No such thing II – ein Gefühl mit tausend Gesichtern

Vor langer Zeit habe ich, als einen meiner ersten Blogbeiträge überhaupt, den Text „There’s no such thing as love“ veröffentlicht. Darin stellte ich die (steile?) These auf, dass das Wort Liebe an sich viel zu unklar und undifferenziert ist, um ein individuelles Gefühl oder die Grundlage einer Bezieung zwischen konkreten Menschen zu beschreiben. Momentan wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr diese Behauptung für mich nach wie vor Gültigkeit hat. Darüber möchte ich hier schreiben, auch wenn das unweigerlich einen sehr persönlichen Beitrag ergibt. Im Gegensatz zu den durchaus allgemeingültig gemeinten Ausführungen in meinem drei Jahre alten Artikel schreibe ich hier über ganz konkrete, mir und vielleicht nur mir selbst eigene Gefühlsphänomene. Diese auf andere Menschen zu übertragen, wäre vermessen. Wenn sich trotzdem jemand darin wiederfindet, freue ich mich.

Es passiert mir nur alle paar Jahre einmal, aber ich habe inzwischen eine Regelmäßigkeit erkannt. Aus nicht einzuordnenden Singularitäten ist für mich so ein kategorisierbares Phänomen geworden. Ich schreibe von freundschaftlicher Verliebtheit, und damit meine ich nicht das Dilemma, sich plötzlich erotisch zu einer*m eigentlich platonischen Freund*in hingezogen zu fühlen. Es beginnt mehrere Schritte vorher und geht in eine ganz andere richtung, aber es geht definitiv um ein Gefühl aus dem breiten Spektrum des Oberbegriffs Liebe.

Meistens läuft es ungefähr so ab: In einem meiner Kreise taucht eine Person auf, die mir auf Anhieb sympathisch ist oder mich auf irgendeine Weise fasziniert. Es muss sich gar nicht an vielen konkreten Situationen manifestieren – ich habe einfach das Gefühl, zu dieser Person einen guten Draht zu haben. Art und Mentalität der Person gefallen mir, ich erkenne mich in Aspekten davon wieder und irgendetwas gerät durch die Parallelität unserer Welten in Schwingung. Das klingt fürchterlich esoterisch, aber ich meine es ganz handfest. Ich fühle mich von dieser Person verstanden und habe den nachhaltigen Eindruck, sie ebenfalls zu verstehen, mich in sie hineindenken und ihr Verhalten, ihre Motive und Strukturen nachempfinden zu können. Die sprichwörtliche gemeinsame Wellenlänge beschreibt es als Metapher eigentlich perfekt, denn es fühlt sich wirklich an wie der Wohlklang einer gemeinsamen Frequenz.

Wie bei einer aufkeimenden Verliebtheit spüre ich eine kribbelige Freude, wenn ich die Anwesenheit dieser Person registriere, wenn ich eine e-Mail oder ein Posting von ihr lese oder wenn nur jemand Anderes sie erwähnt. Ich erwische mich dabei, wie ich oft an die Person denke, über Aspekte ihres Lebens oder Denkens spekuliere und in meinem Kopf Puzzlestücke zusammenfüge. Ich will mehr über diese Person wissen, suche ihre Nähe und buhle unterschwellig vielleicht sogar um ihre Aufmerksamkeit. Wenn es sich ergibt, erwähne ich eine solche Person Dritten gegenüber auch häufiger als nötig – jede*r Unbeteiligte, die oder der mich genauer beobachtet, muss beinahe zwangsläufig denken, ich sei verliebt.

