Niedere Göttin in schwarz

Sprachforscherin Lena Hauser nahm einen tiefen Zug aus ihrer Inspirationspfeife und wartete auf eine Eingebung. Sie tüftelte gerade an der Frage herum, ob es möglicherweise etymologische Zusammenhänge zwischen altgriechischer Mythologie und den ausufernd irrsinnigen Namen ihrer Hündin Robyn gab. „Robyn“ hatte natürlich nichts, aber auch vermutlich wirklich gar nichts Altgriechisches an sich. Aber auf ihrem letzten Spaziergang mit Zwischenstop am Planscheweiher war Lena etwas Hochinteressantes an einem ihrer anderen Namen aufgefallen.

Aus dem Wortstamm „Schnuff“ war durch den Wegfall des Zischlautes, also des konsonantischen Phonems „sch“ der Begriff „Nuff“ entstanden, der sich wiederum mit dem Wort „Bumpf“ vermischt hatte. So hatte sich der neue Ausdruck „Numpf“ herausgebildet. Jedenfalls hatte sie es sich bisher so zusammengereimt. Aber war es wirklich so passiert oder hatte „Numpf“ nicht doch einen ganz anderen Ursprung? Als Robyn zum xten Mal einem Stock hinterher in den Weiher geplatscht war, nur um dann nach diesem uneleganten Start torpedohaft grazil durchs Wasser zu gleiten, ohne dabei auch nur ein einziges Schwimmgeräusch zu machen, hatte Lena unwillkürlich an eine Nymphe gedacht. „Numpf“ klang sehr ähnlich wie „Nymphe“, es könnte glatt die maskuline Form dieses Wortes bzw. des damit bezeichneten Lebewesens sein. Nun war Robyn nicht männlich, aber vielleicht war die leicht plumpe Anmutung von „Numpf“ und der Reflex, es mit dem maskulinen Artikel „der“ zu versehen, an dieser Stelle trügerisch. Es konnte durchaus auch „das Numpf“ heißen, und geschlechtsneutrale Namen hatte Robyn viele. Von „Dunkelstunk“ bis „Knabutzel“ war so gut wie jeder ihrer Namen ein grammatikalisches Neutrum, also warum nicht auch „Numpf“?

Aber wie sollte diese Verbindung zustandegekommen sein? Vielleicht musste sie gar nicht bis zum Ursprung des Wortes „Nymphe“ im Altgriechischen zurückgehen. Lena war ob dieser Feststellung sehr erleichtert, denn sie konnte weder Alt- noch Neugriechisch. Auf ihr Latinum war sie schon stolz genug, ein Graecum war zu ihrer Schulzeit nicht mehr im Angebot gewesen. Also gut, wenn die Pfeife keine Erhelung brachte, musste das Internet herhalten. Auf Wikipedia las Lena, dass sie auch mit ihrem Latinum nicht gänzlich chancenlos war. Der Griechische Begriff „Nymphe“ war latinisiert worden und als „Nympha“ auch im Lateinischen vorgekommen. Wie hieß sowas dann? Vermutlich Graecizismus – egal. Laut Wiki waren Nymphen Naturgeister oder niedere Göttinnen. Ja, das passte, sowas Ähnliches war Robyn auch.

Lena vertiefte sich in die Wikipedia-Exegese. Da stand über Nymphen: „Sie galten als die – vorwiegend – wohltätigen Geister der Orte, der Berge, Bäume, Wiesen oder Grotten, sind aber nicht immer an dieselben gebunden, schweifen vielmehr frei umher, führen Tänze auf, jagen das Wild, weben in kühlen Grotten, pflanzen Bäume und sind auf verschiedene Weise den Menschen hilfreich.“ Aber hallo! Das passte doch wie Arsch auf Eimer. vorwiegend wohltätig und Hilfreich war Robyn aber mal sowas von, das war gar keine Frage. Frei umherschweifen tat sie auch äußerst gern, war sie doch sehr neugierig und unternehmungslustig. Berge, Bäume, Wiesen und Grotten liebte Robyn, um eben jene Unternehmungslust und Neugier auszuleben und dort umherzuschweifen. An einen bestimmten Ort war auch sie nicht gebunden. Ob sie einen ihr zugeordneten Ort hatte, war dadurch schwer erkennbar. Der Planscheweiher vielleicht – wer konnte das schon wissen?

