Eine schöne Leserzuschrift

Wenn ich Blogbeiträge zu den Themenbereichen Blindheit, Sehbehinderung und Inklusion schreibe, stelle ich diese oft in leicht abgewandelter Form der Zeitschrift Visus des Bund zur Förderung Sehbehinderter e.V. zur Verfügung. Seit einiger Zeit habe ich in Visus daher eine Art Kolumne – auch wenn es nicht unter diesem Label läuft, ist es stilistisch wohl genau das. In der Visus-Ausgabe 4/2018 erschien mein Artikel „Hallo Lea, weißt du, wer ich bin?„. Darauf erhielt ich per e-Mail eine sehr schöne und ausführliche Leserzuschrift, die ich hier und in einem weiteren Beitrag auszugsweise veröffentlichen und kommentieren möchte. Der mitteilsame Visusleser ist ein ehemaliger Lesehilfentechniker, also ein normalsehender Mensch, der aber beruflich viel Kontakt zu blinden und sehbehinderten Menschen hat(te).

Er beschreibt, wie ihm als Sehendem ganz ähnliche Situationen passierten, wie ich sie in meinem Artikel aus der Perspektive einer Blinden beschreibe. Beispielsweise sprach ihn ein Motorradfahrer mit Helm an, als würden sie sich gut kennen. Da er das Gesicht des Mannes nicht sah, konnte er ihn aber trotz Nennung von Vornamen und Wohnort nicht einordnen. Erst, als der Mann den Helm abnahm, erkannte er ihn als den Vater einer Schulfreundin seiner Töchter – also eine rund 20 Jahre zurückliegende Bekanntschaft.

Sicher, auch sehende Menschen können auf ein vermummtes oder anders unkenntlich gemachtes Gegenüber treffen, was die Wiedererkennung erschwert. Das wollte ich nicht in Zweifel ziehen, war ich doch schon oft genug Zeugin solcher Begegnungen unter Sehenden. Trotzdem ist für Sehende der Ausweg meist einfacher, weil ein Helm oder eine Sonnenbrille abgenommen werden kann und wohl fast niemand von sehenden Menschen erwartet, sie könnten beliebige Personen an der Stimme erkennen. Aber sehende Menschen können sich anhand solcher Situationen wunderbar in die Rolle einer blinden Person hineinversetzen, wenn sie sich dann eben zusätzlich den Erwartungsdruck vorstellen, sofern sie ihn nicht sogar erleben.

Auch auf den Aspekt „bunter Hund“ geht er ein und nennt gute Beispiele: „Von einem Popstar wird niemand erwarten, dass er seine Fans kennt. Man winkt ihm zu, und er winkt zurück, und beide Seiten wissen, dass es zu mehr nicht kommen wird. […] Beliebte Lehrkräfte werden aber am Urlaubsort mit „Wissen Sie noch, wer ich bin?“ überfallen! Die Erwartungsfreude lässt sich hier mit der Antwort dämpfen: „Sicher eins meiner zehntausend Schulkinder?“ Dann sollte dem Schulkind klar sein, dass zehntausend den einen kennen können, ohne dass der eine jeden der zehntausend kennt.“

Genau das erlebe ich mit dem GIPS-Team bei fast jedem unserer Schulbesuche. Die Schüler*innen aus höheren Jahrgängen, die das GIPS-Projekt vor einem oder mehr Jahren mitgemacht haben, kommen freudig zu unserem Bus gelaufen und erwarten, dass wir jeden einzelnen Namen noch wissen. Aber natürlich erinnern sich nicht nur die blinden Teammitglieder höchstens an ganz außergewöhnliche Fälle. Wir besuchen zwar „nur“ alle zwei Wochen eine neue Klasse, aber dennoch sind das unglaublich viele Kinder. Diesen Kindern vermitteln wir dann sowohl, dass sie einfach zu Viele sind, um sie sich alle zu merken, als auch, dass es für die Blinden unter uns besonders schwierig ist, nur anhand der Stimme jemanden zu identifizieren, den wir nur zweimal getroffen haben.

