass Tier- und Pflanzenwelt an den ständigen Wechsel von Süß- und Salzwasser angepasst waren. Das Salzwasser wurde ausgeschlossen, Flora und Fauna veränderten sich, aber ein leichter Tidenhub blieb. In Kombination mit dem ohnehin überwiegend sehr seichten Wasser gibt es in Biesbosch deshalb ungeahnte Möglichkeiten, auf Grund zu laufen. Kennt mensch die Wasserwege und Fahrrinnen nicht exakt, sitzt mensch schnell auf einer Sandbank. Mehrmals fanden wir uns morgens beim Aufwachen im Uferschlamm wieder, weil die Ebbe auf ihrem Tiefpunkt war oder uns irgendein zu schnell vorbeifahrendes Boot mit seinen Wellen zu dicht ans Ufer geschoben hatte. Da die tide binnen weniger Stunden aber immer wieder steigt, ist mensch selten dauerhaft festgesetzt.

Biesbosch ist ein idealer Ort, um das Leben zu reduzieren und zu entschleunigen. Mit einem Boot ohne nennenswerten Tiefgang und mit vollständig hochkurbelbarem Kielschwert kann mensch durch die meisten der Kanäle und Wasserwege streifen und an den verschiedensten Stellen bleiben – entweder festgemacht am Ufer oder mitten auf dem Wasser auf Anker. Es gibt unglaubliche Sonnenuntergänge und Wolkenformationen, die ich mir Abende lang beschreiben lassen könnte. Es gibt aber auch atemberaubende Geräuschkulissen. Verschiedene Vögel an Land und auf dem Wasser rufen, singen, schnattern und zwitschern, fliegen oder schwimmen herum, schlagen mit ihren Flügeln aufs Wasser oder unterhalten sich quer über die Wasserfläche hinweg. Fische jagen ihre Beute an der Wasseroberfläche oder springen scheinbar spielend aus dem Wasser heraus,Insekten summen in der Ufervegetation, Bieber knabbern an Bäumen oder schwimmen von A nach B, Rehe waten und schwimmen von Insel zu Insel, Wind und Wellen erzeugen Rhythmen und Klangflächen, weit entfernt vorbeifahrende Boote und Schiffe tragen mit ihren Motorengeräuschen gemeinsam mit den Bienen, Wespen und Hornissen am Ufer die Bassfrequenzen zur Wall of Sound bei. Mit dem Beiboot durch diese Welt aus faszinierenden Klängen und Bildern zu rudern, ist beeindruckend schön. Abends, wenn sich alles entspannt und verlangsamt, werden die Geräusche von Biesbosch zur Musik.

Der Lärm von Straßen oder Fabriken, wie er sonst an beinahe allen Stationen unserer Reise selbstverständlich war, fehlte in Biesbosch komplett. Selten waren landwirtschaftliche Maschinen zu hören, ab und zu flogen Flugzeuge oder irritierende Militärhubschrauber vorbei,, tagsüber störten zum Teil die viel zu schnell fahrenden Motorboote. Abends herrschte aber eine meditative Ruhe, wie mensch sie ansonsten selten erlebt. Es war nicht still – wie gesagt machten diverse Tiere, Pflanzen und Wellen auf dem Wasser alle möglichen Geräusche. Aber in Bezug auf menschengemachten Lärm war es traumhaft ruhig.

Es gibt aber nicht nur viel zu hören und zu sehen. Es gibt herrlich klares, kaltes Wasser zu fühlen, wenn mensch das Bedürfnis hat, zu schwimmen oder sich zu waschen.  Und es gibt Dinge zu riechen. Hier enden allerdings die Lobeshymnen, denn geruchlich dominiert in Biesbosch wie vielerorts eine Pflanze, die hier nicht heimisch ist und sich in Ermangelung von Feinden oder Konkurrenz ungehindert ausbreitet. Der Himalayan Balsam ist ein hübscher, in allen Schattierungen von Rosa blühender Busch. Sein Duft ist balsamisch-pudrig, manchmal aber auch penetrant und unangenehm. Der Balsam wächst überall am Wasser, die freundlichen Blüten lachen in allen Farben von Weiß bis Lila aus dem Ufergrün und die explodierenden Samenkapseln steuern ihren Teil zum Klangteppich der Gegend bei. Leider ist das Zeug aber ungefähr so invasiv und zerstörerisch wie die Herkulesstaude. Es ist zwar nicht so giftig, aber dennoch verdrängt es heimische Pflanzen und ist nur auszurotten, indem mensch mehrere Meter Erde abträgt – also gar nicht. Auch die Binsen, die Biesbosch, dem Binsenwald, seinen Namen gegeben haben, scheinen unter dieser Invasion zu leiden. Dafür, dass sie Namenspaten der Gegend sind, sind sie dort erstaunlich selten zu sehen.

Im Grunde ist der Titel dieses Beitrags blanke Ironie, sieht mensch vom Einfluss des Himalayan Balsam ab, der rücksichtslos alles Andere platt macht. mit Hektik oder wilder Action hat Biesbosch ansonsten wirklich nichts zu tun. Dennoch sorgten wir bzw. die Hunde für den angemessenen bish-bash-bosh-Faktor. Das achtbeinige Monster, wie wir die beiden Vierbeinigen gern zusammenfassend nennen, hatte einen irren Spaß beim Schwimmen, Planschen, am Ufer herumschnüffeln, Stöcke und Fender Jagen. Eine spannendere Umgebung kann es für wasserliebende Hunde kaum geben. Wer also boots- und wasseraffin ist, ebensolche Hunde hat und die direkte Verbindung zur Natur schätzt, der oder dem sei Biesbosch wärmstens empfohlen – aber nur, wenn sie oder er uns nicht zu sehr unseren wunderbar ruhigen Rückzugsort aufmischt.

 

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3 Gedanken zu “Bish bash bosh

  1. kommunikatz sagt:

    Ja, es reicht wirklich völlig, mehrmals an die selben Orte zu reisen. Nachdem wir vor Ostern schonmal für zwei Tage in Werkendam am Boot waren, um seinen Winterschlaf zu beenden und ein paar Reparaturen zu machen, waren wir jetzt von Donnerstag bis heute dort – nicht einfach nur in Werkendam, sondern wirklich vier Tage und vier Nächte mitten in Bies Bosch. Vier Tage in der gerade erwachenden Natur und außerhalb jeder echten Wassersportsaison – kaum Menschen außer uns und eine unglaubliche Freiheit für die Hunde. Bevor wir morgen den Schlüssel unseres baldigen Hauses bekommen und dort mit der Arbeit beginnen, musste ein solcher Kurzurlaub nochmal sein.

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  2. kommunikatz sagt:

    Und wieder eine kurze Auszeit von Freitag bis gestern – diesmal eher in busy Bosch. Es ist Hauptsaison, wahnsinnig warm und alles war voller Menschen, aber Bies Bosch macht es möglich, sich weit genug aus dem Weg zu gehen bzw. zu fahren oder schwimmen. Außer Chillen und Planschen mit den Hunden gab es kein Programm – naja, ein bisschen Übersetzungsarbeit zwischendurch, aber das fiel kaum auf. Und als wir kapiert hatten, dass mitten auf dem Wasser natürlich weniger Mücken sind als in Ufernähe und unsere Übernachtungsplätze entsprechend ausgesucht haben, wurden wir auch nicht mehr von den Biestern zerstochen. Es ist so schön, diesen Rückzugsort zu haben!

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