Wie weit geht Inklusion?

Während meiner Arbeit für das inklusive Stadtteilprojekt WIR ALLE am Aachener Westpark war ich Ansprechperson für die vielen Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, die im Westparkviertel leben. Wir wollten ihre Interessen und Wünsche herausfinden, um die Angebote des Stadtteilprojekts darauf abzustimmen. Ein Wunsch wurde immer wieder laut, mit dem wir aber nicht viel anfangen konnten. Ich konnte schon, aber ich war die Einzige, die sich darüber wirklich Gedanken machte und hatte dementsprechend weder die Chance, eine sinnvolle Idee zu entwickeln noch etwas umzusetzen.

Dieser eine Wunsch schien ausgerechnet für diese Menschen kaum erfüllbar zu sein. Es war der Wunsch nach Partnerschaft und Sexualität. Beinahe alle Bewohner*innen der unterschiedlichen Wohneinrichtungen fühlten sich einsam und wünschten sich nichts sehnlicher als eine enge zwischenmenschliche, auch körperliche Beziehung. Auf den Singleparties für Menschen mit Behinderung, die durchaus existierten, trafen sich aber immer nur die selben Unzufriedenen, so dass sich so gut wie nie für irgendwen etwas ergab. Zusätzlich wünschten sich die Menschen natürlich eigentlich eine Partnerin oder einen Partner ohne Behinderung. Unterschwellig hatten sie verstanden, dass Inklusion etwas Gutes und unter sich bleiben auf Dauer langweilig ist. Da sie aber letztlich meistens dazu verdammt waren, unter sich zu bleiben, wurde der gefühlte Druck und die Unzufriedenheit immer größer. Sie hatten nur wenige Gelegenheiten, Menschen ohne Behinderung kennenzulernen. Einerseits wurden sie fast immer unabsichtlich von ihren Betreuer*innen abgeschirmt, andererseits waren die Berührungsängste der nichtbehinderten Menschen meist viel zu groß.

Aber es sind nicht nur Berührungsängste. Menschen ohne Behinderung haben, wie mir scheint, ein ganz sonderbares Bild von Menschen mit Behinderung – besonders, wenn es um geistige und körperliche Behinderungen geht. Sie stellen sich ihre Traumpartnerin oder ihren Traumpartner intelligent und körperlich attraktiv vor. Das sind Attribute, die ein Mensch mit kognitiver Beeinträchtigung oder einer stark einschränkenden Körperbehinderung offensichtlich nicht im landläufigen Sinne erfüllt. Je abweichender und „behinderter“ eine Person aussieht oder sich verhält, also je mehr sie kursierenden Klischees entspricht, desto uninteressanter ist diese Person für den durchschnittlichen Menschen ohne Behinderung. Wer körperlich oder kognitiv stark vom Durchschnitt abweicht, hat insofern schon von Anfang an kaum eine Chance. Wer nur eine Sinnesbehinderung hat, also intellektuell und körperlich „normal“ ist, hat es leichter. Auch hier schlagen aber oft die Klischees und Vorurteile über behinderte Menschen zu und verbauen ganz unabhängig von den tatsächlichen Gegebenheiten jede Möglichkeit der Annäherung.

Dazu kommt die Sichtweise auf behinderte Menschen als irgendwie unmündig und kindlich. Ein Mensch mit geistiger Behinderung hat manchmal ja wirklich kindliche Züge, dennoch ist es aber eine erwachsene Person mit allen Wünschen und Bedürfnissen, die ein*e Erwachsene*r nunmal haben kann. Durch die falsche Einstufung als Kinder werden Menschen mit Behinderung aber automatisch aus jedem sexuellen Kontext ausgeblendet. Sie sind nicht nur als potentielle Partner*innen uninteressant, ihnen werden sogar sexuelle Bedürfnisse abgesprochen. Menschen mit Behinderung werden, genau wie Kinder, im Normalfall als asexuelle Wesen wahrgenommen und behandelt. Das macht ihnen die Partner*innen-Suche natürlich ungleich schwerer, weil sie bei den meisten Menschen erst dieses enorme Missverständnis überwinden müssen, bevor sich überhaupt etwas entwickeln kann.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Manche Menschen ohne Behinderung haben eine erfreulich gute Vorstellungskraft und sind geistig wach genug, um die klassischen Schönheits- und Intelligenzideale zu hinterfragen. Und dann gibt es auch noch die Menschen, für die eine bestimmte Behinderung oder körperliche Deformation eine Art Fetisch ist. Ob ein behinderter Mensch eine*n solche*n nichtbehinderte*n Partner*in haben will, um dann in sexueller Hinsicht immer auf die eigene Behinderung reduziert zu werden, ist allerdings eine sehr berechtigte Frage. Umgekehrt ist durchaus denkbar, dass ein nichtbehinderter Mensch zusätzliche Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung aufbaut, weil er oder sie nicht für eine*n solchen „Perverse*n“ gehalten werden will.