Den Fall, dass Leute einen kennen, die einem selbst überhaupt kein Begriff sind, illustriert mein Leser mit dieser netten Begebenheit: „Mich selbst betraf dieses Ungleichgewicht bei einer Feier an einem fremden Ort, wo ich mich Leuten vorstellen wollte, die mich aber aus meinem Wohnort kannten, wo ich im Dauerschnauf öfter an ihrem Fenster vorbeilief. Das war mir damals peinlich, weil die Leute lachten. Sie lachten aber eigentlich nicht über mich, sondern die Situation.“

Das ist ein wichtiger Punkt: Wenn in solchen Momenten gelacht wird, wird eigentlich nie jemand ausgelacht sondern alle amüsieren sich über die Absurdität der Begebenheit. Genauso sollte mensch sich in solchen Fällen nie über sich selbst oder die Anderen ärgern, denn was hier vermeintlich schiefläuft oder peinlich ist, ist niemandes Schuld oder Versäumnis. Es ist im Zweifelsfall einfach dumm gelaufen, ohne, dass jemand etwas dafür kann. In erster Linie ist es überhaupt nicht ärgerlich sondern vor allem lustig – ohne solche Zufälle gäbe es schließlich gar keine Situationskomik.

Auch, wenn eine Person eine andere nicht erkennt, ihr ein Name nicht einfällt oder irgendeine andere Verwirrung entsteht, hat mein Leser diesen guten Rat: „Auf keinen Fall würde ich mir ein schlechtes Gewissen machen, sondern einfach ehrlich sein. Selbst wenn ich schon eine Weile mit jemandem geredet habe, kann ich noch sagen: ‚Sei mir nicht böse, aber ich überlege die ganze Zeit verzweifelt, woher wir uns kennen. Ich komme aber nicht drauf, beim Heiligen Sankt Dementius!'“ Kein Mensch werde einem das übelnehmen, und die Auflösung des Rätsels werde Die- oder Denjenigen für diesen kleinen, mutigen Schritt belohnen. „Und mit dem Mut ist es wie mit dem Radfahren oder Schwimmen: Man fällt nie hinter eine einmal genommene Hürde zurück. Es geht im Gegenteil mit jedem kleinen Schritt ein Stückchen weiter aufwärts.“

Wie Recht er hat. Mein schlechtes Gewissen oder die gefühlte Peinlichkeit in solchen Situationen beruhen auf der Angst, mein Gegenüber könne sich zurückgesetzt, missachtet und unwichtig fühlen. Aber wenn ich den Mut aufbringe, einfach zu fragen, zeige ich damit mehr Wertschätzung und aufrichtiges Interesse, als wenn ich stillschweigend immer weiter in die Blamage rutsche und mich damit immer schlechter fühle. Nähe aufbauen kann mensch schließlich nur, wenn das Gegenüber sich offenbart. Also muss ich dem Gegenüber auch die Chance dazu geben, wenn ich ihm diese Aufgabe wegen sofortiger Wiedererkennung nicht abnehmen kann.

Mit den folgenden Zeilen bringt mein Leser es auf den Punkt: „Das Problem ist nur unsere Sprachlosigkeit, und die nimmt im Alter zwischen 20 und 30 leider kräftig zu. Wir werden dann zu den gleichen verknöcherten Erwachsenen, über die wir als Kinder den Kopf geschüttelt hatten. Statt peinlichen Situationen neugierig auf den Grund zu gehen und Auswege zu suchen, weichen wir aus. Lieber leiden als lernen.“

Oft bin ich keine Freundin des ewigen Liedes von den verknöcherten, unsicheren und gehemmten Erwachsenen und den angstfreien, radikal offenen und ehrlichen Kindern. Zu oft habe ich es schon anders erlebt und nicht zuletzt weiß ich, wie unsicher und ängstlich ich als Kind und Jugendliche in sozialen Interaktionen war, um dann ausgerechnet zwischen 20 und 30 endlich aufzutauen. Aber wenn es um das Eingestehen von vermeintlichen Fehlern oder Unzulänglichkeiten geht, sind wir Erwachsenen meistens wirklich unterirdisch schlecht und sollten uns etwas mehr Unbefangenheit und Risikobereitschaft aneignen. Was kann schon passieren? Schlimmstenfalls ist es für einen kurzen Moment peinlich, wenn ich zugeben muss, jemanden nicht zu erkennen. Aber nach diesem kurzen Moment ist alles gut, die Anspannung fällt von allen Beteiligten ab und es kann (an)erkennend und zugewandt mit dem Gespräch weitergehen. Uns lähmt viel zu oft die Angst vor diesem einen, kurzen Moment, so dass wir den eigentlich so einfachen Ausweg gar nicht als solchen Erkennen.

