Inklusionspiraterie

Dieses Wort scheine ich erfunden zu haben. Eine Suchanfrage bei Tante Google brachte als einziges Ergebnis meinen eigenen Blogbeitrag „Wie weit geht Inklusion“ zu Tage. Deshalb fühle ich mich ein wenig genötigt, zu erklären, was ich damit meine.

Ich bin seit meiner Geburt gesetzlich blind, d.h., ich sehe nur hell-dunkel-Unterschiede. Dennoch besuchte ich vom Kindergarten bis zur Hochschule immer Regeleinrichtungen. Zu meiner Grundschulzeit in den 80er Jahren war ich als Integrationsschülerin, wie es lange vor der Erfindung des Inklusionsbegriffs hieß, noch eine echte Exotin. Ein einziges von insgesamt elf Gymnasien in meiner Stadt war bereit, mich nach der Grundschule aufzunehmen. An dieser Schule war ich die erste blinde Schülerin – eigentlich die erste Schülerin überhaupt mit einer signifikanten Behinderung. Nach mir kamen Weitere – die Schule hatte etwas gelernt.

Während meiner Zeit am Gymnasium machte ich das, was mensch einige Jahre später als Mobbingerfahrungen bezeichnet hätte. Zu der Zeit, als es geschah, hieß es noch Hänselei. Meine Mitschüler*innen nahmen jede Abweichung und alles Ungewohnte zum Anlass, Personen zu triezen. Nachdem ein sehr kleiner, iranischer Junge mit einem ungewöhnlichen Vornamen die Klasse in der Unterstufe verlassen hatte – offiziell wegen eines Umzugs in eine andere Stadt, inoffiziell wegen des Mobbings – entlud sich die geballte Kreativität meiner Mitschüler*innen über mir. Ich war anders und somit prädestiniert als Außenseiterin. Die wenigen Menschen, die sich mit mir abgaben, waren genauso unbeliebt wie ich, was uns aber nicht automatisch zu besten Freund*innen machte. Ich hatte also viel Zeit für Selbstmitleid und Trübsinn, aber genauso viel Ansporn, an mir und meiner Beliebtheit zu arbeiten. Ich war unzufrieden und wusste, dass es so nicht weitergehen durfte. Außerdem machten mir verschiedene Erwachsene von außen einen gewissen Druck, ich sollte doch nicht immer so abweisend zu den Anderen sein.

Ich dachte mir, wenn die Leute mich auf meine Behinderung reduzieren und deshalb ablehnen, brauche ich andere, positivere oder interessantere Eigenschaften. Die hatte ich natürlich auch, aber sie wurden nicht wahrgenommen. Also mussten sie offensichtlich deutlicher hervorgehoben werden, krasser aus dem Rahmen fallen oder einfach irgendwie besonderer und spannender sein. Die Idee der Inklusionspiraterie war geboren.

Um mich interessant zu machen, konterkarierte ich meine Behinderung durch Aktivitäten und Interessen, die eigentlich überhaupt nicht zu dem schüchternen Mädchen passten, das ich damals war. Ich übertrieb und überzeichnete alles, weil ich das Gefühl nicht los wurde, eigentlich total langweilig zu sein. Ich hörte abseitige Musik, färbte meine Haare rot, kleidete und schminkte mich auffällig. Ich chattete Nächte lang, ging auf Metalkonzerte, Gothicparties, Mittelalter- und Phantasy-Festivals. Ich begann eine offene Beziehung mit einem Biologie-Studenten, der nicht behindert und viereinhalb Jahre älter war als ich – mit 17 kommt einem das noch wie ein großer Altersunterschied vor und für eine Zwölftklässlerin ist ein Student noch beeindruckend. Mit ihm – manchmal auch ohne ihn aber mit seinem Wissen – stürzte ich mich in alle möglichen queeren und kinky Abenteuer. Dabei war meine Motivation viel weniger der persönliche Genuss dieser Erfahrungen sondern viel mehr, mir selbst und den Anderen etwas zu beweisen. Ich wollte so extrem sein, wie nur möglich. Alle sollten sehen, dass meine Behinderung keine Rolle spielte und dass ich unabhängig davon eine völlig durchgeknallte und mit allen Wassern gewaschene Lebenskünstlerin war. Darüber verlor ich vollständig das Gefühl dafür, was mir eigentlich Spaß machte und gut tat, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich machte eine Unmenge von Erfahrungen – viele davon waren gut, einige waren unangenehm, manche trage ich bis heute als emotionale Macken mit mir herum. Die Inklusionspiraterie als solche hätte aber besser nicht funktionieren können. Ich war vollständig integriert und niemand interessierte sich für die Tatsache, dass ich neben den ganzen Beklopptheiten zufällig auch noch behindert war. Falls es doch mal jemanden interessierte, war es ein anerkennendes, bewunderndes Interesse – weit entfernt von jeder Abwertung oder Reduktion. Ich versuchte herauszufinden, ob es andere Menschen wie mich gab, die mit einer Behinderung all diese Dinge taten und ein Teil dieser Parallelwelten waren – es gab sie, aber es waren verdammt wenige. Das bestärkte mich noch zusätzlich darin, auf dem richtigen Weg zu sein.

