Abenteuer

In letzter Zeit wird mir Vieles klar. Meine Unzufriedenheit stößt mich mit der Nase auf meine Motivationen und Antriebe, aber es brauchte lange, bis der nötige Abstand da war, um tief verschüttete Bedürfnisse offenzulegen. Je mehr Abstand zu Vergangenem und Reflexion über Aktuelles wachsen, umso besser verstehe ich mich. Lösungen bringt das noch nicht, aber vielleicht zumindest Ansätze.

Ich merke, wie sehr ich meinen Ex-Partner darum beneide, dass er scheinbar ohne jede Anstrengung immer wieder alternative Lebensformen und Zusammenhänge findet, in die er sich einfügen und in denen er sich wohlfühlen kann. Ich höre ihm zu und staune, weil ich außer ihm niemanden kenne, der ein solches Händchen dafür hat, seinen eigenen, vollkommen individuellen und die Norm ignorierenden Weg zu finden. Das passiert ihm einfach, er muss fast nichts dafür tun.

Sich treiben zu lassen, einfach in den Tag hinein zu leben, mit dem gelingenden Anspruch, niemandem zu schaden und Menschen, allen voran sich selbst, Gutes zu tun, finde ich wunderbar. Daran zeitweise teilzuhaben, war wie ein langer Urlaub. Dass das mit dem Guten nicht immer klappt, ist klar. Dass es in unserer Beziehung irgendwann ins Gegenteil kippte, weil ich neben dem Bedürfnis nach Abenteuer auch noch andere Bedürfnisse hatte, ist auch kein Wunder. Aber es ist schade, denn der Abenteuerfaktor und das alternative Leben fehlen mir massiv. Das, was ihm niemals passieren würde, die Langeweile und das Abrutschen in gefühlte Spießigkeit, nimmt mir die Luft zum Atmen und ödet mich unsäglich an. Einerseits brauche ich Ruhe und Entspannung, andererseits macht mich eine bestimmte Form von langweiliger Ereignislosigkeit wahnsinnig.

Ich möchte Abenteuer erleben, in der Natur sein, mitgenommen und angeleitet werden, mich sicher fühlen – aber eben nicht in der Langeweile sondern in einer abwechslungsreichen, inspirierenden Welt, wie wir sie Jahre lang hatten. Zum Ende dieser Jahre hin war diese Welt nicht mehr inspirierend sondern erdrückte mich ihrerseits, weil sie ihre Buntheit und Spannung gegen Zwänge, Druck und das Gefühl des nicht gesehenwerdens eingetauscht hatte. Aber solange sie sich gut anfühlte, war diese Welt genau das, was ich brauchte und wollte.

Und ich will es wieder, es soll wieder interessant, alternativ und abenteuerlich werden. Alleine kann ich das nicht erschaffen, dafür bin ich zu eingeschränkt und zu sehr auf Andere angewiesen. Und ich möchte überrascht werden. Ich weiß selber nicht, welche Art von Abenteuern ich suche – hätte ich eine konkrete Vorstellung davon, wären es keine Abenteuer. Aber gezielt herbeiführen lässt sich soetwas nicht. Momentan bleibt mir nur der Neid und die Trauer um etwas, was nur kurz wirklich gut war. Aber nach dieser kurzen, guten Zeit am Anfang der Beziehung sehne ich mich sehr, eine solche Phase brauche ich wieder.

Zu meinem andererseits intensiven Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit scheint das nicht wirklich zu passen. Der Nervenkitzel, den ich schon mein Leben lang immer wieder suchte, ist das genaue Gegenteil davon. Sicherheit ist langweilig. Und doch brauche ich auch sie, weil ich mich sonst immer wieder in dem Gefühl verstricke, dass letztendlich doch alles an mir hängt, ich die Dinge organisieren und regeln muss, um zu großes Chaos zu vermeiden. Das tut mir nicht gut, denn es überfordert mich schnell, für alles verantwortlich und an allem Schuld zu sein.

Dass ich mir das mit der Verantwortung und Schuld nur einbilde, spielt für die Auswirkungen keine Rolle. Es erklärt aber, warum mich die Unsicherheit, Bedürftigkeit und das Scheitern Anderer kirre machen. Ich will mich nicht mehr darum kümmern müssen, Andere aufzubauen und ihnen die Sicherheit zu geben, die ich selbst nicht habe, ihr Leben zu organisieren und sie hier und dort hin zu schubsen, ich will nicht mehr in den Altruismus verfallen, der zu Selbstverleugnung und Selbstaufgabe führt. Ich will bei mir selbst sein, nicht immer nur die Retterin und Helferin der Anderen. Irgendwann muss doch mal etwas zurückkommen von der vielen Aufopferung, die ich selbst mein Leben lang an den Tag gelegt habe. Irgendwann muss sich doch auch mal jemand für mich interessieren, mir gut tun wollen, sich vielleicht sogar ein bisschen für mich aufopfern.

Wo liegt die Wahrheit? Wie finde ich einen Weg zwischen diesen widerstreitenden Wünschen und Bedürfnissen, wie kanalisiere ich diesen Neid und diese Sehnsucht nach Anregung, Inspiration, neuen Erfahrungen und spannenden Erlebnissen? Und wie kann ich mich darauf mit meinen wachsenden Einschränkungen und angesichts der unklaren Zukunft überhaupt einlassen? Ich weiß weder, wie es mit mir selbst und der fortschreitenden Krankheit weitergeht, noch was die Corona-Pandemie in den nächsten Monaten und Jahren noch für Kapriolen schlagen wird. Das Einzige, was ich habe, ist die deprimierende Gewissheit, dass alles mit der Zeit immer schlimmer wird – das Klima und unser Lebensraum brechen zusammen, die Auswirkungen sind längst spürbar und die Mehrheit verschließt sich dennoch der Erkenntnis und den Konsequenzen. Die Zeit wird knapp und die angenehmen Abenteuer warten nicht mehr lange.

Ich kann nichts erzwingen oder begünstigen. Offen sein für Neues wäre hilfreich, aber dafür bin ich zu desillusioniert. Nur funktioniert es ohne diese Offenheit leider nicht und ohne positive Erlebnisse komme ich nicht aus der negativen Stimmung heraus und in die Offenheit hinein. Solange ich blockiert und tief in der aktuellen depressiven Phase bin, fehlt mir jeder Antrieb. Menschen sind mir zuwider und gehen mir meistens nur auf den Geist. Offenheit für Begegnungen sieht anders aus. Ich kann nur hoffen und warten, dass mich etwas Positives einfach überrollt und mitreißt. Nur darf es dann nicht wieder etwas sein, das sich nach kurzer Zeit als toxischer Irrweg voller Irrtümer entpuppt, weil ich übers Ziel hinausschieße und es maßlos übertreibe mit der Anpassung und Aufopferung, mir Dinge ein- und schönrede, Fallstricke und Fehleinschätzungen nicht sehen will. Für das nächste Abenteuer muss alles stimmen, ich gehe keine faulen Kompromisse mehr ein und ignoriere keine Alarmglocken. Aber ob Abwarten ausreicht, um Abenteuer einzuladen, bezweifle ich stark.

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