Weiter schreibt er: „Beim Ratespiel: ‚Weißt du noch, wer ich bin?‘ würde es mich reizen, noch einen draufzusetzen: ‚Hmmmm – heißt du vielleicht (kleine Pause) Rumpelstilzchen? Oder Siebenstern? Nein? Ooooh, du bist sicher der Brummbär!‘ Bevor das Gegenüber aber beleidigt ist, würde ich auflösen: ‚Ich seh doch nix und kenne hundert Leute mit ähnlichen Stimmen. Hilf mir doch mal!'“

Sehr schöne Idee! Wenn ich in einer solchen Situation mal schlagfertig und risikofreudig genug bin, fällt mir diese Strategie hoffentlich wieder ein. Meine Sorge, mein Gegenüber könnte sich verarscht fühlen, werde ich zwar nicht vollends wegbekommen, aber lustig wäre das auf jeden Fall und einen Erkenntnisgewinn für mein Gegenüber gäbe es trotz frecher Antwort sicherlich.

Zur Kommunikation zwischen blinden und sehenden Menschen schreibt er noch weitere interessante Dinge. Diese verarbeite ich aber in einem anderen Artikel, damit dieser hier nicht ausufert und das spannende Thema richtig zur Geltung kommt. Bleibt also dran 😉

3 Gedanken zu “Eine schöne Leserzuschrift

  1. Manfred Pohl sagt:

    Liebe Frau Heuser!

    Bei Ihrer Ankunft im GIPS-Team haben Sie zunächst Publikum und keine Einzelpersonen vor sich. Bühnenleute stellen sich darauf ein und johlen z. B.: „Hallo, Aachen!“, und das Publikum fühlt sich als Aachen angesprochen und johlt zurück, auch wenn es nur aus ein paar hundert Leuten besteht, von denen die Hälfte auch noch aus Holland kommt. Bei der Autogrammstunde erst kommt es zu kurzen Einzelgesprächen.

    Machen Sie es auch so. Wenn sie aus dem GIPS-Bus steigen: „Hallo, St. Angela-Schule!“, und die Menge tobt. Wie beim Auftritt von Pop-Stars erwartet zunächst keiner, erkannt zu werden und fühlt sich dennoch angesprochen und begrüßt.

    Das erste Mal war mir diese Publikumsansprache bei einer anderen Katz aufgefallen, Daniela Katzenberger, der eine Kamera sozusagen als Blogger hinterherläuft. Sie ging auf ein Dutzend Fans zu und begrüßte sie mit „Hallo, wie geht’s euch?“. Ich musste zuerst lachen, weil ich mir vorstellte, dass nun jeder einzeln antworten würde, aber es gab nur ein allgemeines Hallo.

    Soweit die Theorie. Jetzt würde ich gerne wissen, was ich selbst in der Praxis machen würde.

    Alles Gute!
    Manfred Pohl.

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Hallo Herr Pohl,
      schön, auch hier von Ihnen zu lesen! In Bezug auf GIPS stimmt das nur halb, denn wir teilen uns ja auf Kleingruppen der Schüler*innen auf bzw. Kleingruppen wechseln zwischen unseren Stationen. Es ist also durchaus so, dass wir die Kinder zumindest teilweise mit Namen kennenlernen und direkte. Gespräche führen. Aber dennoch verschwimmt es eben total in der Masse-
      Wenn wir auf den Schulhöfen herumstehen und die Kinder der anderen Jahrgangsstufen kommen, bleibt uns aber gar nichts anderes übrig als so eine allgemeine Gruppenbegrüßung. Das gehört also eh zum Programm.
      Das alles scheint wohl mehr so ein bunte-Katzen-Ding zu sein, auch wenn mich mit Frau Katzenberger sonst nicht viel verbindet 😉
      herzliche Grüße
      Lea Heuser

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