Ein Jahrestag

Heute jährt sich die große Klimademo in Paris. Diese Demo war nicht nur der Ursprung der roten Linien als Symbol für die Klimaziele bzw. deren Einforderung anlässlich des Klimagipfels 2015. Sie war auch, obwohl ich gar nicht dort war, für mich persönlich die Einleitung einer neuen Lebensphase. Sie gab mir den Anlass, aus einer Hunderundenbekanntschaft eine erstaunliche, spannende und intensive Freund- und Partnerschaft entstehen zu lassen, mich in neuen Bereichen zu engagieren und gewissermaßen neu zu erfinden.

 

Bis vor einem Jahr war ich hauptsächlich Antifaschistin und Friedensaktivistin, hin und wieder auch Anti-AKW-Demonstrantin. Der Klimawandel war mir als menschengemachtes Problem bewusst, ebenso wie die Rolle, die der rheinische Braunkohletagebau vor meiner Haustür dabei spielt, aber ich konzentrierte mich auf meinen angestammten Bereich. Ende Gelände und die Ereignisse im Hambacher Forst hatte ich nur in den Medien verfolgt, weil mensch nunmal nicht überall gleichzeitig dabei sein und von allem gleich viel Ahnung haben kann. Da ich als Kind Tschernobyl erlebt und „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang gelesen hatte, war für mich Atomkraft die gefühlt viel größere Gefahr als der schleichende aber immer dramatischer werdende Klimawandel durch die Verbrennung fossiler Energieträger.

 

Im sommerlichen Herbst 2015 waren Arzu und ich zum ersten Mal Gary und Akiro begegnet. Die Hunde verstanden sich gut und Gary war im Gegensatz zu den meisten Hundehalter*innen in der Gegend angenehm unaufdringlich. Wir trafen uns immer wieder zufällig, unterhielten uns, wie distanzierte aber einander sympathische Menschen es eben tun, ich freute mich aber über jede Begegnung mit ihm und dem großen Herrn Flausch. In den ersten Dezembertagen erzählte Gary von seinem Plan, nach Paris zu fahren. Die Frage, was er in der Zeit mit Akiro machen sollte, war noch ungelöst. Ich hatte leider auch keine Lösung. Ich kannte Akiro kaum, wusste aber genau, dass ich ihn allein schon wegen seiner Kraft nicht hätte handlen können, wenn ich ihn über das ganze Wochenende bei mir aufgenommen hätte und mit beiden Hunden zusammen spazierengegangen wäre. Trotzdem bot ich es rhetorisch an.

 

Während des Wochenendes dachte ich oft an die Beiden. Als ich mit Arzu in Aachen zeitgleich zur red Lines Demo gegen Pegida auf der Straße war, hatte ich das Gefühl, irgendwie am falschen Ort zu sein. Ich las alle Artikel und hörte alle Beiträge über den Klimagipfel und die Proteste, die ich finden konnte. Montags siegte meine Neugier und ich schrieb Gary eine SMS, dienstags trafen wir uns und redeten letztendlich bei Weitem nicht nur über das Protestwochenende, an dem Akiro mangels einer Alternative teilgenommen hatte. Für Mittwoch oder Donnerstag verabredeten wir uns wieder – seitdem gab es kaum eine Chance, uns einzeln anzutreffen. Genauso schnell, wie wir unzertrennlich waren, waren es unsere Hunde – was den Effekt nur noch verstärkte.

 

Natürlich ging ich mit zu den Treffen von Divest Aachen, einer Gruppe, die auf Garys Initiative hin im Aachener Raum verschiedene Institutionen zum Abzug aller Finanzinvestitionen aus der fossilen Energiewirtschaft auffordert. Natürlich bot ich meine Unterstützung in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an, weil das nunmal mein Bereich ist. Anfangs hatte ich gar nicht mehr vor als das, aber sehr schnell war es doch deutlich mehr. Ich nahm an Aktionen teil, plante Protestformen mit, arbeitete mich in den Klimawandel und das Finanzspekulationsunwesen ein und diskutierte mit den unterschiedlichsten Menschen. Ich verfasste Pressemitteilungen und Schreiben an Kommunalpolitiker*innen, führte Gespräche mit Journalist*innen, erklärte Vertreter*innen verschiedener Parteien und lokaler Institutionen, warum ein Divestment aus RWE und ethisch-ökologische Investitionskriterien für die Zukunft unerlässlich sind und war erstaunlich schnell sattelfest in all diesen Argumentationen. Letztlich war ich für Divest Aachen und Fossil Free viel aktiver, als ich es für den Aachener Friedenspreis e.V. war, in dem ich mich seit beinahe 10 Jahren engagiere.

