Der Tisch

Schon in der Schule interessierte ich mich für Philosophie. Leider sah das der Großteil meines Jahrgangs aber anders, so dass in der Oberstufe kein entsprechender Kurs zustande kam. Die Hand voll Leute, die einen solchen Kurs hätte belegen wollen, und der Lehrer, der diesen aus Sicht aller Beteiligten hätte übernehmen müssen und den ich damals abgöttisch liebte, gründeten also schon ein paar Monate vor dem Ende des 10. Schuljahrs kurzerhand eine Philosophie-AG. Diese Traf sich einmal pro Woche in einem kleinen Raum im Neubau, dem Oberstufengebäude, wo es für die Allgemeinheit sonst nur die Fachräume für Biologie, Chemie und Musik gab. Die Philosophie-AG verschaffte uns also Zugang zu den erhabenen Hallen der „großen“ Schüler*innen, auch wenn wir selbst von diesem Status gar nicht mehr so weit entfernt waren.

In unserem kleinen Philosophie-Kabuff gab es eine gemütliche Sitzecke mit ältlichen Polstermöbeln und einem großen, ovalen Couchtisch. Da wir bei unseren Treffen immer um diesen Tisch herum saßen, musste er als Beispiel für so ziemlich jedes philosophische Problem herhalten, das sich anhand eines beliebigen, materiellen Gegenstands diskutieren ließ. Das ging so weit, dass wir, wohlgemerkt Ende der 1990er Jahre, eine Homepage für die Philosophie-AG planten, auf der der Tisch als animierte Grafik mit allen möglichen, anklickbaren Gegenständen die Navigation ersetzen sollte – wir wollten, dass Besucher*innen der Seite genau wie wir in philosophische Gedanken abtauchen und sich darin verlieren konnten, ein bisschen wie Alice im Wunderland in ihrem Kaninchenloch. Ganz überzeugt von der Barrierefreiheit unserer Idee war ich nicht, aber mit meinem damaligen Sehrest hätte ich die Seite wohl noch bedienen können, wäre sie jemals fertig geworden.

Über all das dachte ich nach, als ein ganz anderer Tisch aus meiner Vergangenheit wieder in mein Leben einzog. Schon ab dem Beginn der Unterstufe, also seit der 5. Klasse, hatte ich wegen meiner diversen Hilfsmittel einen höhenverstellbaren Bürotisch statt eines normalen Schulpults. Mein Tisch war vergleichsweise riesig, aber während die anderen Kinder immer zu zweit an ihren Pulten saßen, saß ich allein und verloren vor meinem Technikpark. Damit die Anderen nicht auf meine Bildschirme gucken konnten, saß ich außerdem andersherum als sie, also mit dem Rücken zur Tafel und der Klasse quasi gegenüber. Dass die Lehrer*innen so den direkten Panoramablick darauf hatten, was ich gerade tat, weil mein Bildschirmlesegerät und der Laptop das ja stark vergrößert und somit deutlichst erkennen ließen, wurde außer von mir wohl von Allen als Vorzug betrachtet.

Der Tisch und das gesamte Setting unterschieden mich deutlich vom Rest der Klasse und sonderten mich regelrecht aus. Schon damals empfand ich die Situation als das Gegenteil von dem, was ich unter Integration verstand. Und so ging es nicht nur mir. Meine Mitschüler*innen betrachteten mich von Anfang an als irgendwie absonderlichen Fremdkörper. Dass meine Lehrer*innen bei jeder Gelegenheit und oft völlig grundlos meine Besonderheit betonten, machte die Sache nicht besser. Mein Tisch wurde daher Zeuge einiger Schikanen, die die anderen Kinder bzw. Jugendlichen sich im Laufe der Unter- und Mittelstufe für mich einfallen ließen.

Diese reichten von vollständiger Ignoranz meiner Anwesenheit über Rufen mit verstellter Stimme, das Antippen meiner Schultern mit einem langen Stock und die Erheiterung darüber, dass ich weder „Angreifer*in“ noch Richtung identifizieren konnte, das Werfen mit verschimmelten Erdbeeren und anderem Mist auf mich und meine Punktschriftbücher bis hin zu diversen schlichteren Hänseleien, die ich zum Teil vermutlich nichteinmal mitbekommen oder dankenswerterweise längst wieder vergessen habe. Unser Klassenraum befand sich wegen der damals laufenden Asbest-Sanierung der Schule mit bloß einem weiteren Raum in einer Art Container mitten auf dem Schulhof. Ungefähr in der 9. Klasse war es daher sehr beliebt, während der Pausen drinnen zu bleiben und, sobald die Aufsicht sich näherte, einfach schnell vor die Tür zu laufen. Ich wollte eh lieber drinnen sein, denn auf dem Schulhof war es auch nicht angenehmer und im Klassenraum konnte ich wenigstens mit meinen Hilfsmitteln spielen.