Nach dreieinhalb Jahren ging meine offene Beziehung in die Brüche und ich zog mich aus der dunklen und queeren Szene zurück. Stattdessen stürzte ich mich in die Hochschulpolitik, da ich inzwischen studierte. Im Sommer 2002 begannen die Studiengebührenproteste, die mich politisierten und mir eine neue Bühne für mein Piratinnendasein boten. Nun war ich nicht nur die einzige blinde Studentin an der ganzen RWTH Aachen sondern auch eine der aktivsten Gegner*innen der Studiengebührenpläne, organisierte den ersten Studierendenstreik mit und beriet als AStA-Mitglied meine Kommiliton*innen zu ihren Rechten und Möglichkeiten rund um die Studienfinanzierung. Ich wurde zur Kämpferin für Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Diversität. Neben den Studiengebühren trieb mich die situation von Frauen im Wissenschaftsbetrieb um, außerdem besann ich mich auf meine Wurzeln und setzte mich für die wenigen Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten an meiner Hochschule ein. Ich studierte kaum und hielt mich mehr im AStA als in meiner eigenen Wohnung auf. Ich wollte unbedingt Langzeitstudentin und verkrachte Existenz sein, einfach, weil ich es konnte und weil jeder geradlinige Verlauf viel zu langweilig gewesen wäre.

Es gelang mir. Ich brauchte 12 Jahre, um mein Magisterstudium abzuschließen, zwischendurch heiratete ich einen Studien- und AStA-Kollegen und lebte während meiner Studienabschlussphase beinahe als klassische Hausfrau, während mein Mann Geld verdiente. Sogar diese Phase hatte gewissermaßen etwas damit zu tun, mir und dem Rest der Welt zu beweisen, dass ich auch das konnte. Das Einzige, was ich nicht zu beweisen bereit war, weil es all meinen Überzeugungen widersprach, war Kinder in die Welt zu setzen. Außerdem musste ich zu dieser Zeit mir selbst beweisen, dass ich mich gegen meine Schwiegermutter behaupten konnte, die sich Enkel wünschte. 2013 trennte ich mich von meinem Mann. Nach einer zweifelhaften Fern-Affäre und vorsichtigen Versuchen, meine queeren Umtriebe wieder aufzunehmen, lebte ich knapp zwei Jahre lang beinahe einsiedlerisch mit meiner Hündin. Ich mied Menschen, obwohl ich mitten in der Stadt wohnte. Diese Zeit für mich alleine brauchte ich, nachdem ich gute 15 Jahre lang eigentlich nie allein gewesen war.

Um mich nicht zu wiederholen, verweise ich an dieser Stelle auf den Blogbeitrag „Ein Jahrestag“, den ich am 12. Dezember 2016 veröffentlicht habe. Zu diesem Zeitpunkt endete meine selbstgewählte Einsamkeit abrupt und ein neuer Lebensabschnitt begann, dem es genauso wenig wie meinen früheren Lebensphasen an Extremen mangelt.