 

Und warum das alles? Vielleicht sagt jetzt die Eine oder der Andere: Klar, alles nur wegen einem Mann, wie eindimensional! Zum teil stimmt das, zum Teil ist es aber auch viel zu kurz gedacht. Auch mein Engagement für den Friedenspreis begann mit meiner Beziehung zu meinem Ex-Mann. Der wiederum war Friedenspreismitglied, weil seine Eltern es ebenfalls waren und ihn auf diese thematische Schiene gesetzt hatten. Mein Hang zum Antifaschismus ergab sich in meiner Zeit als Studierendenpolitikerin aufgrund meiner Kontakte zum linken Spektrum der Hochschulpolitik. Meine Aktivitäten in der Anti-Atomkraft-Bewegung hatten sich aus meinem Erleben des dramatischen Super-GAUs in Tschernobyl als fünfjähriges Kind, aus der Schullektüre von Gudrun Pausewang und aus meiner Panik rund um Fukushima während meiner Studienabschlussphase entwickelt.

 

Was ich damit sagen will: Jedes Thema, in dass mensch sich hineinsteigert, jedes Interesse, das mensch entwickelt und jedes Engagement, das mensch priorisiert, ist von außen beeinflusst. Es ist keine Schande, Themen von anderen Menschen aufzugreifen und zu übernehmen. Neue Dinge findet mensch nur durch äußere Einflüsse. Wie soll mensch sonst darauf kommen? Was mensch priorisiert, hängt stark damit zusammen, worauf mensch zufällig stößt und was es in einem auslöst. Oft stoßen wir durch andere Menschen auf neue Themen, die wir dann wichtig finden und zu unseren eigenen machen. Wenn Menschen, die wir mögen, in einem bestimmten Bereich aktiv sind, können wir diesen Menschen nah sein, indem wir uns ebenfalls ihren Themen verschreiben. Themen werden automatisch wichtiger, wenn Personen sie wichtig finden, die wir für klug und kompetent halten. All das scheint mir mindestens genauso wichtig zu sein wie die eigene Bewertung einer Gefahr oder Herausforderung.

 

Natürlich bringt das eine gewisse Verzerrung mit sich, weil unsere Interessen so sehr stark durch unser Erleben und unsere sozialen Vorlieben beeinflusst sind. Aber ist das nicht logisch? Es gibt so viele wichtige Bereiche, in denen Engagement unausweichlich erscheint. Es brennt an so vielen Stellen in unserer Gesellschaft und der ganzen Welt, dass mensch sich eigentlich überall gleichzeitig engagieren müsste. Da mensch das nicht kann, muss mensch nach irgendeinem Kriterium entscheiden, worauf mensch sich konzentrieren will. Die Entscheidung fällt dann sehr oft zu Gunsten des Bereichs, in dem mensch auf die angenehmsten Mitstreiter*innen trifft. Es steigert einfach massiv die Motivation, wenn nicht nur der Inhalt wichtig ist sondern auch die Arbeitsatmosphäre stimmt. Und genau deshalb ist es genau richtig so: Die Motivation ist der Knackpunkt, mit dem alles steht und fällt. Je angenehmer die Zusammenarbeit in einer Gruppe ist, desto größer ist die Motivation und desto mehr kann mensch bewirken. Dinge müssen Spaß machen, auch wenn es um schwierige und weltzerstörerische Probleme geht. Und Dinge machen dann am meisten Spaß, wenn mensch sie zusammen mit anderen Menschen tut, mit denen mensch sowieso Dinge tun möchte.

 

Deshalb tun Gary, ich und die Flauschigen seit einem Jahr Dinge. Wir teilen alles, was Spaß macht, und alles, was unausweichlich ist. Wir retten ein bisschen die Welt und ein bisschen unsere eigene Psychohygiene. Ich bin, trotz all der weltweiten rasanten Negativentwicklungen des vergangenen Jahres, unendlich dankbar für diese Zeit und die sehr schöne und bereichernde Entwicklung meines eigenen Lebens.

 

Ohne Gary hätte ich so Vieles nicht erlebt, mir so Vieles nicht zugetraut und so Vieles nicht begonnen. Ich hätte z.B. keine Webseite und kein Blog, ich hätte mich nicht zur Selbstständigkeit als freiberufliche Kommunikationsdienstleisterin durchgerungen sondern wäre immernoch auf einer zähen und demotivierenden Jobsuche. Ich hätte niccht nach 20 Jahren wieder angefangen, Gitarre zu spielen, ich wäre nicht Wochen und Monate lang einfach von zu Hause verschwunden, ich wäre nicht in einem kleinen Segelboot die Maas rauf und runter getuckert, in keinem Baggersee geschwommen, hätte in keinem Sommergewitter mitten auf dem Wasser Wind und Regen auf meiner Haut gespürt und so Vieles mehr.

 

Auch, wenn es mit der Klimademo, den roten Linien und der Frage, woher mensch die eigenen Interessen und Prioritäten nimmt, nicht viel zu tun hat – jetzt ist ein guter Zeitpunkt hierfür. Oder, wie India Arie es ausdrückt, „I want to give you your flowers _now_“:

 

Gary, I thank, appreciate, adore and love you.

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3 Gedanken zu “Ein Jahrestag

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