Tänze aufführen und Wild jagen waren neben dem Umherschweifen Robyns wesentliche Hobbies. Ob sie in kühlen Grotten irgendetwas weben würde, konnte Lena in Ermangelung einer kühlen Grotte nicht beurteilen. Aber Bäume pflanzen konnte Robyn definitiv. Ihre Vorliebe für Obst sorgte schließlich dafür, dass ssie im Sommer gigantische Mengen von Kirschen fraß und die Kerne an allen möglichen und unmöglichen Stellen wieder ausschied. Geschah dies an einem Ort, wo ein solcher Kern sich ungestört gemäß seiner Bestimmung entwickeln konnte, wurde daraus ein Baum – gepflanzt, oder eher gesäht, von Robyn höchstpersönlich.

Auf Wikipedia hieß es weiter: „Geräuschvolle Tätigkeiten der Menschen meiden sie aber.“ Auch das stimmte auffallend. Wenn Lena etwas herunterfiel, beispielsweise ein Blechnapf, erschreckte Robyn sich fürchterlich und flüchtete trotz der napfbedingten Aussicht auf Futter aus der Küche. Erhob Lena in einem Konflikt die Stimme oder regte sich lautstark über irgendetwas auf, zog Robyn sich ebenfalls schnellstens zurück, um der Lärmbelästigung zu entgehen. Also konnte Lena auch hinter diesen Punkt getrost ein Häkchen machen.

Etwas verunsichernd fand Lena nur den folgenden Abschnitt: „Nymphen galten wie die Menschen als sterblich. Sie sollten allerdings wesentlich länger leben – bis hin zu Fast-Unsterblichkeit und ewiger Jugend. Der Tod einer Nymphe wurde meist mit dem Ende dessen, was sie verkörperte – zum Beispiel eine Quelle oder einen Baum – gleichgesetzt. Natürlich würde es Lena enorm freuen, wenn Robyn annähernd unsterblich wäre. Auf ewige Jugend deutete bei ihr Einiges hin, es konnte also durchaus sein. Außerdem wollte sie dieses plüschige Absonderlichkeitenkabinett nie wieder missen, so dass die Perspektive eines fast ewigen Lebens für ihr Numpf höchst wünschenswert erschien.

Aber was würde mit Robyns Ort, mutmaßlich dem Planscheweiher, nach ihrem dann doch irgendwann eintretenden Tod passieren? Der Tod der Nymphe bedeutete ja schließlich das Ende des von ihr verkörperten Ortes. Für den Tod und den Ort eines Numpfs galt das sicherlich genauso. Lena musste die Besitzerin des Reiterhofs warnen, auf dessen Gelände sich der Weiher befand. Oder sollte sie auf Zeit spielen? Was bedeutete „fast unsterblich“ für eine Labrador-Mischlingshündin? Angenommen, ein Hundejahr entsprach sieben Menschenjahren und ein Mensch galt als fast unsterblich, wenn er oder sie ein Alter von 350 Jahren erreichte. Dann wäre dies bei einem Hund im Alter von 50 Jahren der Fall. Lena müsste ungefähr 90 werden, um dann den Tod ihrer Hündin zu erleben. Das konnte noch eine Weile gut gehen. Lena beschloss, die Füße stillzuhalten, keine Panik zu verbreiten und lieber ihre Pfeife weiter zu rauchen, beseelt von ihren neuen Erkenntnissen.

 

Den Wikipedia-Artikel über Nymphen habe ich am 17.08.2020 abgerufen.

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Fortsetzungsgeschichte. Alle Teile in chronologisch umgekehrter Reihenfolge findet Ihr hier.

4 Gedanken zu “Niedere Göttin in schwarz

  1. Und sonst so? sagt:

    Resümee:
    Numpf, das; wohltätiger und fast unsterblicher Naturgeist in Caniden-Erscheinung. Ähnelt häufig einem Labrador-Mischling. Schweift sehr gerne neugierig in der Natur umher, ist ein Freund der leisen Töne und freundlichen, nicht allzu lauten Menschen gerne behilflich. In der canidischen Mythologie verkörpert das Numpf einen Planscheweiher. Numpfs sind häufig in Gesellschaft von SprachforscherInnen anzutreffen, wissen sich aber hervorragend zu tarnen.
    Einfach großartig, das war gerade die perfekte Kaffeelektüre! 🙂

    Gefällt 2 Personen

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