Rückblickend und auch, wenn ich die jetzige Situation betrachte, stelle ich fest, dass ich die Suche nach Grenzen und Grenzerfahrungen aus meiner Jugend nie abgelegt habe. Inzwischen ist mir das Ganze in Fleisch und Blut übergegangen. Es hat nichts mehr mit Beweisen und deshalb auch nichts mehr mit Druck zu tun. Ich glaube, alle haben verstanden, dass ich ganz ohne Berücksichtigung meiner Behinderung total bescheuert und stolz darauf bin. Heute ist meine Suche nach Extremen und Kontrollverlust reiner Hedonismus. Abgeklärtheit des zunehmenden Alters und ein freier Geist sind dabei enorm hilfreich. Der Befreiungsschlag und die Erkenntnis, dass ich niemandem etwas beweisen und mich selbst deshalb auch nicht unter Druck setzen muss, kam allerdings erst in meiner Einsiedlerinnenzeit. Sehr lange stand ich unter einem erstaunlich großen Beweisdruck, weil ich mich ständig von der Außenwelt bewertet fühlte und nie das Gefühl hatte, dabei gut wegzukommen. Bis zu meiner heutigen Einstellung war es ein langer und teils harter weg, aber ich möchte keinen Schritt dieses Weges missen. All diese Erfahrungen, all das Piratentum in einer Welt, die nie wirklich meine war, und all die Gedanken und kritischen Reflexionen während meiner Besinnung auf mich selbst haben mich endlich zu einer selbstsicheren Person gemacht.

Grenzen auszudehnen und zu überschreiten, Extreme zu erleben und die eigenen Möglichkeiten auszureizen sind genau die Dinge, die für mich Teilhabe ausmachen. Wer hierzu keine Möglichkeit hat, hat keine Entscheidungsfreiheit, denn es ist für ein Individuum unglaublich lehrreich und befriedigend, sich selbst zu gestalten, zu entwickeln und über sich hinauszuwachsen. Das muss niemand zwanghaft tun, aber die Freiheit und die Mittel dazu zu haben ist essenziell.

Inklusionspiraterie war mein Weg, mir diese Mittel und Freiheiten einfach zu nehmen. Ich tat das ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Rücksicht auf mich selbst. Aber rückblickend hat es mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin und der sich selbst eine permanente Weiterentwicklung zugesteht.

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4 Gedanken zu “Inklusionspiraterie

    1. kommunikatz sagt:

      Danke, auch wenn ich mir unsicher bin, ob Dein Schockzustand positiv oder negativ ist 😉 ich tue, was ich kann :o)
      Was hast Du in welchem Zeitraum studiert? Vielleicht sind wir uns wirklich begegnet. Schreib mir gerne eine Mail, wenn Du magst. Jetzt bin ich neugierig 😉

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      1. stefanini sagt:

        Ab 2003 bis 2006 im HS Deutsch auf
        LA. Aber je nachdem, wie deine Zuhausetätigkeit da war, warst du vielleicht nicht mehr so oft im Karman.
        Ich finde deine Sicht sehr interessant, weil ich als Lehrerin ja die Inklusion mitkriege und wie wir eben nicht drauf vorbereitet waren. Schockiert meint eventuell eher erschreckt-erstaunt, wie dein Weg war.

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    2. kommunikatz sagt:

      Ok, das war die Zeit, in der ich mehr im AStA als im Karman war, aber ab und zu war ich natürlich auch in Seminaren oder Vorlesungen 🙂 Gesehen hast Du mich bestimmt mal, vielleicht saßen wir in den gleichen Veranstaltungen.
      Mein Inklusionsbegriff umfasst viel mehr als den rein schulischen Bereich, aber Inklusion in der Schule ist dennoch einer der wichtigsten und schwierigsten Aspekte. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, aber es müssen dafür eben auch Mittel und Möglichkeiten da sein. Ich las erst vor ein paar Tagen einen Bericht, in dem diverse Lehrer*innen zu Wort kamen und aus dem einige Dinge klar wurden, die nach wie vor fast überall im Argen liegen.
      Inklusion ist hier eines meiner Kernthemen, allerdings aus meiner weiten Inklusionsperspektive und weniger mit Bezug auf Schule. Unter dem Schlagwort Inklusion findest Du jedenfalls eine Menge solches Zeug.

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