Für die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen ohne Behinderung gilt aber auch in diesem Bereich, dass sie einfach viel zu wenig Erfahrung mit behinderten Menschen haben, um sie realistisch einschätzen zu können. Nur, wen mensch einschätzen kann oder bei wem mensch zumindest das Gefühl hat, mit Der- oder Demjenigen kann mensch sich auf eine engere Beziehung einlassen. Ist die Unsicherheit zu groß, kommt mensch gar nicht auf die Idee einer Annäherung sondern geht aus Vorsicht eher auf Distanz. Kommt das Gefühl dazu, eigentlich ein Kind vor sich zu haben, ist bei den allermeisten Menschen der Gedanke an sexuelle Anziehung ohnehin komplett ausgeschaltet.

Der desinteressierte Umgang der nichtbehinderten Menschen bestätigt Menschen mit Behinderung wieder und wieder in ihrem meist ohnehin schon angeknacksten Selbstwertgefühl. Ihnen wird permanent suggeriert, dass sie nicht gut genug und völlig uninteressant sind. Wer ständig diese Erfahrung macht, resigniert irgendwann und bleibt allein oder sucht sich eine*n Partner*in, die oder der ebenfalls eine Behinderung hat – Inklusion missglückt.

Leider liegen mir keine empirischen Daten über Partnerschaften behinderter Menschen vor. Ich kann daher nur Beobachtungen, Erfahrungen und Einschätzungen wiedergeben. Ich kenne aber unzählige Beispiele von Paaren, wo beide Partner*innen gleiche oder ähnliche Behinderungen haben. inklusive Partnerschaften, also Paarkonstellationen, wo ein*e Partner*in eine Behinderung hat, die oder der Andere aber nicht, sind dagegen eine Seltenheit. Solche Paare in meinem Umfeld sind älter und die oder der behinderte Partner*in hat die Behinderung erst im späteren Verlauf des Lebens erworben, als die Paarbeziehung – meist eine langjährige Ehe – schon bestand.

Vielleicht ist es eine unzulässige Wahrnehmungsverzerrung, aber das beinahe einzige mir präsente Beispiel einer behinderten Person, die kontinuierlich inklusive Beziehungen lebt, bin ich selbst – nicht, weil ich es unbedingt darauf anlege, sondern einfach, weil sich nie etwas Anderes ergeben hat. Auch das ist aber logisch. Ich habe das Privileg, körperlich attraktiv und trotz meiner Behinderung gut gebildet zu sein – es ist halt nur eine Sinnesbehinderung. Durch meine Art von Inklusionspiraterie, die ich schon betrieben habe, lange bevor der Begriff Inklusion Allgemeingut wurde, war es für mich nie schwer, Menschen ohne Behinderung kennenzulernen. Ich lebe ganz selbstverständlich unter ihnen und verhalte mich, so weit es geht, wie sie. Das war nicht immer leicht – als Jugendliche war ich in meiner Andersartigkeit sehr einsam, weil ich den Menschen um mich herum trotz allem zu behindert war. Ich zog daraus für mich den Schluss, Andersartigkeiten zu kultivieren und mir interessantere Eigenschaften als meine Behinderung zuzulegen. Das ist aber ein Weg, der nicht jedem Menschen mit Behinderung offensteht, den vielleicht auch gar nicht Jede*r gehen will.

