How to disappear completely

SONY DSCNachdem das Wochenende mit der gelungenen Auftaktveranstaltung unserer Akademie der Vereine begonnen hatte, wollte ich den Sonntag eigentlich genießen und zur Erholung nutzen. Ein Medikament, das eigentlich ein Antidepressivum ist, sollte mir in der langen Nacht der Zeitumstellung beim Schlafen helfen. In kleiner Dosis ist es inzwischen ein recht gängiges und nicht abhängigmachendes Schlafmittel. Im ersten Anlauf vor Monaten hatte ich es mit einer halben Tablette noch so hoch dosiert, dass es mich nicht nur eine Nacht lang gut schlafen ließ, sondern auch für den gesamten Folgetag ausknockte. Viel besser war es nun, beim zweiten Versuch mit einer Vierteltablette, leider auch nicht – den Sonntag verbrachte ich sediert und extrem übellaunig.

29749096493_3b8b6c8673_kNachts hatte Arzu versucht, einen riesigen Blumenkohl vom Küchenschrank zu klauen. Wir fanden den übel zugerichteten Kohlkopf morgens mit diversen Knabberspuren auf dem Küchenboden. Auch, wenn wir wissen, dass nachträgliche Maßregelungen nichts bringen, weil ein Hund sie nicht mehr mit der viel zu lange zurückliegenden, eigentlichen Tat verknüpfen kann, hatte mein Partner ordentlich mit ihr geschimpft. Ähnlich konfliktgeladen verlief der restliche Tag. Ich war so müde und dünnhäutig, dass ich auf alles und Jede*n mit Heulkrämpfen und Wutanfällen reagierte – das kennen sowohl ich als auch mein Umfeld schon, aber die Intensität war neu. Es war deutlich zu merken, dass nicht nur mein Partner unter meinem Zustand litt sondern auch die Hunde. Arzu ging spürbar auf Distanz, leckte meine Müslischale vom Frühstück nur halbherzig aus, obwohl sie nur ein winziges Frühstück bekommen hatte, und verzog sich dann in irgendeine ruhige Ecke.

37395354652_328af84ce0_zIch funktionierte nur auf Autopilot, räumte die Küche auf, brachte Müll raus und achtete kaum darauf, was um mich herum passierte. Mein Partner verfuhr ähnlich, wobei wir zwischendurch immer wieder aneinander gerieten, weil die Stimmung insgesamt einfach unterirdisch war. Nachmittags, mitten in diese gereizte Atmosphäre hinein, kam mein Vater, um mir mit meiner schon lange überfälligen Steuererklärung zu helfen. Als ich ihm die Tür öffnete, kam Arzu nicht wie gewohnt angerannt. Ein bisschen wunderte ich mich, aber ich war viel zu beschäftigt mit dem allgemeinen Elend und dachte, sie ist hinten im Garten und bekommt nichts mit.

Auch, als ich mit meinem Vater am Esszimmertisch saß um die Steuer und das sonstige Elend zu besprechen, tauchte sie nicht auf. Erst nach mehr als einer Stunde kam mir ihre Abwesenheit sonderbar vor. Ich dachte, sie liegt irgendwo mit dickem Blumenkohlblähbauch und schläft tief und fest. Wir schwärmten also aus und durchsuchten Haus und Garten, riefen sie und pfiffen nach ihr, aber weder drinnen noch draußen in der unmittelbaren Umgebung war sie zu finden. Mein Partner ging sie suchen, fand aber nichts. Wir liefen zusammen eine größere Runde und ich pfiff immer wieder, aber auch diesmal blieb sie verschwunden. Schließlich fuhr mein Partner mit dem Fahrrad eine noch größere Runde bis zum Welthaus, da ich vermutete, sie könnte dort auf der Suche nach Spaß sein. Aber auch er kam ohne Hund oder ermutigende Hinweise zurück. Als mein Vater im späten Nachmittag ging, fuhr er auf dem Heimweg noch das gesamte Wohngebiet ab, aber ebenfalls ohne Ergebnis.

