Das Fleischdilemma

Ich habe ein sonderbares Verhältnis zu Fleisch und Fisch. Essen mochte ich Beides noch nie, mir gefiel weder die Konsistenz, der Geschmack noch der Gedanke, tote Tiere zu vertilgen. Als Jugendliche ernährte ich mich für einige Jahre konsequent vegetarisch, seitdem changiert meine Lebensweise irgendwo zwischen flexitarisch und vegan hin und her. Meine ethischen Leitlinien dabei sind: Ich unterstütze keine Massentierhaltung, keine sonstigen ausbeuterischen Haltungs- und Produktionsbedingungen, kein Tierleid, keine Klimazerstörung und keine menschlich-egoistische Rücksichtslosigkeit. Wenn ich tierische Produkte esse, will ich sicher sein, dass die Tiere sie im Fall von Milchprodukten oder Eiern entweder ohne Leid und Ausbeutung quasi freiwillig abgegeben haben oder dass sie, im Fall der Fleischproduktion, vor ihrem Tod zumindest ein artgerechtes, ausreichend langes und angenehmes Leben hatten. Das funktioniert nicht immer, aber es ist mir immer bewusst und jeder Verstoß gegen meine Prinzipien fällt mir auf.

Genauso großen Wert lege ich aber auf die artgerechte Ernährung unserer Hunde – vor allem meiner Blindenführhündin, von deren Fitness und Wohlbefinden gewissermaßen mein Leben abhängt. Ergo bekommen die Beiden frisch zubereitetes, rohes Futter mit allem, was dazugehört: Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Eier, Öle, Gemüse und diverse Zusätze. Obwohl ich selbst also Produkte aus Massentierhaltung meide, Meeresgetier wegen der überfischten Ozeane als Nahrungsmittel ablehne und mich am liebsten nur von Pflanzen ernähren würde, verfüttere ich erstaunliche Mengen tierischer Produkte an die Hunde. Wenn ich dafür nur unbedenkliche Erzeugnisse aus Biohaltung oder massentierhaltungs-unverdächtiges Wild nehmen würde, fräßen die Hunde mir aber sehr schnell alle sprichwörtlichen Haare vom Kopf – ich könnte es mir schlicht nicht leisten.

Etwa einmal im Monat bestelle ich daher das Eigengewicht meiner Hündin aufgewogen in Frostfutter. Ein 25kg-Karton voller tiefgekühlter, weitgehend unverarbeiteter Fleischprodukte reicht für die beiden Monster nur etwas länger als vier Wochen, dann ist alles aufgemampft. Wenn ich Sonderangebote erwische, kostet mich das pro Monat rund 70 Euro + Öle und Futterzusätze. Gemüse muss ich kaum gesondert für die Hunde kaufen, da sie von Möhren- und Zucchiniköpfen über Rote Bete- und Kohlrabigrün, Broccoli-, Blumenkohlstrünke und -blätter bis zu überzähligen, gekochten Kartoffeln oder Reis auch sehr viele unserer Reste bekommen. Wir produzieren kaum Biomüll, weil fast alles verwertbar ist. Sogar Eierschalen werden mit dem Gemüse püriert und sind eine tolle Kalziumquelle für die Vierbeinigen, wenn es gerade mal keine Knochen zu knabbern gibt.

Das Frostfleisch kommt aus Deutschland und der Versandt wirbt natürlich damit, dass er auch ein paar Bioprodukte führt, aber das Meiste ist ganz normales, konventionell erzeugtes Fleisch. Rausreden kann mensch sich immer ein Stück weit damit, dass Pansen, Blättermagen, Lunge, Euterfleisch und Knochen eh nicht für Menschen bestimmt wären und durch die Verfütterung an die Hunde bloß Abfall vermieden wird. Aber angesichts des BARF-Booms und des allgemeinen Hypes, der sich in den letzten Jahren um die Rohfütterung entwickelt hat, glaube ich daran nur sehr bedingt. Bei Versandthändlern wie meinem wird ausschließlich Tierfutter verkauft – die besten Stücke kosten eben bloß mehr Geld.