Insofern plädiere ich – wie schon so oft – für mehr lebendige Inklusion, mehr Experimentierfreude und Neugier anstelle von Unsicherheit und übertriebener Vorsicht. Menschen mit Behinderung sind genau wie Menschen ohne Behinderung, nur dass sie halt eine Behinderung haben 🙂 Das ist eine banale Eigenschaft unter ganz vielen. Ihr Bedürfnis nach Nähe, Liebe, Sexualität und Zugehörigkeit ist genauso ausgeprägt wie bei jedem anderen Menschen – individuell unterschiedlich stark, aber bei fast jedem Menschen vorhanden. Was behinderte Menschen definitiv nicht sind, ist asexuell. Sie sind erwachsen und es gibt absolut keinen Grund, warum sie nicht genau die gleichen Bedürfnisse und Wünsche haben sollten wie jeder andere erwachsene Mensch. Es ist so schade zu beobachten, dass unglaublich viele Menschen mit Behinderung auf Sexarbeiter*innen angewiesen sind, um überhaupt menschliche Nähe und Sexualität zu erleben. Die verschiedenen Welten müssen endlich aneinander andocken und dieser unüberwindbar scheinende Graben zwischen den Kulturen muss sich einebnen.

Möglicherweise regen sich jetzt bei manchen Menschen Zweifel und Widerstände. Ist es nicht eine riesige Verantwortung und ein immenser Aufwand, eine Beziehung mit einem behinderten Menschen zu führen? Ich kann Entwarnung geben: Es ist Exakt so viel oder so wenig Aufwand und Verantwortung wie jede enge Beziehung, in der mensch die oder den Partner*in unterstützt und ihre oder seine Wünsche und Bedürfnisse ernst nimmt. Das sollten in einer funktionierenden Beziehung alle Beteiligten für einander tun, völlig egal ob mit oder ohne Behinderung. Eine nichtbehinderte Person muss keineswegs Pfleger*in, Vormund oder Psycholog*in sein, nur weil ihr*e Partner*in eine Behinderung hat. Die behinderte Person kam auch vor der Beziehung irgendwie zurecht und wird es danach wieder tun. Es gibt überhaupt keinen Grund, für einen Menschen mit Behinderung mehr Verantwortung zu übernehmen als für einen Menschen ohne Behinderung – Verantwortung übernimmt jeder Mensch, der sich eines anderen Menschen annimmt, ihm nah ist und sich ihm anvertraut. Manche Dinge sind je nach Behinderung natürlich anders als bei Durchschnittsmenschen, aber wer, bitte, ist ein Durchschnittsmensch? Weichen wir nicht alle mehr oder weniger stark vom Durchschnitt ab und verkompliziert das nicht ohnehin oft unser Zusammenleben? Was sollte da durch eine Behinderung schlimmer sein?

2 Gedanken zu “Wie weit geht Inklusion?

  1. mänsch sagt:

    Ich bin immer wieder überrascht, das die Dinge so sind. Und traurig…. kann dir aber ein Bespiel einbringen für die Art deiner Beziehungen 😉 Habe mal einem Mann geholfen Taschen vom Einkauf zu tragen, der vor Jahren in der erweiterten Nachbarschaft (2 Straßen vor mir) wohnte. Dieser war Blind, auf mein Angebot hin ob ich die Taschen auch rein tragen solle, war er erfreut und plauderte ein wenig. Er ärgerte sich ganz klassisch über seine Partnerin, die sehend war und ständig Dinge wo anders liegen ließ, als er sie liegen gelassen hatte und so fand er sie nicht auf Anhieb 🙂 Die Art wie er lamentierte war die ganz klassische normale Art, wie Partner über den böden, unzuverlässigen anderen Teil der Beziehung reden, es aber natürlich nicht böse meinen.

    Und vielleicht zählt meine Ehe auch zu den Beziehungen, die vom ersten Tag an einen gesunden und einen eingeschränkten Menschen beinhalteten? Zumindest war nie abzusehen ob das jemals besser wird. Auch in sehr privater, intimer Hinsicht war nie klar, ob wie eine „normale“ Ehe führen könnten oder nicht. Wir sind trotzdem – ohne uns über dies Frage Gedanken zum machen – zusammen gekommen. Natürlich sieht man mir, wie dir, nichts an. Von daher kann man mich nicht so gut vergleichen.

    Ich hoffe, es ist die Liebe, die entscheidet und nie der Verstand. Bleibe wohl unverbesserlicher Romantiker 🙂

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