Uns allen war rätselhaft, wann und wie sie überhaupt das Haus verlassen hatte. Die Gartentür war zeitweise nur angelehnt gewesen und wir waren alle so unaufmerksam, dass wir sie ihr vielleicht auch explizit geöffnet hatten, ohne uns zu erinnern. In den Garten geht sie aber oft alleine und obwohl es für sie ein Leichtes sein dürfte, über den kleinen Zaun am Gartenende zu springen, war dieser Zaun für sie bisher immer eine ganz klare, natürliche Grenze gewesen. Vielleicht war sie aber auch beim Müllrausbringen oder als mein Vater klingelte durch die kurzzeitig offene Haustür entwischt. Dass sie neugierig ist und gern auf eigene Faust auf Wanderschaft geht, war mir klar, aber dass sie einfach so verschwand, hatte ich noch nie erlebt. Weil ich mit einem solchen Abgang nicht rechnete, trug sie im Haus kein Halsband, war also in keiner Weise durch Steuer- oder Tassomarke gekennzeichnet. Auch ihr Namensschild mit meiner Handynummer baumelte friedlich mit Halsband und Leine an der Garderobe. Sie streunte also vollkommen nackt und incognito herum, ihr einziges Erkennungsmerkmal war ihr Mikrochip, den jedoch Normalsterbliche ohne entsprechendes Gerät nicht auslesen können.

Schon während wir draußen nach ihr suchten, hatte ich nachmittags den Notruf gewählt und sie bei der Polizei als vermisst gemeldet. Abends rief mein Partner, weil ich schon viel zu fertig war, bei Tasso an und meldete auch dort online ihr Verschwinden. Wir waren äußerlich ruhiger als vormittags, innerlich jedoch beide völlig aufgewühlt. Ich saß auf dem Sofa, die andere Hälfte des Zweisitzers, wo sie normalerweise liegt, war schmerzhaft leer. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand ein Stück aus dem Körper gerissen – etwas von mir fehlte.

In unseren Köpfen drehte sich das Karussell der Sorgen und Spekulationen. Ich fühlte mich unendlich schuldig, weil ich davon überzeugt war, Arzu durch meine lautstark nach außen getragene schlechte Laune vergrault zu haben. Sie war vor mir geflüchtet, weil ich mich verhielt wie ein Zombie – kein Wunder, fühlte ich mich schließlich auch genau so. Wo war sie hingelaufen? Wo würde sie Zuflucht suchen? Würde sie, hungrig, wie sie vermutlich war, irgendwelchen Mist oder gar Gift fressen? Würde der viele Blumenkohl in ihrem Bauch ihr zusetzen und schon alleine dafür sorgen, dass sie leidend und unglücklich in irgendeiner Ecke lag? Oder würde sie ihrer neugierigen Nase folgen und auf einer Straße angefahren werden? Würde jemand sie finden und mitnehmen? Und wäre es ein wohlmeinender Mensch mit Hundeerfahrung oder doch eher jemand, der in ihr den teuren Rassehund sah oder sie gar als meinen Führhund identifizierte und sie zu Geld machen wollte? Hatte vielleicht sogar jemand sie schon mit dieser Absicht aus dem Garten geklaut und sie war gar nicht selbst über den Zaun gesprungen?

Ich konnte mich von Grübelei und Schmerz nicht lösen. Gelang es mir für einen Moment, nicht über Arzu nachzudenken, fuhren mir kurz darauf wieder unvermittelt Schreck und Grauen in die Glieder. Sie war nicht da, das konnte und durfte nicht sein. Mein Partner hatte uns darauf eingeschworen, dass wir uns nicht in lähmenden und müßigen Spekulationen aufreiben. Entweder er oder ich fingen dennoch immer wieder aufs Neue an, zu spekulieren und von ihr zu sprechen. In diesen Horror hinein schrillte das piepsige Klingeln unseres Festnetztelefons. Es war eine Dame von Tasso. Ich konnte es kaum fassen, als sie mir freudig und freundlich verkündete, Arzu sei gefunden worden. Sie gab mir eine Telefonnummer und ich rief sofort dort an.