Das Dilemma nimmt also seinen Lauf: Ich beschwere mich, dass mein Partner trotz meiner klaren Präferenz für veganes Essen immer wieder seinen eigenen Wünschen folgt und Dinge mit (Bio-)Fleisch kocht, die er dann oftmals alleine essen darf. Wenn ich selbst das Essen für die Hunde zubereite, ist es für mich aber geradezu meditativ, Pansen zu schneiden oder die richtige Fleischmischung zusammenzumatschen. Ich freue mich über das Geknusper, wenn die Hunde getrocknete Rinder- oder Pferdeohren mit Fell kauen, weil ich weiß, wie großartig und lecker sie das finden, obwohl die Dinger wirklich stinken und es für alle übrigen Menschen eine Qual sein muss, es mit anzusehen. Wie abgehärtet und stumpf bin ich eigentlich?

Je mehr Fleisch ich für die Hunde verarbeite, desto stärker wird aber mein Widerwille gegen tierische Produkte in meiner eigenen Nahrung. Ich finde rohes Fleisch nicht direkt eklig, der Geruch macht mir nichts aus und die schmierigen Hände kann ich danach schließlich gründlich waschen. Aber auf einer abstrakten Ebene sieht das ganz anders aus: Es ist Hundefutter, es ist unhygienisch und enthält massenhaft Keime. Für die Hunde ist das irrelevant, da ihre Verdauungssäfte selbst einem Haufen Salmonellen ohne Probleme den Gar aus machen, aber ich für meinen Teil esse sowas nicht freiwillig. Durch Erhitzen wird es nicht besser: Ich erlebe ja mehrmals täglich, wie unappetitlich ich es im Rohzustand finde. In Kombination mit all den ethischen Bedenken und dem Bewusstsein, dass wir durch die Antibiotika im Billigfleisch multiresistente Keime züchten, die unser eigenes Überleben gefährden, vergeht mir dann auch noch die allerletzte Lust darauf – und letztlich eigentlich auch die Lust, es den Hunden zu geben.

Mache ich mich als möchtegern-Veganerin unglaubwürdig, wenn ich meine Hunde nicht auch vegan ernähre? Bin ich bereit, den immensen Aufwand und die noch höheren Kosten für eine vegane Hundeernährung aufzubringen, die den Hunden nicht mittelfristig doch Mangelerscheinungen in irgendeinem Bereich beschert? Hunde sind zwar Allesfresser, aber Fleisch spielt für sie als Raubtiere dennoch eine deutlich größere Rolle als für uns Menschen. Sie brauchen tierische Fette und Eiweiße, auch wenn es angeblich möglich sein soll, Vieles davon durch Öle, Hülsenfrüchte und noch mehr Futterzusätze zu substituieren. Ob es wirklich artgerecht sein kann, Hunde langfristig vegan zu ernähren, ist eine Streitfrage, auf die ich noch keine abschließende Antwort gefunden habe. Ich weiß nur: Unseren Hunden soll es an nichts fehlen, denn sie sind Familienmitglieder mit anderen Bedürfnissen als unseren. Wenn ich ein kind oder eine*n Partner*in mit einer Allergie oder anderen besonderen Ernärungsbedürfnissen hätte, würde ich ja auch alles tun, damit es dieser Person gut geht, auch wenn ich dafür über meinen eigenen Schatten springen müsste. Für die Hunde tue ich genau das Gleiche.

Wie steht Ihr zu dieser Thematik? Vor allem über die Meinungen von Hundehalter*innen freue ich mich, da sie mein Dilemma vermutlich noch besser nachfühlen können als Menschen ohne eine derart enge Bindung zu Haustieren. Eigentlich könnte ich aus dieser Frage gleich meine nächste Blogparade machen, aber meine letzte läuft noch, deshalb behalte ich mir das für irgendwann später vor.

10 Gedanken zu “Das Fleischdilemma

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.