In der 8. oder 9. Klasse bekam ein zweifelhafter Sport unter meinen Mitschüler*innen, vor allem bei den Jungs, Hochkonjunktur: die sog. Bibelschlacht. Ein Regal hinten in unserer Klasse war voll mit Bibeln für den Religionsunterricht. Da auch auf diesem evangelischen Gymnasium niemand so richtig Respekt vor diesen Büchern hatte, entdeckten einige der Rabauken sie bald als Wurfgeschosse. Nach wenigen Wochen waren sämtliche Bibeln vollkommen zerfleddert und es ist ein mittleres Wunder, das niemand durch die fliegenden Papierblöcke verletzt wurde. Ich muss gestehen, dass ich in dieser Zeit wirklich Angst um mich und meine Gerätschaften hatte, auch wenn ich nicht im eigentlichen Sinne Ziel der Aggression war. Dennoch blieb ich meist einfach hinter meinem Tisch sitzen und machte mich so klein wie möglich.

Der Tisch erlebte auch, wie ein Mitschüler, der mich besonders überheblich hänselte aber in Latein eine Niete war, mich bei einer Klassenarbeit um Hilfe bat. Tatsächlich fragte er relativ freundlich und forderte es nicht einfach ein. Wir vereinbarten, dass ich meine Arbeit, wenn ich fertig war, wie üblich ausdruckte, dann aber nicht sofort abgab sondern für ein paar Minuten im Drucker liegen ließ. Er setzte sich auf einen Platz in der Nähe, von dem aus er auf meinen Zettel schauen und ein paar Dinge abschreiben konnte – soweit der Plan. Obwohl der Junge, gelinde gesagt, ein absolutes Arschloch war, wollte ich keine Spielverderberin sein. Außerdem rechnete ich mir aus, mich in seinem Ansehen vielleicht zumindest so weit zu verbessern, dass er mich ansonsten in Ruhe lassen würde. Leider fand unsere Lehrerin den etwas zu lange im Drucker liegenden Zettel und beschuldigte mich des unterstützten Betrugsversuchs. Zudem hatte der Zettel so im Drucker gelegen, dass die Schrift auf dem Kopf stand und mein misliebiger Mitschüler seine liebe Not hatte, etwas davon zu lesen. Für mich zahlte sich der Anbiederungsversuch also in doppelter Hinsicht nicht aus, denn am Ende waren natürlich alle sauer auf mich. Den gleichen Mitschüler, der mich eine Weile später auf dem Schulhof wieder hänselte, schnappte ich mir bei dieser Gelegenheit übrigens beherzt am Jackenärmel und gab ihm einen heftigen Tritt vors Schienbein. Darauf war ich enorm stolz, maß der Kerl schließlich auch mit 16 schon fast 2m, während ich meine heutigen 1,60m mit 14 wohl noch lange nicht erreicht hatte.

Als wir zur Oberstufe in den Neubau umzogen, stand mein Tisch in dem Kursraum, wo die meisten meiner Kurse stattfanden. Nun hatte ich einen Laptop, der wunderbarerweise auch in anderen Räumen und auf anderen Tischen funktionierte. Wenn ich bei „meinem“ Tisch war, rutschte ich dort nur hin, wenn ich das Bildschirmlesegerät brauchte – sonst saß ich mit allen Anderen an dem großen U aus Tischen in der Mitte des Raums. Der Tisch war einfach da, mein Bildschirmlesegerät stand darauf und das sonderbare Setting juckte niemanden mehr. Die auflösung des Klassenverbands und der Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern der beiden Parallelklassen waren für mich eine echte Befreiung. Mit den Leuten aus meiner früheren Klasse hatte ich so gut wie nichts mehr zu tun, hatten sie mich doch auch vorher schon nicht haben wollen.

Nach meinem Abitur verschwand der Tisch in unserem Keller. Dort stand er mehr als 10 Jahre lang, bis sich meine Eltern trennten. Mein Vater, der zuletzt noch alleine dort gewohnt hatte, verkaufte mein Elternhaus und nahm den Tisch mit in seine neue Wohnung, um ihn fortan als seinen Schreibtisch zu nutzen. Die Möbel, die zuvor sein Arbeitszimmer bestückt hatten, wanderten entweder direkten Weges auf den Sperrmüll oder ihrerseits in seinen neuen Keller. Als nun vor einem Jahr ich umzog und meine alte Schreibtischlösung nicht mehr gangbar war, begann das „Tischchen wechsel dich“-Spiel von Neuem. Da ich einen höhenverstellbaren tisch brauchte, bestand mein Vater darauf, mir meinen alten Schul-Tisch wieder zu überlassen und holte für sich einen anderen aus seinem unerschöpflichen Kellerfundus.