Zum klassischen Konzept der verliebtheit würde aber auch erotische Anziehung gehören. Diese fehlt hier völlig, auch wenn ich die körperliche Nähe einer solchen Person durchaus genieße. Es geht aber nicht darum, mit der Person zu schlafen. Genauso intensiv, wie bei der klassisch verstandenen Verliebtheit der Wunsch nach Sex und Zärtlichkeit wäre, ist stattdessen der Wunsch nach gelebter, geistiger Nähe, tiefem Gedankenaustausch und enger Freundschaft. Eine solche Verliebtheit konkurriert in keinster Weise mit einer Liebesbeziehung, denn geistige Nähe kann ich zu mehreren Menschen gleichzeitig empfinden. Sexuelle Nähe halte ich zwar auch nicht zwingend für etwas exklusiv nur einer Person Vorbehaltenes – ich kenne viele polyamor lebende Menschen, bei denen das super funktioniert. Für mich persönlich habe ich aber schon vor langer Zeit beschlossen, dass es mir emotional und organisatorisch viel zu anstrengend ist, mit mehreren Liebesbeziehungen gleichzeitig zu jonglieren, egal, wie offen und konsensual das alles abläuft.

Freundschaftlich verliebt zu sein, ist für nichts und niemanden bedrohlich; das weiß ich und das weiß auch mein Partner. Ich spreche offen darüber, wenn es mir wiederfährt und wir sind uns einig, dass es mit unserer Beziehung, die nicht ohne Reibungen ist, aber auf einer starken, körperlichen Anziehungskraft und ideellen Übereinstimmung basiert, schlicht nichts zu tun hat. Trotzdem staune ich immer wieder über die Intensität, mit der mich dieses Gefühl überwältigen kann. Früher hat mich das stark verunsichert, weil es sich viel zu sehr wie Verliebtheit anfühlte und ich den sexuellen Aspekt dann oft einfach hineininterpretiert habe, obwohl er ursächlich gar nicht da war. Ich sah meine Beziehungen in Frage gestellt und hielt mich jedes Mal, wenn soetwas passierte, für unfähig zur Monogamie. Wenn ich dann, was auch vorkam, tatsächlich mit einer solchen Person im Bett landete, wunderte ich mich,wo der Aspekt der erotischen Anziehung blieb – oft fehlte er einfach und ich realisierte erst nach vielen dieser Erfahrungen, dass ich nicht jeden Menschen, in den ich verliebt zu sein glaubte, ins Bett zerren musste.

Inzwischen, seit ich dieses Phänomen in seiner wiederkehrenden Regelmäßigkeit verstanden habe, kann ich diese kribbelige, vorfreudige und aufgeregte Form platonischer Liebe viel besser genießen und akzeptieren. Ich kann mich mit jeder Faser meines Seins in Freundschaften hineinwerfen, zarte Pflänzchen wachsen lassen und bei ihrer Entwicklung und Entfaltung beobachten. Ich kann mich im übertragenen Sinne in das schöne Gefühl der gemeinsamen Schwingung hineinkuscheln und nach einer Umarmung sehnen, ohne mehr als das zu beabsichtigen. Das nimmt mir einen großen Druck von den Schultern, den ich vor einigen Jahren noch als sehr frustrierend empfunden habe. Schließlich wusste ich auch damals schon, dass der Sex mit vielen dieser Menschen gar nichts bringen würde, obwohl ich dachte, ihn unbedingt zu wollen.

Heute ist mir klar: Nein, ich wollte keinen Sex. Ich wollte das Gefühl der Nähe, des Verstandenseins, der empathischen und aufrichtigen Innigkeit. Dafür reichen oft aufbauende, wertschätzende Worte am Telefon, ein richtig platziertes Smiley in einer e-Mail oder ein warmherziger, witziger Kommentar am Rande eines Arbeitstreffens. Wenn sich daraus lange Gespräche über die privatesten Themen und ein echter, tiefgründig berührender Austausch ergeben, ist der richtige Weg eingeschlagen und zugleich das Ziel erreicht. Es war für mich ein hartes Stück Arbeit und brauchte eine lange Reihe ärgerlicher Erfahrungen, zu dieser Erkenntnis zu kommen. Aber nun bin ich da und freue mich einfach so sehr über die daraus resultierende Freiheit, meine Gefühle ernstzunehmen und auf passende und angemessene Weise auszuleben.

Ein Gedanke zu “No such thing II – ein Gefühl mit tausend Gesichtern

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