Es stellte sich heraus, dass schon vor 15 Uhr, also lange bevor wir Arzus Verschwinden überhaupt bemerkt hatten, eine Familie sie unweit unseres Hauses ein Stück die Hauptstraße runter gefunden hatte. Sie hatte dort mehrmals die zum Glück nicht stark befahrene Straße überquert und der Mann, der gerade von einem Besuch bei seiner Mutter kam, hatte sie bemerkt und aufgesammelt. Als Hundehalter hatte er Leine und Halsbahnd parat, nachmittags ging die Familie mit Arzu spazieren und recherchierte im Internet, ob sie irgendwo vermisst wurde. Da die Familie lange vor mir die Polizei angerufen hatte, lag dort aber noch keine Suchmeldung vor. Warum der Beamte mir, als ich später dort anrief, versicherte, es gäbe keine Meldungen über gefundene Hunde, ist mir allerdings schleierhaft. Auf eBay-Kleinanzeigen und anderen Anzeigenportalen fand die Familie keine Vermisstenmeldung, letztendlich stießen sie abends über Facebook auf die Suchmeldung von Tasso und der Kontakt kam zustande.

Da die Familie ihren eigenen Hund nicht in noch mehr Wallung versetzen wollte, boten sie an, uns Arzu vorbeizubringen. Sie wohnten ein ganzes Stück entfernt und wir haben kein Auto mehr, so dass wir das Angebot dankend annahmen. Als die Beiden mit Arzu an der Leine aufs Haus zu liefen, merkten sie sicherlich schon, dass sie an der richtigen Adresse waren. Arzu freute sich mindestens so sehr wie wir, dass sie wieder zu Hause war. Wir unterhielten uns noch eine Weile über die Umstände des Verschwindens und Wiederauffindens, vereinbarten ein gemeinsames Abendessen als Finderlohn und versorgten Arzu, als ihre Retter*innen wieder weg waren, mit Leckerchen, Streicheleinheiten und ihrem persönlichen Sofaplatz.

Ich bin Tasso und der freundlichen Familie so unglaublich dankbar. Arzu ist ein Teil von mir und ihr Fehlen war unerträglich. Die Ungewissheit, was mit ihr war, wo sie sich aufhielt und wie es ihr ging, schmerzte körperlich und bewirkte in mir eine stille aber brennende Panik. Dass diese Panik noch abends ihr Ende fand und wir nicht am nächsten Morgen mit Ungewissheit und Angst aufwachten, um dann sofort im Tierheim anrufen und weitere Hebel in Bewegung setzen zu müssen, war ein wahres Geschenk.

Arzu im Galopp

Ich habe mir dennoch heute frei genommen, um mich von diesem Horrorsonntag zu erholen und die Ereignisse u.a. in diesem Beitrag zu verarbeiten. Arzu trägt nun auch im Haus ihr Halsband, bis mein Vertrauen zu ihr wieder hergestellt ist. Sicherer ist es mit Kennzeichnung immer und das Halsband, das sie jetzt trägt, sollte auch in Sachen Bequemlichkeit kein Problem für sie sein. Ich werde mich, wenn sie es mitbekommt, nicht mehr so gehen lassen und meine negativen Stimmungen noch nachdrücklicher bekämpfen und bearbeiten. Ich kann unmöglich riskieren, dass mein Hund, mein Ein und Alles, sich von mir abwendet und meine Launen als Last empfindet. Hunde sind unglaublich sensibel für die Stimmungen ihrer Menschen und auch für mein menschliches Umfeld werde ich irgendwann unerträglich, wenn ich mich und meine Schlafstörungen nicht in den Griff bekomme. Ich selbst ertrage mich bisweilen kaum noch, also darf ich mich nicht wundern, wenn niemand mehr etwas mit mir zu tun haben will.

PS: Den Titel dieses Beitrags habe ich mir bei der grandiosen Band Radiohead ausgeliehen.

PPS: Vielleicht ist Arzu auch nur weggelaufen, weil ihr das Futter hier nicht mehr schmeckt: Wegen aktueller Studien über multiresistente Keime in mehr als 50% der Rohfutterproben haben wir das Mampf unserer beiden Monster nun auf Dosenfutter umgestellt. Ich finde das einfach fairer, gerade bei Arzu, die als Führhund ja auch Zutritt zu Krankenhäusern und Arztpraxen hat, wo multiresistente Keime definitiv nichts zu suchen haben.

3 Gedanken zu “How to disappear completely

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