Und da war er wieder, der Tisch. Hässlich wie eh und je, aber sehr funktional, ziert er nun aus fleckig-unverwüstlichem, grauem Kunststoff und Metall mein kleines Arbeitszimmer. Dieser Tisch ist ein Zeitzeuge. Und obwohl ich an ihm sitzend verdammt viel Mist erlebt und mich sehr oft schlecht gefühlt habe, hege ich keinen Groll gegen ihn. Im Gegenteil fühle ich mich mit diesem Tisch irgendwie verbunden – wir haben zusammen eine Menge durchgemacht. Der Tisch hat mich, seit er wieder da ist, viel über meine Vergangenheit nachdenken lassen. Wie gesagt, schön sind die meisten meiner Assoziationen nicht, aber ich merke immer wieder, wie sehr mich all diese Erlebnisse meiner Schulzeit und Jugend zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Mist erleben und daran wachsen war schon immer meine Prämisse und dafür ist dieser Tisch ein wunderbares Assoziationsobjekt. Das tröstet mich über die Tatsache hinweg, dass er wirklich noch immer potthässlich ist 🙂 passt ja irgendwie auch.

6 Gedanken zu “Der Tisch

  1. Manfred Pohl sagt:

    „Kinder sind grausam“, sagte letztens ein Befürworter des Kopftuchverbots für junge Schulmädchen. Er wollte nicht, dass die Mädchen wegen des Kopftuchs gemobbt würden. Das Verbot wäre aber die falsche Antwort auf Mobbing, und Sadisten brauchen keinen äußeren Anlass, weder die kleinen noch die großen.

    „Der Tisch“ und schlechte Augen waren also wohl auch nicht schuld an Ihrer Sonderrolle in der Klasse, sondern schlechte Menschen. In einer anderen Klasse hätte der Tisch Sie vielleicht interessant gemacht oder wäre gar nicht beachtet worden.

    Jahrzehnte nach der Schulzeit merkte ich erst, dass ich behinderte Klassenkameraden hatte. Einer von einem Zwillingspärchen hatte z. B. ein Holzbein. Keiner in der Klasse nahm das aber wichtiger als z. B. Haarfarbe oder Körpergröße. Er war nur vom Sportunterricht befreit und hatte bei Ausflügen an Steigungen mehr zu schnaufen als andere. Eines Tages kam nur sein Bruder in die Schule. Wo denn der andere Zwilling wäre, wollte ein Lehrer wissen. „Der hat sich beim Radfahren den Holzfuß gebrochen“, war die Antwort, und die ganze Klasse lachte. Im Stillen bewunderte ich ihn dafür, sich aufs Rad zu trauen und konnte mir nicht einmal vorstellen, wie er dort auf- und abstieg.

    Der Teil unserer Klasse übrigens, der die Oberstufe überstand, hat heute noch Treffen, die aber eher an Kinderfeste als an Rentnerausflüge erinnern. Eine Stunde brauchen wir schon, bis der erste sich setzt.

    Manfred Pohl

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    1. kommunikatz sagt:

      Hallo Herr Pohl,
      wow, dann hatten Sie eine sehr fortschrittliche Klasse, oder fortschrittliche Lehrer*innen. Sicher, es ist nicht die Andersartigkeit selbst, die zu Ablehnung und Mobbing führt, aber wenn ein Kind aus dem Rahmen fällt und gewissermaßen Angriffsfläche bietet, entlädt sich die Langeweile, Kreativität oder eben der Sadismus der Anderen gerne über dieser Person. In einem anderen Artikel hier im Blog erwähnte ich es: Bevor ich die Zielscheibe war, war es in meiner Klasse zunächst ein Junge, dessen Eltern aus dem Iran kamen, der einen für hiesige Verhältnisse seltsamen Vornamen hatte und sehr klein war. Er wurde beinahe schlimmer gemobbt als ich, u.a. deshalb verließ er nach einem Jahr wieder die Klasse und ward nie mehr gesehen. Ein neues Opfer musste her, und dann war eben ich dran.
      Manche Klassen scheinen diese negative Gruppendynamik nicht so sehr zu haben, aber bei mir war es sehr ausgeprägt. Dementsprechend habe ich auch bis heute an keinem einzigen Jahrgangstreffen teilgenommen und wurde schon nach kurzer Zeit nicht mehr dazu eingeladen.
      viele Grüße
      Lea Heuser

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  2. kommunikatz sagt:

    Eine abgespeckte und um etwas mehr Dankbarkeit ergänzte Version dieses Beitrags wird in der Festschrift meiner früheren Schule zu ihrem 150jährigen Jubiläum im Jahr 2020 erscheinen. Zwei Lehrer der Schule kontaktierten mich, da ich als erste blinde Schülerin der Schule ein Pilotprojekt und einen gewissen Meilenstein gesetzt habe. Ich freue mich sehr, dass ich mit meinen Erfahrungen und Anekdoten nun meinen Beitrag zur Festschrift leisten kann und nächstes Jahr anlässlich des Jubiläums und meines gleichzeitig anstehenden 20. Abitur-Jahrestags meiner alten Schule wieder einmal einen Besuch abstatten und meine ehemaligen Lehrer*innen wieder treffen werde.

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